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Wolfgang Michal

Deutschland sucht den Medien-Präsidenten

Wolfgang Michal | 10 Kommentar(e)


Die Journalisten in Deutschland sind glücklich. Nach neun Wochen Wulff dürfen sie jetzt den nächsten Präsidenten casten (und dann pürieren).

19.02.2012 | 

„AUS“ schrieb die BILD-Zeitung am Samstag in zwanzig Zentimeter hohen Lettern auf ihre Frontseite. ENDLICH! hätte man drunter schreiben mögen. Doch wer gehofft hatte, nun sei’s vorbei mit dem Dauer-Gewulffe, sah sich Minuten nach dem Rücktritt schon eines besseren belehrt. ES GEHT WEITER. Und zwar volle Kanne. Jetzt können die Würdenträger unter den deutschen Journalisten (also die immer gleichen Talkshow-Kardinäle) in aller Ausführlichkeit den Nachfolger küren. ARD-Presseclub, Jauch, Illner, Plasberg, Will etc. sind wieder auf Wochen thematisch ausgebucht. Würdevoll wie immer werden sie ihres Amtes walten und den Bürgern erklären, wie der Nachfolger sein müsse, ohne dabei den scheinheiligen Hinweis zu vergessen, dass es kein Heiliger sein müsse. Doch: Es muss ein Heiliger sein. Schon wegen der Fallhöhe.

 

„Gänsehaut war gestern, jetzt wird nach vorne geschaut“

Der deutsche Polit-Journalismus ist in seinem Boulevard-Element. Er ist der Souverän, der Politik (als Personalauswahl) am schönsten simulieren kann. Er macht die PR. Und er nimmt sie auch wieder weg. Er schreibt die Leute rauf und runter. Die Personalrochade ist sein liebstes Stammtischthema. Finanzkrise? Europäische Verfassung? Zentralbank? Klimawandel? Hochschulreform? Iran? Urheberrecht? Viel zu kompliziert. Viel zu schwer. Viel zu trocken, völlig undurchschaubar. Ohne Fachkenntnis gar nicht zu bewältigen.

Personen dagegen gehen immer. Personen mit Fehlern sind der Hit. Bei Bohlen wie bei Jauch. Die Personality-Show (mit eingebauter Schadenfreude- und Gaffergarantie) ist nun auch der Inbegriff des politischen Medienzirkus geworden. Wulff – man konnte es an den strahlenden Gesichtern der Sondersendungslivetickerbreakingnews-Branche ablesen – hat die Journalisten-Jurys keineswegs enttäuscht, er hat sie glücklich gemacht. Bobbycars und Hotelübernachtungen sind so einfach, dass es alle verstehen können – sogar die Journalisten. Damit lässt sich ohne viel Aufwand Stunde um Stunde und Seite um Seite füllen. Reden wir über die einfachen Dinge, wenn die komplizierten nicht lösbar sind. Brot & Spiele.

„Jedesmal, wenn wir einen Fehler oder ein Missgeschick bereits dann als behoben betrachten, wenn ein unglückseliger Minister oder Beamter zurücktreten muss, machen wir uns paradoxerweise mit einem Modell gemein, in dem die Politik allein als das Geschäft kleiner Gruppen elitärer Entscheidungsträger gilt.“

Colin Crouch, Postdemokratie, S.23

Viele Bürger scheinen es zu mögen. Sie können sich ekeln und gleichzeitig ein wenig die Hände reiben. Wieder einer! Es ist so toll, Politikern beim Abstürzen zuzusehen. Das politische Interesse gilt nicht den Wirtschaftseliten, sondern erwacht auf Gala- und Bunte-Niveau. (Auch der derzeitige Aushilfs-Präsident hat eine bunte Vergangenheit. Dranbleiben, BILD, FAZ & Spiegel!).

Den Medien bescherten die Wulffs sehr ordentliche Umsätze. Wir wissen jetzt, dass niedersächsische Gelbklinkerhäuser hässlich und piefig sind. Politische Bildung kann so einfach sein. Aber auch die Netzöffentlichkeit hatte nichts Besseres zu tun, als mit den Wulffen zu heulen. Gab es vor Jahren noch eine kritische Distanz zu den Gepflogenheiten der Alt-Medien, hocken die Blogger heute am liebsten zuhause und glotzen in einer Mischung aus Lust & Ekel die gleichen Talkshows wie ihre Eltern – die Twitter-Timeline fest im Blick.

