Wolfgang Michal

Herr Diekmann und sein Geburtsfehler

Wolfgang Michal | 25 Kommentar(e)

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Nun weinen sie – weil sie das Internet unterschätzt haben. Zehn Jahre lang haben sie geschlafen. Jetzt erst begreifen Verleger und Großjournalisten, dass ihnen ein Geschäftsmodell fehlt.

02.04.2009 | 


Mit redaktionellen Inhalten lässt sich im Internet kein Geld verdienen, sagt Kai Diekmann, Chefredakteur der BILD-Zeitung. Und dass die Lage so ist, wie sie ist, das liegt natürlich am „verfluchten Geburtsfehler“ des Internet: der Kostenlos-Kultur. „Diesen Fehler werden wir nicht korrigieren können.“

Zwei Feststellungen in Kai Diekmanns Aussage sind falsch: Erstens handelt es sich nicht um „den Geburtsfehler des Internet“, sondern um einen folgenschweren Denkfehler der Verlage. Ein ganzes (verlorenes) Jahrzehnt lang glaubten die Medienmanager, dieses dumme kleine Internet sei nur ein Beiboot zu ihren tollen Printprodukten, eine Art Werbeträger oder Anfütterungs-Dingsbums für das Unangreifbare: den heiligen Gral der Zeitungen und Zeitschriften. Also stellten sie (ohne Not, und ohne die Journalisten auch nur zu fragen) sämtliche Inhalte kostenlos ins Netz – nicht begreifend, dass die User dieses Geschenk mit einem Abbruch der Beziehungen zu den alten Printprodukten bestrafen würden. Diese Medienmanager haben nicht klüger gehandelt als jene Banker, die ihre Finanzprodukte am Ende nicht mehr begriffen.

Falsch an der Aussage Kai Diekmanns ist zweitens, dass man einen Fehler nicht korrigieren kann. Man kann. (Aber man will nicht, weil die Konkurrenz nicht mitziehen würde.)

Die Verlage könnten auf einen Schlag sämtliche journalistischen Angebote aus dem ungeliebten Netz entfernen. SZ-Online, Welt-Online, FAZ-Online, Zeit-Online, Spiegel-Online – alle abschalten! Und zwar von jetzt auf gleich.

Was würde passieren? Würde was passieren?

Möglicherweise gäbe es in relativ kurzer Zeit eine allgemeine Übereinkunft auf ein Bezahlmodell. Vermutlich wäre die plötzliche Abstinenz eine harte Probe für alle Beteiligten – für Verleger wie Journalisten. Denn die tief sitzende Furcht, das Netz könnte ohne Journalismus sehr gut existieren, nagt an der bröckelnden Selbstsicherheit der professionellen Weltversteher.

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25 Kommentare

  1. Kai Diekmann und der Geburtsfehler des Internets « NAGGEN.DE |  02.04.2009 | 17:19 | permalink  

    [...] Michal hält die Verleger für kurzsichtig und schreibt  einen sehr treffende Replik auf Kai Diekmanns bekannten [...]

  2. Robin Meyer-Lucht |  02.04.2009 | 17:28 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    der Hund ist ganz woanders begraben: Diekmanns Geburtsfehler-Zitat zeigt vor allem die Arroganz eines (Ex-)Monopolisten, der glaubt, ein Medium total kontrollieren zu können.

    Es ist nicht der Geburtsfehler des Internets, sondern die logische Folge der neuen Wettbewerbs- und der Kostensituation, dass aktueller Nachrichten-Universal-Journalismus werbefinanziert im Internet verfügbar ist. Diese Inhalte lassen sich nämlich nicht differenzieren und es ist auch einiges Geld da, um sie zu produzieren.

    Hätten die Verlage damals beschlossen, rein auf das Bezahlmodell zu setzen, wären die Leser auf Yahoo News oder sonst die Netzeitung oder zu Tagesschau.de oder sonst wem ausgewichen.

    Die Bild hat übrigens in den 2002er, 2003er Jahren recht aggressiv versucht, Bezahlinhalte einzuführen – ohne Erfolg.

