Robin Meyer-Lucht

Hombach, die WAZ und die Pressekonsolidierung

Robin Meyer-Lucht | 3 Kommentar(e)

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Kostensparen und das Drängen auf Konsolidierung lässt sich gut kombinieren – wie der Fall WAZ vs. DPA zeigt. Die Politik steht vor der Frage, ob sie für “Flickenteppiche” in der Presselandschaft kämpft, oder auf “vielfaltssichernde Maßnahmen” hereinfällt.

02.02.2009 | 

In der Krise verhandeln die Unternehmen ihre Zuliefererverträge neu und streben in angeschlagenen Märkten nach Konsolidierung. In seltenen, aber sehr praktischen Fällen lassen sich dabei beide Ziele miteinander verbinden: Wenn man durch das Bedrängen eines zentralen Zulieferers die Konsolidierung in der eigenen Branche voranzutreiben vermag. Wie bei der WAZ zum Beispiel.

Seit Anfang des Jahres beziehen alle Zeitungen der WAZ-Gruppe aus dem Ruhrgebiet und aus Thüringen keine DPA-Dienste mehr. Die WAZ spart dadurch gut 3 Mio. Euro pro Jahr. Die DPA verliert etwas mehr als 3 Prozent ihres Umsatzes.

Die beiden WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach und Christian Nienhaus verhehlen nicht, dass es Ihnen bei der Kündigung nicht allein um die erheblichen Kosten, sondern auch um die Preisstruktur des DPA-Angebots ging:

Bodo Hombach sagte vor einigen Tagen der FTD:

„Solidarität kann nicht heißen, dass große Zeitungen viel bezahlen, obwohl sie über eigene Korrespondenten verfügen und nur wenig DPA-Material nutzen, während kleine Zeitungen, die ihren Mantelteil mit DPA bestreiten, weniger zahlen.”

Christian Nienhaus legte am Sonntag in der WAMS nach:

“Die dpa betreibt eine Umverteilung von großen zu kleinen Zeitungen”

Die Preisstruktur der DPA ist bislang weitgehend linear von der Zeitungsauflage abhängig und dabei zugleich unabhängig von der Nutzung der Dienste. Eine Zeitung mit einer Auflage von 1 Mio. Exemplaren zahlt folglich rund zwanzig Mal mehr für dieselben Nachrichten der DPA als eine Zeitung mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren. Obwohl die kleinere Zeitung auf die DPA-Inhalte möglicherweise häufiger zurückgreift – zahlt sie dafür aber nicht extra. Besonders ungünstig ist solch eine Tarifstruktur für Titel wie die Bild-Zeitung, wo sich der heutige WAZ-Geschäftsführer Nienhaus in seiner vorherigen Position schon lange über den Kostenfaktor DPA geärgert haben dürfte.

Indem die WAZ die Tarifstruktur der DPA angreift, zielt sie nicht nur auf niedrigere Kosten für Großverlage – sie sägt zugleich am Ast, auf dem die kleinen Tageszeitungenhäuser sitzen. Thomas Knüwer spricht folgerichtig von einer “handfesten Kriegserklärung”. Die WAZ versuchte, “kleine Tageszeitungsverlage sturmreif zu schießen”. Mit DPA-Kündigung solle die nächste Konsolidierungswelle im Tageszeitungswesen eingeleitet werden.

Es wäre wohl falsch, hier den Hauptgrund der DPA-Kündigung durch die WAZ zu sehen – sehr wohl aber einen praktischen Nebeneffekt. Eine Schwächung der DPA bedeutet eine Schwächung eben der Struktur, die es bisher erlaubte, in Deutschland Regionalzeitungen mit über 120 unabhängigen Mantelredaktionen zu betreiben. Was die kleinen Mantelredaktionen von der DPA wollen, ist schnell klar. Ob die Großen die DPA langfristig brauchen, scheint nicht mehr ganz so klar.

