Wolfgang Michal | 18 Kommentar(e)
Der Heidelberger Appell und die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht waren nur ein Vorspiel. Die richtige Panik in der Verlagsbranche kommt noch.
19.05.2009 |
Nach Songs und Filmen sind jetzt die Texte an der Reihe: Auf die Plattform scribd.com können Autoren eigene Bücher, Artikel, Forschungsberichte oder Seminararbeiten hochladen. Die Software iPaper transformiert ihre pdf-, Word- oder PowerPoint-Dokumente dann problemlos ins Web. War Scribd – nach eigenen Angaben – bislang die größte „social publishing company“ der Welt, die das Publizieren für jedermann verbilligen und „demokratisieren“ wollte, so wird sie nun, in einem zweiten Schritt, Texte von Autoren und Verlagen auch verkaufen. Scribd tritt damit in Konkurrenz zum Online-Buchhändler Amazon sowie zur Buchsuche von Google.
Mit seinen (angeblich) 60 Millionen Besuchern pro Monat und einem Textangebot von 35 Milliarden Wörtern (in bislang 90 verschiedenen Sprachen) wird das in San Francisco ansässige Portal bereits als „iTunes für Texte“ oder „YouTube for Print“ gehandelt. Genauso leicht soll es sein, einen (kostenlosen oder gekauften) Text in die eigene Website zu integrieren. Nach Angaben von Scribd wächst das Archiv täglich um 50.000 neue Texte. Wenn das neue Geschäftsmodell Erfolg hat, könnte es den Markt für Autoren radikal verändern.
Das Prinzip ist denkbar einfach. Jeder Autor kann eigene Texte auf die Plattform hoch laden, mit einem Preisschild (und eventuellem Kopierschutz sowie abgestuften Nutzungsrechten) versehen, und erhält dann pro Download 80 Prozent des Verkaufspreises auf sein Konto. 20 Prozent behält Scribd für sich. Wer also ein Buch für 3 Euro anbietet, kassiert pro Download 2,40 Euro. Das ist mehr, als er bei einem herkömmlichen Verlag erzielen kann (dort erhält der Autor in der Regel 10 Prozent vom Laden-Nettopreises).* Verlage wie Random House und Zeitungshäuser wie die New York Times sollen an Scribd bereits interessiert sein (um die Seite als Werbeplattform für eigene Produkte zu nutzen). Auch auf E-Reader und iPhones könnten die Texte bald geladen werden.
Mit Scribd bekommt die Text-Branche natürlich die gleichen Probleme, wie sie Musik- und Filmindustrie bereits haben: das praktisch aussichtslose Konkurrieren mit „Raubkopien“. Bestsellerautoren wie J.K.Rowling und Ken Follet haben bereits gegen illegale Uploads ihrer Werke protestiert. Doch Scribd will die rechtliche Situation durch die regelmäßige Prüfung der uploads in den Griff bekommen (das Weitergeben der Downloads gegen die ausdrücklichen Nutzungsvorgaben der Autoren können sie aber nicht verhindern).
Welche Folgen wird das neue iText-Modell haben? Können Bücher in Zukunft noch hohe Bezahl-Auflagen erzielen oder werden Hacker den Kopierschutz bereits nach den ersten Downloads knacken? Was wird aus Verlagen, Redaktionen, Lektoren, Autoren, Buchhändlern und Kiosken? Werden alle Texte künftig ungeprüft in die Welt gepustet? Wird es, außer der Quote, noch Qualitätsmaßstäbe geben? Wird aus Scribd eine Art Google-Textsuche und Werbeplattform für große Verlage? Wir wissen es nicht. Noch wissen wir es nicht. Auf jeden Fall wird Kurt Tucholskys alte Forderung: „Macht unsere Bücher billiger!“ eine ganz neue Aktualität gewinnen.
*Übrigens gibt es auch in Deutschland ein ähnliches Portal. Xinxii, der Berliner „Marktplatz für eigene Texte und Dokumente“, versteht sich als Vermarktungsplattform für Autoren und Verlage. Vor allem für solche, die den herkömmlichen Print-Weg – aus welchen Gründen auch immer – nicht gehen können wollen. Der derzeitige Download-Bestseller mit (laut Website) über 36.000 Abrufen heißt „Cool ohne Alk“. Wohl bekomm’s.





Das Problem der Raubkopien dürfte im Bereich der Bücher nicht so groß sein wie bei der Musik. Denn bei der Musik war durch die CD praktisch schon der gesamte Katalog digitalisiert, bevor das Internet und mit ihm die Tauschbörsen Fahrt aufnahmen. Die Buchverlage haben somit noch eine Schonfrist und können zudem von den Fehlern der Musikbranche lernen.
Fatal wird es mit Plattformen wie Scribd allerdings auch im ganz legalen Bereich für weite Teile der Wertschöpfungskette: “Verlage, Buchhändler und Kioske” werden in der Tat enorm an Bedeutung verlieren, einfach weil sie schlicht nicht mehr gebraucht werden.
Neben XinXii gibt es übrigens noch die readbox für eher literarische Texte; auch ein Startup aus Deutschland, das immerhin auch mit Verlagen kooperiert (so diese wollen).
Danke Wolfgang, schöner Text. Ich finde Scripd auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig. Aber das war ja bei YouTube auch so.
Auch hier ist natürlich wieder zu fragen: Warum hat sich eigentlich noch kein größeres Medienunternehmen hierzulande dem angenommen?
