Robin Meyer-Lucht

Imhof über Online-Journalismus: “Wir haben ein veritables Systemproblem”

Robin Meyer-Lucht | 90 Kommentar(e)


Fluten billiger Softnews, Episodisches statt Einordnung, sinkende Ressourcen – für den Schweizer Qualitätsforscher Kurt Imhof liegt der Niedergang des Journalismus in der “Gratiskultur”. Um den “Medienpopulismus” einzudämmen, fordert er zentrale Arenen des Informationsjournalismus auch im Netz – und zeigt sich so als Traditionalist der massenmedialen Ordnung.

07.09.2010 | 

Kurt Imhof ist Qualitätsforscher, genauer gesagt: Journalismusqualitäts-Forscher. Er hat mit seinem Forschungsbereich “Öffentlichkeit und Gesellschaft” an der Universität Zürich ein Jahrbuch über die Qualität der Schweizer Medienlandschaft verfasst, das mit viel empirischem Brimborium exakt auf das von ihm taxierte normative Ziel zuläuft: Journalismus ist immer weniger so, wie es Imhof für richtig hält.

Dabei hat Kurt Imhof nicht nur eine sehr klare Meinungen, wie Journalismus funktionieren sollte – er schreckt auch nicht davor zurück, die “Elimination” von Journalismus zu fordern, der ihm nicht gefällt (Medienspiegel.ch).

Ich hielt dies für eine strategische Provokation: Kann es tatsächlich sein, dass Imhof eine derart radikal nach seinen Vorstellungen regulierte digitale Öffentlichkeit fordert?

Im Interview geht er sogar noch weiter: Nur General-Interest-Medien in der Tradition des Informationsjournalismus könnten für die notwenige “permanente Agendabildung” und “Koorientierung auf relevante Themen” sorgen. Blogs und Online-Special-Interest-Medien fehle hingegen die “Forums-, Kritik- und Kontrollfunktion”. Diese Online-Medien würden an Reputationsschwäche und mangelnder Relevanz leiden.

Imhof spricht sich für eine stark geförderte, öffentliche Arena aus großen, ressourcenstarken Informationsjournalismus-Portalen aus. Der Öffentlichkeit des Internets kann Imhof kaum etwas abgewinnen – in seinem Förderkonzept kommt sie nicht vor. Das Netz bleibt für ihn Beiwerk, das die Tendenz zu “Medienpopulismus” eher noch verstärkt.

Imhofs Kritikpunkte sind wichtig – aber sie romantisieren auch die Öffentlichkeit der alten Medien – und übersehen die diskursive Verknüpfung der verschiedenen Öffentlichkeitslayer im Netz. Ob er “hemmungsloser Traditionalist” sei, habe ich Imhof gefragt. “Nein”, sagt Imhof: “Soziologe”.


Herr Prof. Imhof, um die Krise des Informationsjournalismus in der Schweiz zu überwinden, fordern Sie “die Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online”. Das klingt wie ein brachialer Scherz.

Warum? Brachiale Probleme benötigen entsprechende Lösungen. Der Informationsjournalismus der Gratisangebote On- und Offline ist deutlich schlechter als bei den Bezahlformaten – und Gratis unterminiert auch noch deren Geschäftsmodelle. Das Resultat ist bedrückend: Sinkende Ressourcen für den Informationsjournalismus, Niedergang der außenpolitischen Berichterstattung, Episodisches statt Einordnung, anschwellende Fluten billiger Softnews und Zunahme des Moralisch-Emotionalen auf Kosten von Sachverhalten und der Darstellung normativer Positionen. Dazu noch Abschichtung und Segmentierung des Medienkonsums und eine Anpassung der Interventionen der politischen Akteure an die gesunkene Vermittlungsqualität der Medien. Der Medienpopulismus befördert den politischen Populismus. Das ist nun gar nicht mehr witzig, das sollten sich Demokratien nicht antun.

Sie scheinen überzeugt, dass sich der “Gratisjournalismus” mit vertretbaren Mitteln unterbinden ließe. Wie soll eine solche “Elimination” durchgesetzt werden? Was soll die Politik nun konkret unternehmen?

Kurt Imhof

Kurt Imhof: "anschwellende Fluten billiger Softnews"

Nein, überzeugt bin ich nicht, aber wir müssen etwas tun. Zunächst ist diese Forderung bloß der logische Schluss der Analysen im Jahrbuch “Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera“: Wenn das jüngere Publikum zwischen 15 und 35 über qualitätsschwache Gratismedien On- und Offline für öffentliche Belange sozialisiert wird, an Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem klassischen Informationsjournalismus und dem Gratisjournalismus verliert und ersterer nicht mehr ausreichend finanziert werden kann, dann haben wir ein veritables Systemproblem in der Demokratie.

Dem Publikum muss klar werden, dass es ressourcenschwachen und daher schlechten Informationsjournalismus dreifach zahlt – finanziell über die Werbekosten, kulturell über mangelhafte Wissensvermittlung und politisch über die sinkende Rationalität der Auseinandersetzungen. Die Expertenkultur des professionellen Journalismus muss über ausreichende Ressourcen verfügen. Der Entprofessionalisierung und dem Statusverlust des Journalismus ist Einhalt zu gebieten.

Wenn das Volk den alten Journalismusadel abschaffen will und sich anders informieren will – dann nennen sie das „Systemproblem“? Es gehört doch zur Demokratie, dass sich der Bürger so informieren kann, wie er es für richtig hält – oder nicht?

Selbstverständlich. Liberale Demokratien erlauben die Absenz vom Politischen gerade weil es eine freie, medienvermittelte Öffentlichkeit gibt, die genau drei Funktionen erfüllen muss, wenn wird diesen Regulierungsmodus beibehalten wollen: die Öffentlichkeit hat eine Forumsfunktion, d.h. sie fungiert als Entdeckungszusammenhang für die Problematisierung des Bestehenden, sie hat eine Kritik- und Kontrollfunktion und sie hat eine Integrationsfunktion, weil die Demokratie ohne eine Gemeinsamkeitsglauben der Bürgerinnen und Bürger nicht auskommt. Mehrheits-Minderheitentscheide, Umverteilungen und Infrastrukturinvestitionen hätten sonst keine Akzeptanzchance.

Wenn diese Funktionen erfüllt sind, braucht es keine permanent politisierte Bürgerschaft. Sie kann sich dann einschalten, wenn sie es für nötig hält. Zwingend ist aber, dass diese medienvermittelte Öffentlichkeit von einem Informationsjournalismus getragen wird, der eine rationale Meinungs- und Entscheidungsbildung erlaubt. Dies lässt sich nur über eine journalistische Expertenkultur sicherstellen, die über ausreichende Ressourcen verfügt.

Was schlagen Sie konkret vor?

Nötig ist eine Neuverteilung der bisherigen Gebührenmittel – möglichst ergänzt durch zivilgesellschaftliche Gelder aus Stiftungen – primär für den professionellen Informationsjournalismus nach journalistischen Qualitätskriterien und zwar unbesehen vom Anbieter. Allerdings kommen Mischanbieter von Gratis- und Bezahlmedien hierfür nicht in Frage.

Sie fördern das entstandene Zwei-Klassen-System im Journalismus und in der Rezeption. Der “Gratismarkt” via Online, Print, Radio und TV produziert andere Aufmerksamkeitslandschaften auf der Basis eines ressourcenschwachen Journalismus. Diese Abschichtung geht mit eingeschränkten Partizipationsfähigkeiten an der Demokratie und einer sinkenden Integration der Bürgerinnen und Bürger einher.

Dann braucht es keine tiefgreifenden Prognosefähigkeiten um einzusehen, dass der Informationsjournalismus, also Radio, TV und Presse auf Online konvergiert und dass diese Plattform an Bedeutung gewinnen wird. Ausgerechnet der Online-Journalismus hat aber viel zu knappe Ressourcen. Hier müssen die bestehenden Restriktionen für die öffentlich-rechtlichen Anbieter gelockert und Zusammenarbeitsformen zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Anbietern ermöglicht werden.

Schließlich gilt es die Medienkompetenz an den Schulen zu stärken und zwar mit Bezug auf die Angebote des Informationsjournalismus.

Sie sprachen von “Elimination der Gratiskultur”. Jetzt wollen Sie aus der Gratiskultur eine Förderkultur machen. Das ist alles? Damit schaffen Sie eine Parallelstruktur von Gratis- und Förderjournalismus, aber schaffen doch den Gratisjournalismus nicht ab.

Aha, das Haar in der Suppe. Nun, die Gratisangebote zu verbieten geht nicht – immerhin handelten in Deutschland die Verleger rationaler als etwa in der Schweiz oder Österreich, indem sie die Selbstkannibalisierung ihrer Bezahlangebote durch Gratiszeitungen behinderten.

Mein Vorschlag setzt immerhin an den vier wesentlichen Ebenen an: Stärkung der Bezahlangebote durch eine Neuorientierung der unabdingbaren und schon lang praktizierten ‘Förderkultur’, Anreize um Gratisangebote einzustellen, Ermöglichung reputations- und ressourcenreicher Onlineangebote und Stärkung der Medienkompetenz auf Seiten des Publikums.

Welche Angebote sollen den konkret gefördert werden?

General-Interest-Medien mit ausgebauten und in Ressorts strukturierten Redaktionen. Die Förderungskriterien müssen sich – neben strukturellen Indikatoren wie Ausbildungsmöglichkeiten, Ressourcen, Redaktionsstatute, Ressortstrukturen etc. – an den Qualitätskriterien des professionellen Journalismus orientierten, also Universalität bzw. Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität. Diese lassen sich vergleichend messen, die Beachtung dieser Standards sichert den guten Informationsjournalismus.

