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Daniel Leisegang

That’s shift, baby!

Daniel Leisegang | 9 Kommentar(e)


“Jede Konferenz badet in sich selbst”, meinte Johnny Häusler noch 2007, anlässlich der ersten re:publica. Und der Organisator fügte hinzu: “Warum sollten sich die Blogger nicht einmal selbst zelebrieren?” Das Zitat ließe sich auch auf die dritte Re:publica anwenden. Denn die „digitale Avantgarde“ dreht sich weiterhin um sich selbst und weiß mit der neu gewonnen medialen Macht wenig anzufangen.

02.04.2009 | 


Mehr als 100 Veranstaltungen mit 180 Rednern und 1500 Besuchern – da sollte für jeden etwas dabei sein. Im Vordergrund stehen der rasante Wandel der Medien und die digitale Gesellschaft. Konkret geht es u.a. um Datenschutz, Urheberrechte, Social Media und Open Source.

Die Fragestellungen des diesjährigen Blogger- und Internetkongresses gleichen allerdings den vorangegangenen. Nicht ohne Grund wirken die Diskussionen auf den Bühnen schnell kraftlos. Es finden sich kaum noch Reizthemen, die Argumente sind längst bekannt und ausgetauscht.

Thomas Knüwer kam aus dem “negativen Staunen” kaum wieder heraus. Das Medienwandel-Panel zum Beispiel: “Alte Klischees – wersolldasalleslesennurjournalistenliefernqualitätundüberhaupt – wurden wiedergekäut.” Sein Fazit nach dem ersten Tag: “Die re:publica tollt nicht mehr verrückt und unbeschwert durch die Gegend.” Auch Don Dahlmann fand mehr Ratlosigkeit als Aufbruch vor: “Tatsächlich ist diese gewisse Ratlosigkeit, bei Bloggern wie bei den Vertretern der ‘alten’ Medien, omnipräsent.” Tagesschau.de wollte dagegen immerhin noch die “digitale Avantgarde” auf der Konferenz vorgefunden haben.

Auch in diesem Jahr wird vor allem diskutiert, welchen Stellenwert die neuen Medien haben. Im Zentrum steht das Kompetenzgerangel zwischen voranpreschender Notebook-Elite und defensiven Printpäpsten. Die Kluft zwischen den Schreiberzünften wird seit Jahren gepflegt, zugleich Versöhnung gepredigt. Die Digital Natives definieren sich über Abgrenzung und der Kongress droht zu der wohlbekannten Bauchnabelschau zu verkommen.

Das erstaunt, schließlich sind die Vorzüge der digitalen Medien hinreichend diskutiert. Matthias Schwenk hat zudem darauf hingewiesen, dass die Zeiten für Internet und Social Media gegenwärtig nicht rosig aussehen. Die entscheidenden Fragen auf dem Kongress müssten daher lauten: Was machen wir mit diesen neuen, mächtigen Werkzeugen in unseren Händen? Wozu nutzen wir sie?

Vor allem überrascht, dass die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise im Programm des Kongresses nicht vorkommen. Zwar fördert die Bundeszentrale für politische Bildung die Subkonferenz “Politik 2.0 – die neuen politischen Öffentlichkeiten im Netz”. Jedoch dreht sich die Diskussion auch hier vor allem um Netzneutralität, Obamas Wahlkampagne und die Blogosphäre in anderen Ländern.

Somit scheint es, als erschöpfe sich das Engagement der digitalen Avantgarde in selbstreferentiellen Meta-Diskussionen und medialen Randthemen, während die Uhren weltweit auf fünf vor zwölf stehen. Ist das nun der Shift?

Das wäre bedauerlich. Denn gegenwärtig bietet sich der Blogger-Community eine einmalige Chance. Kapitalismuskrise, Umweltverschmutzung, Krieg und globale Ungerechtigkeit bedrohen die Menschheit weltweit. Überzeugende nachhaltige Lösungsansätze sind jedoch rar.

