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Frank Lübberding

Echtzeit-Journalismus als Geschäftsmodell

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Die Social-Media-Nutzung der klassischen Medien wirft gelegentlich die Frage nach der Seriosität auf: Ist ein Live-Ticker Journalismus?

17.12.2012 | 

Kai Diekmann hat vorgestern in einem Tweet auf diesen Artikel verwiesen. Es geht um die Veränderungen im Journalismus, die durch die sozialen Netzwerke ausgelöst werden. An dem Schulmassaker in Newtown konnte man sehen, wie soziale Netzwerke Verstärkungseffekte auslösen, die den klassischen Journalismus in das Desaster der Echtzeit-Berichterstattung treiben.

Das gilt nicht nur für die USA. So hatten sowohl Spiegel-Online als auch die Süddeutsche Live-Ticker installiert, um über neue Erkenntnisse zu berichten. Unter dem Zeitdruck des Echtzeit-Journalismus war eine Überprüfung der Fakten allerdings unmöglich. So wurden in Echtzeit zumeist lediglich Gerüchte und Falschmeldungen transportiert. Das betraf die Identität des Attentäters genauso, wie etwa die Vermutung, dass die ermordete Direktorin der Grundschule dem Attentäter Einlass gewährt habe.

Solche Live-Ticker haben keine journalistische Funktion: Sie befriedigen die Neugier des Publikums, aber können schon ihrer Natur nach keinen journalistischen Nutzen generieren. Es geht nur um Leserbindung durch Schnelligkeit in einem Wettbewerb namens Exklusiv-Nachrichten. Allerdings findet sich in dem von Diekmann verlinkten Text ein interessanter Gedanke.

“One way to do this is for journalists both pro and amateur to shift their skillset from simply reporting facts to assembling and/or fact-checking them, using the crowd for assistance as Carvin has, and focusing on the kind of approach taken by the BBC’s “user-generated content” desk and other innovative approaches to the process. In the end, we could wind up with not just a new way of building the news, but a dramatically better one.”

Nun bin ich mir nicht sicher, ob auf Plattformen wie der BBC solche Diskussionsprozesse sinnvoll zu organisieren sind. Sie werden zumeist von der Menge der dort zu findenden Kommentare schlicht erschlagen. Relevante Diskussionsprozesse, die aus Rede und Widerrede bestehen, können dort nicht mehr stattfinden. Ein zu großer Schwarm erzeugt nur noch Konformität – oder Selbstgespräche, wo jeder lediglich auf sich selbst hört.

Solche Diskurse funktionieren aber in einer Struktur, die mit einem guten Universitätsseminar vergleichbar wäre. Eine überschaubare Zahl Teilnehmer versucht die Hintergründe eines Sachverhalts zu ergründen und zugleich kontrovers zu diskutieren. Solche Debatten brauchen unterschiedliche Sichtweisen und nichts weniger als die Neigung, sich in seiner Meinung über die Welt bloß bestätigen zu lassen. Das fehlende Irritationsmoment ist nämlich zugleich das größte Defizit des Echtzeit-Journalismus. In ihm geht es nur um die Generierung von Aufmerksamkeit. Diekmanns “Bild” liefert dafür jeden Tag neue Beispiele.

Blogs sollten hier ihre Nische suchen. In der Schnelligkeit können sie nicht mit Twitter mithalten, und ihre begrenzten Ressourcen machen sie in der Konkurrenz zu großen Nachrichten-Plattformen chancenlos. Aber sie sind wahrscheinlich das einzige Format, um das einzulösen, was Mathew Ingram in dem Zitat fordert: Strukturierte Debatten über das zu ermöglichen, was gerade passiert – und/oder in dieser Gesellschaft wichtig ist. Und damit zugleich den Journalismus zu irritieren. Dass er es nötig hat, zeigte sich an der Berichterstattung über Newtown. Er verfehlt nämlich seine Funktion, wenn er die Defizite sozialer Netzwerke zur Grundlage eines neuen Geschäftsmodells zu machen versucht.