 

Castingshows als Politik-Ersatz

Gesucht wird ein „General Dr. von Staat“ (Thomas Mann, Bekenntnisse eines Unpolitischen). Denn wenn wir es schaffen, den Staat zu personalisieren (etwa in der Person Gauck), dann können wir uns endlich wieder als Untertanen Kinder Staatsbürger fühlen. Wir brauchen eine Autorität, die Deutschland heißt. Und dieses Deutschland soll nett sein, aber auch ruck; fröhlich und streng wie Mami, tolerant und intolerant wie Papi, weise und locker, gebildet und volksnah, weiblich und männlich, Brioni und Schießer, Roman Lob und Ornella de Santis. Unser „Staatsoberhaupt“ soll am besten sehr intelligent für Aserbeidschan singen können. Es soll wie ein Fels in der Brandung stehen und trotzdem leicht demontierbar sein.

Vielleicht hat der Medienzirkus noch nicht begriffen, was sich aus der politischen Casting-Show noch alles machen ließe. Umfragen en masse, das ist klar. Errechnung der Koalitionsalgorithmen im Feuilleton, Touchscreen-Graphiken von den möglichen Mehrheiten in der Bundesversammlung. Läuft alles unter ‚Politische Bildung’. Ein Präsidenten-Quiz mit Pilawa vielleicht, Torwandschießen der Kandidaten im „Aktuellen Sportstudio“, Brigitte-Tests mit Leitfragen wie „Würden Sie mit diesem Kandidaten eine Nacht verbringen wollen?“ bzw. „in Urlaub fahren?“ bzw. „Pferde stehlen?“; Gastauftritte in der „Lindenstraße“ und bei „Rote Rosen“, Wohngemeinschaftstest bei „Zimmer frei“ und „Schlag den Kandidat“ mit Stefan Raab – jede Menge Homestorys und einfühlsame Reporterpreis-Seite-3-Porträts (wie damals in der SZ über Wulff, olala). Es gibt so viel zu tun – packen wir‘s an. Denn auch der nächste Präsident wird sich kaum zwei Jahre im Amt halten können.

Wir sind anspruchsvoll geworden, was Verblödung angeht. Die Deutschen, schreibt die taz allen Ernstes, dulden heute keine Korruption mehr (nein, der Satz steht nicht im Evangelischen Gemeindeblatt, sondern tatsächlich in der taz). Die Medien haben, nach dem Wulff-Hype, ein gesteigertes Interesse, den Zyklus der Bundespräsidentenwahlen zu verkürzen – reguläre Amtszeiten dauern einfach zu lange. Also: Jedes Jahr ein möglichst langer Rücktritt mit anschließendem Casting-Verfahren – das wär’s!

P.S. Ein Präsident, der die Leitmedien wirklich überzeugt, könnte – nach allem, was man von den Journalisten-Kardinälen über erforderliche Präsidenten-Eigenschaften so hört – sowieso nur aus dem Kreis der Leit-Journalisten kommen. Doch die zieren sich. Noch.

 

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10 Kommentare

  1. André Rebentisch |  19.02.2012 | 20:42 | permalink  

    Ein Bundespräsident muss Überzeugungen haben. Ein Konsensmensch ohne Eigenschaften ist für das Amt ungeeignet. Insofern fand ich es ganz prima, dass sich Wulff mit der Bildzeitung angelegt hat. Leider hat er sich für dieses Verhalten entschuldigt. Ein Präsident, der sich entschuldigt, statt für Überzeugungen einzustehen, untragbar. Gauck wird schon vorab von der SED-Nachfolgerpartei beschossen. Er reizt in einer politischen Landschaft, die sich auf einen schwarzrotgrünen Konsens zubewegt. Das ist wertvoll. Gauck passt auf das Amt und wird bestimmt fruchtbar anecken. Das wollen wir. Das brauchen wir. Künstler statt Casting. Typen statt Teflon.

  2. A. G. |  19.02.2012 | 20:58 | permalink  

    Fürs Casting ist die Bundesversammlung zuständig, für die strafrechtliche Bewertung die Justiz. Journalisten übernehmen sich – fachlich und funktional. Der Bürger ist nicht ganz so blöd, als dass er die Spielchen nicht einordnen kann. Solche Postings bringen es (amüsant) auf den Punkt. 

  3. Mitte: Mann brutal überfallen und ausgeraubt – Berliner Morgenpost | Deutschland – iWoooh.com |  20.02.2012 | 02:05 | permalink  

    [...] Deutschland sucht den Medien-Präsidenten — CARTA [...]

