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Michael Spreng

zu Guttenberg: Der Fanpolitiker

 | 21 Kommentar(e)


Mit zu Guttenberg ist die Popkultur in die politische Kultur eingebrochen. Der “Popstar” zu Guttenberg hat Millionen Fans wie ein wirklicher Rockstar – ein Phänomen, das man bisher allenfalls von Berlusconi und den italienischen Wählern kannte.

27.02.2011 | 

Der gemeine Wähler ist ein untreuer Geselle, wankelmütig, unberechenbar, bindungslos wandert er mal zur einen, mal zur anderen Partei. Mal wählt er gar nicht, mal entscheidet er sich erst in letzte Minute. Im Grunde ist der Wähler den Parteien ein Gräuel. Und das beruht auf Gegenseitigkeit: der gemeine Wähler hält die meisten Politiker für karrieregeile Nichtskönner, die nur an sich denken.

Wehe aber, wenn der Wähler liebt. Dann liebt er bedingungslos.

Womit wir bei den Fans von Karl Theodor zu Guttenberg sind. Nichts kann sie von ihrer Liebe zu ihrem Idol abbringen. Weder sein Meinungswechsel in Sachen Kundus-Bombardements und der Rauswurf der Sündenböcke, noch sein – auf Zuruf von BILD – schneller Stellungswechsel in Sachen “Gorch Fock”, als zu Guttenberg den Kapitän suspendierte, dem er kurz zuvor noch eine faire Behandlung zugesichert hatte. Und erst recht nicht zu Guttenbergs plagiatdurchsetzte Doktorarbeit. Wer liebt, der verzeiht.

Zu Guttenberg profitiert davon, dass die Popkultur in die politische Kultur eingebrochen ist. Das ist ein völlig  neues Phänomen, das man bisher allenfalls von Berlusconi und den italienischen Wählern kannte. Der “Popstar”, der “Superstar”, wie zu Guttenberg genannt und gefeiert wurde, hat Millionen Fans wie ein wirklicher Pop- oder Rockstar.

Und diese Fans sind treu. So, wie Enthüllungen über Drogenexzesse den Fan eines Rockstars nicht  erschüttern können,  so kann eine gefälschte Doktorarbeit den Guttenberg-Fan nicht von seinem Idol trennen. Im Gegenteil: ihre Liebe und Verehrung wird umso stärker, je mehr ihr Idol angegriffen wird, weil sie glauben, es beschützen zu müssen.

Vorwürfe, insbesondere in den Medien, sind in den Augen der Fans entweder frei erfunden, lächerliche Bagatellen oder Teil einer Kampagne. Fakten werden ignoriert. Die Fans haben sich ein Bild von ihrem Idol gemacht. Würden sie sich abwenden, würden sie ihre selbstgeschaffene Illusion zerstören. Auf wen sollen sie dann ihre Wünsche und Sehnsüchte projizieren?

Und genau wegen dieser Mechanismen kann zu Guttenberg Minister bleiben. Keine Kanzlerin, kein Parteivorsitzender kann es sich erlauben, der Zorn dieser Millionen Fans auf sich zu ziehen. Sie oder er würden von den Fans hart abgestraft – bei den Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Und später bei der Bundestagswahl.

Der Verteidigungsminister ist im Grunde eine politisch selbständige Figur, der Oberbefehlshaber einer Schatten-Fan-Armee, die er jederzeit gegen die eigene Partei aufmarschieren lassen könnte. Sie macht ihn unabhängig von Angela Merkel oder Horst Seehofer.

Solange zu Guttenbergs Band zu seinen Fans hält (gepflegt von den Fanorganen BILD und Bunte), solange ist er unstürzbar. Der Fanpolitiker ist so dem reinen Parteipolitiker haushoch überlegen, der mit der Bindungslosigkeit der Wähler zu kämpfen hat.

Solche Fans sind natürlich das Gegenteil des kritischen Staatsbürgers, der sein Urteil immer wieder hinterfragt. Fans setzen die Selbstreinigung der Demokratie außer Kraft und sie legen die Kontrollfunktion der Medien lahm. Aber die Medien (auch die sogenannten seriösen) dürfen sich nicht beschweren: sie haben das unverwundbare Idol miterschaffen.