Hierzu lohnt sich ein Blick in die Schweiz. Der schweizerische Zeitungsgroßkonzern Tamedia hat vor einigen Monaten das “Newsnetz” gegründet — eine gemeinsame Online-Nachrichtenredaktion der drei großen Regionalzeitungen der Deutschschweiz mit mehr als 40 Redakteuren. Mittels solcher Zentralredaktionen können sich die neu entstehenden Zeitungsketten von einzelnen Nachrichtenagenturen unabhängiger machen. Ähnliche Entwicklungen werden wir auch in Deutschland sehen.

Das Gezerre um die DPA wird dabei nur der Vorbote einer umfassenderen Konsolidierung der deutschen Tageszeitungslandschaft bleiben. Viele der kleinen, nach dem zweiten Weltkrieg in Westdeutschland entstandenen Regionalzeitungen stehen unter hohem Druck durch Wirtschaftskrise und Medienwandel. Viele Regionalverleger wollen in der nächsten Zeit verkaufen, da sie sich alleine den Weg in die neue Medienwelt nicht zutrauen.

Hier kommt Bodo Hombach und die spezielle politische Konfiguration in Nordrhein-Westfalen ins Spiel. Schon der letzte große Versuch, neue politische Rahmenbedingungen für die Pressefusion zu schaffen, ging von hier aus. Wolfgang Clement hat vor fünf Jahren als Bundeswirtschaftsminister versucht, das Pressekartellrecht zu lockern. Sein Gesetz enthielt den leidigen SPD-Irrtum, man könne mit “vielfaltssichernden” Maßnahmen die Folgen einer  ökonomischen Konsolidierung abmildern. Die Novelle scheiterte am vorzeitigen Ende der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder.

Hombach kämpft nun erneut für eine Lockerung der Pressefusion. Der Wirtschaftswoche sagte er kürzlich:

“Das Kartellgesetz in Deutschland verhindert, dass sich benachbarte Zeitungsverlage gegenseitig stabilisieren. Es zwingt Verlage zu einer Flickenteppich-Strategie. Natürlich gibt es einige sehr interessante Projekte im Regionalzeitungsbereich, die wir uns ansehen. Aber leider ist gerade das, was den größten ökonomischen Vorteil ausmachen könnte, nämlich die verlagswirtschaftliche Verknüpfung, bei gleichwohl unabhängigen Titeln in angrenzenden Gebieten kartellrechtlich verboten.”

Nach der Bundestagswahl wird sich die Politik erneut mit der Frage zu beschäftigen haben, wie gut das Pressefusionsrecht geeignet ist, Vielfalt in Zeiten der Zeitungskonzentration zu sichern. Zu Hombach ist dabei zu sagen:

  1. Die monierten „Flickenteppiche“ stellen genau jene Struktur dar, die Ziel der Wettbewerbs- und Medienpolitik sein sollte:  Die sich langläufig herausbildenden Zeitungsketten sollten  “Flickenteppiche” aus Blättern besitzen, die über das ganze Land verstreut sind.  Kein Zeitungsverlag sollte in der Lage sein, ganze Regionen oder gar Bundesländer zu monopolisieren. So herrscht zumindest Konkurrenz in den Überlagerungsbereichen der Titel und um die überregionalen Anzeigenkunden. Wenn aufgrund der Tageszeitungskrise die Einzeitungskreise weiter zunehmen, ist ein solcher Flickenteppich noch am besten geeignet, wettbewerbliche Strukturen zu sichern.
  2. Eine “verlagswirtschaftliche Verknüftung bei unabhängigen Titeln” bedeutet konkret, dass unter dem Deckmantel formal unabhängiger Redaktionen der Anzeigen- und Lesermarkt-Vertrieb zusammengelegt werden. Damit stirbt der Wettbewerbs auf diesen beiden Märkten. Die Anzeigen- und Zeitungspreise können entsprechend steigen. Hinter dem vermeintlichen Vielfaltsvorteil stehen erhebliche ökonomische Nachteile für Leser und Anzeigenkunden. Auch wenn sich seine Branche konsolidieren muss: Marktbeherrschende Stellungen sollten nicht zum Verkauf stehen.

