Wolfgang Michal | 6 Kommentar(e)
Der Streit um die Flatrate geht munter weiter. Denn es sind noch immer abstruse Vorstellungen über sie im Umlauf. Die Grünen haben das Problem inzwischen erkannt – und auf ihrem Europa-Parteitag für die Einführung einer Kulturflatrate geworben.
12.02.2009 |
Marcel Weiss ist – wie er selbst schreibt – „RSS-Junkie“ und „Vollblut-Netize“. Er studiert BWL und betreut als verantwortlicher Redakteur die verdienstvolle Website netzwertig.com. Vor einigen Tagen hat er mich aufgefordert, seine Argumentation zur Kulturflatrate endlich einmal vorurteilslos zur Kenntnis zu nehmen. Das will ich versuchen (auch wenn er meine Position mit ein bisschen Schaum vor dem Mund für einen „irrwitzigen Vorschlag“* hält).
Was sind Marcel Weiss’ Argumente gegen eine Kultur- oder Journalismus-Flatrate?
Ihn stört vor allem, dass sie ein „bürokratisches Monster“ gebären muss – und zwar allein zu dem Zweck, die sinkenden Gewinne einer inkompetenten Industrie (er meint die derzeitige Musikindustrie) wieder aufzupäppeln. Mit einer von der Industrie gelenkten „zentralen Instanz“ („eine verwaltungstechnische Mammutaufgabe“) würden die gesunden Marktmechanismen umgangen werden, was dazu führe, dass ein zu Recht sterbendes Geschäftsmodell künstlich am Leben erhalten werde.
So weit die Hauptargumentation. Darüber hinaus warnt Weiss vor den praktischen Problemen der Umsetzung. Eine Flatrate, sagt er, nütze nur den durchsetzungsstarken Großen und schade den kreativen Kleinen. Das könne anhand der GEMA studiert werden. Auch wisse niemand, auf welcher Mess-Grundlage der Verteilerschlüssel für das Geld eigentlich festgelegt werden soll (statistische Stichproben? Einschaltquoten? Downloads? Page Impressions?). Und schließlich erfordere eine gerechte Verteilung der Gebühren einen gigantischen Überwachungsaufwand – gar nicht zu reden von den vielfältigen Betrugsmöglichkeiten, beginnend beim organisierten Fanclub-Download bis zu allerhand technischen Manipulationen an den Messgeräten.
Was ist von solchen Einwänden (die auch in anderen Blogs seit Jahren zirkulieren) zu halten?
Man sollte sie ernst nehmen. Denn sie enthalten ein paar ausgewachsene Denkfehler und eine ganze Menge Ressentiment. Und sie zeugen von einer gewissen Mutlosigkeit, das Neue politisch zu gestalten. Denn die gefürchtete „zentrale Instanz“ – sagen wir: eine zu gründende öffentlich-rechtliche Internet-Anstalt – würde zwar (wie eine Rundfunkanstalt) die Netz-Produktionen (Blogs, Web-Magazine, Podcasts, Web-TV etc.) ermöglichen, aber nicht – wie von Weiss befürchtet – die „Einschaltquoten“ (= die Nutzung) messen. Das müssten unabhängige Institute (siehe GfK) und/oder Verwertungsgesellschaften (VG Wort) besorgen. Der Aufwand wäre beileibe nicht so groß wie von Weiss befürchtet (viel “irrsinniger” ist doch der Aufwand, alle illegal ins Netz gestellten Inhalte durch individuelle Abmahnverfahren zu beseitigen oder Illegales seitens der Einsteller – durch Entpacken jeder einzelnen Datei – herauszufiltern und zu entfernen).
Kommen wir zur Frage der technischen Messbarkeit: Es ist in der digitalen Welt ohne weiteres möglich, jede einzelne Nutzung von einem Zähler abzulesen. Niemand ist auf Schätzungen oder Hochrechnungen angewiesen. Wer das „Wahnsinn“ oder „Überwachungsstaat“ nennt, verdrängt, dass der Wahnsinn – mit unserer tätigen Mithilfe – längst praktiziert wird („Google: Der Spion, den wir lieben“). Auch die Werbung im Netz nutzt solche „Überwachungs“-Daten. Das Problem der Speicherung (das man datenschutzrechtlich lösen muss) wird also nicht erst durch eine Kulturflatrate aufgeworfen, es ist existent.