P.S. Ich möchte in den nächsten Jahren von der CDU/CSU kein Wort mehr über Werte hören.

Crosspost von wunderbaren Sprengsatz-Blog mit freundlicher Genehmigung des Autors. Kommentare gerne auch drüben.

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21 Kommentare

  1. LM |  27.02.2011 | 14:20 | permalink  

    Der gestern erstveröffentlichte Kommentar von Michael Spreng erscheint heute bereits in Teilen überholt: http://berlin2011.wordpress.com/2011/02/27/merkel-biograph-fuerchtet-regierungskrise/

  2. Juan Alomar |  27.02.2011 | 14:20 | permalink  

    Stand schon letzte Woche min “guttenplag”
    http://de.guttenplag.wikia.com/index.php?title=Forum:Michae_Jackson-Minister&t=20110220163359

    Der Michael Jackson-Minister

    Natürlich rast jetzt die Opposition. Natürlich beißen sich Divisionen projektiver Kleingeister Links und Rechts von der Mitte am virtuellen Medienpopanz Guttenberg fest. Am Ende ist zu Hoffen, daß in der Gesamtschau die Fakten für sich sprechen.
    Die Genese:

    1. Die nach dem Tod von Strauss nicht mit medialen Lichtgestalten gesegnete CSU entdeckt ein junges freches Kerlchen, das eine Menge Medien-Skills mitbringt.
    - Er entspricht optisch der gerade mal angesagten Männervariante in der Werbung (Sauber-Konservativ statt Hippie-Wild): d.H. er ist Frauenaffin!(ohne dass man noch groß werbend Geld für ihn ausgeben muss)
    - Er ist Adlig: Wir haben die RTL/Super-Illu-Gemeinde im Boot!.
    - Er ist cool, weil er den Polit-Job nicht braucht um die Wunde der kleinen Herkunft zu heilen. D.H. er steht auch von Anfang an über den Partei-Intrigen. Seehofer ist ein cleverer Hund, der seine Klassiker kennt.
    Neben dem “Teile und Herrsche” natürlich auch den anderen:
    “Kannst du einen Feind nicht töten, umarme ihn!”

    2. Seehofer läßt KT testweise auf Merkel los. Guttenberg reüssiert auch hier imagemässig. Und schon ist entschieden, dass er ab da kaum noch in seiner politischen Potenz ein Thema ist, sondern nur noch seine optische Präsenz bewertet wird.

    3. Er erweist sich als schneidiger Bundeswehr-Kamerad, in dem er bei jeder sich bietenden Gelegenheit altgediente (und von den Jungen beneidet/verhasste Kader) über die Klinge springen lässt.

    4. Er pflegt geschickt auch noch die kleinste mediale Seitenlinie:
    Seine Ehefrau moderiert ein Volkszornportal auf einem Privatsender.
    Er befreundet sich vermittelt durch Cousin Florian Henckel von Donnersmarck mit Tom Cruise. Etc.

    Eine kontinuierliche Bewertung seiner politischen Leistungen (die objektive wissenschaftliche Fachleute eher zwischen unbedeutend und unsicher einordnen), ist schon längst – wenn überhaupt – nur noch ein störendes bzw. unverständliches Seitenthema seiner Fans.

    So erklärt sich auch der extreme Ärger darüber, dass plötzlich so etwas wie wissenschaftlich-moralische Ehrlichkeit ein Kriterium sein soll, dem ausgerechnet KT unterworfen sein soll.
    Spätestens jetzt greift die Analogie zu Planet-Pop:
    KT und Michael Jackson sind klassische Geschwister im Geist
    MJ-Fans interessiert genau so wenig wie die KT-Gemeinde, was an den missbräuchlichen Handlungen ihres Idols Fakt war.
    Es geht immer nur um die Angst, eine Projketionsfläche zu verlieren, die bis dato die kränkende Erkenntnis der eigenen kleinen Existenz ein Stück erträglicher macht.

