Till Westermayer | 22 Kommentar(e)
Der Bundesgeschäftsführer der Piraten hat auf einigermaßen spektakuläre Weise in der FAZ auf Anwürfe gegen seinen zeitweiligen ALG II-Bezug geantwortet. Damit ist er der erste führende Politiker, der dieses Thema aus eigener Erfahrung beurteilen kann und offen dazu Stellung nimmt.
08.07.2012 |
FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ist ja so was wie ein Piratenfan. Auch deswegen ist dem politischen Geschäftsführer der Piraten, Johannes Ponader, ein kleiner medialer Coup gelungen: Er hat – um die Pointe vorwegzunehmen – öffentlich erklärt, auf seinen Arbeitslosengeld-II-Anspruch zu verzichten.
Das hat eine ganze Menge unterschiedlicher Reaktionen ausgelöst, vor allem von denen, die Ponaders Überschrift »Abschied vom Amt« falsch verstanden haben. Parteiübergreifend, versteht sich (schön analysiert dies das Blog der digitalen LINKEN). Und es war auch eine Reaktion – darauf, dass versucht wurde, ihn öffentlich in eine Reihe mit Florida-Rolf etc. zu stellen, also als einen, der Sozialleistungen missbraucht.
Ich finde Ponaders Reaktion nach wie vor respektabel.
Bei einem freiberuflichen Theatermenschen ist die Idee, dass es sich hierbei durchaus auch um eine Inszenierung handelt, nicht so weit hergeholt – aber: die ist gelungen, und sie erfüllt meines Erachtens sowohl den Zweck, ihn selbst politisch zu präsentieren (das ist etwas, für das PolitikerInnen gerne auch einmal bezahlt werden, jedenfalls durchaus ihre Aufgabe), als auch den Zweck, eine ganze Reihe von Missständen im Zusammenhang mit der Agentur für Arbeit und den Hartz-Gesetzen einem damit sonst eher nicht in Berührung kommenden Publikum vor Augen zu führen. Auch wenn’s in diesem Fall die politische Konkurrenz macht, finde ich das Vorgehen hier gut und richtig.
Ebenso wichtig ist es, dabei zwischen den unterschiedlichen Ebenen zu unterscheiden, die der »Fall Ponader« inzwischen angenommen hat. Ein Argumentationsstrang – zuletzt ist mir hier vor allem Bodo Ramelow aufgefallen – bezieht sich auf die Ehrenamtlichkeit politischer Ämter. Ein zweiter Diskursstrang betrifft die Frage, ob die von Ponader beschrieben Missstände im Jobcenter Einzelfallcharakter haben oder nicht. Und drittens geht es um die große Frage nach der Zukunft der Erwerbsarbeit und um das bedingungslose Grundeinkommen. All das vermischt sich in der Diskussion.
I. Die Ebene der Ehrenamtlichkeit
Johannes Ponader ist politischer Geschäftsführer der Piraten. Das ist in der Piratenpartei, wie alle Vorstandsposten, ein Ehrenamt. Er selbst legt Wert darauf, zwischen seinem Amt des politischen Geschäftsführers und dem Amt eines oder einer BundesgeschäftsführerIn zu unterscheiden; letzteres eher als Verwaltungsfunktion verstanden. Auf grüne Verhältnisse übertragen: Ponader ist die Steffi Lemke der Piraten, nicht deren Dorothea Staiger (Organisatorische Gechäftsführerin).
Die Linie der Piraten, zunächst einmal die Angestellten der Partei zu entlohnen (PressesprecherIn, Buchhaltung, oder eben auch Bundesgeschäftsführung), und den Vorstand bis auf weiteres ehrenamtlich auszugestalten, finde ich für eine junge, finanziell und politisch noch nicht so ganz etablierte Partei nicht so ungewöhnlich.
Ohne das im Detail recherchiert zu haben, würde es mich nicht wundern, wenn beispielsweise die Landesvorsitzenden, SchatzmeisterInnen etc. grüner Landesverbände auch heute nicht in allen Bundesländern hauptamtliche Posten sind. Aus Baden-Württemberg (vergleichbar viele zahlende Mitglieder wie bei den Piraten auf Bundesebene) weiß ich, dass wir unsere beiden Vorsitzenden und den Schatzmeister bezahlen, dass das aber von der Ausgestaltung her eher 3/4-Stellen sind.
