szmtag
Marvin Oppong

Wer mobbt wen im Deutschen Bundestag? [Update]

Marvin Oppong | 8 Kommentar(e)


Mobbing im Bundestag gibt es nicht, könnte man denken. Eine Anfrage bei der Bundestagsverwaltung hat jedoch ergeben, dass Mitarbeiter des Hohen Hauses Beschwerdeverfahren wegen Mobbing einleiteten.

09.09.2010 | 

Wie hier berichtet, habe ich mich vor einiger Zeit mit einer Anfrage zu verschiedenen Themen an die Verwaltung des Bundestages gewandt. Dabei fragte ich auch, in wievielen Fällen in den vergangenen drei Jahren bei der Bundestagsverwaltung Verfahren wegen des Verdachts auf Mobbing angestrengt wurden. Der Aktenplan der Verwaltung des Deutschen Bundestages enthält nämlich unter dem Punkt “Psychosozialer Dienst” auch einen Verweis auf “Mobbing”. Die Antwort der Bundestagsverwaltung lautet:

“In den letzten 3 Jahren sind in der Bundestagsver­waltung in fünf Fällen Verfahren wegen des Verdachts auf Mobbing angestrengt worden.“ Daraufhin eingeleitete Untersuchungen hätten im Ergebnis jedoch “in keinem Fall zu einer Bestätigung des jeweili­gen Mobbingverdachts geführt.”

Was sich auf den ersten Blick unspektakulär anhört, bedeutet jedoch im Umkehrschluss: Entweder es gibt in der Bundestagsverwaltung Personen, die gemobbt werden, sich bei ihrem Arbeitgeber beschweren und nicht zu ihrem Recht gelangen oder es gibt in der Bundestagsverwaltung Personen, die nicht gemobbt werden und sich zu Unrecht beschweren. Beides steht der Verwaltung des Gesetzgebers nicht gut zu Gesicht.

Auf Anfrage erklärte Anna Rubinowicz-Gründler von der Bundestags-Pressestelle mit, man könne auch schlussfolgern, “dass es sich in allen Fällen um Differenzen und Missver­ständnisse handelte, die gerade nicht die Qualität von Mobbing erreicht haben oder sich bspw. durch das Mediationsverfahren haben lösen lassen.” Ob Fälle durch Mediation gelöst werden konnten, konnte die Bundestagsverwaltung auf Anfrage aber nicht sagen*. Dass Personen allein wegen „Differenzen“ oder gar wegen „Missverständnissen“ gleich ein formelles Verfahren wegen Mobbings bei der Bundestagsverwaltung einreichen, erscheint eher unwahrscheinlich – einmal ganz abgesehen von Fällen, in denen sich Personen, die gemobbt werden, gar nicht beschweren und in der Statistik gar nicht auftauchen.

Das Konterfei von Bundestagspräsident Norbert Lammert ziert übrigens die Webseite der Initiative “Pro Fairness gegen Mobbing“. Auf der Seite der Initiative, bei der unter anderem auch “Steffen Seibert Journalist” (sic!) und “Cherna Jobatey” (sic!) “Statements zu Engagement” geben, heißt es, Lammert teile nachdrücklich die “Bewertung, dass Mobbing ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem ist, ob am Arbeitsplatz, in der Schule oder im privaten Umfeld.” Ob und in welcher Weise sich Lammert gegen Mobbing engagiert oder was er im Bundestag gegen Mobbing tut, teilte Lammert auf Anfrage allerdings nicht mit.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, die sich erfolglos über Mobbing beschwert haben oder Opfer eines ungerechtfertigten Mobbingsvorwurfs wurden, sind aufgerufen, sich vertrauensvoll an mich zu wenden. Ich bin über info@oppong.eu zu erreichen.

* Das Pressereferat der Bundestagsverwaltung hat heute (13. September) mitgeteilt, dass es in den letzten drei Jahren kein einziges Mediationsverfahren im Zusammenhang mit Mobbing gab.

