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Robin Meyer-Lucht

Die Symptome einer Gemächlichkeitsgesellschaft

 | 7 Kommentar(e)


Der Anteil der unter 35-Jährigen geht immer weiter zurück. Die geburtenstarken Jahrgänge haben sich nach ihrem New-Economy-Abenteuer in das Alter jenseits der 40 verabschiedet. Diese Konstellation schlägt der Gesellschaft langsam aufs Gemüt.

05.05.2009 | 


Was letzte Woche passierte: Die Bundesregierung kündigte an, das Kurzarbeitergeld auf 24 Monate zu verlängern sowie die Renten keinesfalls auch nur minimal zu senken — und Marcel Weiss schrieb eine “Generalabrechnung mit der deutschen Angst vorm Netz” (Perlentaucher).

Diese Dinge gehören zusammen: Auf der einen Seite eine Regierung, die mit allen Mitteln versucht, den Status Quo zu stabilisieren und drohende Veränderungen zu negieren. Auf der anderen Seite ein 30-Jähriger, der einfach mal einen Wutanfall bekommt, angesichts von Umbauaversion  und Selbstgefälligkeit des Establishments am Beispiel digitaler Medienwandel.

Das Bemerkenswerte am bisherigen Umgang der Regierung mit der Krise* ist nicht, dass sie mit eher groben Mitteln, wie der Abwrackprämie oder dem Kurzarbeitergeld, klassische Milieus bewässert und vor der Wahl Valium fürs Volk verteilt. Bemerkenswert ist, dass die Bundesregierung — gerade auch symbolisch — ohne irgendeine Form von Vision oder Zukunftsentwurf durch die Krise zu kommen hofft. Es mag auch ein Bildungsinvestitionsprogramm oder ein Innovationsprogramm für sauberere Energie oder Autos in den Konjunkturpaketen geben — nur politisch und symbolisch sichtbar sind sie nicht.

Die Krise wird vom politischen Establishment genutzt, um Anrechtsträger ihrer Anrechte zu versichern und auf die Dynamik der Marktwirtschaft zu schimpfen. Es wird ein wenig Einkommenssteuerpolitik-Folklore betrieben. Der Wille aber, die Krise als echten Katalysator für einen Wandel zu nutzen, ist im politischen Berlin kaum auszumachen. Im Gegenteil.

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Anteil der unter 35-Jährigen: Diese demografische Konstellation schlägt diesen Land auch auf das Gemüt

Weiss hingegen fordert nichts anderes als eine Kultur von Wachheit, Neugier und Drang. Er fordert eine Haltung von Offenheit, Analyse und Selbstinfragestellung. Nur leider findet er all dies in dieser Gesellschaft kaum noch vor. Dabei ist ihm der digitale Medienwandel nur der Anlass und der Text damit politischer als man im ersten Moment annehmen könnte.

Weiss’ Unmut ist Symptom eines neuen Generationskonflikts. Die geburtenstarken Jahrgänge haben sich nach ihrem New-Economy-Abenteuer in das Alter jenseits der 40 verabschiedet. Wer heute unter 35 ist, der ist Teil einer Minderheit. 2008 waren nur noch 36,9 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt. Vierzig Jahre vorher, 1968, waren es noch 51,3 Prozent. Und noch einmal vierzig Jahre zurück, 1928, waren es 60,5 Prozent. Von 1928 bis 2008 ist der Anteil der unter 35-Jährigen an der Bevölkerung um fast 40 Prozent zurückgegangen. Schon deshalb wird die Reaktion auf die Krise anders ausfallen als vor achtzig Jahren.

Das gesellschaftliche Machtzentrum lag wahrscheinlich immer schon bei den über 40-Jährigen. Sie hatten aber demografisch nicht die Mehrheit. Das aber ändert sich gerade. Und diese demografische Konstellation schlägt diesem Land durchaus auf das Gemüt. Dabei soll hier keinem demografischen Determinismus das Wort geredet werden. Die geistige Beweglichkeit einer Gesellschaft hängt nicht am Alter ihrer Mitglieder. Aber ihre Erfahrungen schon.

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Alterspyramide im Jahr 2010: Die geburtenstarken Jahrgänge haben sich in das Alter jenseits der 40 verabschiedet

Man muss sehr vorsichtig sein, aus dieser demografischen Situation irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Im Hinterkopf behalten sollte man sie. Sie bedeutet nicht nur, dass sich das gesellschaftliche Klima weiter in Richtung Gelassenheit, Nichtirritierbarkeit und Pragmatismus verschieben könnte. Auch die von Weiss skizzierten Tendenzen könnten an Einfluss eher noch gewinnen. Und sie sind nicht nur zu beklagen, wenn man jung ist.

* Bankenschutzschirm  mal ausgeklammert.

P. S. Dieser Text ist nicht ganz rund, zugegeben. Daher freue ich mich erst recht über Kommentare.

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7 Kommentare

  1. Rainer Bielefeld |  05.05.2009 | 09:06 | permalink  

    Hallo,

    ehrlich gesagt habe ich nicht verstanden, was der Artikel mir sagen soll.

    R. Bielefeld

  2. Andreas Bemeleit |  05.05.2009 | 09:27 | permalink  

    Vielleicht will er uns sagen, dass die Gruppe der 40+ prozentual steigt und sich deshalb das gesellschaftliche Klima weiter in Richtung Gelassenheit, Nichtirritierbarkeit und Pragmatismus verschieben wird. Deshalb wird es keine grundsätzlichen Veränderungen geben.

  3. hape |  05.05.2009 | 09:31 | permalink  

    Ich find’s einen interessanten Aspekt, die Altersnase der Über-40-Jährigen in der Demographie als Erklärungsversuch für die Politik zumindest einzubeziehen. Den Artikel von Weiss fand ich jedoch nicht so toll. Mir schien ein Defizit in Richtung Meinungsfreiheit zu bestehen, insbesondere CARTA dafür zu kritisieren, dass auch mal andere Meinungen hier erscheinen. Aber ich gehör auch zur “Nase” und rümpfe selbige dann bei solch jugendlichem Zorn.

  4. Skinner Norris |  05.05.2009 | 10:31 | permalink  

    Ein wirklich interessantes Thema wird hier einfach nicht auf den Punkt gebracht und kann in der Kürze des Textes auch nur angerissen werden. Schade, hätte mir etwas ausführlicheres gewünscht.

  5. Matthias Schwenk |  05.05.2009 | 10:50 | permalink  

    Den demografischen Wandel unserer Gesellschaft in Bezug zum Artikel von Marcel Weiss zu setzen, halte ich für sehr interessant. Er öffnet nämlich den Blick für die größeren Zusammenhänge.

    Dass die Politik in Berlin sich mehr und mehr an einer älter werdenden Klientel orientiert, ist relativ offensichtlich. So fehlt insbesondere der SPD ein Spitzenpolitiker wie einst Willy Brandt, der mit markanten Aussagen wie “mehr Demokratie wagen” jüngere Wähler mobilisiert und dann auch wirklich eine “jüngere” Politik gemacht hat.

    Davon sind wir heute weit entfernt. Dennoch teile ich noch (!) nicht den Alarmismus von Marcel Weiss. Denn Deutschland steckt nicht allein in der Altersfalle. Praktisch ganz Europa überaltert, ebenso wie Japan.

    Gleichzeitig können weder Afrika noch die arabische Welt aus ihrem Youth Bulge wirklich Kapital schlagen. Chaos, politisch-religiöse Wirren und Failed States nehmen eher zu als ab.

    Im globalen Maßstab gesehen ist daher längst noch nicht klar, ob unsere “Gemächlichkeitsgesellschaft” auf lange Sicht zu den Verlierern oder Gewinnern gehört.

  6. robin meyer-lucht |  05.05.2009 | 11:22 | permalink  

    @ Skinner Norris: Leider muss ich zustimmen, dass der Ansatz hier nur angerissen ist. Im Kern geht es darum zu sagen: Schutzstaat-Impuls in der Krise trifft auf eine zunehmend auch altersbedingt veränderungsunwillige Bevölkerung. Das politische Klima der Umarmung klassischer Großindustrien und der fehlenden Phantasie für den Wandel hat eine demografische Fundierung.
    rml

  7. Gummig |  05.05.2009 | 16:59 | permalink  

    Guten Tag,

    ähnlich wie beim kürzlich erschienenen Artikel zu den Forderungen an ein “neues” Urheberrecht ist auch dieser Artikel leider lediglich eine Beschreibung von Symptomen, verbunden mit dem Versuch einer Diagnose, aber frei von konkretem Therapievorschlag. Das die Demographie so ist wie sie ist, ist ein Fakt, der vielleicht nicht gefallen mag, den man aber als die Lage, in der wir leben, hinnehmen muss. Das mag bei 30-jährigen Wutausbrüche und immer wieder wohlfeile, da einfache Attacken auf “das Establishment” auslösen, diese helfen aber auch nicht weiter. “Visionen” und “Zukunftsentwürfe”, die hier (oder auch im Urheberrechtsartikel) gefordert werden, damit sich eine “Kultur von Wachheit, Neugier und Drang” in einer “Haltung von Offenheit, Analyse und Selbstinfragestellung” entwickeln kann, müssen auch von den Jungen konkret, greifbar und umsetzbar und nicht lediglich im Abstrakten angeboten werden. Da eigentlich Tragische am status quo ist ja nicht, das die etablierten, “klassischen Millieus” das tun, was sie immer schon getan haben, nämlich tendentiell eher zu bewahren als aufzubrechen, sondern die fordernden Jungen (auch) keine (richtigen oder falschen) Repzepte liefern, was denn bitteschön konkret zu tun sei – und damit weichen sie von historischen Vorbildern ehemals junger Generationen erstmals ab. “Wir brauchen ein neues Wirtschaftssystem/Urheberrecht/Demokratieverständnis/etc.” ist lediglich eine Forderung, deren konkrete Einlösung aber nicht delegiert werden kann. Sorry, Kids: Eure Hausaufgaben müsst ihr schon noch selber machen. Und zugegeben: Das ihr immer weniger werdet, macht die Sache gerade in einer Demokratie nicht leichter.

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