Natürlich hat es Schattenseiten, wenn eine Partei ihr politisches Personal nicht bezahlen kann. Die 20, 30, 40 Stunden Engagement pro Woche neben einen Beruf zu packen, dass ist es etwas, das vermutlich ziemlich viel mit Burnout und hoher Fluktuation zu tun hat. Besonders professionell ist es nicht.
Aber, um zum Punkt zu kommen: Wenn der Bundesvorsitzende der Piraten, Bernd Schlömer, im Hauptberuf Beamter im Verteidigungsministerium ist, und sich nebenbei ehrenamtlich politisch engagiert, dann mag das zu Debatten über die politische Zurückhaltungspflicht von BeamtInnen führen. Es stellt aber niemand in Frage, dass das prinzipiell möglich ist. Sonst wäre es – wenn die Piratenpartei nicht das Geld oder den Willen hat, ihr politisches Personal zu bezahlen – letztlich ein Job, der nur den Ehemännern reicher Frauen, FabrikbesitzerInnen oder von MäzenatInnen geförderten Menschen möglich wäre.
Ponader hat einen Hauptberuf – er ist freiberuflicher Theaterpädagoge und Regisseur. Das ist nun nicht unbedingt eine Tätigkeit, die mit hohen Einnahmen verbunden ist. Aufgrund der Freiberuflichkeit mag diese Tätigkeit manchen suspekter erscheinen, als sie es wäre, wenn Ponader in, sagen wir, einem Jugendzentrum fest angestellt wäre. So sieht unsere Berufswelt heute aber schon längst nicht mehr aus.
Bevor ich zu den anderen beiden Ebenen komme, muss ich doch noch eine spitze Bemerkung zu LINKEN und anderen SozialdemokratInnen loswerden. In der Debatte um Ponaders Text in der FAZ waren sie es, die sich meinem Gefühl nach am meisten dadurch hervorgetan haben, dass sie forderten, er solle sich doch einen ordentlichen Job suchen.
Und das ist leider kein Einzelfall: Sozialdemokratie steht nach wie vor fest zu Bebel und der Bibel: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Im Kern der Arbeitspartei steht nach wie vor eine Arbeitsreligion, der alles als höchst seltsam und fragwürdig erscheint, was sich nicht in ein reguläres Nine-to-Five-Arbeitsverhältnis mit Wochenendzulagen packen lässt.
Das führt dann auf der anderen Seite – beispielsweise in den Gewerkschaften – nicht nur zu einem schwierigen Verhältnis zu Alleinselbstständigkeit und Freiberuflichkeit, sondern auch dazu, dass eine Hierarchie bezahlter Funktionärsposten als völlig selbstverständlich erscheint. Und was – wie in autonomeren Bewegungen üblich – ohne Geldleistung freiwillig gemacht wird, kann ja nichts wert sein. Hier prallen immer noch Welten aufeinander.
II. Die Missstände im Jobcenter
In seinem Text beschreibt Ponader sehr plastisch, dass die Arbeitsagentur trotz aller Kunden-Rhetorik nach wie vor eine auf ganz bestimmte Ziele hin ausgerichtete Behörde ist. Ich will gar nicht in Frage stellen, dass es auch dort MitarbeiterInnen gibt, die sich engagiert und aktiv darum kümmern, passende Jobs für ganz unterschiedliche Menschen zu finden.
Generell betrachtet halte ich das von Ponader beschriebene System für höchst plausibel. Und er ist ja auch nicht der erste, der sich darüber beklagt – aber vielleicht der erste, der das so unerwartet sichtbar und offensiv tut.
Auch die Arbeitsagentur hängt, meine ich jedenfalls sagen zu können, sehr stark an herkömmlichen Vorstellungen von Arbeit und Beruf. Freiberuflichkeit mit Phasen der Arbeitslosigkeit dazwischen – das passt nicht ins Vermitlungsschema. Und brotlose Künste erst recht nicht – wollen Sie nicht was Vernünftiges machen, junger Mann?