    Frau Käßmann war bei Ihrer “Promille-Eskapade” deswegen gut beraten (und damit auch um Lichtjahre clever als KT), die Lockangebote der “Ist-doch-nicht-schlimm-komm-werde-eine von uns”- Schlangen-Amigos gar nicht erst in Erwägung zu ziehen. (Wir erinnern uns an CSU-Spezerl Otto Wiesheu, der 1983 im Vollsuff jemanden getötet hat, und ohne größere Blessuren aus der Nummer raus kam, dessen Karriere danach erst so richtig lief, bis zum brillanten Geistesblitz, den Atomausstieg mit der Endlösung der Judenfrage gleichzusetzen)

    Margot Käßmann wußte, was die Konsequenz sein würde:
    Lebenslange politisch-argumentative Epressbarkeit.

    Fazit:
    Nur eine unparteiische Untersuchung der KT-Dissertation führt zu einem Ergebnis. Deswegen ist sie bei der UNI Bayreuth vermutlich genau in den falschen Händen.
    Nur die objektive Wertung der politischen Leistung sagt etwas darüber aus, ob KT ein guter Politiker ist.

    Bis jetzt ist er nur ein clever Popstar gewesen. Und damit hat er sich auch von Anfang an den Gesetzten unterworfen, die für Popstars gelten.
    Manchmal führt deren Weg ebenin die Höhen von Michael Jackson.

    Manchmal endet man als ONE-HIT-WONDER, als Fußnote der Geschichte unter Fernerliefen. Medial bleibt die Sache also spannend.
    Mit seriöser Politik hatte das Thema KT von Anfang an nichts zu tun.
    Im Grunde wissen das auch alle.

    Juan (ich bin übrigens Deutscher!!! Nicht, dass mir Klagen kommen;-)

  3. noName |  27.02.2011 | 14:40 | permalink  

    Über den „Fanpolitiker“ hatte ich kürzlich in einem WDR2-Interview mit Herrn Spreng gehört. Interessanter Gedanke, besser als von anti-elitären, einfachen Leuten – das sind nämlich überwiegend Bild-Geschädigte – zu sprechen.

    Allerdings hätte ich das Posting lieber in der vergangenen Woche gelesen. Die Fans kommen an klaren Stellungnahmen wie dieser hier http://www.br-online.de/bayerisches-fernsehen/rundschau/plagiat-zu-guttenberg-professor-lepsius-ID1298652527365.xml nicht vorbei. Über solche Positionen sollten Journalisten lieber berichten als über den Fankult um einen untragbaren Bundesminister. So doll ist das mit den Fans nicht mehr.

    Gleichwohl beschreibt das Posting eine neue (?) Art von populistischen Politikern, die im Volk (wieder) ankommen.

  4. noName |  27.02.2011 | 14:42 | permalink  

    Das Video unter br-online.de ist nicht mehr verfügbar. Merkwürdig.

  5. noName |  27.02.2011 | 14:43 | permalink  

    Aber hier: http://www.youtube.com/watch?v=6cDZuQBtpVA&feature=player_embedded
    (Das kann gar nicht oft genug verlinkt werden.)

  6. LM |  27.02.2011 | 14:59 | permalink  

    oder hier: http://berlin2011.wordpress.com/2011/02/27/interview-mit-prof-lepsius-zum-fall-guttenberg/

    Man sollte den BR-Intendanten (und Ex-Regierungssprecher fragen, weshalb das Video auf den Seiten des bayrischen Rundfunks aus dem Verkehr gezogen worden ist.

  7. Aufmerksamkeit! |  27.02.2011 | 15:00 | permalink  

    Ha, da muss ich laut “Streisand” rufen. Der BR hat das Video tatsächlich von seiner Seite genommen. Hat da jemand von der Bayerischen Landesregierung nachgeholfen, oder war es Frau Merkel, die Ihren ehemaligen Sprecher, jetzt Intendant des BR, Ulrich Wilhelm, kontaktiert hat? Wer weiß das schon?
    Nur, wenn das Video zigfach bei youtube zur Verfügung steht, mit BR Logo,…..na ja, “Streisand” eben.

  8. LM |  27.02.2011 | 15:02 | permalink  

    Nehme alles zurück: Das Video ist auf BR-online nach wie vor verfügbar:

    http://www.br-online.de/bayerisches-fernsehen/rundschau/plagiat-zu-guttenberg-professor-lepsius-ID1298652527365.xml

    War Eintrag von noName | 27.02.2011 | 14:42 aufgesessen, pardon.

