Jonas Schaible | 28 Kommentar(e)
Auffallend ist die Einigkeit, mit der Unterstützer wie Kritiker anmerken, zu Guttenberg sei ohne Frage ein politisches Talent. Nur: Was genau ist das eigentlich, ein politisches Talent?
03.03.2011 |
Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten. Dieser Schritt war nötig. Doch schon fordert die Union vielstimmig seine (baldige) Rückkehr, bei Facebook wollen zum Zeitpunkt mehr als 500 000 User „Guttenberg zurück“. Sogar Demonstrationen sind geplant.
Auffallend ist die Einigkeit, mit der Unterstützer wie Kritiker anmerken, zu Guttenberg sei ohne Frage ein politisches Talent1 . Nur: Was genau ist das eigentlich, ein politisches Talent?
Mit einem deskriptiven Politikbegriff kommt man dabei nicht weiter, denn die Bezeichnung “Talent” enthält ja immer eine Wertung.
Also ein normativer Politikbegriff? Das politische Talent als jemand, der/die geeignet ist, eine gute Ordnung herzustellen – trifft das auf zu Guttenberg zu?
Fassade neben Fassade neben Fassade
Als demütig wurde er beschrieben, und doch posierte er am Time Square und doch inszenierte er sich mit Frau und Talkmaster Johannes B. Kerner in Afghanistan. Als unabhängig von der Politik wurde er beschrieben, und doch klammerte er sich über Tage an sein Amt, auch dann noch, als die Faktenlage schon überwältigend war.
Als konsequent und Mann der Tat wurde er beschrieben, und doch blieb seine Rücktrittsdrohung während der Opel-Verhandlungen folgenlos, und doch versuchte er jetzt, sich mit weitschweifigen Erklärungen und durch Aussitzen aus der Affäre zu stehlen.
Als fähiger Akademiker wurde er beschrieben, und doch kopierte er seine Dissertation, zu der er erst mit Ausnahmegenehmigung zugelassen worden war, ungeniert aus zahlreichen Quellen zusammen.
Als nachdenklich wurde er beschrieben, und doch handelte er sprunghaft, als er Schneiderhahn, Wichert und Schulz (vorübergehend) ihres Amtes enthob und als er mitteilte, das Bombardement von Kundus sei erst angemessen, dann nicht angemessen gewesen.
Als aufrichtig und glaubwürdig wurde er beschrieben, und doch informierte er in Sachen Kundus den Bundestag unzureichend, und doch plagiierte er bei seiner Dissertation im großen Stil, um dann die Öffentlichkeit über Tage ungeniert anzulügen.
Als guter Bundeswehrchef wurde er beschrieben, und doch verschanzte er sich noch bei seiner Rücktrittsrede hinter den Särgen von getöteten Soldaten.
Als selbstkritisch wurde er beschrieben, und doch ließ er in seiner Abschiedsrede mit keinem Wort erkennen, er habe verstanden, worum es eigentlich ging.
Als Macher wurde er beschrieben, und doch hat er bislang allenfalls eine große Reform angestoßen, deren Finanzierung gleichwohl noch nicht gesichert ist.
Ein großes potemkinsches Dorf
Die ganze Figur Guttenberg entpuppte sich nach und nach als politisches potemkinsches Dorf. Jede dieser Zuschreibungen war eine glänzende Fassade. Nun kennt man die Rückseite jeder dieser Fassaden, jede für sich barg eine Illusion.
Jetzt noch auf Guttenbergs politisches Talent zu verweisen, ist gleichbedeutend damit, das potemkinsche Dorf als Ganzes zu trennen von seinen einzelnen Fassaden: Ja, kein Haus hier ist echt, mag sein, aber das Dorf ist es! Seht doch seine Pracht!
Ein normativer Politikbegriff kann diese Argumentation nicht tragen, auf jeden Fall nicht, solange man Politik im Kontext der Demokratie denkt. Auch für den Frieden, Kern vieler normativer Politikvorstellungen, hat sich zu Guttenberg nicht wirklich stark gemacht; im Gegenteil hat er die Aussagen, die zu Horst Köhlers Rücktritt geführt haben, unterstützt.
Das politische Talent als machtpolitisches Talent
Ihm politisches Talent zuzuschreiben funktionierte allenfalls, legte man einen instrumentellen Politikbegriff zugrunde. Wer Politik als bloßes Mittel sieht, Macht zu erlangen und zu halten, um der Macht selbst willen, für den ist egal, was hinter der Fassade steckt, solange sich genug Menschen von ihnen blenden lassen.
Und vielleicht ist zu Guttenberg ja wirklich ein fähiger, ein talentierter Machtpolitiker; immerhin stieg er schnell vom einfachen MdB zum Bundesminister, zum Abgeordneten mit dem besten Erststimmenergebnis und zum beliebtesten Politiker auf. 500 000 Facebook-Fans kommen nicht von ungefähr. Andererseits: Jetzt ist er sämtliche Ämter los.
