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Robin Meyer-Lucht

Das Netz und der Guttenberg-Rücktritt

 | 16 Kommentar(e)


Welche Rolle hat das hat Internet beim Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg gespielt? Eine kleine Kommentarschau.

02.03.2011 | 

Ein paar Zitate aus der Debatte um das Netz und den Guttenberg-Rücktritt (Hervorhebungen Carta):

Schwarmkontrolle brachte Minister zu Fall – Interview mit Grimme Institut-Direktor Uwe Kamann:

Es gibt sicherlich tendenziell eine Öffnung der früheren klassischen Öffentlichkeit, also das waren die etablierten Medien, die klar hierarchisch verantwortet werden, zugunsten einer ganz offenen Öffentlichkeit, wenn man das so sagen darf. Das zeigt sich auch an vielen Stellen in der Welt, weil das Netz einen ganz entscheidenden Vorteil hat, der sich auch zum Nachteil wandeln kann, dass es eigentlich nicht zu kontrollieren ist, dass es über die Grenzen tritt, dass es jederzeit und überall verfügbar ist.

Medien und der Fall Guttenberg: Ohne Internet geht’s nicht mehr – Marcel Weiss auf Neunetz.com

Zwei Erkenntnisse erscheinen mir dabei recht offensichtlich:

  1. Ohne Guttenplag wäre Guttenberg nicht gegangen.
  2. Ohne das Feuerwerk der klassischen Medien von FAZ bis Spiegel wäre Guttenberg nicht gegangen.

Das Interessante ist, dass beides notwendig war um die als unbesiegbar erschienene Phalanx aus BILD und (ehemaligen )Medienlieblingspolitiker zu brechen. Weder allein Punkt eins noch allein Punkt zwei hätten dafür gereicht….

Aktuell können wir den Anfang einer kleinteiligeren Arbeitsteilung im Nachrichtengeschäft beobachten. Auf der einen Seite Akteure, die Informationen auf neuem quantitativen und qualitativen Niveau veröffentlichen (WikiLeaks, Guttenplag) und auf der anderen Seite die klassischen Medien, die auf die Verbreiterrolle dieser Informationen reduziert werden.

Machtpolitikerin Merkel gescheitert - Ines Pohl in der taz

Aber auch zivilgesellschaftlich wurde am Dienstag Geschichte geschrieben. Nun scheint der übers Internet organisierte Protest auch in Deutschland wirkungsmächtig angekommen. Der Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem konzertierten Protest zehntausender WissenschaftlerInnen gegen den falschen Doktor ist mehr als offensichtlich. Auch der geballten Medienmacht des Springer-Konzerns ist es nicht gelungen, die Protestwellen, die sich im Netz formierten, zu stoppen. In Sekundenschnelle waren nicht nur die Plagiatsvorwürfe in der Welt. Ohne Software-Programme und Internetforen wäre wohl nie so schnell so deutlich geworden und für jedermann einsehbar, wie massiv die Verstöße von zu Guttenberg waren. Das darf Mut machen!

Das Netz gibt keine Ruhe mehr - Interview mit Christoph Bieber in der taz

Christoph Bieber, Politikwissenschaftler vom Gießener Zentrum für Medien und Internet, meint: “Ohne das Netz wäre der Skandal anders verlaufen – und es wäre für den Skandalierten einfacher gewesen, ihn zu überstehen.” Die Uni Bayreuth hätte die Plagiatsvorwürfe hinter verschlossenen Türen überprüft – im “GuttenPlag Wiki” jedoch sei das öffentlich passiert und es habe einen “dauerhaften Zufluss” neuer Informationen gegeben, der die Berichterstattung immer wieder befeuert habe.

Dazu habe auch beigetragen, dass Guttenberg sich im Verlauf der Affäre zunehmend von der breiten Medienöffentlichkeit abschottete und die Bild-Zeitung eine Kampagne zu seinen Gunsten startete, so Bieber. Der Versuch, sich einer Skandal-Berichterstattung zu entziehen, funktioniere in einer vernetzten Öffentlichkeit nicht mehr.

Netz besiegt Minister – von Christian Stöcker:

Karl-Theodor zu Guttenbergs Rücktritt ist ein Sieg des Internets. Ohne die akribische Dokumentation der Plagiate im GuttenPlag Wiki wäre die Debatte versandet. So aber brachte der Minister Deutschlands Wissenschaftselite gegen sich auf – nicht einmal die “Bild”-Zeitung konnte seinen Job retten.