  4. Erich Sass |  20.02.2012 | 08:19 | permalink  

    Warum Wulff der beste Bundespräsident aller Zeiten war. Ein Interview auf http://jojoclub.blogsport.eu/

  5. A. G. |  20.02.2012 | 11:08 | permalink  

    „Gaucks Popularität, an der nun auch die CDU und die FDP (wie zuvor schon die SPD und die Grünen) offenbar nicht mehr vorbeikommen konnten, ist nachweislich ein Resultat der Meinungsmache konservativer Medien und dabei vor allem der Springer-Presse.“ http://www.nachdenkseiten.de/?p=12283 Medien-Präsident passt.

  6. dresdner fama |  20.02.2012 | 19:16 | permalink  

    jetzt also n(d)och ein gauckler. einer, der sich erfolgreich durch seine vergangenheit eierte und als erster im amt, die chancen für einen neuanfang bewußt vertat und dem jetzigen inhaber die notwendige reinigung überließ. zu ostzeiten gut eingerichtet, mit privilegien ausgestattet, für die viele ihren ausreiseantrag zurück gezogen und ihnen viel ungemach erspart geblieben wäre, hat er sich wohl auch erst in der abendröte, als die götterdämmerung den niedergang des realen sozialismus noch einmal erleuchtete, aus dem schützenden dunkel der kirche getraut, um im BÜNDNIS 90 den pfaffenbund zu stärken. so einer, der christlich-eisern zu den nachkriegskriegen zwischen balkan und hidukusch schwieg, der den gravierenden abbau des sozialstaates durch seine (un)moralische gutheisung mit der der verhöhnung der kritiker erhöhte, der den beginnenden protest gegen die unerträgliche überheblichkeit des geldes auf kosten der allgemeinheit noch durch sein mediales nachtreten verunglimpfte, dessen herz wohl nie von der urchristlichen menschliebe durchdrungen war und wenn doch, im laufe seines lebens, wohl eher zum stein in der brust wurde – so einer soll es jetzt machen: präsident für ALLE zu sein.
    die kommenden zeiten werden es sicher offenbaren: in den zeiten der not, wird er sich eher durch grausamen kadavergehorsam als bekennender opportunist der macht, eher dem verrat luthers an den bauernaufständen, als müntzers vison einer gerechteren welt, verschreiben.
    Einer muss den Bluthund machen! sagte Gustav Noske als er die aufstände der arbeiter zu beginn der Weimarischen Republik von der soldadeska der freikorps niederschießen ließ.
    und einer wie gauck wird nie sich vermittelnd zwischen die verhärteten fronten stellen, sondern eher die bestie von der kette lassen…
    eitel genug ist er, ob dies ausreicht eine polarisierende gesellschaft in einer ungewissen zukunft zusammen zuhalten, wird sich zeigen. mein präsident hieße schramm und wenn die USA schauspielern diese chance gab, dann sollte sich deutschland, als erster europäischer bundesstaat von amerikas gnaden, nicht zu vornehm sein.
    ein verramschen von menschlichkeit zu gunsten der eliten (oder die sich dafür halten), einen ausverkauf auf kosten des souveräns, der die werte erst geschaffen hat und einen unterschriebenen blancoscheck für die banken der EU, die skupellose finanzmafia der welt, wird es mit ihm, schramm, niemals geben…

  7. Wolfgang Michal |  20.02.2012 | 19:35 | permalink  

    @dresdner fama: Da schreiben Sie dem Bundespräsidenten vielleicht ein bisschen viel Macht zu. Interessanter erscheint mir die Frage: Warum zögert Schramm? Wo ist sein “Zorn” geblieben?

  8. Christian Benduhn |  21.02.2012 | 22:45 | permalink  

    Wenn das so weiter geht, wird Gauck der erste Bundespräsident, der vor seiner Wahl zurück tritt.

  9. TomGerls |  27.02.2012 | 13:32 | permalink  

    Gauck steht zu seinen Überzeugungen, das gefällt mir. Er bringt auch das Thema Freiheit wieder stärker zur Geltung. Die DDR und das 3. Reich sind gar nicht so lange her – damals lebten die Menschen in Unfreiheit! Ich hab die Ereignisse mit ein paar YouTube Videos hier zusammengefasst: http://geschichte-wissen.de/forum/viewtopic.php?f=4&p=11109#p11109

  10. Jürgen Rützel |  28.02.2012 | 00:55 | permalink  

    @Christian Benduhn: lol, die Mediokratie wird`s schon richten, die Dummheit läuft den Rattenfängern hinterher!

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