#US-Demokratie

Breaking Sad #4: »Die Debatten, die keine waren«

Zeitgemäß sind die »presidential debates« schon lange nicht mehr. Doch liegt in ihrer Struktur als Lagerfeuer im Medienformat noch immer ein großes Potenzial zur Integration einer zunehmend fragmentierten und polarisierten Öffentlichkeit.

von and , 15.10.20

Die TV-Debatten im US-Wahlkampf sind traditionell entscheidende Wegmarken auf dem Weg ins Weiße Haus. Das gilt in besonderer Weise auch in diesem Wahlkampf, in dem es um weit mehr als nur um die Präsidentschaft gehen könnte. Teil 4 unserer kleinen Reihe zum Wahlkampf in den USA.

Die letzten Wochen vor den US-Präsidentschaftswahlen stehen – üblicherweise – im Zeichen der »presidential debates«. Sie blicken inzwischen auf eine lange Tradition zurück, seit sich 1960 John F. Kennedy und Richard Nixon in den ersten vier TV-Debatten gegenüberstanden. Auch für dieses Jahr hatte die Commission on Presidential Debates frühzeitig einen Termin- und Ablaufplan entworfen und mit den Kampagnenverantwortlichen abgestimmt. Da sie schon immer als politisches Ereignisfernsehen ausgelegt waren, blieben die »Duelle« eine Konstante selbst im diesjährigen Corona-Wahlkampf. Denn ob sie vor Publikum stattfinden oder nicht, ist eher zweitrangig: Zentral ist die enorme Reichweite der Fernsehübertragungen sowie die anschließende Weiterverwertung (und die Diskussion über die Leistungen der Kandidaten) in anderen Medienumgebungen.

Aber natürlich ist in diesem Jahr alles anders. Zuerst hatte Donald Trump eine zusätzliche Debatte gefordert; außerdem wollte er schon früher als ursprünglich vorgesehen gegen Biden antreten. Nicht, weil er in einer solchen Debatte Vorteile gegenüber dem Demokraten vermutete, sondern vielmehr, da in zahlreichen Bundesstaaten bereits seit September gewählt werden darf (im so genannten early voting). Zudem hätten die Wähler*innen in der Pandemie-Zeit schon auf so gut wie alle persönlichen Kampagnen-Veranstaltungen verzichten müssen – eine Lücke, die eine fünfte Debatte zumindest ein wenig hätte füllen können. Dazu kam es jedoch nicht. Der ursprüngliche Plan blieb unangetastet.

Angesichts der Pandemie hatte die Kommission dann allerdings mit Absagen zu kämpfen. Die erste Debatte war ursprünglich an der University of Notre Dame geplant, wurde jedoch vorsorglich abgesagt (interessanter Weise sollte sich der Präsident dieser Universität bei der Vorstellung von Richterin Amy Coney Barrett im Rosengarten des Weißen Hauses infizieren). Als Ersatz sprang die Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio) ein, die gemeinsam mit der Cleveland Clinic als neuer Veranstalter firmierte – als Sinnbild ihrer Zeit fand die Debatte dann auf dem »Health Education Campus« statt. Das Universitätsklinikum hatte ein Hygienekonzept entwickelt und beriet auch die weiteren TV-Duelle medizinisch.

Die Debatte, die keine war

Über Verlauf, Inhalt, Höhe- und Tiefpunkte der ersten Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden haben die journalistischen Beobachter eigentlich schon alles gesagt, und spätestens die traditionelle und kreative Aufarbeitung durch das Team der Satire-Sendung »Saturday Night Live« hat die zentralen Momente zu einer vielsagenden Collage zusammengefügt. Hier eine Auswahl: Die New York Times kommentierte das Ereignis als »depressing«: nachgerade ein Abbild des Landes, in dem man nun lebe. Die Washington Post nannte die Debatte, dank Trump, das schlimmste Ereignis der Fernsehgeschichte (was The Donald wohl besonders getroffen haben mag), und The Atlantic, eigentlich ein ausnehmend nüchternes Magazin, sprach von einem ziellosen Geschwafel, das einzig und allein dazu geeignet sei ein Beispiel dafür zu sein, wie es nicht ginge.