Vor inzwischen auch schon wieder zwölf Jahren war ich stellvertretender Vorsitzender des AStA/u-asta der Universität Freiburg. Ein Ehrenamt, neben dem weiter studiert wurde. Und was tat die damals noch Arbeitsamt heißende Behörde, als zufällig mein Name in der Zeitung stand? Bei meinem Vater anrufen, ob denn das Kindergeld, das meine Eltern damals für mich bekamen, korrekt abgerechnet sei. Schließlich sei ich ja als AStA-Vorstand tätig, und das sei ja sicher bezahlt, insofern der Anspruch auf Kindergeld vermutlich nichtig. Was es natürlich nicht war.
So dachte das Arbeitsamt vor zwölf Jahren, und mit mindestens demselben Misstrauen agiert die Agentur für Arbeit heute.
Ich selbst hatte mir der Agentur für Arbeit bisher einmal zu tun. Nicht als Hartz-IV-Empfänger, sondern in der recht komfortablen Situation, als Akademiker mit Anspruch auf ALG-I nach dem Auslaufen einer Drittmittelstelle diesen Anspruch für ein paar Monate überbrückend einlösen zu können.
Akademiker: Wichtig, weil da im Jobcenter durchaus sortiert wird, und die Behandlung eine andere ist. Meine Betreuerin versuchte, hilfreich zu sein – aber den spezialisierten, zu einem großen Teil auf Kontakte und »mitkriegen, dass was frei wird« beruhenden Jobmarkt für Soziologen mit meinen Spezialisierungen hatte ich trotzdem deutlich besser im Blick als sie, die für alles von Zahnmedizinerinnen bis zu Altägyptologen zuständig war.
Dass das Amt Termine festsetzte, statt sie zu vereinbaren, nervte mich ebenso wie die abgeschlossene Zielvereinbarung, die vor allem aus »aktiv selbst nach Angeboten suchen und Profil im Internetangebot der Agentur für Arbeit anlegen« bestand. Den Fragebogen, den ich ausfüllen musste, fand ich auf meine Situation wenig passend (‘An welchen Wochentagen stehen Sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung?’ – wegen Kinderbetreuung, aber die hing bei mir nicht an Wochentagen …). Und Angebote, die tatsächlich für akademische Karrieren zielführend wären, gab es eh nicht (eine Beratung zum Jobmarkt in der Schweiz, bei der die Fragen, die ich hatte, nicht wirklich beantwortet werden konnten).
Wenn ich mir die Situation auf dem akademischen Arbeitsmarkt generell so anschaue, dann wäre, um nur ein Beispiel zu nennen, etwas wie ein staatliches Stipendium zur Beendigung eines Promotionsvorhabens deutlich sinnvoller als der Versuch, Menschen auf Teufel komm raus in Werbeagenturen und Callcenter downzugraden.
Aber das ist eben nur ein Teilbereich des Arbeitsmarkts, neben vielen anderen. In denen jeweils unterschiedliche Regeln und Erwartungen gelten, die letztlich alle in ein Raster gepresst werden müssen – nur als Beispiel: Zuverdienstmöglichkeiten! Dass das auch unter Androhung von Sanktionen nicht wirklich gut funktionieren kann, verwundert mich jetzt nicht.
Meine eigene Erfahrung ist aber nicht nur die eines speziellen Teilmarktes des Arbeitsmarkts, sondern auch eine ALG-I-Erfahrung. Nach allem, was ich darüber weiß, kippt die Balance von Fördern und Fordern bei ALG-II noch einmal deutlich weiter ins Ungleichgewicht, fällt auch die »Betreuung« anders aus, geraten »Vermittlungsfälle« noch viel stärker in den Vordergrund gegenüber Persönlichkeiten und Kompetenzen. Auch insofern kann ich Ponaders Kritik gut nachvollziehen, und finde es wichtig, dass er diese gut inszeniert öffentlich gemacht hat.
Für mich heißt das auch: Gerade Grünen (und eigentlich auch der SPD …) steht es gut an, sehr deutlich zu sagen, zu welchen Fehlentwicklungen die Hartz-Gesetze geführt haben, und hier politisch klare Botschaften auszusenden.
Dabei geht es nicht nur darum, Arbeitsplätze zu schaffen und einen Mindestlohn einzuführen, sondern eben auch darum, ALG-II zu der menschenfreundlichen Sozialleistung umzugestalten, als die sie vielleicht einst gedacht war. Im Vordergrund steht dabei für mich Sanktionsfreiheit und ein Recht auf eine den ganz unterschiedlichen Lebenssituationen angemessene, differenzierte Behandlung.