Damit würden Sie beispielsweise journalistische Blogs, die ohne Bezahlschranke im Netz publizieren, oder Special-Interest-Publikationen nicht fördern. Ihre Vorschläge können verstanden werden als erheblicher Eingriff in die Souveränität von Journalisten und Nutzern darüber, was produziert werden soll. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen gebotener Förderung und ungerechter Diskriminierung?

Demokratische Gesellschaften brauchen General-Interest-Medien, die sich wechselseitig beobachten. Ihre Vermittlungsleistungen sorgen für eine permanente Agendabildung der Probleme sozialer Ordnung bzw. gesellschaftsweiter Aufmerksamkeit. Nur dadurch lässt sich Koorientierung auf relevante Themen erzeugen.

Themenzentrierte Blogs und Special-Interest-Publikationen können diese Koorientierung nicht leisten, sie erfüllen weder die demokratienotwenige Forums- noch die Kritik- und Kontrollfunktion und schon gar nicht die Integrationsfunktion. Die Blogs und Special-Interest-Publikationen haben einen ergänzenden und vertiefenden Charakter, sie bilden keine öffentliche Arena wechselseitiger Beobachtung.

Entsprechend orientiert sich das Publikum bei der Newsrezeption an den General-Interest-Medien on- und offline. Die vorgeschlagene Förderungspolitik berücksichtigt einfach diese soziale Tatsache. Etwas anderes ist in demokratietheoretischer Hinsicht nicht sinnvoll.

Das Internet bietet neue Formen der Öffentlichkeit, die zur gesellschaftlichen Informationsverarbeitung (Thematisierung, Problematisierung, Kritikfunktion) teilweise sehr produktiv beitragen. Inwieweit kommen die Chancen des Internets in ihren Förderansätzen vor?

Ich mache überhaupt keine Unterschiede zwischen den Gattungen der Informationsmedien, egal ob Presse, Radio, TV oder Online. Klar ist jedoch, dass der Informationsjournalismus Im Internet konvergiert. Daneben wird es freilich weiter Radio- und TV-Nachrichten und die Presse geben, aber die Konvergenzpotentiale auf Online werden den Trend vorgeben.

Die General-Interest-Medien der Zukunft bestehen also aus Ton, Text und Bild, thematisch verknüpften Blogs und Postings. Wie nirgends sonst wird im Netz das Vertrauen in die professionellen Vermittlungsleistungen über Gedeih und Verderb dieser Portale – und den mit ihnen verknüpften Radio- und TV-Sendern und physischen Zeitungen – entscheiden.

Die Reputation der Offline-Medien entscheidet jetzt schon die Nutzung ihrer Schwestern online. Umgekehrt leiden die zahllosen reputationsschwachen Angebote des Internets unbesehen ihrer Qualität an tiefen Nutzerzahlen und mangelnder Relevanz, weil die Validität der Informationen nicht eingeschätzt werden kann. Im Netz wird also die Orientierungsaufgabe der General-Interest-Medien noch wichtiger, nur die mit ihnen verlinkten Angebote können zu den genannten demokratienotwendigen Funktionen der Öffentlichkeit beitragen.

Was Sie hier darstellen, ist die normative Überhöhung der Öffentlichkeit der analogen Medienordnung. „Vertraut“ würde nur der Vermittlungsleistung von professionellen Journalisten, spezialisierte Online-Publikationen hätten keine „Kritik- und Kontrollfunktion“ und seien von mangelnder Relevanz“. Ein zielführender politischer Diskurs sei nur über zentrale mediale Großarenen zu organisieren. Mal ehrlich: Sie sind ein hemmungsloser Traditionalist und Romantiker.

Nein, Soziologe. Für diese ist die nun 25jährige Fama von den tausenden von blühenden interaktiven Blogblumen im Netz als Basis demokratischer Entscheidungsprozesse in modernen Gesellschaften hoffnungslose Romantik und wie diese selbst elitär.

Es sind die Themen der medienvermittelten Massenkommunikation, die bei genügend Resonanz an die Tore der nationalen und transnationalen Mehrebenenpolitik pochen. Definitionsmacht in der öffentlichen Kommunikation verwandelt sich dann in politische Macht in den Parlamenten auf der Basis des Repräsentationsprinzips und hinten raus steuern sich demokratische Gesellschaften in der Sprache des Rechts und mittels administrativer Macht.

Nicht finanzierbare themenzentrierte Netzangebote mit ihren fluiden Kleinpublika sind schlicht nicht in der Lage den Ordnungsproblemen der nationalen und transnationalen Gesellschaft diejenigen Arenen zu verschaffen, auf denen sie um Definitionsmacht kandidieren können. Das entwertet die tausenden von blühenden Blumen nicht – sie dienen auch der Meinungsbildung – aber es verortet sie als kleine Schleusen im komplexen Netz aller Kommunikationsflüsse, die in den Arenen der öffentlichen Kommunikation zusammenfließen müssen, um Relevanz zu erzeugen.

Das hat mit analoger oder digitaler Technik nichts zu tun, dafür aber umso mehr mit den Legitimitätsansprüchen der Demokratie.

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90 Kommentare

  1. Hardy Prothmann |  07.09.2010 | 19:26 | permalink  

    Guten Tag!

    Ich neige normalerweise nicht dazu, mich pauschal zu äußern. Alles andere wäre aber bei den Aussagen von Herrn Imhof reine Zeitverschwendung – ich habe schon lange nicht mehr soviel Quatsch auf einem Haufen gelesen.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  2. Robin |  07.09.2010 | 20:29 | permalink  

    @ Hardy Prothmann: Tja, der Interviewte ist kein Clay Shirky oder Jay Rosen – aber seine Thesen sind vielleicht nicht unrepräsentativ für die Haltung vieler Journalismusforscher. Daher schien es mir wichtig, sie hier zu diskutieren.

  3. Stephan Russ-Mohl |  07.09.2010 | 22:16 | permalink  

    Stimmt schon, RML, habe selbst auf Kongressen erlebt, wie Kurt Imhof die Journalismusforscher um sich zu scharen vermag. Wir kampeln uns da regelmässig, weil er mich für einen hoffnungslosen Neoliberalen hält, während ich zwar in der Analyse des Niedergangs des Journalismus weithin mit ihm übereinstimme, seine interventionistischen Rezepte aber für patriarchalisch halte – wobei er, glaube ich, manchmal ein schlechtes Gewissen hat, weil er schon weiss, dass seine Vorschläge auf Bevormundung hinauslaufen, während mich dann Selbstzweifel befallen, ob die “mündigen Bürger der Demokratie” wirklich so mündig sind…

    Ich fürchte, neben der von klugen Ökonomen beschworenen “rationalen Ignoranz” gibt es halt auch Verführbarkeit und, um mit dem Verhaltensökomen Dan Ariely zu sprechen, berechenbare Irrationalität. Im Berechnen dieser Irrationalität sind kommerzielle Medien unschlagbar – aber mir fehlt halt der rechte Glaube, dass öffentlich-rechtliche das alles besser können. Und die anarchistische Internet-Utopie, dass sich alles von selber regelt, ist auch arg naiv…

    @ Hardy Prothmann: Für mich war das das spannendste Interview mit Kurt Imhof, das ich seit langem gelesen habe – und er gibt (zumindest bei uns in der Schweiz…) viele kluge Interviews. Was mich übrigens an Carta (und auch sonst an vielen Blogs) stört, ist die Diskurs-Unkultur: Wie hemmungslos viele, statt inhaltlich zu diskutieren, mit Begriffen wie “Quatsch” und “Zeitverschwendung” hantieren. Ist das der “herrschaftsfreie Diskurs” unter “aufgeklärten Bürgern”, den die alten Dinosauriermedien einfach unterbunden haben?

  4. Jens Best |  07.09.2010 | 22:24 | permalink  

    Während Shirky und Rosen die ersten Momente von neuen Kommunikationsformen analysieren (und auch pro-aktiv befördern), also die aktuelle Web-Realität mit einem optimistischen Blick in die Zukunft bewerten, macht Prof. Imhof hier eine Bewertung, die auf seiner profunden Arbeit der Demokratie-, Medien- und Öffentlichkeitsforschung des letzten Jahrzehnts beruht.

    Damit zeichnet er ein Gesamtbild der medialen Realität, das der web-fixierte Beobachter nicht einfach wegwischen sollte. Im Gegensatz zu dem hier neulich diskutierten Prof. Bolz leitet Prof. Imhof hier nicht eine “Leitlinie zur Verachtung der Webaffinen Menschen” ab. Er “ehrt” uns nicht, indem er die Webmenschen mit dem rechtskonservativen Schimpfwort “Aktivisten” betitelt.

    Prof. Imhof ordnet lediglich die (erweiterte) Blogosphäre in einen gesellschaftskommunikative Gesamtbetrachtung ein. Da muss man nicht beleidigt aufschreien und sagen, er würde nichts verstehen. Die aktuelle Bedeutung der deutschen Blogosphäre (und hier insbesondere ihrem ernstzunehmenden politisch-gesellschaftlichen Strang) hängt doch vielfach mit der Nähe zu der journalistischen Blase zusammen.

    Der lokale Blogger z.B. ist noch ein unterentwickeltes Phänomen. Die gesellschaftliche Bedeutung wird gerade am lebenden Objekt von allen aufmerksam und wohlwollend verfolgt (Ich meine dich, Hardy). Das diese Art der Öffentlichkeit noch wenig Eingang gefunden hat in die demokratischen Prozesse (und es hier und da sogar bewusst ablehnt) ist ein, wenn auch aus meiner Sicht bedauernswerter, Status Quo.