    Richtig ist, dass journalistische Angebote durchaus auch auf das Bezahlmodell setzen können. Ich beobachte MediaPart weiter mit sehr großem Interesse. Ich glaube auch, dass sie durchaus Chancen mit diesem Modell haben. Thomas Knüwer sieht das anders – in einem ganz interessanten Artikel, auf den ich hier noch hinweisen möchte:
    http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=2082

    lg, robin

  3. hape |  02.04.2009 | 19:01 | permalink  

    “Also stellten sie (ohne Not, und ohne die Journalisten auch nur zu fragen) sämtliche Inhalte kostenlos ins Netz …” Das deckt sich nicht mit meinen Erinnerungen an die Geschichte des Internets. Ich bin seit 1996 dabei und das Einstellen sämtlicher Inhalte ins Netz war eher ein Prozess, der sehr langsam vor sich ging und auch nur geschah, um den Fuß in der Tür zu behalten. Denn ohne oder mit nur stiefmütterliche Behdandlung des Internet – das wurde den Verlegern im Laufe der Jahre klar – konnten sie nicht überleben.

    Und der Geburtsfehler war nicht, dass Verleger ihre Inhalte kostenlos ins Netz stellten, er war noch nicht mal ein Geburtsfehler, sondern der Grund dafür, dass sich das Internet überhaupt so grandios entwickeln konnte, war die Bereitschaft der Teilnehmer ihr Wissen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wobei kostenlos heißt, es gab ein Geben und Nehmen.

    Worin ich Ihnen Recht gebe, ist, dass die Verleger nicht wirklich darüber nachgedacht haben, wie sie sich dem Internet anpassen müssen, um auch hier Geld zu verdienen. Da gab’s eine zu große Selbstsicherheit, dass man als Profis mit einem “Weiter so” allein bestehen könnte.

  4. Wolfgang Michal |  02.04.2009 | 19:15 | permalink  

    Jetzt hackt mal nicht so auf Kais Geburtsfehler ‘rum!
    Die spannende Frage ist doch: Was würde passieren, wenn die Verlage (die das Internet ja nicht mögen – und deshalb auch nicht verstehen) ihre journalistischen Seiten morgen aus dem Netz nehmen würden?

  5. Robin Meyer-Lucht |  02.04.2009 | 22:10 | permalink  

    @ Wolfgang:

    Sechs Antworten auf Deine Frage:
    - Die Leute würden auf Web.de, Yahoo News und T-Online.de die Nachrichten lesen und die würden ihre Angebote rasch ausbauen und Journalisten einstellen.
    - Das Kartellamt würde wegen verbotener Marktabsprachen eingreifen.
    - Die Nutzer würden mehr NZZ.de und DerStandard.de lesen.
    - Die Verlage müssten alle Online-Journalisten sofort entlassen.
    - Google News wäre ein Aggregat aus Agentur-Meldungen, PR-Meldungen und Blog-Beiträgen (vielleicht ohnehin ehrlicher).
    - Spreeblick.com steigt zum neuen Stern.de auf.

  6. Wolfgang Michal |  02.04.2009 | 22:50 | permalink  

    @Robin:
    Pfiffige Antworten. Wenn ich dich richtig interpretiere, heißt das zusammengefasst: Die Leser und die Schreiber würden – an den Altverlagen vorbei – etwas Neues aufbauen im Netz (denn die von dir erwähnten Presseagenturen sowie die alte NZZ und den Standard rechne ich natürlich mit zu den Aussteigern).
    Gäbe es noch andere denkbare Folgen?

  7. Penelope |  03.04.2009 | 08:09 | permalink  

    RML hat völlig recht. Das frappierende am Internet ist doch, dass die technisch-organisatorischen Voraussetzungen zur Medienproduktion a) billig und b) im Überfluss vorhanden sind. Nehmen wir mal an, jemand will eine neue Zeitung herausgeben – er wird schon daran scheitern, dass er keine Druckerei findet, weil alle existierenden den Zeitungsverlagen gehören. Will er das ganze im Internet tun, kann er Serverkapazität noch und nöcher mieten, die Anwendungen zur Produktion (CMS, Diashowsystem, Videohosting) gibt es vielfach Open Source oder für lau.