Das heißt dann aber auch, dass die Arbeitsagentur in ihrer Organisation so gestaltet werden muss, dass sie dieser Differenziertheit gerecht werden kann. Eine Steuerung anhand von Vermittlungsquoten ist dafür – angesichts der Nebenwirkungen, die so ein Instrument hat – definitiv nicht das richtige Mittel.
III. Arbeit heute, oder: die Frage nach dem Grundeinkommen
Manche werfen Ponader vor, nur Mitleid für sich selbst schüren statt Hartz IV insgesamt verbessern zu wollen. Oder sie sagen, er wolle sich quasi selbst ein staatliches Grundeinkommen organisieren, ganz individuell.
Den ersten Vorwurf halte ich für ein Missverständnis. Der öffentliche, ausführlich begründete Verzicht auf Hartz IV ist eine symbolische Handlung, die nicht um Mitleid heischt, sondern Öffentlichkeit herstellen will. Das ist Ponader gelungen.
Der zweite Vorwurf ist einer, der differenzierter zu betrachten ist. Ich glaube, es geht eher darum, zu zeigen, dass ein ausgefülltes, tätiges Leben mit einem Grundeinkommen prinzipiell auch heute schon möglich wäre. Das ist natürlich eine Provokation – vor allem denen gegenüber, die der Arbeitsreligion anhängen.
Gerade im Kunstbereich klappt das klassische Erwerbsarbeitsmodell doch heute schon überhaupt nicht mehr – auch deswegen sind die aktuellen Urheberrechtsdebatten ja so heftig: weil die Kunstschaffenden, die sich vom Netz bedroht fühlen, oft gerade mal so über die Runden kommen und Existenzängste haben.
Ähnliches gilt für Kleinselbstständigkeiten unterhalt der Wirtschaftlichkeitsschwelle (nicht nur Modedesigner oder Lifestyle-Bloggerinnen in Berlin, sondern auch Subunternehmer in der Forstwirtschaft, um den Horizont etwas zu weiten). Zum Teil auch für akademische Tätigkeiten »unterhalb« der Professur – Lehrbeauftragte beispielsweise.
Die wohlfeil-sozialdemokratische Antwort auf all diese lebenskünstlerischen Nischen ist es, diese zuzubetonieren und statt dessen tariflich gesicherte abhängige Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen. Den Rest darf der Markt erledigen – was sich nicht trägt, ist unabhängig vom individuellen und gesellschaftlichen Wert, der in einer solchen Tätigkeit geschaffen wird, nicht länger tragbar.
Als wertvoll gilt nur, was sich auszahlt und bezahlt wird. Oder es ist halt Ehrenamt, Hobby, steuerlich nicht absetzbare Liebhaberei, die dann eben bitte neben dem Brothauptjob erledigt werden soll, danke. Oder zwischen den beiden Brothauptjobs. Und der Kindererziehung und Familienarbeit. 21:30 bis 22:59 sind die besten Zeiten dafür – danach dann aber bitte ab ins Bett, um dem Arbeitgeber wieder ausgeschlafen zur Verfügung zu stehen.
Ich bin überzeugt davon, dass eine lebendige Gesellschaft schlecht bezahlte, experimentelle und selbstbestimmte Nischen braucht. Diese sind risikoreich. Befristete Arbeitsverhältnisse, ungewollte Teilzeit, eher schein- als selbstständige Werkverträge sind beides zugleich: Ausbeutungsinstrument und das Seil, an dem die, die in der Nische sind, sich weiterhangeln können. Auch das Arbeitlosengeld II kann so ein Tau für die Nische sein. Und es ist genauso multifunktional wie die anderen Seile – zum Hangeln und Hochziehen, aber auch zum Hängen (Hängematte, nicht Galgen) geeignet.
Bisher ist hier eine Mischung aus sozialdemokratischer Politik vorherrschend: Nischen werden planiert oder aufgefüllt, Risiken verboten, und Seile konfisziert (wegen der Galgen).
Ich bin weiterhin nicht davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Auch eine Hochlohngesellschaft wie die unsere braucht individuell riskante Nischen, um innovativ und lebendig zu bleiben. Berlin war dafür lange das Musterbeispiel. Ein Grundeinkommen kann – je nach Ausgestaltung! – das richtige Werkzeug dafür sein, um Ehrenamt und Familienarbeit, Kleinselbstständigkeit und Kunst zu unterstützen.
