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Julius Endert

Bei Facebook wohnen wir nur zur Miete

Julius Endert | 8 Kommentar(e)


Bevor die Plattform an die Börse geht, wird sie von ihren 800 Millionen Bewohnern noch hübsch gemacht.

26.01.2012 | 

Das Netz quillt gerade über vor Anleitungen  und schlauen Hinweisen zur Bedienung der Facebook-Timeline: Hier ein Häkchen setzen, dort eine Einstellung ändern und da noch ein schickes Profilbild dazu – fertig ist der öffentliche Lebens(ver-)lauf, der mehr oder weniger nah an der Realität liegen kann aber nicht muss.

Dabei geht die Diskussion in eine merkwürdige Richtung: Datenschutz, Privacy und die ganze alte Leier. Was darf, soll, kann in Zukunft jeder über mich wissen. Fest steht: Es ist Zeit, das ganze Facebook-Dings neu zu justieren. Darf man dabei gar lügen (ganz schlimm!) oder wenigstens das Erscheinungsbild ein wenig tunen? Viele Texte drehen sich aktuell um diese Fragen.

Doch Wahrhaftigkeit ist gar nicht das Thema, welches jetzt diskutiert werden sollte. Es geht auch nicht um das Thema Datenschutz. Schon gar nicht geht es um die Gebrauchsanleitung. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber schon sehr bald werden die allermeisten Facebook-Nutzer ihr Profil blind bedienen können – wie ihr Autoradio bei Tempo 220 auf der Autobahn.

Und wer die Facebook-Bedienung nicht begreift, dem ist eh nicht zu helfen. Der wird aus der Zeit gefallen sein oder er gehört zu denjenigen, die auch schon früher jedem hergelaufenen Haustürwerber ganz blauäugig die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über sich erzählt haben und sich dann wunderten, wenn sie anschließend den Briefkasten voller Müll hatten oder ein unkündbares TV-Schlau-Abo.

 

Schwarzes Loch Facebook

Facebook hat es mit der zwangsweisen Einführung der Timeline wieder mal geschafft, dass die Öffentlichkeit über ein Phänomen innerhalb von Facebook diskutiert, nicht aber über Facebook selbst. Mit anderen Worten: Die Diskussion zu Facebook findet nur noch innerhalb der von Facebook gesetzten Grenzen statt. Wie bei einem schwarzen Loch wird sämtliche Materie angezogen und aufgesogen. Und so, wie bei einem schwarzen Loch kein Lichtstrahl mehr nach außen entfliehen kann, verlässt bei Facebook kein Gespräch mehr die geschlossene Umgebung.

Noch nicht einmal gedanklich sind wir also in der Lage, ein Leben außerhalb von Facebook zu denken – wir setzen brav unsere Häkchen an den vorgegeben Stellen und freuen uns über das schöne Profilbild. Wir lassen uns nun sogar bereitwillig einspannen und arbeiten damit unentgeltlich für den Überfreund Zuckerberg, pflegen ab jetzt als digitale Schrebergärtner unser kleines Ich-Gärtchen umso sorgsamer, auf dass es auch nach außen prächtig blühen möge.

Ich glaube dabei nicht – wie Matthias Schwenk - dass das am Ende zu einem Problem für Facebook werden könnte. Im Gegenteil: Die von uns sorgsam kuratierte, sortierte und schön gestaltete Timeline wird Facebook in vielerlei Hinsicht helfen.

Denn viele werden sich jetzt verpflichtet fühlen, mehr Arbeit in Facebook zu investieren, damit „es“ gut aussieht. Und genau das ist die Absicht hinter der konsequenten Einführung der Timeline. Es induziert die fällige Investition, die Facebook jetzt zu noch mehr Erfolg verhelfen wird.

 

Wir wohnen nur zur Miete

Man stelle sich das einmal vor: Wenn jeder der 800 Millionen Nutzer auch nur zusätzlich zehn Minuten investiert, sind das 1,3 Milliarden Stunden – das wäre bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro ein Wert von fast zehn Milliarden Euro. HALLO!? Wir selbst räumen jetzt den Laden auf, machen digitale Inventur und packen alle Informationen über uns schön in die Regale und machen Facebook hübsch für den Verkauf an die Aktionäre.

Einige Privacy-Probleme werden sich dabei von selbst lösen, was die Datenschützer dann plötzlich ohne Argumente dastehen lässt. Doch leider gilt – um noch ein anderes Bild zu bemühen: Bei Facebook wohnen wir nur zu Miete und leisten nun für den Vermieter die Luxussanierung pünktlich zum Börsengang.

Die große Kehrwoche hat begonnen und Zuckerberg ist der strenge Hausmeister. Wir selbst haben nicht viel davon, werden dem Dienst aber anschließend umso treuer verbunden sein. Denn: Wer würde sich jetzt noch von seinem digitalen Zuhause trennen, nachdem er so viel investiert hat.

Wäre es jetzt nicht endlich mal an der Zeit, über Eigentum nachzudenken?