Wie bei anderen Gelegenheiten im Laufe des Wahljahres – den Impeachment-Verhandlungen im Senat, der State of the Union-Rede Trumps vor dem Kongress oder den Parteitagen – so sind auch die Präsidentschaftsdebatten Beispiele für »die Geschichte von den zwei Amerikas«. Die jeweilige »Lagerneigung« der Fernseh-, Hörfunk- oder Online-Berichterstattung bestimmte die Einschätzung der Debatten-Performanz: Mal hat der eine gewonnen, mal der andere. Was die einen als unwürdig empfanden, priesen die anderen als Dominanz und leadership. Immerhin – die ersten Umfragen aus der Nach-Debatten-Zeit wiesen überwiegend ein Plus auf dem Konto von Joe Biden aus. Allerdings war die Debattenwoche zwischen Trumps Steuererklärung und seiner COVID-Infektion von derart vielen Mediengroßereignissen gekennzeichnet, dass die Ausschläge nicht unbedingt der Debatte allein zugewiesen werden können.

Was allerdings bleibt, ist die zentrale Stellung der Debatten als dominierendes Element in den letzten vier Wochen vor dem Wahltag. Mit 73 Millionen Live-TV-Zuschauern erreichte die Schlammschlacht mit Worten zwar weniger Menschen als die Auftaktrunde zwischen Trump und Clinton vor vier Jahren (84 Millionen), rangiert aber dennoch auf Rang drei der »ewigen Tabelle« der Debattenpublika.

Von Fliegen und Menschen

Nach dem desaströsen Auftakt von Cleveland und der Covid-Erkrankung von Donald Trump kam der Debatte zwischen den Vizepräsidentschaftskandidaten umso mehr Bedeutung zu: Würde es Kamala Harris und Mike Pence gelingen, zu einem dem Format angemessenen Austausch von Argumenten zu finden? Würde USA Today-Journalistin Susan Page die running mates besser im Zaum halten können, als ihr Fox-Kollege Chris Wallace? 

Nach dem Ende der Gesprächsrunde durchzogen einige »Seufzer« die Berichterstattung: Ja, das war doch noch ein Dialog zwischen Erwachsenen, der die Bezeichnung Präsidentschaftsdebatte verdient habe – wenn auch mit dem Vize-Zusatz. Doch nicht erst seit Trumps Virus-Infektion war häufig auf die Besonderheit des Aufeinandertreffens von Mike Pence und Kamala Harris hingewiesen worden. Insbesondere Harris sei »only a heartbeat away from the presidency«, da sie bei einer Wahl des 77-jährigen Joe Biden an Platz eins der Amtsnachfolge stünde. Nach dem positiven Befund von Donald Trump gilt ähnliches allerdings auch für Pence.

Was bleibt von der Debatte? Nein, nicht nur die Fliege, die sich für ein, zwei Minuten auf Mike Pences Kopf niederließ und von dort als #flyonpence (flywillvote.com) den direkten Weg in die sozialen Medien fand (und in den Online-Shop der Biden-Kampagne, die »Truth over flies«-Fliegenklatsche war rasch ausverkauft). Auch Kamala Harris wiederholter Hinweis darauf, sie würde doch gerade reden, während ihr Kontrahent zum Ein- und Widerspruch ansetzte, ist nicht das einzige takeaway aus der Debatte. Harris´ »I´m speaking« könnte allerdings zum geflügelten Wort werden, wenn sich Frauen in anderen Zusammenhängen nicht so einfach unterbrechen lassen wollen. Die sehr zivilisierte Debatte ermöglichte auch eine eher traditionelle Bewertung der beiden running mates. Alan Schroeder, langjähriger Debatten-Beobachter und Autor des Buches »Forty Years of High-Risk-TV«, attestierte der Demokratin mit ihrer freundlichen und seriösen Präsenz eine klare Dominanz am Mikrofon. Pence habe dagegen wesentlich grimmiger gewirkt als bei seinem ersten Auftritt vor vier Jahren und sei etlichen Fragen ausgewichen – unter anderem, als es um die Anerkennung der Auszählungsergebnisse nach dem 3. November ging. Neben einer klaren Wertung schwingt in Schroeders Analyse auch die grundsätzliche Sorge um das Format mit. Denn es gibt keine rechtliche Verpflichtung für die Kandidaten, an den Debatten teilzunehmen. Bislang hatten ein informeller comment unter den Kandidaten, die überparteiliche Organisation und nicht zuletzt die hohe Reichweite das Format stabilisiert. Ausnahmen gab es immer mal wieder, in der Regel nicht mit guten Folgen für säumige Teilnehmer. Schroeder erinnert sich via Twitter: »When George H.W. Bush tried to get out debating in 1992, he was dogged on the campaign trail by a costumed chicken holding a sign that said ›Chicken George is afraid to debate.‹ Will ›Chicken Donald‹ now become a thing?«