Diese Denkweise mag als neoliberal gescholten werden, aber sie ist es nicht – aus meiner Sicht ist sie liberal und emanzipatorisch. Auch ein Grundeinkommen ist ein riskantes Instrument. Es kann in der falschen Ausgestaltung dazu führen, dass klassische Familienbilder eine lebensverlängernde Infusion erhalten und Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt werden. Es kann zum Instrument werden, das in der Wirtschaft eine Lohnspirale nach unten auslöst.
Auch deswegen meine ich, dass ein Grundeinkommen zwar sanktionsfrei (und keinesfall bedarfsprüfend) ausgestaltet sein und eine ausreichende Höhe haben müsste, dass es aber nicht zu bequem sein darf, von Grundeinkommen zu leben. Es muss durch Mindestlöhne flankiert sein, um Abwärtsspiralen zu verhindern. Es muss für alle offen sein, um Neiddebatten zu verhinden. Und es darf nicht allzu bequem sein, um tatsächlich Kreativität, Engagement und Innovation herzubringen.
Aber dafür würde im Fall des Falles unsere Gesellschaft schon sorgen. In unserer im Kern immer noch arbeitsreligiösen Gesellschaft hinterlässt staatlich finanzierte Nichterwerbsarbeit nach wie vor tiefe, blutende Stigmata. Und daran würde, befürchte ich, selbst ein Grundeinkommen nichts ändern.
Warum blogge ich das? Weil ich die Reaktionen auf Ponader parteiensoziologisch ebenso spannend fand wie hinsichtlich des Stellenwerts von Arbeit in der deutschen Sozialdemokratie.
Crosspost von till we





Sehr treffende Analyse, Sie sprechen jemandem, der studiert und sehenden Auges in die Kunstselbstständigkeit segelt, wirklich aus dem Herzen.
Im Jahr 1900 haben in Deutschland noch über 40% der Leute in der Landwirtschaft gearbeitet. heute sind es nur noch 2%. Genauso die Industrie, in den 1930-60er Jahre Hauptjobmotor, heute arbeiten da nur noch 10%, Tendenz sinkend und das obwohl wir Exportweltmeister sind. in den 180er-90er Jahren war der Haupmotor der Beschäftigung der Dienstleistungssektor. Heute ? da wo ich wohne, einer Kleinstadt im Schwarzwald. Da wird die Postfiliale zugemacht, statt dessen gibts ne Packet-Station. Das Brot aus dem Aldi Backautomaten holt man sich per Knopfdruck automatisch, es ist billiger und schmeckt genausogut wie beim Bäcker. Der Bahnschalter wurde geschlossen, tickets gibts nur noch am Automaten.
Also, faktisch isunsere Gesellschaft dabei die Arbeit wo es immer nur geht abzuschaffen. In 30 Jahren werden vermutlich weniger als 20% der Leute überhaupt noch einer Lohnarbeit nachgehen.
Naja – zu deinem Punkt eins: Weniger der Ponader ist in meinen Augen zu verurteilen, mehr schon seine Partei. Die setzt einige zehntausend Euro Wahlkampfkostenerstattung – allein in Berlin geschätzte 36.000 Euro – so rein gar nicht dafür ein, ihren politischen Geschäftsführer frei von staatlicher Alimentierung zu halten, sondern geht lieber beim Arbeitsamt ‘schnorren’. Während wiederum die gewählten ‘Parlamentarier’ ihr üppiges Salär ganz klaglos und völlig beschwerdefrei einsacken, was nämlich auch ausreichen würde zur Finanzierung, wenn jeder nur ein Zehntel oder so an die Parteikasse abführt.
Bei den Bremer Grünen galt damals, in deren Frühzeit, eine andere Regel: Jeder parteiamtliche Posten wurde ‘mit halbem Lohn’ bezahlt, so dass immer zwei Vollzeitler auf eine formale Stelle kamen. Die Parlamentarier wiederum führten ihre Diäten zur Hälfte an den Öko-Fonds ‘freiwillig’ oder ‘halbfreiwillig’ ab, zur Förderung von Projekten. Nur wer Kinder hatte, behielt ein wenig mehr …
Stimme Klaus zu. Verstehe nicht, dass Piratenpartei Ponader nicht bezahlen kann/will. Dass die staatliche Parteienfinanzierung bei denen aufgrund der fehlenden Mitgliedsbeiträge bzw. fehlenden Einnahmen gedeckelt ist, ist ja nun nicht das Problem der Allgemeinheit.