    Gonzojournalismus 2.0 will auch ersteinmal nicht als domestizierter Politikmitgestalter wahrgenommen werden, es geht auch vielen ersteinmal darum an bestehenden Gesamtstrukturen zu rütteln, als gleich nach fünf Postings nach alter Schröder Manier am Tür der akzeptierten publizierenden Gesamtöffentlichkeit zu rütteln und zu schreien: “Mach auf, will mitmachen, auch gestalten.”

    Deswegen gilt es den Argumenten von Prof. Imhof kritische Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn kostenfreie Online-Medien lediglich ihre Teilöffentlichkeit proklamativ bespielen, stimmt es, wenn er schreibt: “Diese Abschichtung geht mit eingeschränkten Partizipationsfähigkeiten an der Demokratie und einer sinkenden Integration der Bürgerinnen und Bürger einher.”
    Weböffentlichkeit kann nur einen qualitätiv neuen Impact über den medialen Moment hinaus erreichen, wenn die Aktiven sich klarmachen, dass sie auch Moderator und nicht nur Beobachter sein sollten.

    Mediennutzungsbefähigung bedeutet, dass die neuen Werkzeuge der Kollaboration und Partizipation durch die Aktiven peu a peu mehr Menschen vermittelt werden. Die Inspirationen sind hier vielfältig, genannt sei nur der crowd-sourcing Prozeß bei der Überprüfung der Ausgaben der Member of Parliament “gehostet und moderiert” durch den The Guardian.

    Es gibt wichtige Grundlagen für eine solche Befähigungsarbeit, die gemeinsam erstritten und verteidigt werden müssen. Open Data, oder besser die überfällige Umsetzung des Informationsfreiheitsgesetzes sei hier als erstes genannt, Netzneutralität und ein pro-aktiver Umgang mit dem Web durch alle gesellschafts-gestaltenden Kräfte sind weitere Fundamente für diese Arbeit.

    Diese Arbeit findet im konkreten aber an tausend möglichen Ecken statt. Ein geretteter Blumenladen in Hamburg hier, ein nachhaltiges Verfolgen von Themen unter dem Alt-Medienradar da, sind erste Blüten des Erfolges einer neuen Öffentlichkeit, die auch Prof. Imhof positiv überraschen könnte.

    Bis dato gilt aber, denjenigen ein offeneres Ohr zu widmen, die eben nicht dauernd die gleiche Musik hören wie “wir”. Nur so wird man an die Aufgabe erinnert, die man ggf. erfüllen kann und will – alles andere ist Hobby.

  5. Ulrike Langer |  07.09.2010 | 22:25 | permalink  

    “Die Blogs und Special-Interest-Publikationen haben einen ergänzenden und vertiefenden Charakter, sie bilden keine öffentliche Arena wechselseitiger Beobachtung.”

    Wie bitte? Wer verlinkt in der Regel denn auf abweichende Meinungen, weiterführende Informationen, Quellen und Inspirationen und baut damit eine Arena wechselseitiger Beobachtung? Blogs oder die Webportale der Medienkonzerne?

    Ich greife bewusst nur dieses Detail heraus, zum Rest hat Hardy schon das Nötige gesagt.

    Trotzdem finde ich es gut, dieses Zeugnis des Beharrens auf einer alten Medienordnung hier zu veröffentlichen.

  6. Aufmerksamkeit! |  07.09.2010 | 23:24 | permalink  

    “Der Medienpopulismus befördert den politischen Populismus. Das ist nun gar nicht mehr witzig, das sollten sich Demokratien nicht antun.”
    Ja, da hat er wohl ausnahmsweise Recht, der Herr Imhof. Nur, passiert nicht genau das in den schlechten “Holzmedien”, die er verteidigt? In meinen Augen hat die Causa Sarrazin sehr deutlich gezeigt, dass die sogenannte “Blogosphäre” hier einen wichtigen, demokratischen Gegenpart gebildet hat.
    Es ist das alte Lied, das doch niemand ernsthaft mehr hören mag: “Qualitätsjournalismus gibt es nur bei den Holzmedien”. Wann begreifen Menschen wie Herr Imhof endlich, dass nicht das Medium entscheidend ist, sondern der Inhalt!
    Das einstmals von Graham Bell/Philipp Reis erfundene Telefon war prima, weil man reden konnte, nicht, weil auch jeder Quatsch über den Äther geschickt wurde. So war und ist es mit den Holzmedien, genauso wie mit dem Internet.
    Quality Counts!
    Stimme @Hardy Prothmann und @Ulrike Langer 100 % zu.

  7. JoSch |  07.09.2010 | 23:36 | permalink  

    Ich sehe in Medien neben ihrer eigentlichen Funktion, auch immer ein enormes Machtpotential. Die Zentralisierung von Medienstukturen konzentriert diese Macht und ermöglicht jemandem mit einer gut gefüllten Brieftasche, diese Macht zu beeinflussen und zu steuern.
    Medien, die beeinflusst werden, entfernen dann (die aus Sicht des Brieftaschenbesitzers unbequemen) Details aus ihren News und präsentieren dann einem großen Leserkreis eine verfälschte Wahrheit.
    Mal ein Beispiel dazu von heute:
    Ein Video von den Stuttgard21 Protesten:
    http://www.myvideo.de/watch/7741916/Stuttgart_Polizist_schlaegt_Frau_ins_Gesicht
    Ein Videobeitrag des Schweizer Fernsehens dazu:
    http://www.videoportal.sf.tv/video?id=7218b9f4-5741-4fe9-a7ef-9bbc6634f666
    Im Beitrag des Schweizer Fernsehens fehlen ein paar Sekunden und schon entsteht ein anderer Eindruck.
    Solche “Kleinigkeiten” sehe ich fast jeden Tag.
    Vom Qualitätsjournalismus sind die großen Medien weit entfernt.

  8. Medienwandel: Aggregatoren als neue “Arenen der öffentlichen Kommunikation” |  08.09.2010 | 07:17 | permalink  

    [...] Kurt Imhof, ” Journalismusqualitäts-Forscher”, im Interview mit Carta, mit Anmerkungen von mir: Nötig ist eine Neuverteilung der bisherigen Gebührenmittel – möglichst ergänzt durch zivilgesellschaftliche Gelder aus Stiftungen – primär für den professionellen Informationsjournalismus nach journalistischen Qualitätskriterien und zwar unbesehen vom Anbieter. Allerdings kommen Mischanbieter von Gratis- und Bezahlmedien hierfür nicht in Frage. [...]

  9. noName |  08.09.2010 | 08:23 | permalink  

    Von wem wird ein Journalismusqualitäts-Forscher derzeit (Beratungs-)Aufträge bekommen? (= rhetorische Frage) Nun kann ich die Ansichten des ‘Forschers’ ‘verstehen’. Eine inhaltliche Auseinandersetzung spare ich mir. Pauschalierungen halte ich ausnahmsweise für legitim. Alles andere ist in der Tat Zeitverschwendung. Guten Morgen!

  10. Heike Rost |  08.09.2010 | 08:37 | permalink  

    Eine reflektierte Antwort von @Jens Best inmitten überwiegend pauschaler Kritik an ebenso pauschalen Statements im Imhof-Interview!
    (Manchmal finde ich es erheiternd, dass die Verteidiger des “Old-School-Journalismus” genausowenig ihre Trampelpfade des Denkens verlassen wie die meisten Webaffinen. Überwiegend finde ich dashöchst bedauerlich. Denn beide “Kreise” sind überschaubar, was die Personen angeht, die Schnittmenge der Kreise leider mehr als übersichtlich – Dialog und gemeinsame Weiterentwicklung geht anders.)

  11. fk |  08.09.2010 | 09:37 | permalink  

    Auch wenn Herr Imhof in manchen Punkten sicherlich Recht hat und seine Analyse der Symptome ein bisschen mehr Reflektion verdient als “alles Quatsch”, fällt mir doch ein grundlegender Denkfehler auf, der viele solcher Argumentationen befällt:

    “Der Informationsjournalismus der Gratisangebote On- und Offline ist deutlich schlechter als bei den Bezahlformaten – und Gratis unterminiert auch noch deren Geschäftsmodelle.”

    Dass die Verlagshäuser grundsätzlich (wie alle anderen Branchen auch) für die Funktionalität ihrer Geschäftsmodelle selbst verantwortlich sind, dass die bösen Gratisangebote meist deren eigene Line-Extensions sind, dass sie ihre demokratietheoretischen Funktionen auch nur relativ erfüllen und dabei beileibe nicht das nonplusultra sind, dass es jenseits von patriarchalischer Förderung noch andere Möglichkeiten zur friedlichen Koexistenz von “Gratis”-Angeboten (die rein ökonomisches betrachtet genau so “Gratis” sind wie, im Artikel richtig bemerkt, seit Jahrhunderten andere Angebote auch) und tollen Bezahl-Angeboten gibt, dass die angeblich so versierten Spezialisten der Branche endlich die immensen digitalen Chancen für eine Qualitäts- und Relevanzsteigerung nutzen statt ängstlich vor den gesunkenen Transaktionskosten und ihren ersten oberflächlichen Auswirkungen zu stehen, scheint im Kosmos des typischen Journalismusforschers nicht vorzukommen.

    Zusammengefasst: Läuft ein System nicht wie gewohnt und gewünscht, braucht es von oben Geld. Das ist so kurzsichtig wie engstirnig gedacht.