Die erneute Tageszeitungskrise stellt neue Fragen an die Politik, wie sie die Konsolidierung auf diesem Medienmarkt gestalten will. Bislang gibt es in Deutschland ein strenges, aber keinesfalls einschnürendes Kartellrecht. Es mag auf dem Weg einer gut gemischten Zeitungsteppich-Landschaft einige unnötige Hürden enthalten und ihm mögen einige sinnvolle Steuerungsmechanismen fehlen. Zumindest öffentlich denkt die Politik derzeit wenig darüber nach. Zugleich ist die Gefahr groß, dass sie unter dem Vorwand der Vielfalts- und Arbeitsplatzsicherung die mehr als bewährten Grundprinzipien des Kartellrechts aufgibt. In Erwartung einer “verlässlichen” Berichterstattung könnte sie Ausnahmescheine vergeben.

Das Gerangel um die DPA ist so gesehen nur der Anfang, um über die richtigen strukturpolitischen Maßnahmen im Zuge des Medienwandels anzudenken. Dabei ist erstaunlich, wie schnell Institutionen der alten Medienwelt inzwischen in den Ruch der Disposition kommen. Ein “Aus” der DPA sei “kein komplett unrealistisches Szenario” schreibt Kai-Hinrich Renner in der Welt, die ausgerechnet aus dem Haus kommt, das zu den größten DPA-Kunden gehört.

Update: Laut Kress.de sammelt die DPA “eifrig” nach Belegen, wonach die WAZ-Redakteure trotz Vertragskündigung noch immer mit DPA-Material arbeiten.

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3 Kommentare

  1. Matthias Schwenk |  02.02.2009 | 19:47 | permalink  

    Eine interessante Sicht auf die Dinge! Die Politik sollte sich hier wohl doch mehr Gedanken machen, denn was nützt es, “Flickenteppiche” im Printbereich um der Meinungsvielfalt in einer Demokratie zu schützen, während im Web ganz andere Verhältnisse herrschen?

  2. Robin Meyer-Lucht |  02.02.2009 | 19:57 | permalink  

    Noch haben Online-Angebote bei Regionalinhalten nach meiner Einschätzung nicht genug Reichweite, um eine relevante Konkurrenz zu den Regionalzeitungen darzustellen (zumindest im Lesermarkt, im Anzeigenmarkt bin ich mir wg. Google und Regio-Targeting gar nicht mehr so sicher). Das sollte man im Blick haben, wenn man über die neue Vielfalt aus dem Netz spricht. Mittelfristig werden die Printverlage aber genau so argumentieren: Wir sind gar nicht so dominant, weil es ja noch das Netz gibt.

  3. DonDahlmann |  02.02.2009 | 20:41 | permalink  

    Die Frage ist für mich aber auch, ob die kleinen Tageszeitungen die dpa in Zukunft überhaupt noch benötigen. Für mich ist es fraglich, ob stark lokal ausgerichtete Zeitungen mehr als einen rudimentären Basisdienst benötigen. Die Verfügbarkeit von Informationen ausserhalb des lokalen Umfeldes, findet eh auf anderen Plattformen statt. Niemand wird seine Heimatzeitung ansteuern, wenn eine plötzliche Krise in der Welt oder ein andere Vorfall auftaucht. Da werden die großen Portale und das Fernsehen weiter die Nase vorn haben. Viele Leser werden sich auch fragen, warum sie eine Zeitung mit dpa Auslandsmeldungen kaufen sollen, deren Meldungen sie 24 Stunden vorher schon dreimal im Netz, in ihren RSS-Feeds und evtl. bei Twitter gelesen haben.
    Die Schweiz ist für Lokalzeitungen eigentlich ein schönes Vorbild, weil viele der kleinen Zeitungen sehr stark lokal geblieben sind. Ein Mantelteil ist aber durchaus eine praktische Lösung, weil man dann die verhandenen Ressourcen eben auf das Lokale ansetzen kann. Da liegt, meiner Meinung nach, die Zukunft vieler Holzausgaben.

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