Für viele Kommentatoren stellt der Rücktritt tatsächlich Zäsur dar: Die neue Netzwerköffentlichkeit ist wirkungsmächtig im politischen Diskurs angekommen. Durch das Netz wurden der Skandal anders aufgearbeitet, es wurde anders über ihn geredet und die Rolle der Massenmedien hat sich dabei von Gatekeepern hin zu Selektierern und Verbreitern vorschoben.

Hinweise auf weitere Kommentare sehr gerne in den Kommentaren.

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16 Kommentare

  1. fk |  02.03.2011 | 11:37 | permalink  

    Und nochmal: Er hätte die Sache und Guttenplag und alle Netz-Empörung überstanden. Hätte er sie früher ernst genommen und weniger überheblich reagiert.

  2. Robin Meyer-Lucht |  02.03.2011 | 11:55 | permalink  

    @ fk: Stimmt – Aber weil er so überheblich war stand ihm nun auch das Netz im Wege…

  3. huth |  02.03.2011 | 11:55 | permalink  

    Früher: Adel verpflichtet!
    Jetzt: Adel erdichtet!
    Das Netz hats gesichtet!
    Bild hats nicht geschlichtet!
    Reputation vernichtet!
    Adel gerichtet!

    Adel verzichtet!

  4. noName |  02.03.2011 | 12:09 | permalink  

    Interessant.

    „Das Prinzip des genaueren Hinschauens“

    Das Netz ermöglicht ein ‚genaueres Hinschauen‘ und einen Austausch darüber. Je stärker der Austausch stattfindet, desto eher kann was bewirkt werden. Das ‚Prinzip des genaueren Hinschauens‘ ist nicht neu! Digitales ist dem Analogen nur weitaus überlegen.

    Ob es um ‚genaueres Hinschauen‘ bei einem Bundesminister oder um Sachthemen geht, spielt keine Rolle. Die Möglichkeiten des ‚genaueren Hinschauens‘ scheinen noch längst nicht ausgeschöpft zu sein.

    Die Deuter (= Besetzer der Deutungshoheit) nutzen die dynamischen Ergebnisse des ‚genaueren Hinschauens‘. Deuter ist nicht nur der klassische Journalist, sondern auch Blogger, Tweeter, jeder der will (heißt nicht, dass jeder kann) u.a. Sofern die von den vorbezeichneten Deutern entwickelten Meinungsströme auf die öffentliche Meinungsbildung wirken, kann was bewirkt werden (Beispiel: Rücktritt von zu Guttenberg), was auch immer.

    ;)

    Kurz: Das, was mit zu Guttenberg im Netz etc. passiert ist, ist gar nicht so erstaunlich, sondern ein ‚genaueres Hinschauens‘ mithilfe der digitalen Möglichkeiten.

  5. Gina |  02.03.2011 | 12:36 | permalink  

    Was haben Sie nur immer mit Ihrer Zäsur?

  6. Timo Tasche |  02.03.2011 | 13:05 | permalink  

    Die nette Geschichte vom charismatischen Herrn G.
    Der Druck war am Ende wohl doch zu groß. Nun hat Guttenberg hingeworfen. Nach den Plagiatsvorwürfen konnte sich der Minister
    nur noch schwer auf dem Stuhl halten. Überall ruckelte und zuckelte es. Nicht nur in den Medien, sondern auch stark im Netz. Trotzdem hatte er auch Befürworter. Viele wollten ihn weiter als Minister haben. Dennoch schwer angeschlagen, hätten ihm
    spätestens die öffentlichen Wahlkampfauftritte zu schaffen gemacht. Im Showgeschäft und in der Politik kommt es auf jeden einzelnen Fan an. Die Causa Guttenberg hat aber auch verdeutlicht, das man sich solche Patzer in der Politik nicht leisten kann, obgleich er für seine beteiligten Zwecke den Doktortitel gar nicht zwingend benötigt hätte. Welch eine Ironie. Dennoch: Die -Arena- hat gesprochen. Und die -Arena- signalisierte: Daumen runter. Ein Politprofi wie Guttenberg hatte sicherlich schon zu Beginn der Diskussion gewusst: Dieser Lapsus kann ins Auge gehen. Deswegen keine redseeligen Erklärungen, keine weiteren Zugeständnisse. Ausser Abwiegeln und aussitzen, gewisse Fehler eingestehen. Ein stolzer Guttenberg. Bis zum Schluss. So hat er schließlich geerntet, was er selber gesät hat. Er wurde an seiner eigenen Messlatte gemessen. Und die war hoch: Einen sehr glatten Politiker mit einem weniger glatten Abgang hat diese hervorgebracht. Den Vorwürfen ausweichen, und selber seinen Doktor zurückgeben war vergebliche Liebesmüh. Am Ende ist er über seinem eigenen Ehrgeiz gestolpert. Ein tragische Figur in seinem ganz persönlichen Krimi. Das zu Guttenberg zurückgetreten ist, war logische Konsequenz aus seiner Affäre. Es war wohl lediglich nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch wann er seinen Rücktritt verkündet. Das politische Parkett ist nun -Guttenberg gesäubert-, und damit auch die Diskussionen. Doch man verliert natürlich auch den Menschen Guttenberg. Seine Meinungen, seine Ratschläge, seine Besuche bei der Truppe in Afghanistan. Denn die Doktor-Affäre war nur ein Teil vom Gesamtbild. Einige mögen feixen, einige mögen trauern. Doch ist es nicht eigentlich beides zu abstrus? Die Welten jener, die Guttenberg schon zu Beginn der Affäre am liebsten einen Freifahrtschein nach draußen ausgestellt hätten, scheinen nun wieder in bester Ordnung. Diejenigen die um ihn trauern, dürften sich mit der Wahrheit im allgemeinen schwertun, auch wenn es vielleicht sie selbst beträfe. Vorsicht ist also geboten bei allzu scharfen Verurteilungen. Die Welt ist eben nicht nur gut oder böse, schwarz oder weiß, sondern Bunt. Man muss abwägen und zwischen den Zeilen lesen. Zu Guttenberg verdient trotzdem den Dank für seine Tätigkeit und unsere besten Wünsche für seine private Zukunft. Timo Tasche

