Robin Meyer-Lucht

Digitale Kulturindustrie: Marek Lieberbergs planloser Kreuzzug gegen das Internet

Robin Meyer-Lucht | 15 Kommentar(e)

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Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat einen Text geschrieben, der vor Generalisierungen und Vereinfachungen nur so strotzt. Kernthese: Das Internet enteigne die gesamte Kreativbranche. Lieberberg versucht so unter dem Banner “Entrechtung” eine kulturpolitische Allianz gegen das Internet zu bilden. Das Ergebnis sind plumpe Netz-Ressentiments.

29.03.2009 | 


Es gehört zu den miesen Tricks der Politik, Ursache-Wirkungs-Prinzipien weiträumig zu generalisieren, um leicht vermittelbare Feindbilder zu schaffen. So müssen derzeit einige tausend Boni-Bänker herhalten, um den gesamten Manager-Berufsstand für gierig, minderbegabt und ohnehin schuld an der Krise zu erklären.

Wenn solche Muster als Kern aller populistischen Politik gelten können, dann ist Marek Lieberberg (Foto) ein populistischer Kulturpolitiker. Er hat für die Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung einen Text mit dem Titel “Das wollt ihr nicht wirklich” geschrieben, der vor Generalisierungen und unterkomplexen Feindbildern nur so strotzt.

Lieberbergs Kernthese: Das Internet enteigne die gesamte Kulturindustrie. Es zersetze das einst so blühende “Eco-System von Autoren, Journalisten, Musikern und Schauspielern, Dichtern und Denkern”. Schuld sei der “zügellose Raubbau” durch den “willkürlichen, ungehinderten und kostenlosen Zugriff auf alle geistigen Inhalte”. Es drohe die Machtergreifung der narzistischen “Web-Zombies”.

Unverkennbar: Der “Künstlervater” (SZ über Lieberberg) rührt in seiner Exegese die Urheberrechtsprobleme der Musikindustrie, die Refinanzierungskrise des Journalismus, die Debatte um Open Access und Google Book Search (mehr hier und hier) reichlich oberflächlich zusammen, um unter dem Banner “Enteignung” eine kulturpolitische Allianz gegen das Internet zu bilden.

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Lieberberg in der Süddeutschen Zeitung: "frech, wie man Zeitungen über den Tisch ziehen kann."

Dabei haben gerade etwa Musikindustrie und Zeitungsverlage völlig unterschiedliche Probleme mit dem Internet. Lieberberg macht daraus dennoch eins.

Die Musikindustrie hat tatsächlich ein riesiges Urheberrechtsproblem, mit dem sie von der Politik bislang erstaunlich allein gelassen wurde. Zugleich aber zeigte sich die Branche bislang extrem unflexibel darin, ihr technologisch veraltetes Geschäftsmodell im neuen Medienumfeld neu zu erfinden, wie Tim Renner sehr pointiert ausgeführt hat.

Auch Lieberberg sah das vor vier Jahren in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung noch ähnlich: “Die Musikindustrie geht heute nicht nur an mangelnder Kreativität zugrunde, sondern vor allem an ihren autoritären Strukturen und ihrem planwirtschaftlichen Kontrollwahn“.

Inzwischen hat Lieberberg es sich augenscheinlich anders überlegt und macht im Vorfeld eines Hearings des Bundeswirtschaftsministeriums zur Musikwirtschaft Anfang Mai, auf dem er selbst sprechen wird, Entrechtung und Enteignung zum Kernproblem der Musik- und kurzerhand der gesamten Kreativwirtschaft. Einer Branche, der es zuletzt auch an unternehmerischer Fantasie mangelte, soll folglich nun die Regierung verstärkt helfen.

Dabei ist sich Lieberberg nicht zu schade, mit weiträumiger Geste auch die Verlage zu Opferlämmern des Internets zu erklären. Dabei vermengt er problemlos werbefinanzierte Nachrichtensites mit file sharing, frei zugängliche Inhalte mit Urheberrechtsverletzungen. Die Zeitungsverlage würden, so Lieberberg mit ihren “Gratis-Internetangeboten Selbstmord begehen”. Sie sollten stattdessen endlich einen Obulus für jeden redaktionellen Beitrag verlangen.