Derzeit mangelt es allerorten an politischer und ökonomischer Kompetenz. Die Printjournalisten waren auf die derzeitige Wirtschaftskrise nicht vorbereitet. Es fällt ihnen schwer, verständlich zu beschreiben, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Niemand vermag zudem darzulegen, wie man die Rezession effektiv bekämpft oder Alternativen im postneoliberalen Zeitalter aussehen könnten. Die Berufsjournalisten der alten Medien müssen – behäbig, wie sie sein können – selbst erst einmal verstehen lernen, was momentan vor sich geht.

Blogger, Micro-Blogger und Social-Media-Experten hingegen könnten die vielbeschworene “Weisheit der Massen” wirksam einsetzen, um Antworten auf die drängenden Herausforderungen zu finden. Auf diese Weise ließe sich eindrucksvoll belegen, dass sie das Potential der vernetzten Kommunikation zielgerichtet und tatsächlich emanzipatorisch zu nutzen verstehen. Damit würden sich auch die Grabenkämpfe mit den klassischen Medien erübrigen. Die Legitimation der neuen Dialogmedien resultiert dann schlicht aus den überzeugenden Ergebnissen der digitalen Deliberation.

That’s shift, baby.

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9 Kommentare

  1. Markus |  02.04.2009 | 16:03 | permalink  

    Ich weiß ja nicht, was die persönliche Erwartungshaltung an eine Konferenz ist. Ich war noch auf keiner Konferenz, die alle möglichen Probleme der Welt diskutiert hat und zugleich Lösungen dafür anbietet. Die re:publica will kulturelle und gesellschatliche Fragestellungen der Digitalisierung auf die Bühne bringen, reflektieren und diskutieren. Dabei können wir nicht sämtliche Facetten behandeln, weil nur begrenzt Zeit und Platz dafür ist. Aber dafür gibt es viele Fragestellungen, die auf anderen Konferenzen in Deutschland nicht diskutiert werden. Ein Beispiel: Über die Finanzkrise diskutieren viele, über Netzneutralität viel zu wenige. Warum sollte die re:publica auch noch darüber diskutieren und auf welcher Konferenz wurde das Thema in letzter Zeit schon mal zufriedenstellend diskutiert?

  2. Robin Meyer-Lucht |  02.04.2009 | 17:11 | permalink  

    @ Markus: Danke für den Kommentar. Ich denke, ein Panel zum Thema, wie das Netz den Diskurs über die Krise beeinflusst, verändert und verbessern kann, wäre eine interessante Ergänzung gewesen. Wäre ich im Vorfeld aber auch nicht drauf gekommen.

    Tatsächlich scheint die Debatte in den Adaptionsstufen irgendwann von der Technik zu den Inhalten/Zielen zu wandern.

    Ich war gestern nicht da, aber der zweite Tag heute hat mir gut gefallen. Daniel sagte mir Ähnliches. Der Text ist ja als Resümee des ersten Tages entstanden.

    lg,

    Robin

  3. links for 2009-04-04 | i heart digital life |  04.04.2009 | 12:00 | permalink  

    [...] That’s shift, baby! — CARTA Re:aktionen auf die Re:publica (tags: republica socialweb internet berlin) [...]

  4. Links vom (2. April 2009 @495): | Leere Signifikanten |  05.04.2009 | 14:00 | permalink  

    [...] That’s shift, baby! — CARTA – [...]

  5. Links vom (4. April 2009 @495): | Leere Signifikanten |  05.04.2009 | 14:05 | permalink  

    [...] That’s shift, baby! — CARTA – [...]

  6. Re:publica 09 – Shift happens. In einigen Köpfen mehr als in anderen |  06.04.2009 | 13:48 | permalink  

    [...] Thomas Knüwer Patrick Breitenbach Don Dahlmann Mäandertal Fefe Carta D-News Spindoctor Oliver [...]