    Die etablierten Webangebote werden kostenpflichtig? Eine wunderbare Chance für Newbies, die nicht von Besserwissern in teuren Anzügen und sauertöpfischen Erbsenzählern gegängelt werden…

  8. Henrik Bortels |  03.04.2009 | 08:50 | permalink  

    Die Frage ist doch nicht, wie Verlage für ihre Inhalte abrechnen können, sondern wer dafür etwas bezahlen will. Ich zahle gern für Inhalte, die ich benötige (’need to have’). Doch das ist leider bei den meisten Inhalten der Verlage im Internet nicht der Fall.
    Bei iTunes 99 Cent für ein Lied? Gern, weil ich es immer wieder hören, auf CD brennen und mitnehmen kann. Das Lied erinnert mich an etwas, es bewegt mich. Bei einem Verlag 99 Cent für einen Artikel zahlen? Der ist sicher ‘nice to have’, doch es geht in der Regel auch ohne den Text, Bericht, Artikel. Leider.

  9. Wolfgang Michal |  03.04.2009 | 11:40 | permalink  

    @Henrik:
    Sie gehen doch auch nicht in einen Buchladen, schnappen sich ein Buch, sagen “nice to have” (bzw. ich brauche es eigentlich nicht, und wenn ich es nicht umsonst kriege, lasse ich es hier liegen). Nein, Sie bezahlen es. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass es möglich ist, einen Beruf zu erhalten, der nicht bezahlt wird. Dann sagen Sie doch bitte gleich: Ich will keine professionellen Schreiber mehr. Ich will keine demokratische Kontrolle. Ich will nur ein großes Schnäppchenparadies.
    @Penelope:
    Die technischen Möglichkeiten, ohne big money Medien zu machen, sind zweifellos großartig und bringen wieder Leben in die Bude. Die Großverlage sind seit langem zu träge, zu vermachtet, und basteln nur noch an der Verteidigung ihrer Wagenburg. Trotzdem wird sich die Netzgemeinde Gedanken machen müssen, wie alternative Qualität finanziert werden kann. Ob wir ein für alle gleichermaßen bezahlbares Modell wollen (wofür ich bin) oder ob Information künftig gestaffelt zugänglich gemacht wird: Die Begüterten kriegen mehr Infos, die Ärmeren weniger.

  10. Ferdinand Knauß |  03.04.2009 | 11:40 | permalink  

    Lieber Herr Michal,

    ich bin völlig Ihrer Ansicht und vertrete diese auch in Diskussionen unter Kollegen seit langem schon. Ich sage immer, ganz wie Sie: “Stellt euch vor, das Internet müsste nur einen Tag lang auf alle Beiträge von Journalisten verzichten! Stellt euch vor, Verleger und Journalisten täten sich zusammen und verträten gemeinsam ihr Interesse gegen Google und Konsorten: Es wäre das Ende der Wertlosigkeit des Geistes im Internet.” Meine besonders Internet-affinen Kollegen, zum Beispiel Thomas Knüwer, schauen mich dann mitleidig an und sagen sinngemäß: An der Kostenloskultur lässt sich nichts ändern, wir müssen auf anderen Wegen Geld verdienen, der journalistische Inhalt wird künftig nur Lockmittel für den Vertrieb anderer Dienste sein. Als ob das Internet ein übermenschlicher Gott wäre, dem man sich zu unterwerfen hätte. Was von Menschen gemacht ist, ist auch durch Menschen veränderbar.

    In Wirklichkeit sind google und Konsorten von denen abhängig, die den Geist liefern. Ein Großteil des Internet-Gezwitschers in twitter, in Blogs und in anderen Untiefen des Netzes beruht auf Recherche von redaktionell bezahlten Journalisten. Ohne die würde den Zwitscherern ganz schnell langweilig, weil wenig verlässliche und ernsthafte Informationen nachkämen. Blogger können das nicht ersetzen. Das Internet (genauer: google, einige andere Web-Unternehmen und die Millionen Nutzer, die nicht zahlen) parasitiert den Journalismus. Das ist nur möglich, weil der Journalismus sein Interesse nicht vertritt. Journalisten vereinigt Euch! muss daher die Losung sein. Letztlich haben auch die bisherigen Nutznießer der Kostenloskultur natürlich ein Interesse daran, dass der Journalismus nicht vor die Hunde geht. Aus der Biologie ist bekannt, dass der Parasit evolutionär erfolgreicher ist, wenn er den Wirt nicht umbringt, sondern ihn am Leben lässt, ihm vielleicht sogar in gewisser Weise hilft.