Doch wie Lieberberg selbst schreibt, hat sich die Zeitungsindustrie selbst für diesen Ansatz entschieden. Sie hat im Kern kein Urheberrechtsproblem, sondern ein Problem mit der verstärkten Wettbewerbsdynamik des Internets (mehr hier).

Doch Lieberberg ereifert sich weiter und ist sich nicht zu schade, in seiner verkleisterten Argumentation nun auch noch den Perlentaucher frontal anzugreifen:

Die Website perlentaucher wirft die gesamte feuilletonistische Print-Tagesausbeute auf den Markt, natürlich kostenlos; und nicht nur, dass der Staat hier nicht eingreift, er förderte die Übersetzung dieser “Auswertungen” ins Englische auch noch jahrelang durch die bundeseigene Kulturstiftung: frech, wie man Zeitungen, die eigentlich Anspruch auf Urheberrechte haben, über den Tisch ziehen kann.

Lieberberg hat leicht erkennbar weder die Funktion des Perlentauchers noch die des Rechtsstaats verstanden: Denn niemand behauptet, dass der Perlentaucher mit seiner Feuilleton-Rundschau Urheberrechte verletzen würde, nicht einmal die betroffenen Zeitungen selbst. Und wenn dies so wäre, dann wäre dies eine Aufgabe der Gerichte nicht des Staates. Spätestens an dieser Stelle fragt man sich, ob nicht eine gründlichere Prüfung des Textes durch die Redaktion der Süddeutschen Zeitung wünschenswert gewesen wäre.

Um gleich noch alle im Netz zu beleidigen, die nicht eindeutig zur klassischen Kulturindustrie gehören, bezeichnet Lieberberg anschließend Blogger als “Heerscharen von Narzissen” (er meint natürlich Narzissten) und “Web-Zombies”, die “mit Intoleranz, Borniertheit und Vorurteilen eine Hausmeistershow mit ganz schneller Meinung” verbreiten.

Die Vorteile des Internets? Lieberberg kennt offenbar keine. Der Musik-Multimillionär hat im Netz augenscheinlich die Orientierung verloren. Und macht jetzt alle außer sich selbst für seine Orientierungslosigkeit verantwortlich.

Nicht die Politik macht sich gerade schuldig, wie Lieberberg in seinem Furor meint, sondern er sich selbst: Indem er strukturkonservative Blindheit und plumpe Netz-Ressentiments zur Norm erhebt.

Disclosure: Robin Meyer-Lucht hat über Jahre für den Perlentaucher geschrieben.

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15 Kommentare

  1. Hofnarr Florian |  29.03.2009 | 20:58 | permalink  

    Naja ich denke doch, dass das Internet die Kultur viel mehr bereichert. Lieberberg hat also nich recht, denke ich. Zeitungen wären ohne Online-Angebot schon längst kurz vor der Pleite.

  2. Lukas |  29.03.2009 | 23:58 | permalink  

    Ich finde es etwas schwierig, wenn mir jemand, der “Rock am Ring” erfunden hat, etwas über Kultur erzählen will.

  3. Robin Meyer-Lucht |  30.03.2009 | 00:43 | permalink  

    @ Lukas: Naja, Tim Renner darf ja auch noch etwas über Musik sagen, obwohl er U96 veröffentlicht hat. Wenn Lieberberg gut argumentieren würde, würde ich ihm auf RaR nicht übel nehmen.

    Hier aber trotzdem das Foto zu deinem Kommentar:
    http://berufundchance.fazjob.net/m/%7B6BE6FC8A-E3C2-4E7C-A138-1139CA47668F%7DPicture.jpg

    rml

  4. Christian@ringrocker.com |  30.03.2009 | 07:55 | permalink  

    Manueller Trackback | http://redir.ec/9kDC

  5. Digitale Notizen » Blog Archive » Urheberrecht und Gratis-Kultur |  30.03.2009 | 10:43 | permalink  

    [...] Durch solch hanebüchenen Blödsinn verliert eine Zeitung insgesamt an Glaubwürdigkeit.” Robin Meyer-Lucht ergänzt: “Um gleich noch alle im Netz zu beleidigen, die nicht eindeutig zur klassischen [...]