  12. Herbert |  08.09.2010 | 09:41 | permalink  

    Zitate:

    “das sollten sich Demokratien nicht antun”

    “Zwingend ist aber, dass diese medienvermittelte Öffentlichkeit von einem Informationsjournalismus getragen wird, der eine rationale Meinungs- und Entscheidungsbildung erlaubt.”

    “journalistische Expertenkultur”

    “Themenzentrierte Blogs und Special-Interest-Publikationen können diese Koorientierung nicht leisten, sie erfüllen weder die demokratienotwenige Forums- noch die Kritik- und Kontrollfunktion und schon gar nicht die Integrationsfunktion.”

    Die letzte Behauptung ist erwiesenermaßen falsch. Gerade das Versagen der wie-auch-immer-genannten Medien führte zum direkten, offenen, demokratischen Meinungs- und Informations-Angebot, zu Blogs …

    Das von Imhof aufgezogene Konstrukt ist elitär und eher das Ergebnis von Lobbyarbeit.

    Zusätzlich die Inflation der Journalismus-Begriffe:

    -Journalismusqualitäts-Forscher
    -Online-Journalismus
    -Informationsjournalismus
    -Qualitätsjournalismus
    -Gratisjournalismus

    Ockham würde schreiend aus dem Grab springen.

  13. Chat Atkins |  08.09.2010 | 09:45 | permalink  

    Die Frage ist doch, wann und ob der Journalismus jemals besser gewesen wäre? Historische Vergleichsstudien fehlen hierzulande flächendeckend und ich würde eher der Ansicht zuneigen, dass das Interessengeleitete und Auflagenfixierte damals nur nicht so breit diskutiert werden konnte. Die Springer-Presse mit ihrer Objektivität jenseits der Nachweisgrenze stand aber auch damals schon für viele gleichen Kalibers. Im Konzept ‘Gegenöffentlichkeit’ der späten 70er und frühen 80er Jahre artikulierte sich das gleiche Ungenügen an der journalistischen Qualität, das wir heute lang und sclapp in den Blogs diskutieren. Nur ist heute weitaus weniger Geld im System der Massenmedien, was die Mängel und das Fadenscheinige noch offensichtlicher macht. Trotzdem nannte sich das, was heute Fox TV heißt, damals die Hearst-Presse, und für jedes ‘Panorama’ gab es einen Löwenthal …

  14. noName |  08.09.2010 | 09:50 | permalink  

    Ok, ein wenig Inhalt. Ich versuche am Beispiel der Tütenmilch auszuführen, keine Milchmädchenrechnung:

    Um nahrhafte und gesunde Milch zu kaufen, habe ich verschiedene Möglichkeiten. Ich kann zum Discounter gehen, mir H- oder Frischmilch kaufen. Ich kann die Tütenmilch aus dem Biomarkt mitnehmen. Ebenso kann ich zum Biobauern mit einer leeren Flasche fahren und sie am Milchautomaten zapfen.

    Was spielt sich bei mir beim Milchkauf ab? Bin ich bequem oder fahre ich für Qualität? Lasse ich mich von Verpackungen blenden, vom Preis? Wie kann ich den Inhalt beurteilen? Erliege ich nicht den Marketingmaschen des Produzenten und Verkäufers, um Inhalt zu kaufen?

    Wie auch von mir schon fast gebetsmühlenartig mehrfach und nachhaltig ausgeführt und hier in der Kommentierung angesprochen: Das einzige, was zählt ist der Inhalt, die Verpackung, das Medium spielt bei der Qualitätsdiskussion keine Rolle.

    Die obige Diskussion wirft mich ins Mittelalter zurück, wo ich selbst morgens raus muss, um die Kuh zu melken. Diese Zeit ist vorbei, glücklicherweise, die Diskussion ist überflüssig, rückschrittlich.

  15. Aufmerksamkeit! |  08.09.2010 | 10:35 | permalink  

    @Heike Rost Na dann vielleicht selbst einen differenzierten Beitrag abgeben und nicht nur pauschal schimpfen

  16. Robin Meyer-Lucht |  08.09.2010 | 11:02 | permalink  

    @ Jens Best: “macht Prof. Imhof hier eine Bewertung, die auf seiner profunden Arbeit der Demokratie-, Medien- und Öffentlichkeitsforschung des letzten Jahrzehnts beruht.”

    @ Heike Rost: “dass die Verteidiger des “Old-School-Journalismus” genausowenig ihre Trampelpfade des Denkens verlassen wie die meisten Webaffinen.”

    Ich denke, dass drei Dinge zu fragen wären:
    1. Welches sind die richtigen Normen/Kriterien, um die Funktionsfähigkeit von gesellschaftlicher Informationsverarbeitung in der digitalen Öffenlichkeit zu bewerten – und wie kann man sie begründen?
    2. Wie kann diese Funktionsfähigkeit überhaupt empirisch erfasst werden?
    3. Wie kann man angemessen berücksichtigen, dass Meinungsbildung im Internet nicht nur eine Funktion des Journalismus ist, sondern einer breiteren Öffentlichkeit?

    Da es wohl noch keine abschließenden Antworten auf diese Fragen geben kann, gilt es, vor allem die ihre Offenheit immer wieder zu thematisieren. Ich glaube, die Diskussion sollte an dieser Stelle mit weniger Gewissheiten auskommen.

    Ich finde Imhofs Kritik wichtig – aber sie erscheint mir a) zu unkritisch gegenüber ihren eigenen normativen Vorannahmen, um dann doch b) sehr paternalistisch/interventionistisch auch im Netz unterwegs zu sein.

    Ich glaube, diese Kombination von a) und b) ist es, die mich sehr interessiert, die aber auch zu der – zugegebenermaßen etwas zugespitzten – Einleitung geführt haben. Da verschiedene Mediennutzergruppen mit derzeit dark unterschiedlichen medialen Praktiken unterwegs sind, muss dies in der Diskussion auch hinreichend abgebildet und berücksichtig werden.

    Die Diskussion hier finde ich sehr bemerkenswert und bedanke mich für die Beiträge.

  17. Kurt Imhof |  08.09.2010 | 11:34 | permalink  

    Zu viele Affekte verhageln Debatten. Es gibt hier (nicht bei allen Beiträgen, aber bei vielen) eine emotionales Problem und daraus hervorgehend ein veritables Nicht-Verstehen-Wollen. Daran möchte ich etwas ändern.

    Das emotionale Problem beruht auf der Überzeugung einiger Beitragenden, dass die Blogosphäre die Zukunft in der Gegenwart der öffentlichen Kommunikation in modernen Gesellschaften verkörpert. Nun erlaubte ich mich hier
    erstens darauf zu verweisen, dass die relevanten Aufmerksamkeitslandschaften egal ob analog oder digital auf den Plattformen der General-Interest-Medien oder Forumsmedien stattfinden, die sich wechselseitig in ihrem Agendasetting beobachten, die wiederum vom politischen Personal und allen Formen von Interessenorganisationen beobachtet werden sowie von den Bürgerinnen und Bürgern, die sich mit dem Gemeinwesen generell oder in bestimmten Situationen auseinandersetzen. Und sowohl die Bürgerinnen und Bürger als auch das politische Personal als auch die Interessenorganisationen wissen um diese wechselseitigen Beobachtungsleistungen und das macht die Relevanz dieser Plattformen aus. Diese Plattformen regieren deshalb das Agendabuilding der politisch verhandelten Themen und auch die Prominenzierungslogiken in Gesellschaften und horribile dictu sie regieren auch die Agenda in den gesellschaftspolitisch und -kulturell sensitiven Blogs und lösen da spanndende Debatten aus.
    Um diese Empirie kommt niemand herum, die aktuelle gesellschaftsweite Sarazin-Debatte zeigt diese Logik zur Genüge.

    Nun erlaubte ich mir hier in der Blogosphäre
    zweitens auch darauf zu verweisen, dass die relevanten Aufmerksamkeitslandschaften in demokratietheoretischer Perspektive auf diesen General-Interest-Plattformen stattfinden müssen, weil die fassettenreichen Aufmerksamkeitslandschaften in den Blogs und Spezial-Interesst-Medien die für die demokratische Meinungs- und Entscheidungsbildung notwendige gesellschaftsweite Aufmerksamkeitsverdichtung in sozialer, zeitlicher und sachlicher Hinsicht nicht leisten können.
    Jede Nutzungs- und Wirkungsforschung zeigt uns diese Empirie. Wer es anders sehen will kämpft gegen Windmühlen.

    Drittens schliesslich verwies ich darauf, dass die journalistische Qualität der Plattformen der demokratienotwendigen General-Interest-Medien vorab infolge Ressourcenmangels abnimmt. Und dieser Ressourcenmangel hat einiges mit den nicht-intendierten Folgen der Gratismedien on- und offline zu tun.
    Jede Qualitätsforschung nach qualitativen Kriterien des Journalismus zeigt uns dieser Qualitätsmangel drastisch (so nimmt ausgerechnet – um nur ein Datum zu nennen – im Zeitalter der Globalisierung die aussenpolitische oder weltinnenpolitische Berichterstattung zu Gunsten einer Regionalisierung und Lokalisierung ab). Und wenn man nun nach diesen Qualitätskriterien einfach vergleichende Messungen (Print, Radio, TV, Online) macht, dann schneiden die Onlineangebote der General-Interest-Medien im Durchschnitt besonders schlecht ab (www.qualitaet-der-medien.ch). Selbstverständlich gibt es auch Schlechtes bis Miserables auf Holz insbesondere in den Gratiszeitungsländern sowie im Radio und TV. Aber das macht es nun wirklich nicht besser.