Mehr zu : | |

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

8 Kommentare

  1. Mobbing im Bundestag gibt es nicht « Mobbing, Recht & Politik |  10.09.2010 | 07:55 | permalink  

    [...] Blog, klaus-Dieter May, Mobbing, Pro Fairness gegen Mobbing, Statement | Leave a Comment  CARTER/Marvin Oppong Wer mobbt wen im Deutschen [...]

  2. kraeuterzucker |  10.09.2010 | 10:07 | permalink  

    Wenn ich in meiner Zeit als Mediator eines gelernt habe, dann dass der Begriff Mobbing sehr schwierig anzuwenden ist. Es gibt natürlich Kriterien, die man anwenden kann, aber die Komplexität von sozialen Beziehungen, das Wechselspiel von Andeutungen und (Miss-) Interpretationen usw. zwingt zu einer sehr individuellen Bewertung solcher Fälle. Budnestagsabgeordnete beschimpfen sich wohl kaum öffentlich wie früher auf dem Schulhof, wobei selbst da die Fälle meist deutlich komplizierter sind. Ich möchte hier nicht den Berufsrelativierer spielen, aber der Begriff “Mobbing” wurde in den letzten Jahren so inflationär benutzt, dass viele Menschen denken, sie wüssten was gemeint ist. Tatsächlich führt diese Verschlagwortung leider immer noch eher zu einer Stigmatisierung (Opfer-Rolle) und verhindert meist eine ganzheitliche Aufarbeitung der Problematik.

  3. Marvin Oppong |  10.09.2010 | 10:58 | permalink  

    @ kraeuterzucker:

    Danke für Ihren Kommentar. Vielleicht muss ich an dieser Stellen noch ergänzen, dass sich nur Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung selbst an die für Mobbingfälle zuständige Stelle wenden können, Mitarbeiter von Abgeordneten oder Fraktionen oder Abgeordnete selbst hingegen nicht.

  4. Klaus-Dieter May |  10.09.2010 | 12:38 | permalink  

    Natürlich muss man Konflikte ansprechen und sich wehren, aber setzen Sie zunächst bei aufkommenden Mobbing oder Bossing auf Deeskalation. Daher, lieber nicht sofort den Vorwurf Mobbing erheben. Das Wort “Mobbing” ist zu einem Reizwort geworden. Wird dieser Vorwurf sofort erhoben, kann eine Konfliktlösung schwieriger werden.

  5. Dieter |  10.09.2010 | 13:09 | permalink  

    Ein wichtiges Thema, aber mir etwas zu verkrampft auf der Suche nach einem Skandal. Bitte einmal die folgenden Zahlen berücksichtigen: Die BT-Verwaltung hat ca. 2600 Mitarbeiter (Quelle: http://www.bundestag.de/bundestag/verwaltung/index.html). 5 offizielle Verfahren in 3 Jahren, also 1,6 Beschwerden pro Jahr = 0,06 Prozent der Mitarbeiter beschweren sich pro Jahr. Selbst wenn die Dunkelziffer höher ist (ist sie wahrscheinlich, aber wir wissen es nicht – wie wir auch nicht wissen, ob die 5 Fälle Querulanten sind oder berechtigte Interessen dahinter stehen), wird die Quote sehr gering bleiben.

    Was soll uns also dieser Beitrag sagen? Dürfte es im Hohen Haus nach Ansicht des Autoren überhaupt kein Mobbing geben? Wer die Verhältnisse im BT auch nur etwas kennt (oder sie sich vorstellt, so schwer ist das nicht), wird erkennen, dass es in vielen Teilen der Verwaltung nicht anders zugeht als in Unternehmen oder anderen öffentlichen Verwaltungen. So ist nicht ersichtlich, warum Streit oder Mobbing zwischen zwei Hausmeistern, Mitarbeitern der Fahrbereitschaft oder Bearbeitern von Reisekostenanträgen ein Fall für Herrn Lammert ist bzw warum dieser nun nicht mehr sein Antlitz der Initiative Pro Fairness leihen sollte, weil es im BT auch Mobbing gibt. Ist das nicht vielmehr ein Grund, gerade für so eine Initiative Gesicht zu zeigen.

    Insofern: Überschrift zu reißerisch und Artikel nicht sachlich genug für so ein wichtiges Thema. Aber vielleicht beim nächsten mal…

  6. Klaus-Dieter May |  10.09.2010 | 16:06 | permalink  

    Nicht alles was als Mobbing bezeichnet wird ist Mobbing! Mobbing wird auch durch ein Gesetz nicht verhindert werden können, aber was im Falle von Stalking möglich war, Mobbing hat ähnliche Auswirkungen auf die Opfer, daher sollte die Politik doch in der Lage sein, auch Mobbing am Arbeitsplatz in ein Strafgesetz zu verankern, denke ich.

    Jetzt noch einige Worte zu den Politikerinnen und Politiker, die “Pro Fairness gegen Mobbing” unterstützen, Herr Lammert gehört wirklich zu den Politikern, die echte Bürgernähe zeigen, jedenfalls habe ich auf meine Anfragen an ihm, immer eine Antwort erhalten. Ich habe alle Abgeordnete im Bundestag zu ein Statement eingeladen, die meisten haben auf ihren Webseiten ein Kontaktformular “Gerne beantworte ich Ihre Fragen, etc.”, aber man erhalt KEINE Antwort! Es sei denn es stehen Wahlen vor der Tür! Allerdings eine Autogrammkarte die bekommt man sofort!

    Oftmals werden die, die sich zum Thema Mobbing geäussert haben kritisiert, sei ja alles bla bla bla…

    Ich denke, die Politiker, die schweigen, diese sollten in der Kritik stehen und kritisiert werden! Aber auch der DGB ” Zitat: Wir unterstützen keine Bürgerinitiativen. ” s. http://www.mobbing-web.de/dgbvorstand.php

    Eine feine Gesellschaft!

    Mein Dank gilt allen, die nicht zu feige sind, sich öffentlich gegen Mobbing auszusprechen.

    MfG

    Klaus-Dieter May
    http://www.mobbing-web.de

  7. Harry Gambler |  09.11.2010 | 18:09 | permalink  

    Nicht aufgeführt werden die Fälle, in denen Bürger durch den Bundestag oder seine Ausschüsse gemobbt werden.
    Gerade der so wichtige Bundestagsausschuss für Petitionen, der eigentlich Ausschuss für Beschwerden und Petitionen heißen müsste ist da eine Speerspitze im Bürgermobbing.
    Es wird jetzt gegen mehrere Mitarbeiter dieses Ausschusses Strafanzeige wegen Betrug, Nachstellen(Stalking) und Nötigung gestellt. Viel Erfolg haben soche Anziegen nicht, den Ermittler sind Weisungsgebunden, und dann sind wir wieder bei den Politikern.
    Es gibt auch in Dortmund eine interne Mitarbeitergruppe die dem BMAS zugeordnet ist udn sich um Mobbing kümmert, wohl intern.
    Das Bundesgesundheitsministerium versucht seit Jahren eine Regelung intern gegen Mobbing zu finden und bisher gescheitert.
    Der Sumpf des Mobbings in und um den Bundestag geht weiter und ist viel tiefer, leider berichten die Betroffen fast nie öffentlich darüber.
    Mobbingfälle der hardcore Version gab und gibt es auch im Hause von Wulff, Bundespräsident genannt.
    Wäre mal gut ein Journalist würde den Sumpf aufarbeiten, doch welche Chance hat er?

  8. Mobbing im und um den Bundestag herum « Die-aktuelle-Antimobbingrundschau |  10.11.2010 | 03:01 | permalink  

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.