  6. FS |  30.03.2009 | 11:25 | permalink  

    Ganz nebenbei: es gibt auch auf Carta einen Beitrag auf den man den einleitenden Absatz dieses Textes fast 1 zu 1 übertragen könnte.

    http://carta.info/5585/wegdefinieren-was-ist-wie-die-eu-den-diebstahl-von-liedern-filmen-und-texten-foerdert/

  7. Generator |  30.03.2009 | 14:59 | permalink  

    So einen Unsinn wie den Text von Lieberberg habe ich schon lang nicht mehr gelesen. Ich bin immer ganz erstaunt das ihm das keiner sagt bevor der Text so rausgeht.

  8. Gisela Schmalz |  30.03.2009 | 17:57 | permalink  

    Marek Lieberbergs Text wirkt in der Tat planlos, obwohl ihn die SZ gewiss dafür bezahlt hat. Doch statt die Kernfragen aufzugreifen und Lieberberg fundiert anzugreifen, polemisiert Robin Meyer-Lucht (unbezahlt) dagegen – ohne den eigenen Standpunkt herauszuschälen. Außerdem: Klar haben Musikindustrie und Zeitungsverlage ähnliche Probleme – seit wann hat denn die Printbranche funktionsfähige Online-Geschäftmodelle?
    Wollen Urheber für ihren Content oder ihre Infrastrukturdienste honoriert werden oder damit Geschäfte machen, sollte man ihnen dafür eine Chance geben und ihnen den Weg in einen fairen Onlinemarkt bahnen. Private Initiativen im Bereich Onlinehandel sollten von Usern gefördert, statt durch Gratiskonsum oder illegalen Konsum an der Wurzel abgetötet werden. Ansonsten bestimmen die Querfinanziers – Staat, Stiftungen, Venture Kapitalgeber, Werbekunden – wie das WWW und sein Content in Zukunft aussehen. Mehr zur Frage: Markt oder Nicht-Markt im Netz – im Buch: “NO ECONOMY – Wie der Gratiswahn das Internet zerstört” und hier: http://yeseconomy.net/.

  9. Mike Harms |  30.03.2009 | 22:36 | permalink  

    Marek Lieberberg hangelt sich seit Jahren an den immer gleichen Anekdoten entlang und instrumentalisiert sie nach Gutdünken. Kaum eine Publikation über ihn, in der nicht die alte Geschichte mit dem gestürmten Audimax auftaucht. Das ist einfach nur noch arm, man möchte Mitleid haben mit dem alten Mann. Leider verlegt er sich nicht ganz aufs Anekdotenerzählen sondern versucht seine kranke Anschauung in der Realität durchzusetzen. Gängelt die Presse, wo er nur kann (Pflichtteilnahme an Presseterminen auf dem Rock am Ring) und führt seinen privaten Feldzug gegen die Onlinemedien nach Herrenart. Da wird schlicht nicht akkreditiert oder mit völlig unsinnigen Begründungen zurückgewiesen. Es wird Zeit, dass das Konzertgeschäft in die Hände jüngerer, ideologisch weniger verbohrter Leute abgegeben wird. Dass Leute wie er die Livemusik-Kultur in diesem Land quasimonopolistisch beherrschen, verteuern und publizistisch steuern verlangt eine Einmischung des Staats und nicht die ach so zügellose Verbreitung von geistigem Eigentum.

  10. rml@berlin-institute.de |  31.03.2009 | 12:17 | permalink  

    @ Generator: Dem kann ich nur zustimmen.