Debattieren im Corona-Modus

Wie kaum anders zu erwarten, ist nach der zwischenzeitlich bekannt gewordenen COVID-Infektion von Donald Trump das Hygienekonzept der presidential debates in den Fokus geraten. Durch eine verspätete Ankunft in Ohio war die Delegation von Präsident Trump unmittelbar vor der Debatte am 29. September nämlich nicht mehr getestet worden, wie es eigentlich vorgesehen war. Mit Bekanntwerden der Diagnose von Beraterin Hope Hicks am folgenden Donnerstag setzte eine Kaskade von Positiv-Meldungen ein, die vor allem hohe republikanische Amtsträger, Mitarbeiter des Weißen Hauses, aber auch Journalisten aus dem Press Corps oder Beteiligte an der TV-Produktion in Cleveland erfasste. Anschaulich zusammengefasst und dargestellt ist das Infektionsgeschehen im Dashboard Covid at the White House, das von der Daten- und Kommunikations-Agentur PublicRelay in Washington, D.C. gepflegt wird. Als Folge der Ereignisse von Cleveland wurde bei der Debatte nun (auf Wunsch des demokratischen Lagers) eine Plexiglas-Wand zwischen Pence und Harris aufgestellt, die als Aerosol-Blocker fungieren sollte. Unmittelbar nach ersten Berichten über das neue Sicherheits-Feature überschüttete die präsidentielle Kampagne ihre Gegner mit Häme. Lessons learned? Eher nicht.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass die Commission on Presidential Debates bereits am Tag nach der Debatte von Cleveland, am historischen Tiefpunkt der politischen Streitkultur, eine kurze Stellungnahme veröffentlicht hatte, in der für die kommenden Veranstaltungen »zusätzliche Strukturen« in Aussicht gestellt wurden, um »für mehr Ordnung bei der Diskussion der Themen« zu sorgen. Bei der zweiten Präsidentschaftsdebatte in Miami wird diese Ankündigung nun einem echten Härtetest unterzogen – denn das für den 15. Oktober angesetzte Townhall-Format soll remote stattfinden: Nach dem Vorschlag der Kommission sollen die Kandidaten per Video-Schaltung miteinander verbunden werden, die als Fragesteller eingeladenen Bürger*innen versammeln sich gemeinsam mit dem Moderator in Miami. Doch nur wenige Stunden nach der Pressemitteilung erklärte der Präsident, er stünde für eine »virtuelle Debatte« nicht zur Verfügung. Donald Trump und Regeln – das ist offenbar eine ganz besondere Beziehung. (Bei Redaktionsschluss für diesen Beitrag hatte der Streit um die Debatte gerade erst begonnen – das Ende ist offen. Sachdienliche Hinweise finden sich fortlaufend bei Twitter unter dem Hashtag #debate).

Auch nach der VP Debate bleibt die Wahlkampf-Lage in den USA noch unklar – trotz eines vergleichsweise soliden Vorsprungs von Joe Biden in den Umfragen. Zwar hat Donald Trump das Militärhospital Walter Reed längst wieder verlassen, die rasche Rückkehr ins Weiße Haus soll Gesundheit (und so etwas wie »Stärke«) dokumentieren. Und doch kehrt er vorerst noch nicht zu den bewährten Kampagnen-Routinen zurück. Mike Pence übernahm am 8. Oktober in Arizona erstmals die Hauptrolle bei einer Make America Great Again-Really. Doch wie lange agiert er als Chief Campaign Officer? Was nach einer logischen Entwicklung klingt, ist in der Umsetzung wohl schwieriger als gedacht – duldet Donald Trump einen anderen Wahlkämpfer neben sich in vorderster Front? Oder erschwert er seinem Vizepräsidenten aus dem digitalen Off das Leben auf dem campaign trail?