Erneutes Beispiel für grassierendes defensives Kopistenverhalten, würde ich sagen.
Umso besser, Scribd hier mal einzuführen.
lg,
Robin
@Matthias: ….noch nicht so groß sein, würde ich sagen.
Bei Knüwer gibt es übrigens auch eine schöne Diskussion zum Thema:
http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=2129
Kleines Detail:
Welches Format sollen denn die Texte haben? Ich stelle für unseren Social Media Newsroom schon Texte mit einer Creative Commons-Lizenz (also zum kostenlosen Download) als Word- und PDF-Dokumente in Scribd.
Das kann ja aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein, oder?
An der Grenze des Lächerlichen. Weil “Carta” (wie hoch sind die Klickzahlen von Carta?) und ähnliche freelancer Seiten vom Paradigmenwechsel im Netz träumen, schreiben Sie scribde hoch. Als sei hier nicht nur eine Aussage zu treffen: Autoren können jetzt überall veröffentlichen. Das ist aber auch schon alles. Gut für ein paar Exoten. Wie dumm hier von “Panik” und der Musikindustrie zu reden. Wäre erst so, wenn die Verlage dort einsteigen würden. Wishful thinking.
“Wolfgang Michal ist freier Journalist und Redakteur u.a. für Geo, Süddeutsche Zeitung, taz, Berliner Tagesspiegel, Die Zeit, Freitag, Kursbuch, Die Woche, Merian, National Geographic Deutschland” – ach?? Gibts die nicht alle auf Papier?
@Robert
Mal sehen, ob Sie das Ganze in fünf oder zehn Jahren noch genauso lächerlich finden. Scribd hat Kinderkrankheiten – wie das Netz insgesamt. Aber der Ansatz ist interessant.
Es kommt darauf an, die Digitalisierung vernünftig zu gestalten. Peter Glotz hat 1999 ein Buch veröffentlicht: “Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus”. Das passiert gerade.
Und da Sie mich schon “entlarven”: Mir ist es egal, ob ich im Netz oder auf Papier schreibe. Beide Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile.
Bleibt die Frage: Wer ist Robert? Warum regt er sich so auf?
Grad in USA gewesen, neueste Generation E-Book-Reader mitgebracht. Auch, wenn’s einigen hier noch nicht passt – das WIRD ein Riesen-Thema. Und die Kopierschutz-Frage sehe ich eher problematischer als bei Musik und Filmen, weil wir von viel kleineren Dateien reden, die Verbreitungsmöglichkeiten also selbst mobil viel zahlreicher sind, und der Scan eines (gedruckten) Buches mit anschließender Worterkennung (OCR) selbst für den Laien zu bewerkstelligen ist – vom Knacken der (meist unzureichenden) Kopierschutz-Mechanismen ganz zu schweigen. Der Umbruch kommt.
@ Tom Reiner: Danke für das Feedback. ich bin auch gespannt, einen in den Händen zu halten. Kaum zu glauben, mit welcher lässiger Geste die Flops vor ein paar Jahren abgetan wurden….
gruss,
rml
@Jürg Vollmer
Hier eine Seite, die Ihre Frage vielleicht beantwortet:
http://www.drweb.de/magazin/scribd-ipaper-–-ist-youtube-auch-die-zukunft-des-geschriebenen-wortes/
@Wolfgang Michel
Danke für den Hinweis! Zusammengefasst:
Upload geht mit PDF, Post Script, Word, Excel, PowerPoint, OpenOffice Text Document, OpenOffice Presentation Document, OpenOffice Spreadsheet, Plain Text (txt), Rich Text Format (rtf) und zahlreichen Bildformaten.
Download geht “automatisch” im jeweiligen Ausgangsformat, als PDF und Plain Text (txt). Auf Wunsch konvertiert scribd die Dateien auch in alle anderen unterstützten Formate.
Jetzt kommt das iTunes für Texte: Scribd und XinXii…
Die Plattform Scribd ist in Amerika gerade ein heiß diskutiertes Thema: Jeder kann dort seine Texte…
[...] Wolfgang Michal, freier Journalist und Redakteur, schreibt im Zusammenhang mit dem Start des eStores von Scribd in den USA über XinXii und zieht den Vergleich mit iTunes: Jetzt kommt iTunes für Texte [...]
Jetzt kommt iTunes für Texte…
Seine Texte einfach selbst hochladen und verkaufen zu können – das war stets eine Wunschvorstellung für Autoren. Die amerikanische Plattform Scribd macht’s nun möglich – im deutschsprachigen Europa geht das bereits seit Anfang 2008 auf XinXii….
Scribd und XinXii – Jetzt kommt iTunes für Texte…
Was seit Kurzem in den USA auf Scribd möglich ist, gibt es im deutschsprachigen Europa schon seit längerem: Auf XinXii können Nutzer Texte und Dokumente ab 1 Seite Umfang selber hochladen und als kostenpflichtigen Download anbieten. Autoren haben da…
[...] ihre Werke veröffentlichen. Das heißt, es werden sich zahlreiche Direktvermarktungs- und Filesharing-Modelle etablieren, die neben den herkömmlichen Verlagen existieren: Autoren-GmbHs, [...]
[...] Carta [...]
Scribd funktionert in der praktischen Anwendung ausgezeichnet. Ich biete dort eines meiner Bücher als E-Book an, und es wird sogar gekauft. Derzeitiger Haken ist allerdings: Kaufen kann nur, wer in den USA lebt. Aber das dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es auch für unsren Sprachraum funktioniert.