    @ Gisela Schmalz: Gisela, verteidigt Du damit Lieberberg? Ich möchte kurz zu bedenken geben:
    – Wir schreiben hier nicht unbezahlt, sondern haben bescheidene Werbeeinnahmen.
    – Wenn man, wie ich hier, einen kleinen Kommentar mit einigen hundert oder auch etwas mehr Lesern im Internet publiziert, dann gibt es dafür nun einmal bislang kein Geschäftsmodell. Es gibt kein Grundrecht des Urhebers auf eine angemessene Verfügung seiner Arbeit durch Endnutzer auch bei minimalen Reichweiten. Ich erkenne an, dass die Leser von Carta es derzeit nicht als “fair” empfinden würden, wenn ich hier an jeden Artikel ein 10cent-Preisschild hänge. So wichtig sind ihnen diese Texte dann eben doch nicht. In Zukunft mag das irgendwann einmal anders sein. Aber bis auf weiteres erscheint mir der freie Zugang zur Information und der Austausch mit den Nutzern viel wichtiger. Und die Leser akzeptieren ja in der Mehrzahl, dass wir ein wenig Werbung machen. Zudem lerne ich sehr viel von den Nutzern und durch die Kommentare.

  11. Gisela Schmalz |  31.03.2009 | 16:16 | permalink  

    @ Robin Meyer-Lucht

    a) Herrn Lieberberg verteidige ich keineswegs, und b) Robin, Dich und CARTA greife ich keineswegs an. Das Wortspiel bezahlt-unbezahlt bezog sich darauf, dass Geld kein Qualitätsmerkmal ist.
    a) Wer, wie Lieberberg (planlos!) von „flächendeckender Enteignung“ schreibt, während Musiker und andere ihre Werke bewusst für alle zugänglich ins Netz stellen und schreibt, „die Filmindustrie zappelt mehr oder weniger hilflos im Netz“, hat die Bodenhaftung verloren. Und der ist im Netz so was von gar nicht verhaftet oder zappelt halt selbst darin… Ansonsten würde der Mann hier evtl. mitschreiben – aber vielleicht auch besser nicht, weil seine Perspektive so eng ist. Auf die Künstler im Einzelnen geht er ja kaum ein, zumal die ihn offenbar weniger als deren Verleger/Agenten/Produzenten interessieren.
    b) Mir gefällt CARTA (Content und derzeitige „Geschäftsidee“), nur nicht, dass es offenbar auch am Tropf des allundeinzigen Google, bzw. dem Werbemodell, hängt. Das kann nur eine Übergangslösung sein. Wo sollen denn die ganzen Werbegelder in Zukunft herkommen, die begabte Autoren motivieren und womöglich (teil-) ernähren können? Es kann natürlich auch sein, dass CARTA zum Leitblog wird, das die verbliebenen Werbebudgets auf sich vereint.

  12. J. Claus Ernst |  01.04.2009 | 18:21 | permalink  

    Lieberberg hat doch im Großenganzen recht: Was die Musikindustrie überrollte – und sie ihrer Einnahmen beraubte -, kommt nun auf schreibende und druckende Zunft zu. In ein paar Jahren wird man auf jedes Buch, auch Neuerscheinungen, problemlos und kostenlos zugreifen können. Verdienen werden daran nicht die Autoren, sondern die Hersteller von elektronischen Lesegeräten, die Mediamärkte und Betreiber von Netzseiten.

    Die Autoren schreiben für lau und Werbeklicks, oder finanzieren sich durch in Dunklen bleibende Hintermänner, die nicht mehr die heutigen Hintermänner sein werden. “Unternehmerische Fantasie” ist ein schönes Wort für Contentklau.
    Und btw, wie lautet der Plural von Narziß?

  13. Immateriblog.de - Matthias Spielkamp über Immaterialgüter in der digitalen Welt |  01.04.2009 | 19:38 | permalink  

    [...] ist ein Trauerspiel. Nachtrag: Robin Meyer-Lucht beschäftigt sich ausführlich mit Lieberbergs [...]

  14. Schutzlos ausgeliefert? Hegemanns Fabel zum Leistungsschutzrecht — CARTA |  09.04.2009 | 17:41 | permalink  

    [...] konstruiert hier erneut die Verbindung von Urheberrecht und geschäftlichem Erfolg, die derzeit stark in Mode ist: Dabei ist zunächst einmal festzustellen, dass in einer Marktwirtschaft, auf die man [...]

  15. Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs — CARTA |  12.05.2009 | 17:34 | permalink  

    [...] Geladen waren die großen Vertreter der Branche, Dieter Gorny, Frank Briegmann oder Marek Lieberberg, aber auch die Vertreter kleinerer Labels und Vertriebe. Allen Teilnehmern gemeinsam war eine [...]

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