Ansonsten bist du eben Freund eines Grundeinkommens und das merkt man hier auch. Frage hierzu: wie sollen denn die Sozialsysteme (in Zukunft) finanziert werden, wenn Menschen nicht angehalten werden, dafür Beiträge in entsprechender Höhe zu zahlen? (so verstehe ich den Druck des Amtes auf Ponader und andere: man will die Menschen zwingen, derart zu arbeiten, dass genug Kohle reinkommt)
Ach ja: damals im Parteirat hatte ich auch Hartz-IV.
Ich muss wohl zurückrudern, um manche Argumente noch zu verstehen. So ging es mir auch bei den Fragen im diesem Text hier, mit denen der Autor ringt.
So gründete ich zum 1. Mai die Erwerbsloseninitiative http://www.Joycenter.net. Seit dem arbeite ich so viel, wie lange nicht mehr (zuletzt als Unternehmer). Ich mache ähnliche Arbeit (nur eben viel mehr), wie vor wenigen Monaten noch, damals als bezahlter Sozialpädagoge (80%-Stelle) in einem Beschäftigungsprojekt. Heute “bezahlt” mich das Jobcenter. In beiden Fällen war/ist es aber letztlich der Steuerzahler, der meine Arbeit finanziert (In meinem Fall sogar in beiden Fällen das Jobcenter, da es Auftraggeber der Maßnahme war, in der ich beschäftigt war). Und wer finanziert die Parteien? Doch auch die Steuerzahler. Der qualitative Unterschied der Arbeit etwa zwischen Katja Kipping, die irgendwas um die 7000 EUR vom Steuerzahler erhält und dem Piraten, der irgendwas um die 700 EUR — ebenfalls vom Steuerzahler — erhalten hat, leuchtet mir schon nichtmal mehr ein.
Ich verstehe die Aufregung nicht, wirklich nicht.
Im Gegenteil müsste der Michel mit seinem Politikerhass doch jubeln: hier sackt sich mal ein Politiker nicht das “große Geld” ein, sondern lebt auf H4-Basis. Ich verstehe den Zorn nicht, der sich hier entzündet. Vielleicht fehlt mir Nachhilfe in Arbeitsreligion? Vielleicht hassen ja auch die “Theologen” dieser “Religion” Arbeit ebensosehr, wie so viele christliche Theologen, die ich kennen gelernt habe, heimliche Atheisten waren? Meint: es kommt nicht darauf an, mit Arbeit etwas zu leisten, sondern eher durch Arbeit zu leiden?
Wieso beschimpfst du Grundeinkommens-Kritiker als “religiös”? Das ist unsachlich.
Julia, dass die Sinnhaftigkeit eines Grundeinkommens hoch strittig ist, ist klar. Und ja: die Frage, wie das so ausgestaltet und finanziet werden kann, dass es die oben beschriebenen positiven “gesamtwirtschaftlichen” Effekte auslöst, halte ich auch noch nicht zu 100% für beantwortet. Trotzdem müssen wir – und da kommt dann die “Arbeitsreligion” ins Spiel – eine Antwort darauf finden, wie wir damit umgehen, wenn der Glaube an die lebenslange Vollbeschäfigung nicht mehr trägt. Ich beschimpfe nicht GrundeinkommenskritikerInnen als religiös, sondern die, denen – gut sozialdemokratisch, egal in welcher Partei – als Antwort nur “Arbeit, Arbeit, Arbeit” einfällt. Das reicht mir nicht.
Falls die Frage nicht zu persönlich ist: (Wie) hat das Jobcenter zu deiner Parteiratszeit reagiert?
naja, so wenig wie ich bisher von den piraten halte glaube ich, dass es sich dabei um politisches kalkül der ‘etablierten’ handelt, welches parteinahe medien gerne aufgreifen. diese verwickeln die piraten andernorts in kleinere, innerparteiliche grabenkämpfe um sie in ein schlechtes licht zu rücken bzw. zu diskreditieren. ähnliches ist bei der linken schon häufiger zu beobachten gewesen.
die reaktion von herrn ponader? chapeau! …aber vollkommen unnötig, da man das spielchen der ‘großen’ nicht immer mitspielen muß.