 

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8 Kommentare

  1. Bei Facebook wohnen wir nur zur Miete – CARTA « Möbel Blog |  26.01.2012 | 19:57 | permalink  

    [...] Bei Facebook wohnen wir nur zur MieteCARTADoch leider gilt – um noch ein anderes Bild zu bemühen: Bei Facebook wohnen wir nur zu Miete und leisten nun für den Vermieter die Luxussanierung pünktlich zum Börsengang. Die große Kehrwoche hat begonnen und Zuckerberg ist der strenge Hausmeister. [...]

  2. RudiRalala |  26.01.2012 | 20:14 | permalink  

    Warum so schicksalsergeben? Oder ist man ab jetzt verpflichtet, bei FB mitzumachen und denen dann noch alles zu erzählen?

  3. Facebook Timeline und der Zwang zur Chronik – Interview mit der Brandenburger Datenschutzbeauftragten Dagmar Hartge | world wide Brandenburg |  27.01.2012 | 08:12 | permalink  

    [...] bald für alle Nutzer landesblog.de – Abgeordnete sehen Facebooks Timeline-Zwang kritisch CARTA – Bei Facebook wohnen wir nur zur Miete Der Postillion – Datenschutzmängel: Empörte Facebook-User wechseln zu Google* und umgekehrt [...]

  4. Brett |  28.01.2012 | 17:51 | permalink  

    Ob es Zeit sei, über Eigentum nachzudenken? Ich finde, das ist es schon lange. Es kann eigentlich nicht sein, dass ein so zentrales Stück der weltweiten Kommunikationsinfrastruktur sich derartig absolut setzt. Wobei ja ein zusätzliches Unbehagen dadurch entsteht, dass der Facebook-Apparat zwar einerseits sich überall quasi zu einer übergesetzlichen und überstaatlichen Instanz auswächst — außer in den USA, wo auskunftssuchende Behörden wie FBI oder CIA jederzeit gewünschte Datensätze einsehen können.

    Was die neue Regelung über die Zeit von einigen Jahren bewirkt, ist allerdings noch überhaupt nicht klar. Der Return kann durchaus noch ziemlich scharf kommen. Wenn die Menschen ihre Selbstdarstellung nicht mehr selbst kontrollieren können, wird sie das im ersten Moment wenig stören. Spätestens nach ein paar Jahren kann es zu knirschen anfangen. Und durchschnittlich nach 3 bis 7 Jahren werden sich viele geradezu gezwungen sehen, einen Cut zu machen.

    Die andere Möglichkeit wäre eine Art von Erstarrung in der Verspießerung, man könnte es auch “Mormonisierung” nennen, d.h. die Menschen erhöhen die Selbstkontrolle im Vorhinein und geben sich alle “bankable”, moralisch sauber und angepasst, weil sie wissen, dass sie im Nachhinein ausgeliefert sind. Die “smarten” Nutzer werden das sowieso schon tun bzw. dann verstärken, die Jüngeren werden das bald lernen. Das reduziert dann den Unterhaltungs- und Kommunikationswert von Facebook und schafft automatisch Raum für Alternativen, die die verlorene Naivität den Nutzern zurückgeben.

    Kurzum: Es könnte sein, dass FB zu datengierig ist und die Schraube mit der nicht redigierbaren Timeline überzieht. Diesen Fehler wird man aber erst in ein paar Jahren bemerken, wenn das Schiff zu sinken beginnt.

  5. Beantragt Facebook schon nächste Woche den Börsengang? |  29.01.2012 | 19:13 | permalink  

    [...] Carta: Julius rechnet aus, was es kostet, wenn jeder Facebook-Nutzer nur 10 Minuten in die Verschönerung seines Profils investiert, denkt über digitales Eigentum nach und kommt zum Schluss, dass wir bei Facebook nur zur Miete wohnen. [...]

  6. Neue Facebook-Timeline/Facebook-Chronik: Lohnt sich die Aufregung? | PC-SPEZIALIST Blog |  30.01.2012 | 11:57 | permalink  

    [...] eigentlich  noch einen klaren Kopf, und was genau ist der klare Kopf in dieser Diskussion? Was Julius Endert auf Carta schreibt, finde ich insofern interessant, als dass er behauptet, wir würden ja nur noch innerhalb der von [...]

  7. Frau S. |  30.01.2012 | 13:43 | permalink  

    Was tun in dieser schlimmen, schlimmen Situation: Anti-Chronik-Protest mit Andre Garbschs Discountergrafik oder persönlicher Zwangsumstellungopportunismus? Mehr: http://papierschiffchen.wordpress.com/2012/01/28/stell-mich-um-wohin-du-willst/

  8. NoName |  31.01.2012 | 22:09 | permalink  

    Den Beitrag kann man in einem Satz zusammenfassen: Nutzer erhoehen den Wertt von Facebook. Aha – ist das nicht schon immer so?
    Falls die Frage nach Eigentum am Ende ein Beitrag sein soll, waere auch die Antwort des Autors interessant.

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