    Wir in der Debatte keinen Schritt weiter, wenn wir hier einen falschen Streit nach dem Gegensatz alter Journalistenadel versus neue Blogosphäre oder alte Medienordnung versus neue Ordnung führen. Das ist eine unsinnige Gegenüberstellung, die simple Einsichten verbaut. Der alte Medienordnung ist gestorben, dafür haben wir ein neues Prekariat mitsamt einer abgeschichteten Öffentlichkeit erhalten (ein zentraler Aspekt der neuen Medienordnung) und an den daraus entstehenden Defiziten kann die Blogosphäre grundsätzlich nichts ändern. Und sie sollte den Teufel tun als sich an diesem Zustand eine eigene Rechtfertigung aufzubauen. Das hat die Blogosphäre nicht nötig.

  18. Fritz |  08.09.2010 | 11:38 | permalink  

    1.) Das Gespräch hat einen Analyse-Teil und eine Lösungs-Teil.
    2.) Den Analyse-Teil halte ich für sehr valide und in vielen Punkten für richtig. Sehr wichtig ist zu verstehen, dass es “gratis” nicht gibt. Gratis ist nur eine andere Form von Geschäftsmodell, aber ein Geschäft ist es auch. Den Preis auf Null zu setzen, ist sogar die agressivste Form überhaupt, wie man die Konkurrenz angehen kann. Dass dabei etwas zerstört wird, ist logisch. Und nicht nur alte Strukturen, sondern z.B. auch Arbeitsplätze = Produktionskapazitäten.
    3.) Produktion kostet immer Geld, Zeit und Material. Es gibt ohne Frage viele Blogs, die weit mehr Qualität bieten als die durchschnittliche deutsche Tageszeitung. Und die inzwischen sogar als Treiber von Meinungsbildungsprozessen weit mehr leisten, als die klassischen Medien je geleistet haben. Aber diese Blogs sind mal da und mal nicht, und gar nicht so selten verabschieden sich die Schreiber auch wieder in der Versenkung, weil sie die Kosten – und wenn es nur die unbezahlte eigene Arbeitszeit ist – nicht mehr tragen wollen. Wo immer Gratis draufsteht, zahlt jemand dafür – entweder die Werbung, ein Unternehmer mit tiefen Taschen oder die Macher selbst.
    4.) Natürlich fördert der verständliche Wunsch der Verbraucher, nichts zahlen zu müssen, Qualitätsverluste. Mir ist noch nie irgendwo auf der Welt eine lesenwerte Gratis-Zeitung vorgekommen. Auch BILD ist ja nicht aus Liebe zum Plattsein so platt, sondern weil damit Auflage gemacht wird. Im Internet das gleiche Spiel: Je platter die Angebote, desto mehr Leser. Dabei tritt noch strafverschärfend auf, dass der “Gratis”-Journalismus sich über Klicks und Besucherzahlen refinanzieren soll: Also werden die Themen nach oben gerückt, die möglichst viele Klicks anziehen. Aber wo ist da das wirkliche Problem? Das Problem ist, dass vermutlich 80% bis 90% der Bevölkerung keine besonders große Sehnsucht nach dem haben, was die Informationselite “Qualität” nennt. Das ist kein Finanzproblem -und prompt werden mal wieder die Schulen ins Spiel gebracht. Das hat noch nie was genutzt.
    5.) Der Lösungsteil ist schwach, insbesondere deshalb, weil er nicht mal ansatzweise erkennt, wie den “alten Medien” über online noch einmal Legitimität und Relevanz zuwächst. Die Tageszeitungen sind ja schon seit über 20 Jahren auf dem absteigenden Ast, lange bevor das Internet ihnen die Nachrichten-Weitergabefunktion weggenommen hat. Das Paradoxon ist – und wir alle, die hier lesen, können ein Lied davon singen – dass wir heute mehr unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften nutzen als je zuvor. Und die Zeitungen hatten noch nie so viel Leser-Resonanz wie heute. Und sie haben noch nie quasi live verfolgen können, was sie mit einem Artikel an Debatte bei den Menschen auslösen. Im Grunde kommen die Zeitungen heute erst bei ihrem Leitbild an, nämlich zur demokratisch diskutierenden und sich pluralistisch informierenden Öffentlichkeit beizutragen. Es gibt nur ein kleines grauenvolles Problem: Die Refinanzierung. Die Redaktionen werden ausgedünnt, zusammengelegt etc. Es ist völlig richtig: Wenn die großen “Hubs” der Medien morgen zusammenfallen und komplett verschwänden, ist das per Gratis-Internet nicht aufzufangen. Der Schaden wäre gewaltig.
    6. Ich glaube, dass Imhof völlig unterschätzt, wie symbiotisch insbesondere Presse und Web heute schon zusammenleben. Die zentralistischen alten Medien, vor allem TV, haben nie einwandfrei funktioniert. Auch nicht die Öffentlich-Rechtlichen. Remember Nikolaus Brender? Es ist sehr gut zu erkennen, wie Merkel inzwischen den Einfluss auf die Zentralmedien stärkt (“mal Friede Springer anrufen…”), nicht zuletzt aus Sorge darüber, dass die Willensbildungsprozesse im Internet so ablaufen, dass die Regierung sie nicht mehr beherrschen kann. Der von Imhof beklagte Niedergang der demokratischen Öffentlichkeit ist von daher tatsächlich etwas einäugig.
    7. Er sagt “Für diese ist die nun 25jährige Fama von den tausenden von blühenden interaktiven Blogblumen im Netz als Basis demokratischer Entscheidungsprozesse in modernen Gesellschaften hoffnungslose Romantik und wie diese selbst elitär.” Stimmt und stimmt nicht. Dass die “Blogblumen” nicht die “Basis” sein können, ist ja nur blanke Tautologie. Die Zentralmedien sind aber auch keine “Basis” mehr. Die Zukunft wird geprägt sein – glaube ich – von einem Zusammenwirken der Medien über mehrere Stufen. Zum ersten Mal haben wir damit so etwas wie “kontrollierte Kontrolleure” bzw. eine öffentliche Meinung über die Meinungsmacher. In dem Neuen Medien-Universum ist “Macht” und Deutungsvorherrschaft breiter verteilt als je zuvor. Wenn man dann sich dann schon solche großen Sorgen über die Zukunft der demokratischen Meinungsbild macht, dann ist es nahezu schizophren, die derzeit wichtigsten Betreiber öffentlicher Debatten nicht in das neue Gesamt-Modell aufzunehmen. Das ist allerdings “Quatsch”.

  19. Jens Best |  08.09.2010 | 12:04 | permalink  

    Ein Blick auf die Kausalitäten, die zum Niedergang des Journalismus auf breiter Basis führten und führen liegen nicht, bringt vielleicht ein wenig mehr Erkenntnis.

    Das Web (und seine kostenlosen, werbefinanzierten angebote) ist nicht ursächlich dafür verantwortlich, dass der Journalismus seinen wichtigen gesellschaftlichen Stachel nicht mehr ins Fleisch der Mächtigen, Verlogenen und Genügsamen bohren kann.

    Prof. Imhof hat, wenn ich mich recht entsinne, auch einiges über die Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Öffentlichkeit geforscht. Merkwürdig, dass dies hier im Interview unter den Tisch fällt.

    Es sind nämlich die gnadenlosen Diener des Neoliberalismus gewesen, die an die Spitze von Medienkonzernen Buchhalter statt engagierte Journalisten setzten, es ist diesem Prozeß geschuldet, dass Redaktionen schrumpfen und freie Journalisten en gros in den unteren Einkommensklassen zu finden sind, wenn sie sich nicht als PR-Schlampen prostituieren.

    Natürlich haben auch die Apologeten des Neoliberalismus in die hände geklatscht, als es plötzlich das billigere Netz gab. Weil sie darin etwas anderes sehen, als die engagierte Blogosphäre.

    Wenn also die Netzöffentlichkeit mit ihren neuen, noch wenig erforschenden Mechanismen der Öffentlichkeits-Werdung auf einer breiteren Basis wirken möchte, sollte es möglich sein selbstkritisch Zwischenresümeé ziehen zu können. Damit wird nicht ein Jota des ursprünglichen Zieles aufgegeben, zumindest von mir nicht. Im Web steckt das Potential für eine neue unaufgeregte Aufklärung. Für eine Befähigung der Vielen zu gerechter Beteiligung an der gesellschaftlichen Gestaltung.

    Aber wie ich schon öfters hier schrieb, das Web hat keinen Selbstzweck, es ist der unerträglichste Spiegel, den wir uns je geschaffen haben und den Blick hinein gilt es ohne erschrecktes Geschrei auszuhalten.

    Wenn man jetzt nicht überlegt, wo zwischen engagierten individuellen, lohnenswert wirtschaftlichen und gemeinschaftlich getragenen Elementen ein neuer bürger-involvierender und anspruchsvoller Journalismus möglich ist, dann bloggen wir uns im Kreis drehend in die zynische Unzufriedenheit.

  20. Herbert |  08.09.2010 | 12:25 | permalink  

    @Kurt Imhof,

    wechselseitig in ihrem Agendasetting beobachten

    ist ein Argument für die Stärkung alternativer, offener, freier, “kostenloser” Plattformen, Blogs und Spezial-Interesst-Medien, da sich ein geschlossenes System nicht selbst, ausschließlich innerhalb des Systems, kritisch, damit demokratisch beobachten kann.

    Ihr Ansatz führt in logischer Weiterführung, bei wissenschaftlicher Vorgehensweise zum Gegenteil dessen, was Sie hier vorstellen.