    Es liegt in unserer Hand als Journalisten und vor allem in der der Verleger! Ein Kartell (eine sympathischere Bezeichnung fände sich bestimmt) des Qualitätsjournalismus müsste dafür sorgen, dass der Zugang zu seinen Angeboten kostenpflichtig wird. Der Staat, der bisher die “vierte Gewalt” schnöde im Regen stehen lässt (im Gegensatz zu andern weit weniger “systemrelevanten” Branchen), könnte eine solche Übereinkunft reglementieren. Letztlich müsste es natürlich möglichst auch internationale Verabredungen geben.

    Wenn wir Journalisten nur ein wenig solidarischer, kollektivistischer unser Interesse verträten! Die Sport-Industrie macht vor, wie das geht: Uli Höneß fordert allen Ernstes eine Abgabe für den Profi-Fußball. Warum fordert niemand ein gesellschaftliches Sicherungsprogramm für den Journalismus? Die Initiative der Europäischen Journalistenvereinigung EJF in Brüssel ist schon mal ein guter erster Schritt. Wir deutschen Journalisten sind leider besonders willfährige Opfer.

    Und noch ein Wort an meinen Vorredner hier, Henrik Bortels: Das ist ein Totschlagargument! Was man braucht, definiert natürlich jeder selbst. Für den, der nur Fussball, Alkohol und Fi…n will, sind Journalisten ohnehin nicht zuständig. Über den reden wir hier nicht. Seriöse Informationen, “Geist”, braucht jeder, der nicht verblöden will – von beruflich notwendigen Informationen ganz zu schweigen.

  11. Dag |  03.04.2009 | 23:56 | permalink  

    Ich stimme Robin Meyer-Lucht zu (vielleicht nenne ich ihn auch mal RML, falls das dann nicht zu adelnd klingt – sowas erinnert doch eher an große amerikanische Präsidenten).

    Übrigens: Es wird immer noch viel zu wenig erkannt – und in dem Punkt stimme ich schon länger mit RML überein – dass der traditionelle Universaljournalismus eine in wesentlichen Hinsichten absurde Veranstaltung ist. Auch bei den besten Blättern findet man immer wieder schreiende Inkompetenz und Abschreiberei von wirklichen Experten, gerade zu kulturellen und wissenschaftlichen Themen (und auch auslandspolitische Berichterstatter und vermeintliche Wirtschaftserklärer schreiben dicke ab). Und selbst bei den besten Zeitungen interessiert’s niemanden groß, wenn dort der hanebüchenste Stuss stand, nichts wird nachträglich korrigiert – die Redakteure nehmen ihr eigenes Produkt nicht ernst!

    Aus den unzähligen Artikeln im Politik-Teil einer Zeitung lernt man auch nichts, Jahr für Jahr für Jahr habe ich mir täglich alles in Deutschlands großer Tageszeitung reingezogen, soviel Zeit und Aufmerksamkeit darauf verwendet – und am Ende fragt man sich doch nur: Wer soll das eigentlich lesen? Funktionäre? Politiker?

    Alles so oberflächlich-mitteltief abgedeckt und so selten leserfreundlich geschriebene Texte, die wirklich Verständnis vermitteln. Für den Experten ist das meiste doch belanglos oder hohles Gelaber oder einfach haarsträubend, was in der universaljournalistischen Tagespublikation steht. Und der, der noch gar keine Ahnung hat, bekommt mit anderen Einführungen das Wissen hundertmal besser, übersichtlicher, effizienter vermittelt.

    Nee danke, seit einiger Zeit reicht’s mir. Ich bin nicht mehr der Meinung, dass uns viel fehlen würde, wenn das fehlte.

  12. Dag |  04.04.2009 | 00:04 | permalink  

    (Schon mal überlegt, Eure Blog-Uhr auf Sommer zu polen?)

  13. Klardeutsch |  04.04.2009 | 09:58 | permalink  

    @RML So, dann bekämen wir also “ein Aggregat aus Agentur-Meldungen, PR-Meldungen und Blog-Beiträgen (vielleicht ohnehin ehrlicher)”?

    Die Agenturmeldungen kann man dann schon mal streichen. Denn Agenturjournalisten müssen auch bezahlt werden. Und das werden sie im Augenblick hauptsächlich von den alten Medien.