Till, ich meinte nicht dich, sondern meinen Vorredner mit dem Ärger, dass da mit Religiösität operiert wird. Ich finde auch, dass man bei manchen Grundeinkommens-Fans eine deutlich stärkere “Religiösität” spürt.
Und wie soll das Amt in meinem Fall reagiert haben? Es hat mich in eine Maßnahme gesteckt, wie es das Gesetz vorschreibt. Ich bin da nicht hingegangen, weil ich einen Job gefunden hatte. Das Amt zahlte weiter. Musste ich später dann zurückzahlen, aber ok, es folgten auf jeden Fall keine Sanktionen. Mir durch mein politisches Amt Vorteile verschafft, so wie es Ponader mit seinem FAZ-Artikel tat, habe ich nicht, warum hätte ich das tun sollen? Es war doch alles rechtmäßig.
Dass die Maßnahmen nach Kosten und nicht nach Qualität vergeben werden, ist ein Problem. Dass es sinnlose Beschäftigungsmaßnahmen gibt, auch. Dass sich die einen besser wehren können (kulturelles Kapital) als die anderen, ist ebenfalls kritikwürdig und spricht für eine Neustrukturierung der Antragskriterien oder eben, wie du sagst, für ein Grundeinkommen. Ich sehe ja auch dessen positive Möglichkeiten, aber ich glaube nicht, dass das finanzierbar & mehrheitsfähig ist. Und wohl auch nicht umsetzbar. Zum Vergleich: schon die Abschaffung des Ehegattensplittings hätte gravierende Folgen für den Arbeitsmarkt und das Steuersystem und ist wohl nicht umsetzbar. Wie soll das erst mit dem Grundeinkommen gehen?
Ach ja, nebenbei: An der Höhe von Hartz-IV wird man nicht viel machen können. Nicht mal eine Erhöhung auf 420 Euro wollen zum Beispiel die Grünen nun noch. Mehr Geld für diesen Bereich wird es auf absehbare Zeit nicht geben, also auch nicht für ein Grundeinkommen. Wer jetzt mit der Abschaffung sozialstaatlicher Institutionen argumentiert, was ja durchaus Kosten sparen würde, zeigt sein neoliberales Gesicht.
Im Übrigen gibt es auch andere Politiker, die Erfahrung mit Hartz-IV haben.
meine eher:
“was ja durchaus Kosten sparen könnte“.
Sorry, nachdem ich von “Arbeitsreligion” sprach, fühlte ich mich angesprochen. Der Votspann im Kasten oben ist nicht von mir (Ponader als “einziger”).
Sorry, ja, wollte ich nicht. Bin auf weitere Meinungen gespannt.
Im Übrigen habe ich den Piraten damals geraten, fürs Grundeinkommen zu sein, weil ich es für sie passend finde. (Analyse “Partei des unendlichen Reichtums”)
“Es kann in der falschen Ausgestaltung dazu führen, dass klassische Familienbilder eine lebensverlängernde Infusion erhalten”.
Was lugt denn da für ein abstruser Kampf GEGEN das klassische Familienbild hervor?
Sollte es nicht vielmehr um Öffnung anstatt um Verdränung gehen?
Liberal zu denken heißt ja: Private Verantwortung gibt finanzielle Mittel im Zweifel und im Mittel vernünftiger und zweckmäßiger aus, als der Staat das tut. Ebenso wird Wachstum im allgemeinen für eine gute Sache gehalten. Wenn man also der Meinung ist, der Staat gäbe einen Teil seiner vereinnahmten Steuern unzweckmäßig oder sogar unsinnig aus, dann müßte man danach streben, diese Mittel wieder in private Hände zu bringen. Wenn man das möchte, muß man sich entscheiden, ob es klüger sei, das Geld an die Steuerzahler zurück zu überweisen oder es an alle zur Teilhabe an der Gesellschaft zu verteilen. Unter dem Blick auf Wachstum und inneren Frieden kann man da nur zur zweitgenannten Entscheidung kommen. Ob und wie gut ein Mensch alleine davon leben kann, der aus irgendwelchen guten oder fadenscheinigen Gründen schlechtbezahlte Lohnarbeit ablehnt, das ist eine Frage, die man separat vom Grundsätzlichen erörtern sollte. In diesem Kontext kann ich die Haltung der liberalen Politiker hier im Lande nicht verstehen. Die sind offenbar in einer Art Lobbyismus gefangen, der weder libertär noch neoliberal ist.