Und: Der instrumentelle Politikbegriff taugt gerade nicht für eine Forderung nach Guttenbergs Rückkehr. Denn die ist ja explizit normativ: Guttenberg soll zurückkommen, man könnte hinzufügen, er soll wiederkommen, weil er gut ist. Instrumentell zu argumentieren hieße aber: Wenn er gut ist, kommt er auch zurück. Wenn nicht, ist er wohl nicht gut genug.
Guttenberg profitiert davon, dass das Narrativ des Talents gehegt und gepflegt wurde – vor allem von Journalisten, die es unbedarft übernommen haben; selbst Kritiker reproduzierten es. Es hat sich so verfestigt, dass es ihn auch jetzt zu tragen scheint. Das lag aber nicht an ihm, sondern primär an den Massenmedien, am Journalismus.
Das „politische Talent zu Guttenberg“ hat sich verselbstständigt. Wenn dem Politiker zu Guttenberg eines Tages eine Rückkehr in höchste Ämter gelingen sollte, dann deswegen. Für Journalisten sollte der Fall einmal mehr eine Lehre sein. Nicht immer hat das, was alle sagen oder schreiben, auch Substanz.
crosspost von beim wort genommen.



Randbemerkung: Der einzige Politiker, dem neben Guttenberg regelmäßig bescheinigt wird, politisches Talent zu haben, ist Guido Westerwelle.
Talent bescheinigt man doch Menschen, die absolut nichts wirklich können?! Ebenso wie man Potenzial denen zuspricht, die unterdurchschnittliche Leistungen abliefern…
Guttenberg ist ein Meister der Inszenierung, seine Begabung war in erster Linie die Anhäufung von Popularität. Dies ermöglichte es ihm zum Beispiel, die Sprachregelung zu Afghanistan zu durchbrechen, die schwindende Aufmerksamkeit der deutschen Bevölkerung wieder an den Hindukusch gelenkt.
Wer außer Guttenberg konnte die CSU zum Verzicht auf die Wehrpflicht bewegen. Das ist ein kleines politisches Meisterstück für sich – das wäre ihm aber wahrscheinlich mit einer verhunzten Bundeswehrreform auf die Füße gefallen – dennoch: wer sonst hätte diesen ersten Schritt vollbringen können?
Ich sage Danke für diese sachliche Darstellung.
Bleiben Sie bitte weiterhin wachsam, Ihr Guido S..
Ihr Fassadenrundumeinschlag ist exzellent, Herr Schaible.
Lediglich bei den 500.000 Fans will ich widersprechen, denn die gibt’s im Ausland ebenso preiswert zu erwerben wie z.B. Doktortitel …
[...] Guttenberg ist ein politisches Talent. Man mag naserümpfend darüberstehen, aber Menschen für eine Sache zu begeistern ist Teil der Politik. Selbst wenn der Politiker in [...]
Es ist ein Phänomen: Überall steht geschrieben: “Deutschland braucht diesen Mann”, “politisches Talent”, “niemand kann ihn ersetzen”, …
Aber warum?
Doch bloß, weil wir seit geraumer Zeit damit eingelullt werden und anfangen es irgendwann einfach zu glauben. Das gleiche Schema wie bei Religion. Oder bei Fernsehwerbung.
Der Mann kann nichts besonderes, ist ein Betrüger, profitiert von seiner Herkunft aus dem Schoße von Mami und Papi. Es ist einfach nur die Inszenierung und das ständige Mantra, das die breite (viel zu unkritische) Masse glauben macht, es handele sich hier um irgend etwas besonderes.
“Und das goldene Stück Scheiße geht an Euch”
…gibt es noch andere interessante Themen?
Das ist gut differenziert, allerdings fehlt mit ein wichtiger Gedanke zum Mythos Guttenberg: erst E R habe für die Soldaten in Afghanistan die richtigen Waffen besorgt, damit sie auf die “kriegsähnlichen Zustände” angemessen reagieren können!
(“kriegsähnlichen Zustände” war eine typische Nebelkerzenformulierung, die nichts Konkretes bedeutete und von den journalistischen Speichelleckern wie auch dem “Qualitätsjournalismus” begierig aufgegriffen wurde unter dem Motto: “das ist eine neue Formulierung und hat große Bedeutung”)
Und der Qualitätsjournalismus hat in diesem Fall nur die Schlagzeilen formuliert – die investigative Arbeit hat die Schwarmintelligenz der web2.0-Community geleistet!
[...] [...]
[...] Jonas Schaible: zu Guttenberg: Ein Talent verselbständigt sich [...]
Ja er hatte Talent. Aber nicht als Politiker. Ich kann die 500.000 FB Fans nicht verstehen. Politiker sind schon wegen ganz anderen Dingen von der Bühne verschwunden. …Wenn es auch noch zu Guttenberg Demos kommen sollte, krieg ich mich gar nicht mehr ein.