  9. noName |  27.02.2011 | 15:03 | permalink  

    Ja, jetzt ist es wieder da. Haben die Herren vom ÖR kalte Füße bekommen?

  10. Aufmerksamkeit! |  27.02.2011 | 15:04 | permalink  

    Ne,ne, das war zwischenzeitlich nicht abrufbar!

  11. noName |  27.02.2011 | 15:04 | permalink  

    (Die lesen heimlich bei Carta mit. :))

  12. noName |  27.02.2011 | 15:05 | permalink  

    Die Herren vom ÖR meine ich. :)

  13. Aufmerksamkeit! |  27.02.2011 | 15:08 | permalink  

    @LM #8 Tja, das mit dem plagiieren ohne Eigenrecherche ist so eine Sache :-D

  14. noName |  27.02.2011 | 15:26 | permalink  

    Bei Lena Meyer-Landrut scheint der Fankult weitaus größer zu sein als bei zu Guttenberg. ;) Wie geschrieben, netter Gedanke mit dem Fanpolitiker, aber zu Guttenberg sollte jetzt die Bühne räumen. Es reicht!

    #8, es war wirklich zeitweise nicht da, das Video. Der wortgewandte Staatsrechtlicher hätte als nächstes den Bayerischen Rundfunk auseinandergepflückt. Zensur geht gar nicht. Prof. Oliver Lepsius, der neue Interviewpartner für den Qualitätsjournalismus. Pro Lepsius! :)

  15. noName |  27.02.2011 | 15:28 | permalink  

    Staatsrechtler, oha. Zu schnell.

  16. LM |  27.02.2011 | 15:53 | permalink  

    @13: Kommt nich wieder vor ;-)

    Aber einen Beitrag zum Thema Spitzenpersonal bei den Öffentlich-Rechtlichen hab ich noch: http://berlin2011.wordpress.com/2011/02/18/zu-guttenberg-tritt-heute-zuruck/

  17. beim wort genommen » Blog Archiv » Zu Guttenberg muss zurücktreten – eine demokratietheoretische Betrachtung |  27.02.2011 | 22:52 | permalink  

    [...] wenn die Legitimation bedingungslos erteilt wird, wenn Wähler zu Fans werden, wie Michael Spreng schreibt. Zu Guttenberg hat sich der demokratischen Todsünde schuldig gemacht, legt man an ihn dieselben [...]

  18. Das private Blog von Claudia Sommer » Lesenswertes zu Guttenberg, Facebook, Media und Online-Ads |  28.02.2011 | 07:27 | permalink  

    [...] Kommunikationsberater Michael Spreng nimmt sich Herrn zu Guttenberg zur Brust: zu Guttenberg – Der Fanpolitiker [...]

  19. Guttenbergs Doktorvater und andere Professoren | Erbloggtes |  28.02.2011 | 15:01 | permalink  

    [...] war dann nicht nur Fanpolitiker, sondern für seine Prüfer auch Fandoktorand. Fan sein heißt: Gehirn abschalten. Das machen [...]

  20. Lothar Lochmaier |  01.03.2011 | 16:49 | permalink  

    Die Medienwelt ist schneller und unberechenbarer als ein “Sprengsatz” – denn der obige Kommentar gehört seit heute bereits zur Zeitgeschichte, so können sich auch die versierten Öffentlichkeitsprofis irren:

    “Solange zu Guttenbergs Band zu seinen Fans hält (gepflegt von den Fanorganen BILD und Bunte), solange ist er unstürzbar.”

    > This game is over, but the show goes on – Die Preisfrage, der sich unsere Inszenierungsgesellschaft ausgesetzt sieht, ist die, ob wir in einer Leistungs- oder Erfolgsgesellschaft leben, wo die Wahl der Mittel nachrangig ist. Letzteres gilt derzeit. Und jetzt muss ein Adliger zurecht als Bauernopfer herhalten, damit wir bald schon die nächsten selbst inszenierten unechten Heldenbilder vorgesetzt erhalten.

  21. Die Affäre Guttenberg – eine Nachlese | Wolfgang Schmidhuber |  02.03.2011 | 14:54 | permalink  

    [...] aber in der Politik die Regeln des Showgeschäfts und der Fankultur ein und ersetzt Starkult das politische Argument, dann haben wir es mit einer Entpolitisierung der [...]

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