  21. noName |  08.09.2010 | 12:56 | permalink  

    Ad #17, “… und daraus hervorgehend ein veritables Nicht-Verstehen-Wollen.” Nicht-Verstehen-Wollen? Kann man auch selbst verständlich schreiben? Oder ist es allgemein üblich, dass Wissenschaftler sich einer Sprache bedienen, die bei Otto-Normalverbrauchern nicht ankommt?

    “Daran möchte ich etwas ändern.” Ja, gerne! Hier besteht die Gelegenheit.

  22. Wolfgang Michal |  08.09.2010 | 12:56 | permalink  

    Ich kann die Sorge von Kurt Imhof gut verstehen, insbesondere die Verknüpfung: schlechterer Journalismus hat mit der Zeit eine schlechtere Demokratie zur Folge und kann im Extremfall zur Demokratiezerstörung führen. Imhof möchte deshalb bestehende Qualitäts-Angebote (ich sage mal SZ, FAZ, Spiegel, NZZ, ARD, ZDF, Schweizer Fernsehen etc.), die ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllen (hohe Investitionen in Ausbildung, großes Korrespondentennetz, hoher Rechercheetat etc.) finanziell fördern. Wie das gehen soll, wo doch unter dem Dach heutiger Medienkonzerne meist beides produziert wird: sowohl Qualität als auch Schrott (und im Ernstfall die Entlastung von Qualitätsmedien durch Förderung dazu dienen würde, die Investitionen in Schrottmedien erhöhen zu können), sagt er nicht. Imhof geht – ohne Beleg – davon aus, dass die bestehenden Medienkonzerne ein hohes Interesse an Qualitäts-Demokratie haben (und nicht etwa an Schrott-Demokratie). Da sehe ich eine gewisse Bläuäugigkeit.

    Umgekehrt gesteht Imhof dem Netz keine Entwicklungsmöglichkeit zu. Er glaubt einfach nicht daran, dass aus tausend Wiesen-Blumen im Netz ein paar veritable Riesendisteln oder Eichen herauswachsen. Ein Portal wie Carta hätte bei ihm vermutlich keine Chance, weil nicht sein darf, was nicht sein kann. So würde das Entstehen von neuen Qualitäts-Angeboten durch Imhofs Förderung des bereits Bestehenden sehr erschwert.

    Außerdem geht Imhof davon aus, dass sich die General-Interest-Struktur einer Qualitätszeitung mit ihren Ressorts und Ressortexperten 1:1 auf das Netz übertragen ließe. Das ist aber ein Irrtum, weil im Netz eine Entbündelung der Ressorts durch die Leser stattfindet und diese sich ihre individuellen Bündel selbst zusammenschnüren. Die meisten Magazine oder General-Interest-Angebote im Netz haben das Problem, dass die Bounce-Rate gewaltig ist, das heißt, dass Besucher eines Gesamtangebots nur einen einzelnen Beitrag lesen wollen (der ihnen von anderer Seite bzw. anderen Links empfohlen wurde) und sonst erst mal nichts anderes. Bei magda.de – einem General-Interest-Angebot von “Qualitätsjournalisten” – können wir das täglich studieren.

    Richtig ist natürlich die (nicht neue) Beobachtung der fatalen Unterfinanzierung, die viele Qualitätsanbieter, die derzeit mutig oder tollkühn in Vorleistung gehen (also Qualität anbieten ohne dafür schon angemessen bezahlt zu werden) schnell zum Aufgeben zwingt. Insofern würde das Fördermodell Imhofs nur Sinn machen, wenn Neues gleichermaßen gefördert würde wie Altes – sofern die oben von Imhof genannten Voraussetzungen erfüllt sind oder erfüllt werden.

  23. Kurt Imhof |  08.09.2010 | 13:01 | permalink  

    @Fritz. Interessante Klärungen.
    Zu den Punkten 5 und 6: „Der Lösungsteil ist schwach, insbesondere deshalb, weil er nicht mal ansatzweise erkennt, wie den “alten Medien” über online noch einmal Legitimität und Relevanz zuwächst.” Und: Ich glaube, dass Imhof völlig unterschätzt, wie symbiotisch insbesondere Presse und Web heute schon zusammenleben.“
    Doch, natürlich. Vielleicht habe ich das zuwenig klar gemacht: Journalismus unter Multikanalbedingungen bezieht sich ausgesprochen stark auf Webinhalte vorab in den Onlineangeboten der grossen Player. Dadurch wird das Agendasetting der Abendnachrichten und der Zeitungen des kommenden Tages stark durch den ressourcenschwachen Onlinejournalismus beeinflusst. Gerade auch bei der Sarazin-Debatte lässt sich das gut zeigen.
    Und selbstverständlich bin ich froh um die Zusammenwirkungsfunktion der Blogosphäre mit den General-Interest-Medien egal auf welcher Plattform. Sozioökonomisch und soziokulturell haben die Partizipierenden der Blogospähre die Funktion von Peers in ihren Lebenstilgruppen und dazu gehören auch Journalisten.

    @Jens Best.
    Richtig. die Deregulation der Medien von sozial eingebetteten Herkunftskontexten (Parteien, Kirchen, Konzessionsinstanzen, Verbänden, sozialmoralischen Milieus der Verlegerfamilien in Stadt und Land etc.) ist mitsamt der Dualisierung Bestandteil des neoliberalen Gesellschaftsmodells. Medien wurden in diesem Prozess von ihren herkömmlichen sozialen Rückbindungen abgelöst und voll den Markt gekoppelt. Dies führte zu neuen Selektions-, Interpretations und Präsentationslogiken, zu Renditezielen wie in der Finanzindustrie und zur Erosion der journalistischen Ethiken der Forumsmedien, die aus Konzessionen der Alliierten bzw. aus den Parteizeitungen heraus entstanden. Vor diesem Hintergrund hat sich etwa auch die Wirtschaftsberichterstattumng massiv gewandelt bzw. stark auf die Performance von Unternehmen im Rhythmus von Vierteljahresabschlüssen hin orientiert. Die Wirtschaftsberichterstattung wurde dadurch Teil der Ökonomie und wesentlicher Treiber der Blasenbildung an den Märkten.

    @Herbert.
    Einverstanden. Fördern müssen wir insbesondere die medienkritischen Blogs, weil die Medienkritik innerhalb der General-Interest-Medien nur noch ein Schattendasein fristet.

  24. Herbert |  08.09.2010 | 13:22 | permalink  

    @Kurt Imhof,

    Fördern müssen wir insbesondere die medienkritischen Blogs

    Meiner Meinung nach ist die gezielte Förderung zweischneidig, weil gleichzeitig ein Ausschlusskriterium.

    Demokratischer Wildwuchs ist die kräftigste, widerstandsfähigste Pflanze gegen eine General-Interest-Monukultur.

    Rechtliche Aspekte, die diesem Wildwuchs Luft zum atmen garantieren gilt es zu bedenken, da die momentane Partizipation der Bürger in den General-Interest-Medien (nur) eine Reaktion auf die Konkurrenz dieser kritischen Stimmen ist und jederzeit beendet werden kann.

    Das propagierte “Leistungsschutzgesetz” ist so ein Türschließer, der freie Strukturen zurückdrängen will. In guter alter Neusprechtradition werden General-Interest-Monukultur als Garanten der Demokratie verkauft.

  25. noName |  08.09.2010 | 13:46 | permalink  

    (1) Herr Imhof plädiert für eine journalistische Monokultur, die Stärkung der General-Interest-Medien. Eine Stärkung der Monokultur führt zur Verdrängung der Mischkultur. Aus der Biologie kennen wird das ( http://de.wikipedia.org/wiki/Monokultur ). Ohne Meinungspluralität wird die Demokratie eingeschränkt ( http://tinyurl.com/3xfg9ap )!

    (2) Bei der Beurteilung der Frage, ob Qualität vorliegt, spielt das Medium keine Rolle.

    (3) Sprache muss verstanden werden.

    Es muss vielmehr um die Frage gehen: Wie kann die Meinungspluralität gestärkt werden? Eine andere Sichtweise schadet. „Quatsch“ ist noch freundlich formuliert.

  26. Kurt Imhof |  08.09.2010 | 14:20 | permalink  

    @Herbert
    Es gibt keine Monokultur der General-Interest-Medien. Wie kommen sie auf eine solche Perspektive? Vergleichen sie SZ und BILD in der Sarrazin Debatte.

    Nochmals: Eine Gegenüberstellung der Blogosphäre und der General-Interest-Medien im Sinne eines Entweder-Oder macht wirklich keinerlei Sinn. Wir haben es mit vielen Kommunikationsflüssen (auch der Blogosphäre zu tun), die in den Arenen öffentlicher Aufmerksamkeit zusammenfliessen. Beides ist interdependent. Und die Qualität der Arenen öffentlicher Aufmerksamkeit bestimmt die Resonanz von Themen und Personen. Schliesslich: Wildwuchs führt immer zu grösseren kleineren Arenen der Aufmerksamkeit und wir haben, was wir haben und das durch die ganze Moderne hindurch: ein dominierendes Informationsmediensystem neben kleineren Arenen gesellschaftlicher Aufmerksamkeitskonzentration von den Versammlungsöffentlichkeiten der Aufklärungsbewegungen über diejenigen der Parteien, Verbände und Vereine bis hin zu den Blogosphären der Gegenwart. Mit schlechten kleinen Diskursforen kann die Demokratie umgehen. Mit schlechten grossen Diskursforen nicht.
    Ein Beispiel: Ein wesentlicher Unterschiede der Systeme öffentlicher Kommunikation in der Zwischenkriegszeit zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Überzahl der Boulevard- und Geschäftspresse verglichen mit den Parteizeitungen in Deutschland wie Österreich. In der Schweiz war es umgekehrt. Das ist der wesentliche Grund für die massiv unterschiedliche Resonanz nationalsozialistischer und austrofaschistischer Bewegungen, von denen die Schweiz auch eine Fülle kannte. Diese entbehrten mit ihren deckungsgleichen medienwirksamen Aktionsformen der Resonanz in der öffentlichen Kommunikation, weil die Öffentlichkeit der Parteizeitungen diesen Gruppierungen keine Bühne bot. Die Medieninfrastruktur einer Gesellschaft ist wesentlich für die Differenz von Zivilität und Barbarei (und für die Resonanz simpler biologistischer Erklärungsmuster). Oder nicht lieber noName?