Stellvertretend für viele “Stimmen aus dem Volk” biete ich mal diese hier an:
http://latrinum.wordpress.com/2011/03/03/denkt-mal-daruber-nach/
Hier nochmals Erquickliches und Erhellendes zu den X00.000 Fans:
http://medienstratege.de/2011/03/alles-nur-ein-fake-neue-indizien-auf-gefalschte-guttenberg-fans/
Ich habe mir auch die Frage gestellt, was denn ein absolutes Ausnahmetalent ausmacht. Das wird so oft erwähnt, dass es schon auffällig ist. Aber ich werde es nie erfahren. Vermutlich gehören so Fähigkeiten wie “souveränes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigket” dazu, und das beherrscht er in der Tat.
@Jens Würfel:
Ich tue mich auch schwer dabei zu verstehen, wieso er so viele bedingungslose Anhänger hat. Zu glauben, sämtliche 500.000 Fans seien gekauft, halte ich für blauäugig. Natürlich sind da Fakes bei. Aber ich glaube, wir müssen damit leben, dass selbst eindeutige Hinweise für einen Großteil der Menschen nicht ausreicht. Einige können und einige wollen es nicht verstehen. In dem Buch “Psychologie der Massen” wird dieses Phänomen genau beschrieben. Es war vor 120, vor 1000 und vor 2000 Jahre so und wird es vermutlich auch immer sein.
Vernunft wird überschätzt!
Damit haben Sie mir den Tag versaut! Vermutlich genau deshalb, weil dieses kleine Sätzchen aussagt, was “das Volk” zu denken scheint. Und für mich ist die schlimmste aller Sünden die Dummheit.
[...] „zu Guttenberg: Ein Talent verselbstständigt sich“ – Analyse aus politikwissenschaftlicher Perspektive von Jonas Schaible (Carta, 03.03.2011) [...]
Mehr scheinen als sein. Darauf sind “Begabung”,”Talent” und so weiter in der real existierenden Berufspolitik ebenso sehr reduziert wie im Show-Geschäft insgesamt.
Sehr guter Kommentar, der die Fassade der Person Guttenberg mal schön auf den Punkt bringt. Die Lügen und Beschönigungen in seinem Lebenslauf (Erfahrung gesammelt bei “Leitung des Familienunternehmens” = Drei-Mann-Betrieb zur Verwaltung des eigenen Vermögens, “Börsengang der Rhön Klinikum AG begleitet” – mit 17?!?, “freier Journalist” bei Springers “Welt”, obwohl er nur Prakti war usw) könntest du allerdings noch verwursten, am besten unter “aufrichtig und glaubwürdig”!
Klarheit wird ihm auch bescheinigt. Weil er den Krieg Krieg genannt hat. Hat er das wirklich? Waren es nicht gedrechselte “kriegsähnliche Zustände”? Trotzdem wird ihm unwidersprochen von allen Medien zugute gehalten, er hätte “Krieg” gesagt.
[...] haben, die so denken? Die fachlichen Kompetenzen eines guten Bundesministers besitzt Guttenberg nur äußerst begrenzt, und wesentliche Persönlichkeitseigenschaften, die einen Menschen „ministrabel“ [...]
@ Carsten #16
Nun ja … :
http://www.tagesschau.de/inland/guttenbergdemos100.html
Begabung: Übung macht den Meister
Ein Gespräch mit Christian Fischer, Professor für Begabungsforschung
http://wissen.dradio.de/begabung-uebung-macht-den-meister.33.de.html?dram:article_id=8813
Zum Astroturfing: http://www.theeuropean.de/presseschauer/5933-pro-guttenberg-bewegung
[...] 03.03.2011 – Ein Talent verselbständigt sich – Jonas Schaible (Carta) [...]
Dieser Herr von und zu und warum Guttenberg hat soviele Feinde, dass er fast wieder interessant wird. Es würde mich mal interessieren wieso ein solcher Blender, ein solch belangloser, talentfreier und was-auch-immer Politiker soviele Blogs generiert. Der Herr Baron bringt die Apple-Notebooks sozusagen zum glühen.
Am Ende könnte ja irgendetwas am Herrn Baron dran sein… furchtbarer Gedanke sowas, gelle? Über Typen an denen nun wirklich nichts dran ist, verschwendet man doch nicht soviel virtuelle Tinte.
Also liebe Cartarianer… erklären Sie mir doch bitte mal warum sie soviel Zeit, Kraft und Energie an einen derart uninteressanten und belanglosen Politiker wie den Herrn Baron von und zu trotz oder wegen Guttenberg verschwenden? Haben Sie sonst nichts sinnvolles zu tun?
[...] Jonas Schaible in Carta: „zu Guttenberg: Ein Talent verselbständigt sich“ [...]
[...] anderes, jemand mit einem instrumentellen Politikverständnis könnte glatt versucht sein, ihm doch noch irgendwie Talent zu unterstellen. Wie gesagt: jemand [...]