Auch dass es – wie überall auf der Welt – Betrugsmöglichkeiten gibt, ist unbestreitbar. Aber wird die Autoversicherung abgeschafft, weil es Versicherungsbetrug gibt? Nein. Man trifft Vorkehrungen (Technik, Strafrecht etc.), um den Betrug klein zu halten. Das ist der übliche Weg. Denn es gibt weder ein Flatrate-Paradies noch ein betrugsfreies Leben.
All das sollte uns freilich nicht daran hindern, die Elle demokratischer Prinzipien an künftige Internetanstalten öffentlichen Rechts und an entsprechende Verwertungsgesellschaften anzulegen: Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, Partizipation. Alle beteiligten Gruppen (auch die künftige IG Blog) müssen in den Aufsichtsgremien vertreten sein.
Dass die Grünen (die ja nicht für staats-sozialistische Experimente bekannt sind) auf ihrem Europa-Parteitag den Flatrate-Gedanken erstmals unterstützten, ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Politik das Problem erkannt hat.
*P.S. Oliver Moldenhauer von Attac schrieb bereits 2004 (!): „Die eigentlichen ‚Nachteile’, die eine Einführung der Flatrate behindern, liegen woanders: Verlieren würden nämlich die Plattenfirmen, die bisher wesentlich mehr Kontrolle über den Markt haben. Ebenfalls verlieren würden die Hersteller von DRM-Technologie und Online-Shops. Diese mächtige Lobby blockiert mit ihrer beispiellosen Verleumdungs- und Angstkampagne bisher den innovativen Vorschlag der Flatrate.“






[...] irgendwo herunterladen. Ob das mit einer Kulturflat besser wäre, wie sie aktuell von Wolfgang Michal verteidigt wird? Ich fürchte [...]
[...] Michal erklärt auf Carta seine Sicht auf die Kulturflatrate und warum daraus kein bürokratisches Monstrum entstehen [...]
Lieber Wolfgang,
den Anfang zu einer Versachlichung der Diskussion müsste eigentlich die Streichung des Wortes “Kulturflatrate” machen. Das Wort suggeriert, dass man einmal zahlt und dann soviel “Kultur” nutzen kann, wie man möchte. Da die Einnahmen aus der “Kulturflatrate” aber begrenzt sein werden, wird auch die Kulturproduktion und das Kulturangebot begrenzt sein – folglich steht also auch nicht soviel zur Verfügung, wie man möchte – also nicht “flat”. Der Begriff stammt zudem aus dem privatkommerziellen Umfeld und verschwurbelt die regulative Maßnahme.
Die Medienpolitik sollte die Strukturen schaffen, damit sich Abo- und Bezahlmodelle für hochwertige Inhalte durchsetzen – auf freiwilliger Basis der Bürger.
Eine Abgabe zur Finanzierung einer “IG Blog” wird es nie geben.
lg,
Robin
Wie man es nennt, ist nicht so wichtig. Vor einigen Jahren gab es die (interessante) Diskussion um eine “Content-Flatrate”. Flat bedeutet nichts anderes als Monatsgebühr – analog zu den Monatstarifen von Telekom, vodafone, arcor etc. Auch die werden meines Wissens freiwillig von den Kunden bezahlt.
Wer die Flatrate nicht will, muss eine vernünftige, praktikable, die Urheberrechtsprobleme lösende, bezahlbare und die Autoren (Content-Lieferanten) zufrieden stellende Alternative anbieten. Da ist aber seit 2004 wenig passiert. (Siehe meinen Carta-Beitrag “Ein Geschäftsmodell ist kein Dogma”.) Ich würde es begrüßen, wenn mal was käme.
Offener Brief an die Bundesjustizministerin Zypries und an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zur Content-Flatrate
Ich bin auch der Meinung, dass sich Bezahlmodelle nur auf Basis freiwilligen Entscheids durchsetzen können, wobei ich die Musikindustrie nicht mit allen anderen Content produzierenden Industrien in einen Topf werfen würde.
Eine Sache liegt mir noch auf der Zunge, und zwar zum Punkt “Zentralinstanz”, die nach der Meinung von Marcel Weiss von der Musikindustrie gestellt werden würde:
Vielmehr ist es so, dass Labels ihren Backkatalog zur Verfügung stellen und vom Anbieter die Rechte gezahlt bekommen. Verhandelt wird mit den Labels und nicht mit einer Zentralinstanz. Ist auch so schon umgesetzt geworden (Flatrates für Musik gibt es bereits seit Herbst letzten Jahres).
[...] eigenen Blogpost zusammengefasst. Anders sieht das Wolfgang Michal, der auf Carta von den “(übertriebenen) Sorgen des Marcel Weiss” [...]