  27. noName |  08.09.2010 | 14:30 | permalink  

    Zu „Monokulturen“ im Wirtschaftsjournalismus:
    http://carta.info/23945/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ahnungslos-und-meinungsschwach/

    Meinungspluralität ist untrennbar mit Demokratie verbunden.

  28. noName |  08.09.2010 | 14:37 | permalink  

    @Kurt Imhof: “Die Medieninfrastruktur einer Gesellschaft ist wesentlich für die Differenz von Zivilität und Barbarei (und für die Resonanz simpler biologistischer Erklärungsmuster).” Da stimme ich zu.

    Um Wildwuchs zu begegnen, werden sich Mechanismen auftun. Wäre mal interessant, darüber zu lesen. ;)

  29. Herbert |  08.09.2010 | 14:48 | permalink  

    @Kurt Imhof,

    warum in der weiten Vergangenheit schweifen?

    Die General-Interest-Monukultur (GIM) hat mit ihrem durchgängigen Versagen bei der lügenhaften Vorbereitung vor und Berichterstattung während des Irak-Krieges ihre eigentliche Struktur offenbart. Mit solch schlechten, großen Medien-Monokulturen kann Demokratie kaum umgehen. Das war, vereinfacht betrachtet, der Geburtsshelfer des massiven Wildwuchses.

    Die geführten Debatten um Sarrazin in SZ und BILD sind weniger Vielfalt als verschiedene Seiten der gleichen Agenda.

    Da die schwarz-gelbe-Truppe sich verpflichtet fühlt, mit der GIM passende Gesetze gegen wohlwollende Berichterstattung zu tauschen (immerhin profitieren in der Öffentlichkeit massiv unbeliebte Politiker von beschönigender Berichterstattung), was beiden Seiten dient, kann der verbliebene demokratische Wildwuchs jede Unterstützung gebrauchen.

    Diese Unterstützung wird kaum honoriert, weder mit Geld, noch mit Aufträgen, verlangt daher Mut, auch Risikobereitschaft und bürgerliches Engagement.

  30. noName |  08.09.2010 | 14:54 | permalink  

    #26: Die Medieninfrastruktur verändert sich im Rahmen des gesetzlich Zulässigen. In Deutschland ist zentrale Vorschrift § 5 GG http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html .

    Woraus lässt sich ein Recht des Stärkeren, der General-Interest-Medien ableiten?

    Das Web ermöglicht es derzeit Kleinstanbietern von journalistischen Qualitäts-Inhalten zu General-Interest-Medien aufzusteigen. Soll sowas unterbunden werden? Ich kann Ihre Gedankengänge nicht nachvollziehen.

  31. noName |  08.09.2010 | 14:57 | permalink  

    Art. 5 GG

  32. migrant |  08.09.2010 | 17:07 | permalink  

    Das Internet in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.

  33. Heike Rost |  08.09.2010 | 17:30 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht: “Da es wohl noch keine abschließenden Antworten auf diese Fragen geben kann, gilt es, vor allem die ihre Offenheit immer wieder zu thematisieren.”

    Dazu gehören Dialogfähigkeit und Diskussionskultur, die ich hier auf Carta immer wieder erfreulich und sehr bereichernd finde.

    “Ich glaube, die Diskussion sollte an dieser Stelle mit weniger Gewissheiten auskommen.”

    Genau diese Gewissheiten, die ich im ersten Kommentar als “Trampelpfade des Denkens” bezeichnet habe, stören mich ungemein. Kurt Imhofs Kritik pauschal als “Zeitverschwendung” zu bezeichnen, zeugt für mich nicht gerade von der Bereitschaft, den Diskurs über unterschiedliche mediale Vorlieben und Gewohnheiten ebenso unterschiedlicher Nutzergruppen weiter zu führen.
    Die Konstruktion vermeintlicher Gegensätze zwischen “Blogosphäre” und “Old-School-Journalismus” ist dabei so öde wie überholt, weil sie nicht mal in Ansätzen zu einer gemeinsamen Weiterentwicklung beiträgt.

    Und Imhofs Befürchtung, schlechterer Journalismus habe mit der Zeit eine schlechtere Demokratie zur Folge, kann ich durchaus nachvollziehen: Das aktuelle Beispiel der Sarrazin-Debatte ist diesbezüglich erschreckend deutlich. Einige populistische Äußerungen, ordentlich krachend in einer Boulevard-Zeitung zelebriert, andererseits mindestens ebenso populistische Bekundungen von kühler Distanzierung bis zu Abscheu. Im allgemeinen Getöse reibt sich das Rechts-außen-Spektrum freundlich lächelnd die Hände und erfreut sich an den Steilvorlagen, wesentliche Themen (u.a. die Verlängerung der AKW-Laufzeiten) gehen fast völlig unter.

    @Fritz “Dabei tritt noch strafverschärfend auf, dass der “Gratis”-Journalismus sich über Klicks und Besucherzahlen refinanzieren soll: Also werden die Themen nach oben gerückt, die möglichst viele Klicks anziehen. Aber wo ist da das wirkliche Problem? Das Problem ist, dass vermutlich 80% bis 90% der Bevölkerung keine besonders große Sehnsucht nach dem haben, was die Informationselite “Qualität” nennt.”
    Exkurs in die Praxis, zu den “Klickstrecken” auf vielen Internetpräsenzen von Printmedien: Sie sind Gegenstand von Kritik, Thema für Qualitätsdebatten rauf und runter, Grund für Beschwerden beim Presserat, siehe Loveparade, Winnenden, Apeldoorn. ABER sie generieren “Klicks” auf Teufel komm raus und gehören zu den Cash Cows der Zugriffszahlen jenseits von Qualität und Ethik. Wundert es jemanden ernsthaft, dass eher controlling- denn journalismusaffine Verlagsmanager die Debatte um solche journalistischen Entgleisungen eher zögerlich angehen?

    @Jens Best “…das Web hat keinen Selbstzweck, es ist der unerträglichste Spiegel, den wir uns je geschaffen haben und den Blick hinein gilt es ohne erschrecktes Geschrei auszuhalten.”
    Völlig d’accord. Selbstkritik ist wichtigstes Mittel der Weiterentwicklung. Dazu gehört, sich mit konservativeren Denkmodellen ebenso auseinanderzusetzen wie mit der meinungsfreudigen und -starken Blogosphäre. Weil beide nicht voneinander zu trennen sind und letztlich mehr gemeinsam haben, als sie einander zugestehen (können? wollen?) und als auf den ersten oberflächlichen Blick ersichtlich ist.

  34. Hardy Prothmann |  08.09.2010 | 18:51 | permalink  

    Guten Tag!

    In der Kürze liegt die Würze, deswegen stimme ich dem Kommentar #31 sehr gerne zu.

    Gleichzeitig bedanke ich mich bei den vielen differenzierten Kommentatoren, die sich die Mühe gemacht haben, die ich mir nicht machen wollte. Nun also doch etwas mehr als eine pauschale Äußerung von meiner Seite.

    Die Betrachtung des Herrn Imhof scheitert an den Prämissen, die er für seine Betrachtung gewählt hat.

    “Demokratische Gesellschaften brauchen General-Interest-Medien, die sich wechselseitig beobachten. Ihre Vermittlungsleistungen sorgen für eine permanente Agendabildung der Probleme sozialer Ordnung bzw. gesellschaftsweiter Aufmerksamkeit. Nur dadurch lässt sich Koorientierung auf relevante Themen erzeugen.
    Themenzentrierte Blogs und Special-Interest-Publikationen können diese Koorientierung nicht leisten, sie erfüllen weder die demokratienotwenige Forums- noch die Kritik- und Kontrollfunktion und schon gar nicht die Integrationsfunktion.”

    Inwieweit die neuesten Klatschnachrichten, Mode-Artikel, Reiseberichte, Auto-News, Immobilien-Nachrichten, Sport-Artikel eine demokratische Gesellschaft stützen, kann ich nicht erkennen. Insofern sehe ich auch keinen Zusammen zwischen “General-Interest-Medien” und einer stützenden Funktion für eine Demokratie.

    Auch ist die “wechselseitige Beobachtung” sicherlich nichts, was einer Demokratie weiterhilft.

    Inwieweit die “Vermittlungsleistungen” für eine “permanente Agendabildung” sorgen, sieht man wunderbar an der “Integrationsdebatte” als Beispiel für “soziale Ordnung bzw gesellschaftsweiter Aufmerksamkeit”.
    Ob sich daraus bis auf den “Hype” eine tatsächliche “Koorientierung auf relevante Themen” ergeben wird, bezweifle ich sehr.

    “Themenzentrierte Blogs und Special-Interest-Publikationen können diese Koorientierung nicht leisten.” Aha. Ich werfe mal “themenzentriert” und “special-interest” zusammen: Nach dieser Schlussfolgerung sind sämtliche Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung, alle Sachbücher, Magazine wie Cicero ohne Wirkung, also Leistung. Das meine ich mit Quatsch.