  7. Robin Meyer-Lucht |  02.03.2011 | 14:58 | permalink  

    @ Gina: Es geht einfach darum einen Begriff zu finden, dass sich etwas verändert. Zäsur ist da vielleicht eine Möglichkeit. Unverfänglicher ist vielleicht das Wort “Anfang”, das Marcel Weiss benutzt…

  8. Wolfgang Michal |  02.03.2011 | 16:08 | permalink  

    Es ist eigentlich das erste Mal, dass analoge und digitale Öffentlichkeit in einem konkreten Fall voreinander Respekt bezeugen. In Leitartikeln und Netzkolumnen. Und das sogar zu Recht. (Guttenberg war der geeignete Katalysator. Er ist der Versöhner ;-)

    Die Vorarbeiten durch die drei großen WikiLeaks-Veröffentlichungen (in Kombi mit NYT et.al.) und die Begleitung der arabischen Aufstände durch Twitter, Facebook und Al Jazeera sollte man dabei vielleicht nicht ganz außer Acht lassen.

  9. Rolf Ehlers |  02.03.2011 | 17:26 | permalink  

    Das Internet wird von den Printmedien ebenso gesehen wie die Blogger und Kommentatoren auch die Printmedien checken. man schreibt inzwischen sogar voneinander ab, wenn auch nicht so platt wie zu Guttenberg. Eine gute Idee auf der einen Seite findet sich jedenfalls sehr bald auch auf der andern.

    GuttenPlag würde ich nicht überbewerten, wenn auch diese Aktion all den Spinnern, die nicht selbst hinsahen und die schändlichen Plagiate sahen, alle Argumente nahmen.

    Das Entscheidende war die wachsende Übereinstimmung aller derer, die sich ernsthaft mit dem Thema befassten, letztlich sogar der großen Wissenschaft, die sich sonst immer fein raushält, wenn sie nicht geschmiert wird.

  10. Philosophische Schnipsel « Causa Guttenberg: Internet gewinnt gegen “Bild” |  02.03.2011 | 17:42 | permalink  

    [...] bei Carta gibts eine Kommentarschau zum [...]

  11. Thomas Strobl |  02.03.2011 | 19:12 | permalink  

    Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang, dass sich das Netz zunehmend eine Selbstbeschreibung aneignet und in Pro/Contra-Formen relativ geschlossen operiert. Die Initiative scheint mir in der Causa Guttenberg auch eher vom Netz ausgegangen zu sein, die Mainstreammedien stellten sich dazu eher parasitär auf. Insgesamt sagt mir der Fall Guttenberg, dass auch in Deutschland das Netz dabei ist, sich als eigenständiges Sozialsystem auszudifferenzieren. Das halte ich für ziemlich bemerkenswert.

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  15. Hans-Wurst |  11.03.2011 | 09:00 | permalink  

    Lol, rofl, iksdeh!

  16. Wellness Therme NRW |  13.03.2011 | 11:16 | permalink  

    Die Gutenberg Affäre hätte wahrscheinlich auch viele andere Politiker zu Fall gebracht, wenn genug gesucht werden würde.

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