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Darf man den Opfern des Schulmassakers ein Gesicht geben?
Crosspost von Wiesaussieht

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4 Kommentare

  1. Wolfgang Michal |  17.12.2012 | 17:38 | permalink  

    Guter Ansatz. Damit könnten die Blogs über die enge Fokussierung auf Medien hinausgehen. Auf der anderen Seite ist ein Diskurs ohne Nachrichten, die man in Zweifel ziehen kann, unmöglich ;-)
    Die Klärung, die früher vor der Veröffentlichung stattfand, findet heute quasi während der Veröffentlichung statt, was wiederum dazu führt, dass man nie genau weiß, ob das Gesagte nur vorübergehend – bis zum nächsten Update – stimmt. Oder “richtig” stimmt. Eigentlich müssten die Tickernachrichten “vorläufige Nachrichten” heißen. Oder es müsste – wie bei den Lottozahlen – “Ohne Gewähr” drunter stehen.

  2. Salim Spohr |  18.12.2012 | 03:08 | permalink  

    786 – Grüß Gott – Irgendwie bin ich es müde, von Debatten-Kulturen zu lesen, die vielleicht so strukturiert sein könnten wie Uni-Seminare. Und je mehr Teilnehmer ein solcher Diskurs hätte, um so ermüdender wäre er wohl.

    Die Frage lautet, ob der vielbeschriebene Weg der Diskussion überhaupt der richtige ist. Ich möchte nicht durchgeschüttelt (*discuttere (??)) werden, sondern einfach wissen, was geschieht. Sagt ein altes Apokryph: “Dem Kosmos zu gehört der Tanzende, wer nicht tanzt, begreift nicht, was geschieht.”, könnte es ganz falsch, ja nachgerade sündhaft sein, auf einem Stuhl an einem Tisch vor einem Macbook zu sitzen und einen Text zu tippen, wenn es doch zu tanzen gilt. “Hic Rhoso, hic salta!”, könnte die dringende Empfehlung heißen. – Die Frage lautet, ob es wirklich nötig ist, sich in ein so ermüdendes und risikobehaftetes Geschäft zu stürzen, das da Diskurs heißt. Gibt es denn nicht einen einfacheren Weg, zu wissen, was geschieht, als den? – Die Frage lautet, ist das Sitzen vor einem Computer und das Schreiben von Text nicht schon an sich selbst eine raffinierte Art, Wirklichkeit gerade zu verfehlen?

    Vielleicht entspringt der all-überall zu hörende Lobpreis des Diskurses einer übertriebenen Vorsicht vor der Wirklichkeit, einer Art Feigheit vor einem vermeintlichen Feind, der tatsächlich der beste Freund ist? – Sollte den Kindern Adams nicht noch ein ganz anderer Weg zur Wirklichkeit offenstehen als der des publizierten Disputes und dem Zuklatschen der Menge, “… darüber der Philosoph errötet, der populäre Witzling aber triumphiert und trotzig tut” (hat Meister Immanuel mal gesagt)? – Ich weiß es leider nicht.

  3. frank krings |  19.12.2012 | 14:00 | permalink  

    Es ist doch Quatsch, das Bedürfnis nach Echtzeit-News als unseriös und Angebote wie einen Twitter-News-Feed als “unjournalistisch” abzutun. Das man früher im 24h-Takt ( Tageszeitungen) oder Stunden-Takt (TV-News) auf Updates warten musste, war ja nicht journalistisch intendiert sondern einfach nicht besser umsetzbar. Und die Nutzer sind auch nicht dumm und unfähig, Echtzeit-Gerüchte oder “vorläufige Nachrichten” (gute Formulierung!) von recherchierten Artikeln zu unterscheiden. Beispiel für die verschiedenen Modi:
    Social Media ist halt Echtzeit, SPON u.ä. Online-Portale sind “Schnellzeit” und irgendwann ist dann Donnerstag und die ZEIT bringt im “Analyse”-Modus einen Hintergrundbericht, Experten-Meinungen etc.. Blogger sehe ich sowohl im “Schnellzeit”- wie im “Analyse”-Modus.

  4. Neue Wege #7 | Privatsprache – Projekt: Blackbox |  22.12.2012 | 12:05 | permalink  

    [...] 17.12.12 setzte sich Frank Lübberding auf Carta kritisch mit der Liveberichterstattung via Ticker von dem Amoklauf in Connecticut auseinander. [...]

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