  7. Daniel |  06.04.2009 | 14:00 | permalink  

    In der Tat fand ich den zweiten und dritten Tag in der Scheune deutlich besser als den ersten. Der Besuch hat sich daher auf jeden Fall gelohnt. Und wenn man sich umhörte, scheint es vielen so gegangenen zu sein.

    @Markus Natürlich finde ich es ebenfalls wichtig, dass auf der re:publika – wie auch in der aktiven Bürgerrechtsbewegung – über Netzneutralität und Datenschutz diskutiert wird. Da passiert derzeit eine Menge – und wenig erfreuliches.

    Mit Blick auf den enttäuschenden Auftakt hätte mich aber vor allem interessiert, was Blogs, Twitter & Co als “Erben” der klassischen Medien mit ihrer neuen Macht anfangen. Schließlich behaupten sie schon lange u.a., dem (Tages-/Berufs-)Journalismus viel voraus zu haben. Wenn aber im Internet tatsächlich der bessere Journalismus stattfindet, dann dürfte er sich thematisch nicht derart auf digitale Themen beschränkt darstellen.

    Hinzu kommt: Derzeit stehen wir weltweit vor Problemen, die bislang niemand wirklich erklären bzw. lösen kann. Das Bedürfnis nach Aufklärung danach ist aber riesig. Die Konferenz hätte hier spannende Anregungen bieten können, wie die geballte Online-Kompetenz hier ihre besten Karten ausspielen kann.

    Stattdessen – das noch am Rande – nimmt Marketing und PR auf der Konferenz zunehmend Raum ein, was ich ebenfalls bedauere, aber auch des Sponsoring wegen durchaus nachvollziehen kann.

    All meine Einschränkungen ändern nichts an einem schließlich tendenziell positiven Fazit nach den drei Tagen und der Anerkennung dafür, ein großes Event auf die Beine gestellt zu haben. Vielleicht kann man die bisherigen Resumés in den Medien als Anlass nehmen, sich über die kommende Entwicklung Gedanken zu machen.

    Am Ende noch ein Lese-Tipp:
    Brave Blogger, von Lisa Rank auf http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/brave-blogger/

    Schöne Grüße
    Daniel

  8. Daniel |  06.04.2009 | 14:45 | permalink  

    Und noch eine kleine Ergänzung:

    “Es wird verflucht noch mal Zeit, dass die Akteure des Web 2.0, die Social Networker, Twitterer und vor allem die Blogger, von sich ablassen, die selbstbeschworene Macht ausüben und ihren Fokus auf die Probleme unserer Zeit richten!
    Vom Pathos hingerissen, möchte ich sagen: Nehmt die Zügel in die Hand, macht Stimmung im Land, reißt die Grenzen ein und zeigt der Politik wo der Hase läuft. Die Lippenbekenntnisse der großen Politik in Richtung Einigkeit im internationalen Handeln, und sei es nur auf europäischer Ebene, reichen erfahrungsgemäß bis zu dem Moment, wo es ernst wird.
    Jetzt ist die Lage ernst! Es ist genau der richtige Moment, in dem die Blogosphäre beweisen könnte, dass sie sich nicht dem politischen Verhalten anpasst. Welcher Rahmen böte sich hier besser an, als eine re:publica in diesen Tagen? Das Programm lässt leider anderes vermuten.
    Hübsch verklausuliertes Stochern um den heißen Brei herum. Nicht mehr tun das! Shift happens? Veränderung passiert nicht von alleine! What are you doing? At the moment I do democracy. Cause it’s my fucking job!”

    Link: http://maeandertal.de/blog/?p=15

  9. Links vom 30. März bis 7. April 2009 | i heart digital life |  07.04.2009 | 15:38 | permalink  

    [...] That’s shift, baby! — CARTA Re:aktionen auf die Re:publica (tags: republica socialweb internet berlin) [...]

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