    “Die Verlage müssten alle Online-Journalisten sofort entlassen.” Die Verlage müssen die Online-Journalisten ohnhin entlassen, wenn es kein Online-Erlösmodell gibt.

    Was bleibt sind also PR-Meldungen und Blogger. die meisten Blogger vertreten lieber Meinungen als Fakten zu recherchieren, vor allem, wenn sie es als Hobby betreiben. Meinungen gibt es aber genug. Was fehlt – und was Journalisten noch viel besser recherchieren und präsentieren müssen als heute – sind Fakten. Meinungen ohne Informationen und Fakten sind dummes Gelaber.

    Darum ist mir um die INFORMATIONSvielfalt bange, nicht um die MEINUNGSvielfalt.

  14. Wolfgang Michal |  04.04.2009 | 12:21 | permalink  

    @Dag
    Natürlich gibt es überall Heimwerker, die besser sind als Handwerker. Aber im Großen und Ganzen beschäftigen die Menschen immer noch Handwerker. Anders ausgedrückt: Die Missstände im Print-Journalismus wird kein intelligenter Mensch klein reden, aber die im Netz gängige pauschale Abqualifizierung eines ganzen Berufsstandes nähert sich bisweilen gefährlich dem Spießergeschwätz am Stammtisch. Die entstandene Wettbewerbssituation zwischen Netz und etablierten Printmedien finde ich großartig. Die klügeren Printmedien nehmen das wahr (die SZ natürlich nicht, das macht sie so sympathisch in ihrer Verbocktheit). Aber die größte Herausforderung des Netzes sind doch letztlich die Monopolzeitungen in der Provinz. Dort könnten Netzjournalisten wirklich angreifen und die Lokalpressefürstentümer aufmischen. Dafür braucht man gute Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben. Denn irgendwann wird es nicht mehr ausreichen, dass sich Blogger an den Fehlern der Printmedien reiben. Dann müssen Alternativen her.

  15. Jürgen Kalwa |  04.04.2009 | 22:45 | permalink  

    Erstens: Man sollte wirklich ernsthaft anfangen, dieses Modell aus den USA, das ich schon mal in einem Kommentar (http://carta.info/7003/staatliche-intervention-journalismus/) erwähnt habe, zu studieren. Public Radio liefert Qualität – frei Haus – und geht für die Bezahlung (hinterher) betteln. Das funktioniert. Es muss nicht immer gleich eine GEZ geben, um die Existenz der Medienarbeiter (und das Bereitstellen von hochwertiger Medienarbeit) zu gewährleisten. Übrigens: Abertausende von amerikanischen Bibliotheken funktionieren so ähnlich. Sie machen Fund Drives und Veranstaltungen, bei denen man Eintritt kassiert. Viele überleben, obwohl sie keine Ausleihgebühren verlangen, nicht mal von Leuten, die überziehen und Bücher zu spät zurückbringen. Auch hier wird die Arbeit der (ausgebildeten) Kräfte honoriert. Bibliothekare erhalten Gehalt.

    Zweitens: Wenn die journalistische Leistung im Internet auf dem Niveau bleibt, auf dem sie sich jetzt befindet (ein umgetopftes Printmodell), lohnt es sich nicht, über Bezahlung und Refinanzierung zu reden. Wo Klickstrecken das innovativste Element sind und das Archivieren von Texten die bemerkenswerteste Bereicherung des Alltags des Verbrauchers, sind wir wirklich noch nicht sehr weit gekommen. Erst wenn es journalistische Originärleistungen im Netz gibt, die auf der Basis der neuen kreativen Möglichkeiten (Bild, Bewegtbild, Ton, Text, Unmittelbarkeit, Geschwindigkeit etc.) etwas strukturell Neues bieten, sollten wir uns wieder unterhalten. Vielleicht sollten wir bis dahin lieber öfter mal über den Grad der Professionalität von Journalisten heute reden und deren Befähigung, solche Entwicklungen überhaupt anzuschieben.

  16. Wolfgang Michal |  04.04.2009 | 23:08 | permalink  

    Lieber Jürgen Kalwa, Sie schreiben sinngemäß: Erst wenn es journalistische Originärleistungen im Netz gibt, können wir uns wieder über Bezahlung unterhalten. Nein, es ist eigentlich umgekehrt: Erst wenn es Bezahlung gibt, können wir im Netz auch journalistische Originärleistungen bieten.
    Ihr “Public Radio”-Modell – erst Qualität liefern, dann Bezahlung erbetteln – in allen Ehren, aber es ist ein Rückschritt ins Mittelalter. Journalisten als Straßenmusiker – wenn’s dem Publikum gefällt, gibt’s ein paar Heller in die Mütze. Das kann man vielleicht als Student ein paar Semester lang machen, aber das reicht nicht für eine Familie im 21. Jahrhundert.

  17. Jürgen Kalwa |  05.04.2009 | 02:06 | permalink  

    Lieber Wolfgang Michal, die Idee, dass eine Arbeit dem (zahlenden) Publikum gefallen muss, finde ich nicht weiter bemerkenswert. Das gilt in allen Branchen und ist auch kein Rückschritt. Straßenmusiker leben übrigens ganz gut, wenn sie Qualität abliefern und dort spielen, wo genug Publikum vorbeikommt. Ich finde solches Treiben ehrenwert, weiß aber nicht, ob diese Berufsgruppe eine hohe Steuermoral besitzt.

    Ihr Anspruch – “erst wenn es Bezahlung gibt” – ist genauso ehrenwert, wäre aber der Tod der Literatur, der bildenden Kunst und anderer kreativer Bereiche. Es gehört zu den Besonderheiten des Kulturbetriebs, dass man zuerst mal was auf die Beine stellen und anbieten muss, wenn man Geld verdienen will. Vorab gibt es Honorar nur für Leute, die Erfolge vorweisen können oder einen Namen haben (was sie beides dem Publikum verdanken).

    Dass viele Journalisten daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass es klüger ist, darauf zu warten, bis die Aufträge ins Haus kommen, kann ich nachvollziehen. Sehr viele begreifen sich nicht als Künstler, sondern als als reine Handwerker, sehnen sich nach sozialer Absicherung mit allen Privilegien und leben und denken ein Stromlinienverständnis, das dann auch nichts anderes als jene Medienlandschaft hervorgebracht hat, die soeben in den Schredder wandert. Diese journalistischen Handwerker hatten kurioserweise schon mit der Ausgestaltung dieser Landschaft nicht viel zu tun, auch nicht, als sie sich noch ganz unbeschwert in den Kantinen der großen Verlagshäuser über Anlagemodelle für ihre Gewinnauschüttungen austauschen konnten. Sie fuhren immer nur im Beiboot mit. Die tariflichen Absicherungen verdanken sie streikbereiten Setzern und Druckern (sind verschwunden/sterben aus). Die Gewinne der Verlage und damit ihre Honorare verdanken sie den Anzeigenabteilungen (deren Erträge brechen weg). Und ihren schlechten Ruf in der Bevölkerung verdanken sie ihrer mangelnden Bereitschaft, sich die Frage vorzulegen: Für wen arbeiten wir eigentlich und wir gehen wir mit diesen Menschen um?

    Warum war ausgerechnet diese Berufsgruppe auf das Internet nicht vorbereitet? Vielleicht wissen Sie die Antwort?

  18. Wolfgang Michal |  05.04.2009 | 12:17 | permalink  

    Lieber Jürgen Kalwa, gefallen muss vielleicht Unterhaltung, Journalismus dagegen ist – zumindest in unserer Gesellschaft – notwendig. Um originäre Leistungen erbringen zu können (Recherche z.B.), braucht man Geld. Als Buchautor bekommt man normalerweise einen Vorschuss, der mit Vertragsabschluss fällig wird, sonst könnte man ja während des Schreibens nicht leben, oder? (So viel zu Ihrem Tod der Literatur).
    Ich finde Ihre Verachtung von Journalisten brandgefährlich. Morgen kommt nämlich eine andere Gruppe und sagt: Wozu brauchen wir eigentlich Universitäten? Im Internet und in sozialen Netzwerken kann sich künftig doch jeder seine Bildung selber zusammensuchen. Professoren? Dozenten? Überflüssig. Weg damit. Haben eh nur Mist erzählt. Haben die Krise nicht geahnt. Usw.usf. Und irgendwann sind dann Sie dran. Und man wird Sie fragen: Warum waren Sie eigentlich nicht vorbereitet auf Ihre Abschaffung?