[...] weite Verbreitung gefunden hat, und innerhalb von drei Tagen mehr als 3000 mal aufgerufen wurde. CARTA hat den Text übernommen und hat wohl bis dato eine ähnlich große Leserschaft erreicht. Freut [...]
Was spräche denn gegen ein bedarfsgeprüftes Grundeinkommen, dass bisherige Sozialleistungen ersetzte, aber nur an diejenigen ausgezahlt würde, die keiner anderen, lebensunterhaltsichernden Tätigkeit nachgehen (wollen), ohne dass sich diese Form der Arbeit als Erwartung aus der Inanspruchnahme ergibt? So bliebe ein ausgleichendes Sozialsystem erhalten, dass jedoch nicht ausschließlich in Geld zu bemessende Lebensleistungen als normal und damit normativ für die gesamte Gesellschaft definiert.
Dass Herr Ponader die die Kritik an deutschen “Arbeitsagenturen” und die piratige Forderung nach einem Grundeinkommen mit seiner persönlichen Erfahrung verbindet, ist in der Politik jetzt eher weniger bahnbrechend. Wenn’s hilft, eine Debatte um die “Zukunft der Arbeit / Arbeit der Zukunft” anzustoßen, um so besser!
Sie tun so richtig schön modern – aber dann lese ich Ihre Furcht, dass “Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt werden”.
In welcher Zeit leben Sie eigentlich – 1950?
Die heutigen Frauen lassen sich nicht verdrängen! Die von morgen (wie meine Tochter) erst recht nicht!
Da mehrere Leute das Thema “Geschlechterbild” angesprochen haben: Ich hoffe auch, dass sich niemand, die das will, vom Arbeitsmarkt verdrängen lässt. Aber leider sind die noch so individuell erscheinenden Entscheidungen im Gesamtblick (da kommt dann bei mir wieder der Soziologe durch) all zu oft strukturbildend. Insofern finde ich schon, dass das genau beobachtet werden muss (auch so klitzekleine Anreize wie das Betreuungsgeld sind ja mit der Befürchung verbunden, das Faß “bleibe ich halt zu Hause” zum Überlaufen zu bringen).
Im Übrigen bin ich nicht der erste oder einzige, der vermutet, dass BGE und ähnliches verstärkende Effekte auf die althergebrachte – und leider allzuoft noch aktuelle – Geschlechterverhältnisse haben könnte. Ulrich Beck hat ca. 2000 das Thema Bürgergeld in die Debatte gebracht, und daraufhin sehr heftigen feministischen Gegenwind bekommen. Nicht ganz zu unrecht. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Hoffentlich schneidet sich Johannes Ponader mit seinem Verzicht auf ALG2 nicht in das eigene Fleisch, so wie ich. Nach meinem letzten Job als Programmierer 2007 habe ich 30 Monate auch auf Hartz vier verzichtet. Weil ich es psychisch nicht ertragen konnte, wieder zum Jobcenter zu gehen, und als Selbständiger aufzustocken. Als ich dann 2010 wieder beantragt habe, hat mir die Krankenkasse eine Rechnung über 19 Tausend 400 Euro zugeschickt. Weil man in Deutschland nicht mehr nicht versichert sein darf.
Ich bin überzeugt davon, dass eine lebendige Gesellschaft schlecht bezahlte, experimentelle und selbstbestimmte Nischen braucht.
Wieso werden in diesem Zusammenhang die Lehraufträge erwähnt? In der Schweiz sind sie deutlich besser bezahlt, es ginge also, wenn man wollte. In Deutschland wird einfach nur ausgenutzt, dass sich die meisten Akademiker zu bürgerlich fühlen, um für ihre Rechte zu kämpfen.
[...] „Arbeitsreligion“: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (Till Westermayer auf CARTA). Alles ist, so Westermayer, fragwürdig, „was nicht in ein reguläres [...]
[...] Artikel wurde auf seinem Blog innerhalb von fünf Tagen um die vierzig Mal kommentiert, bei CARTA gab es ein crosspost mit nochmal gut zwanzig Kommentaren, die etwas gehaltvoller waren. Torsten [...]