Als wären die kontaktreduzierten Pandemie-Bedingungen nicht schon Herausforderung genug, muss das republikanische Lager nun mit dieser heiklen Personalie zurechtkommen. Völlig unklar ist auch, wie sich die Situation auf das Spendenaufkommen auswirkt – ruft man sich die Bilder des präsidentiellen joyride einmal um den Block des Militärkrankenhauses ins Gedächtnis, so lässt sich erahnen, dass viele Unterstützer ihrem Präsidenten nur zu gerne bei einem klassischen fundraising event die Hand schütteln würden. Doch schnappt nicht genau dann die Virus-Zwickmühle zu? Wie verantwortlich sind klassische Kontaktmethoden wie canvassingfundraiser oder rallies einzustufen? Dazu noch mit einem präsidentiellen Superspreader als Hauptredner?

Wie geht es weiter im Debatten-Zyklus?

Wie sehen nun die Optionen für eine Fortsetzung des Debatten-Zyklus aus? Joe Biden hat seine Bereitschaft erklärt, an weiteren Terminen teilzunehmen – sofern die Lage sicher ist, Hygieneregeln angewendet werden und Test-Regimes greifen. Das für Miami geplante Townhall Meeting am 15. Oktober ist bereits ins Wanken geraten, über die Schlussdebatte in Nashville am 22. Oktober ist noch nichts bekannt. Die Commission on Presidential Debates kann über den Fortgang des Kampagnen-Geschehens entscheiden, indem es Termine absagt oder an ihnen festhält – und doch sind natürlich die politischen Hauptdarsteller die zentralen Faktoren in der Debattengleichung. Daher ist die Kommission auch nicht völlig frei in ihrer Entscheidung. Ein Bruch mit dieser Wahlkampf-Tradition könnte eine dauerhafte Beschädigung dieser Institution zur Folge haben. Wenn Trump nicht vollkommen in einer Parallelwelt eingetaucht ist, müsste ihn die Nachricht erreicht haben, dass seine Performanz in der ersten Debatte weitgehend suboptimal war und allein im Kern seiner eh schon überzeugten Fans gefeiert wurde. Er dürfte zumindest das Gefühl haben, noch einmal nachlegen zu müssen.

Mit Blick auf den Gesundheitszustand des Präsidenten und seiner upbeat-Perspektive auf den Umgang mit dem Virus liegt dann die Vermutung nahe, zumindest die Realisierung eines weiteren Termins würde angestrebt. Vielleicht wird die Townhall Debate »geopfert«, damit Trump sich noch ein wenig erholen kann. All das ist jedoch Spekulation; zu unklar ist das Infektionsgeschehen in den USA. Und wenn die Austragungsorte zwischenzeitlich zu hot spots werden, dann können sehr schnell auch Absagen von anderer Seite folgen.

Wie auch immer – der Debattenzyklus von 2020 ist ein ganz besonderer und es könnte durchaus sein, dass nach der Wahl das Format als Ganzes auf den Prüfstand gerät. Substanzielle Beiträge dazu leisten nicht nur ein irrlichternder, debatten-unfähiger Präsident und ein tückischer Virus, sondern auch die noch immer recht altbacken und fernseh-fixiert daherkommende Debatten-Organisation. Zeitgemäß sind die presidential debates schon lange nicht mehr. Doch liegt in ihrer Struktur als Lagerfeuer im Medienformat noch immer ein großes Potenzial zur Integration einer zunehmend fragmentierten und polarisierten Öffentlichkeit. Trotz aller Peinlichkeiten im aktuellen Zyklus darf das nicht in Vergessenheit geraten.




Weitere Beiträge in der Reihe »Breaking Sad«:
Breaking Sad #1: Kamala Harris auf dem Ticket der Demokraten
Breaking Sad #2: Die virtuellen »Conventions« der Parteien in den USA
Breaking Sad #3: Meinungsumfragen im US-Wahlkampf
Breaking Sad #5: Fortysomething – Der Präsident und seine treue Basis

Zustimmung, Kritik oder Anmerkungen? Kommentare und Diskussionen zu den Beiträgen auf CARTA finden sich auf Twitter und auf Facebook.
Topics: