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Wolfgang Michal

Das Kindle als Kuckucksei

Wolfgang Michal | 7 Kommentar(e)


Die Zeitungsverlage sind nicht strukturkonservativ. Ganz im Gegenteil. Sie beschleunigen den Medienwandel: Sie ziehen ihre eigene Konkurrenz groß.

11.05.2009 | 


Viele Verleger verstärken derzeit die Anstrengungen, Zeitungen auf ein elektronisches Lesegerät zu beamen. Mit einem solchen Gerät (einem Kindle oder Smartphone) verbinden sie die Chance, ihr Abo-Modell im Netz zu etablieren.

Doch möglicherweise laufen sie damit in eine Falle.

Denn kein ordentlicher Pirat wird sich die Mühe machen, eine Papierzeitung zu scannen und ins Netz zu stellen. Aber wenn die Verlage diesen Arbeitsschritt netterweise selbst übernehmen, lohnt sich eine Raubkopie schon eher (Piraten sind ja – wie wir alle – kostenbewusste Schnäppchenjäger). Also: Nicht analog konkurriert künftig mit digital, sondern digital konkurriert mit digital.

Nicht das gedruckte Buch wird mit dem E-Book konkurrieren, sondern das legale E-Book mit dem illegalen. Nicht das gedruckte Abo wird künftig mit dem Online-Abo konkurrieren, sondern das legale Online-Abo mit dem illegalen.

Mittlerweile kostet das gedruckte Jahres-Abo der Süddeutschen Zeitung fast 500 Euro (womit die Grenze des Zumutbaren für viele erreicht ist). Auf dem Lesegerät kostet das SZ-Jahres-Abo vielleicht ein Fünftel. Das Abo aus der Piratenbucht kostet gar nichts.

Doch: Es kostet einen winzigen Teil jener Flatrate, die an den Provider für den Internetzugang bezahlt werden muss. Es kostet ein bisschen Strom, ein bisschen Betriebssystem und einen winzigen Teil der Geräte, die man fürs Downloaden benötigt.

Das heißt: Das Geld, das die Schnäppchenjäger für ihre Online-Zeitung ausgeben müssen, fließt nicht an die Süddeutsche (und Amazon), sondern an die Telekom, an E.ON, an Dell und an Microsoft. Oder an Vodafone, Apple und die Stadtwerke. Und die erhofften Werbeanzeigen werden wohl auch nicht an die Süddeutsche gehen, sondern an Suchmaschinen und Netz-Community-Betreiber, die ohne störenden Journalismus viel besser zueinander finden.

Es könnte also sein, dass die Zeitungsverlage schon bald den Telekommunikations-, den Strom- und den Computerkonzernen gehören.

An denen kommen auch Schnäppchenjäger nicht so einfach vorbei.

Lesen Sie hierzu auch den Text von Matthias Schwenk: “Paid Content bei der New York Times: Der Times Reader 2.0″

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7 Kommentare

  1. Paid Content bei der New York Times: Der Times Reader 2.0 — CARTA |  12.05.2009 | 10:27 | permalink  

    [...] Klar ist jedenfalls, dass die New York Times rasch ein besseres Geschäftsmodell benötigt, denn ihre finanzielle Situation ist nicht einfach. Der Times Reader 2.0 könnte dafür eine sehr gute Übergangslösung sein, sofern er den nötigen Zuspruch findet. Denn selbst wenn seine Kunden Lerneffekte erzielen und von ihm wieder abkommen, könnte er dem Verlag doch helfen, Zeit zu gewinnen. Und das wäre schon viel, im größten medialen Umbruch seit der Erfindung des Buchdrucks. Lesen Sie hierzu auch den Text von Wolfgang Michal: “Das Kindle als Kuckucksei” [...]

  2. Matthias Schwenk |  12.05.2009 | 10:30 | permalink  

    Es ist schon richtig: Die Digitalisierung vieler Produkte schafft überhaupt erst die Basis dafür, dass diese dann beliebig oft verlustfrei kopiert und weitergegeben werden können.

    So gesehen wäre es nur konsequent, E-Books gar nicht erst einzuführen – und auch die Musik-CD wieder abzuschaffen. Aber solche Gedanken sind naiv und realitätsfern. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Und die Anbieter der Infrastruktur (Stromkonzerne, Hardware-Hersteller, Softwarefirmen…) werden erst dann in das Verlagsgeschäft investieren, wenn sich abzeichnet, wie tragfähige Geschäftsmodelle aussehen können.

    Es wird also nichts nützen, auf RWE, Vodafone oder Apple zu schielen: Die Medien-Branche muss sich selbst neu erfinden.

  3. »Lesenswertig« am 12. May 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer |  12.05.2009 | 12:01 | permalink  

    [...] Das Kindle als Kuckucksei Shared um 09:55 Uhr via Delicious Die Zeitungsverlage sind nicht strukturkonservativ. Ganz im Gegenteil. Sie beschleunigen den Medienwandel: Sie ziehen ihre eigene Konkurrenz groß. [...]

  4. Wolfgang Michal |  12.05.2009 | 14:25 | permalink  

    Lieber Matthias, ich bin überhaupt nicht gegen E-Reader, schon vor zwei Jahren habe ich das Kindle als tolle Innovation begrüßt (bei autoren-reporter.de, damals lachten viele Kollegen noch).
    Trotzdem sollten wir uns die Konsequenzen vor Augen halten.
    Was Du über den NYT-Reader schreibst, klingt interessant. Die Frage ist: Will der Verlag damit schrittweise das gedruckte Blatt ersetzen oder aber den parallel angebotenen kostenlosen Web-Auftritt (oder beides)?
    Kann das funktionieren?

  5. Swen |  12.05.2009 | 19:08 | permalink  

    Gescannte Zeitungen sind doch ein ganz alter Hut. 2008 sorgte schon die Seite “Mygazines” für Furore
    Siehe Spiegel Online: http://tinyurl.com/5gmozy

    Auch in der Piratenbucht wird man schnell fündig:
    http://thepiratebay.org/search/spiegel/0/99/0

    oder auch hier:
    http://avaxhome.ws/magazines/language/m_german

    wer also die Süddeutsche auf dem Computer lesen möchte, kann dies schon eine ganze Weile. Und dank RSS könnte man auch diese illegalen Kopien schon abonnieren.

    Branchen die sich durch Digitalisierung bedroht sehen, begründen ihre Angst mit dem Zustand der Musikindustrie. Diese Argumentiert wiederum, dass seit dem Aufkommen von Napster, die Umsätze der CD Branche in den Keller gingen. Gibt es mittlerweile BEWEISE, (zeitliche Korrelationen sind keine Beweise) , dass Filesharing im Zusammenhang mit den Verlusten der Tonträgerindustrie steht? Gerade in den letzten Jahren kamen glaubwürdige Untersuchungen zu ganz anderen Ergebnissen:

    David Blackburn, Harvard University, 2004:
    “File-Sharing führt kurzfristig zu einer Umverteilung der Erträge aus dem Tonträgerverkauf von den (Super)Stars zu den weniger bekannten Künstlern. Ob das auch langfristig ein Trend sein wird, lässt der Autor offen.”
    Siehe http://tinyurl.com/ceart3

    Aus dem Jahr 2007:
    Eine im Auftrag des kanadischen Wirtschaftsministeriums durchgeführte Untersuchung über Filesharing und Medienkonsum konnte keinen allgemeinen Zusammenhang zwischen der Nutzung von P2P und CD-Verkäufen nachweisen. Allerdings wurde gezeigt, dass speziell Filesharer mehr CDs kaufen.
    http://tinyurl.com/2f4kbl

    Aus dem Jahr 2009:
    Eine im Auftrag niederländischer Ministerien durchgeführte Studie hat die ökonomischen und kulturellen Auswirkungen von Filesharing untersucht und beurteilt diese durchaus positiv.
    http://futurezone.orf.at/stories/1503026/

    Dieter Gorny und Co übersehen zudem, dass das Internet neben illegalem Filesharing weitere kostenlose Möglichkeiten bietet Musik zu hören. Kathrin Passig trift den Nagel auf den Kopf:

    “Mein CD-Player ist vor vielen Jahren kaputtgegangen. Ich habe also meine CDs in MP3s umgerechnet und die CDs anschließend dem Antiquariat der Berliner Straßenzeitung Motz geschenkt. 2006 habe ich schließlich meine MP3-Sammlung absichtlich gelöscht, bis auf bei Last.fm nicht zu findende Sachen. Das war Teil der Trennung von Besitz. Denn selbst eine MP3-Sammlung macht noch Arbeit, man muss die Tracks einheitlich benennen, ID3-Tags reparieren und Back-Ups anlegen. Last.fm bringt dasselbe Ergebnis: Es spielt mir Musik vor, die ich gern höre, ich muss mich aber nicht mit lästigem Besitz herumschlagen.”
    http://www.spex.de/t2/397/artikel.html

    In den letzten 10 Jahren gab es neben dem Internet weitere technische Innovationen, wie z.B. die DVD oder das Handy. 2005 wurden 100 Millionen DVDs in Deutschland verkauft. Computer und Konsolenspiele verkaufen sich von Jahr zu Jahr besser. Die Gesamtausgaben für Medien (CDs, Kino, DVDs, Spiele) bleibt aber nahezu konstant ( http://tinyurl.com/3bfsek ). Gewinner ist dabei die Spielebranche. Und obwohl man Filme in DVD Qualität problemlos per Filesharing beziehen kann, werden diese immer noch gekauft wie geschnittenes Brot.

    Ist es nicht viel mehr so, dass die Musik/Video Branche viel zu lange nicht erkannt hat, dass die Konsumenten ganz offensichtlich nicht mehr an physischen Objekten interessiert sind, sondern lieber eine Datei besitzen möchten? Naürlich besteht die Gefahr, dass jemand seine gekaufte digitale Zeitung oder sein “Download Album” sofort über das Internet zur Verfügung stellt, dies passiert eigentlich mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit, auf der anderen Seite verliert man jede Menge potenzielle Kunden.

  6. Wolfgang Michal |  12.05.2009 | 23:23 | permalink  

    Swen, danke für die interessanten Links. Die Kuckucksei-Ironie ist ja: Die Verlage machen die Medienrevolution (mit), obwohl sie sich verbal (und manchmal etwas arrogant) dagegen stemmen. Aber wer einmal auf der Straße der Digitalisierung ist, wird ihre Möglichkeiten auch akzeptieren müssen.
    Von allen Modellen, die derzeit probiert werden, scheint mir die Flatrate noch am ehesten ein Chance zu haben, weil sie beim Netzzugang ansetzt. Aber vielleicht kommt alles doch wieder anders. Es ist ja nicht in Stein gemeißelt, dass nur Verlage Medien herausgeben dürfen.
    Siehe auch:
    http://carta.info/4757/ein-geschaeftsmodell-ist-kein-dogma-plaedoyer-fuer-eine-offene-debatte-ueber-den-netzjournalismus/

  7. Robin Meyer-Lucht |  13.05.2009 | 14:30 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    mit dem Readern kommt die Piraterie-Thematik ganz sicher auch bei den Zeitungen und Zeitschriften an.

    Etwas optimistischer konnte man auf den iPhone App-Store schauen und sagen: Wenn die Convenience stimmt, dann wird auch gezahlt.

    Dass letztlich die Infrastruktur-Hersteller im Vorteil sind. Ganz sicher. Nur: Microsoft hatte an Slate auch keine Freude.

    Den Verlagen bleibt keine andere Wahl, als sich auch den Readern zuzuwenden. Oder sollen Sie etwa eine kostengünstige Technologie links liegen lassen, nur weil sie Angst um ihre Geschäftsmodelle haben?

    Das würde bedeuten, Ihnen zu raten, sich wie die Musikindustrie zu verhalten.

    Kann ja wohl nicht sein.

    Und, ach ja: Die Musikindustrie gehört ja schon zum Teil den Wasserwerken, wie man bei Universal beobachten kann.

    Dein Prognose hat also einiges für sich.

    lg,

    Robin

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