  19. Jürgen Kalwa |  05.04.2009 | 16:25 | permalink  

    Lieber Wolfgang Michal, ich muss bei unserem Zwiegespräch wirklich nicht das letzte Wort haben. Aber ich wehre mich dagegen, meine Kritik am Mangel an Verantwortungsbereitschaft von Journalisten für ihre eigene, wirklich ureigene wirtschaftliche Existenz als Verachtung zu bezeichnen. Ich habe allerdings tatsächlich kein Mitleid, falls jene Anspruchshaltung, die bei so vielen durchklingt, auf taube Ohren fällt. Dass man notwendig ist, beweist man nicht durch Deklamationen, sondern durch seine Handlungsweise. Ich fordere gar nicht mehr als dieses (und da ich Journalist bin, fordere ich das natürlich auch von mir selbst): Jeden Tag (zumindest ein bisschen) an ein paar Ideen arbeiten, die eigene Phantasie anbohren, kreative Risiken eingehen und sich an neuen Entwicklungen beteiligen. Und zwar jeder nach seinem Geschmack und jeder nach seinen Fähigkeiten.

  20. Kai Schächtele |  05.04.2009 | 16:30 | permalink  

    Ich habe den Eindruck, aus Jürgen Kalwas Argumentation spricht weniger die Verachtung von Journalisten (er ist ja selbst einer), sie bezieht sich vielmehr auf die Tatsache, dass die Ansicht, wie radikal sich unser Beruf gerade verändert, in vielen Redaktionen bzw. Verlagskantinen noch immer nicht angekommen ist. Es ist aber gerade jetzt an uns Journalisten, unseren Lesern die Notwendigkeit eines fundierten und unabhängigen Journalismus auch im Zeitalter des Internet klarzumachen. Der Hinweis darauf, dass die Lektüre von traditionellen Qualitätsmedien eine unverzichtbare Beschäftigung ist, um sich in unserer Demokratie souverän bewegen zu können, erhöht ja auch nicht die Auflagen von FAZ und Zeit. Die bemessen sich allein daran, ob Leser willens sind, diese Zeitungen zu kaufen. Wir Journalisten müssen nun, ob wir wollen oder nicht, in Vorleistung treten und über neue Angebote nachdenken, inhaltlich, technisch wie formal, die genug Anreize liefern, damit unsere Leser dafür Geld zu investieren bereit sind.

    Die Ausgangsfrage war ja: Was würde passieren, wenn morgen alle Verlage ihre Angebote abschalten und auf Bezahlmodelle umstellen würden? Dann käme übermorgen der erste Content-Manager eines Verlags auf die Idee, sein Angebot wieder aufzusperren, wegen der Klickzahlen, die für die Buchhalter noch immer die wichtigste Währung bedeutet. Genau dann aber wäre der Moment gekommen, an dem sich entscheiden würde, wie sich die Bezahlbarkeit von Journalismus im Internet entwickelt. Dann nämlich müssten die Leser das Gefühl haben: Bei dem jetzt wieder offenen Portal muss ich zwar nichts bezahlen, dafür vermisse ich aber nun die Qualitätsinhalte. Also zahle ich lieber.

    Das erste, was wir deshalb brauchen, um die Gratiskultur zu überwinden, ist unser eigenes Selbstvertrauen, dass unsere Arbeit auch im Internet nicht nur ihren Wert hat, sondern auch unverzichtbar ist für unsere Gesellschaft. Wenn aber sogar wir selbst uns nur noch als diejenigen begreifen, die nicht für Leser arbeiten, sondern für Kunden, denen man dann Versicherungen oder Bücher oder Filme verkaufen kann, wie das weiter oben anklang, dürfen wir uns nicht beschweren, wenn auch andere den Wert unserer Arbeit verkennen.

    Dass dieses Selbstbewusstsein von den Verlagen im Moment nicht zu erwarten ist, beweisen sie jeden Tag aufs Neue. Es ist nämlich, wie Kai Diekmann jammert, nicht nur bei der Geburt des Internet einiges schief gelaufen. Die Verlage haben später auch die Erziehung vermasselt.

  21. Robin Meyer-Lucht |  05.04.2009 | 19:49 | permalink  

    Ich möchte noch eines bedenken zu geben: Die Printmedien haben zwischen 1970 und 2000 einen großen Aufschwung erlebt, weil auch sie am Boom der Werbeausgaben partizipiert haben.

    Die (Print-)Journalismus-Industrie wuchs also vor allem aufgrund der zunehmenden Nachfrage im Anzeigenmarkt nach Werbeumfeldern – nicht gestützt auf eine steigende Nachfrage im Lesermarkt.

    Wir haben jetzt im Zeitungswesen Umsätze von 8 Mrd. Euro, wobei 2 Mrd. pro Jahr in Journalismus fließen. Mit den anderen Branchen kenne ich mich nicht so gut aus. Die Zeitschriften gegen vielleicht 0,8 Mrd. Euro für Journalismus aus. Die Rundfunk- und Fernsehanstalten zusammen geben vielleicht noch einmal 3 Mrd. Euro. Die Summe, die derzeit in den klassischen Medien für Journalismus zur Verfügung steht, beträgt also rund 5,8 Mrd. Euro pro Jahr – oder in Personalstellen ca. 58.000.

    Bevor wir über Bezahlinhalte und eine potenzielle Unterfinanzierung von Journalismus reden, würde mich zunächst interessieren, wie man eigentlich messen oder beziffern möchte, wie viel Journalismus – und geanuer: Journalisten – wir eigentlich gesellschaftlich brauchen.

    Pascal Zicky hat im Kommentar zu einem Text (http://carta.info/7003/staatliche-intervention-journalismus/) geschrieben:

    “Ist Journalismus überhaupt jemals zureichend zur Verfügung gestellt worden?”

    Wenn wir von dem Niveau ausgehen, dann wird man immer Bezahlinhalte fordern.

    gruss,

    rml

  22. Kai Schächtele |  05.04.2009 | 20:38 | permalink  

    Das ist ein in der Tat wichtiger Gedanke, der den Journalismus in den kommenden Jahren hartnäckig verfolgen wird. Was aber in der Formulierung der potenziellen Unterfinanzierung mitschwingt, ist die Vermutung, die Unterfinanzierung sei eine Entwicklung irgendwann in der Zukunft. Sie ist aber schon jetzt sehr greifbar, bei der Gruppe der Journalisten nämlich, die für den Hauptteil der Inhalte verantwortlich ist, bei den Freien.

    Wer heute frei für Tageszeitungen arbeitet, kann das nur noch, indem er die Arbeit entweder durch PR, Redaktionsdienste oder Taxifahren querfinanziert, oder an Miete und Lebenshaltungskosten spart. Die Debatte, wie viele Journalisten wir in Zukunft brauchen und was uns als Gesellschaft ihre Arbeit wert ist, wird deshalb nicht erst in einigen Jahren beginnen, sondern steht unmittelbar bevor.

  23. Wolfgang Michal |  06.04.2009 | 11:59 | permalink  

    @jürgen kalwa
    Ihren letzten Beitrag kann ich so unterschreiben. Mit einer winzigen Einschränkung vielleicht: Ich würde die Erwartung, für Arbeit auch bezahlt zu werden, nicht als Anspruchshaltung bezeichnen.
    Leider sind wir ein bisschen von meiner Ursprungsfrage abgekommen.

  24. Jeeves |  06.04.2009 | 17:39 | permalink  

    “Nun weinen sie – weil sie das Internet unterschätzt haben. Zehn Jahre lang haben sie geschlafen. Jetzt erst begreifen Verleger und Großjournalisten, dass ihnen ein Geschäftsmodell fehlt.”

    Nun weinen sie, kurz zuvor sind sie alle noch über die Musikindustrie hergezogen, die es ein bissl eher getroffen hat, dieses ominöse Internet. Drum: Mitleid mit der Journaille? Nee.

  25. Axel Springer-Aboangebote landen im App Store |  09.12.2009 | 10:39 | permalink  

    [...] Korrektur für den ‘verfluchten Geburtsfehler des (kostenlosen) Internets’, zitiert nach dessen Chefredakteur Kai Diekmann, von Position 50 auf 10 der meistgekauften Anwendungen. Mit [...]

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