    “sie erfüllen weder die demokratienotwenige Forums- noch die Kritik- und Kontrollfunktion und schon gar nicht die Integrationsfunktion”. Wenn Herr Imhof nun noch ein Beispiel liefert, in welcher Tageszeitung, in welchem Radio- oder Fernsehsender ein “demokratienotwendiges Forum” geboten wird, könnte ich ihm vielleicht folgen. Das einzige Forum, an dem immer wenige teilnehmen, sind Wahlen. Der Rest ist durch Interessenvertreter besetzt, die nicht “notwendig” die Interessen der Demokratie, sprich des Volkes, vertreten.

    Interessant finde ich vor der aktuell laufenden Debatte den Terminus “Integrationsfunktion”. Medien an sich “integieren” also? Dann sind teilen große Gruppen der deutschen Jugend das Schicksal der Migranten. Die Jugend liest nämlich keine Zeitung mehr, sondern macht “irgendwas mit Internet”.

    “Kritik- und Kontrollfunktion”: Was davon zu halten ist, sieht man auch schön an der “Sarrazin-Debatte”.

    Bei den Ausführungen macht Herr Imhof den Fehler, vom Großen auf das Kleine zu schließen und eine archaische Nachrichtenorganisationsstruktur als effizient zu betrachten, die nachweislich eben nicht effizient ist.

    Selbstverständlich kann man von großen Medienunternehmen erwarten, dass sie interessante und wichtige Inhalte aus aller Welt bringen. Das ist das “special-interest” die große weite Welt.

    Keinen Menschen interessiert im Spiegel der Lokalstreit zur Ansiedlung eines Logistikunternehmens in meinem Heimatort Heddesheim.

    In Heddesheim interessiert die Ölpest vor der amerikanischen Küste aber nur bedingt, sehr wohl aber die Lokalpolitik, auch das ein “special-interest”.

    Es gibt bei uns im Raum drei große Tageszeitungen und mehrere Radio- und Fernsehsender. Das einzige Medium, das tatsächlich kritisch-kontrollierend aktuelle Entwicklungen verfolgt, ist das von mir betriebene http://heddesheimblog.de

    Hier erhalten die BürgerInnen über die Kommentarfunktion und die Ansprechbarkeit der Redaktion auch ein Forum, das sie rege nutzen.

    Als Mediendienstleister stelle ich den Menschen Informationen zur Verfügung, über deren Gebrauch diese selbst entscheiden. Die Integration dieser Menschen findet häufig außerhalb der Medien statt, angefangen im Kindergarten bis hin zur Arbeitsstelle, in Vereinen und anderen Organisationen. Medien können Menschen dabei begleiten, aber niemals eine tatsächliche “Integration” leisten.

    Es geht mir auch überhaupt nicht darum, die tradionellen Medien als “schlecht” und die “Blogospähre” als das einzig Wahre zu beschreiben. Tatsache ist, dass es zu einer Ausdifferenzierung der medialen Informationsverbreitung kommt. Und das ist gut so.

    In Deutschland erscheinen über 3.500 Fachzeitschriften, oft sehr erfolgreich. Alles “special-interest” mit einem homogenen Publikum, das aber weit gestreut ist.

    Innerhalb von “General-Interest” wie beispielsweise der ARD gibt es nur “Special-Interest”, beispielsweise die Tagesschau und Volksmusik. Die Tagesschau wirkt dabei bei der politischen Willensbildung mit, die Volksmusik hat auf mich noch niemals eine integrative Wirkung gehabt, wenn schon, dann eine separatistische.

    Ein Angebot wie CARTA hingegen tut mehr als die Sprechblasen in der Tagesschau für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem “special-interest” Politik. Alle, die dieses Angebot aufsuchen, sind “koorientiert” an politischen Inhalten und Teil anderer Netzwerke, in die Erkenntnisse hineingetragen werden.

    Was sich dort wie an Gedanken entwickelt, hat wieder eine eigene Dynamik. Herr Imhof hängt noch einer Kommunikationstheorie an, die vor 30 Jahren entwickelt wurde. Gate-Keeping und Agenda-Setting von oben nach unten funktioniert mit der Ausdifferenzierung des Mediensystems schon lange nicht mehr so einfach. Vielmehr ist eine Tendenz zu beobachten, dass es sich Subsysteme bilden, die sich systemtheoretisch betrachtet voneinander abgrenzen, aber interagieren. In Zukunft wird “Agenda-Setting” viel eher von unten nach der Mitte oder vielleicht oben stattfinden.

    So, jetzt hab ich trotzdem viel geschrieben.
    Als Lektüre empfehle ich meinen posterous-Beitrag zu “Sarrazin”
    http://prothmann.posterous.com/27342072
    Und natürlich das neueste heiße Eisen, über das morgen ganz Heddesheim reden wird, während der Mannheimer Morgen wieder irgendwelche Bratwürste bringt.
    http://heddesheimblog.de/2010/09/08/wie-bei-den-taliban-professor-beschimpft-pfenning-gegner-als-terroristen/

    Schönen Abend
    Hardy Prothmann

    P.S.
    Glückwunsch an Herrn Meyer-Lucht und die anderen Autoren hier. Ihr seid dabei, eine der besten politischen Communities (Forum, Herr Imhof) zu bilden, die ich kenne. Und ich freue mich, dass ich als Kommentator dabei sein darf. :-)

  35. Hardy Prothmann |  08.09.2010 | 19:13 | permalink  

    Guten Tag!

    Nach der Lektüre von Heike Rost ist mir noch eingefallen, dass ich was vergessen habe:

    Vorab: Ich argumentiere nicht dringend pauschalisiert.

    Die Leistungen der Tagesspresse sind gerade im lokalen und regionalen Bereich teils so schlecht, dass jeder Versuch einer Verbesserung begrüßt werden kann.

    Hätte ich das Geld, würde ich eventuell sogar eine neue Zeitung gründen. Hab ich aber nicht und haben andere auch nicht, sonst wäre die taz nicht die letzte Neugründung von vor fast 30 Jahren.

    Gratiszeitungen sind schlecht, da gebe ich Herrn Imhof sogar recht. Die Schlussfolgerung, dass alle Gratisangebote deswegen schlecht sind, ist falsch.

    Neue Geschäftsmodelle haben den Vorteil, dass sie riesige Kostenstrukturen, die bei der industriellen Fertigung von Print, Hörfunk und TV anfallen, nicht haben. Das heißt, sie brauchen auch keine Erlöse, um diese Kosten zu tragen.

    Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil, der meines Erachtens zu einem starken Verdrängungswettbewerb führen wird.

    Neue “General-Interest”-Angebote wie das heddesheimblog bieten eine klare, qualitativ hochwertige Alternative.

    Ich betrachte meine Arbeit deswegen durchaus als Stütze für die Demokratie dieser (kleinen) Gesellschaft. Und Herr Imhof – es ist eher der gegenteilige Effekt ihrer Behauptungen eingetreten. Die Zahl der mitwirkenden Kommentatoren und die aktive Diskussion im Ort belegen eher, dass das heddesheimblog zu einer “Repolitisierung” der Ortsgemeinschaft geführt hat, da durch das Konkurrenzangebot die monopolistische Informationsunkultur des Mannheimer Morgen gebrochen wurde.

    Die große Resonanz zeigt, dass das Bedürfnis der Menschen da ist, ordentlich informiert zu werden. Die Zahl der abbestellten Abos zeigt, dass der MM dieses Bedürfnis immer weniger bedienen kann.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  36. noName |  08.09.2010 | 19:41 | permalink  

    „Genau diese Gewissheiten, die ich im ersten Kommentar als “Trampelpfade des Denkens” bezeichnet habe, stören mich ungemein. Kurt Imhofs Kritik pauschal als “Zeitverschwendung” zu bezeichnen, zeugt für mich nicht gerade von der Bereitschaft, den Diskurs über unterschiedliche mediale Vorlieben und Gewohnheiten ebenso unterschiedlicher Nutzergruppen weiter zu führen.“

    @Heike Rust, Sie haben ja Recht. Pssst, aber manchmal erscheint es nicht falsch, die Diskussionsteilnehmer/Meinungsstrategen aus der Reserve zu locken. In blumiger Harmonie und bei striktem Austausch von Sachargumenten lassen sich nicht unbedingt die inhaltlichen Trampelpfade aufdröseln. http://de.wiktionary.org/wiki/Butter_bei_die_Fische_geben

    Die Diskussion ist äußerst lebhaft – und auch aus Heddesheim gibt es wieder einen Qualitätsbeitrag. Damit werden beispielhaft (!) Argumente nach der klassischen Auffassung von Herrn Prof. Imhof ad absurdum geführt. Ich finde, das gibt einem, mir jedenfalls, zu denken. Guten Abend!

  37. Heike Rost |  08.09.2010 | 19:49 | permalink  

    @noName Besonders interessant: Mancher vordergründig “Trampelpfadtreter” beherrscht durchaus reflektiertes Argumentieren … insofern bin ich Fan von “Butter bei die Fische”. Noch lieber, wenn nicht anonym kommentiert wird. ;-)
    Das hat die Blogosphäre nicht nötig, um mit Herrn Imhof zu sprechen.

  38. Robin Meyer-Lucht |  08.09.2010 | 20:02 | permalink  

    @ Heike Rost: NoName ist Carta-Bewohnerin und uns bestens bekannt. Ich kann für sie bürgen… Aber klar, Klarnamen bevorzugt.

  39. noName |  08.09.2010 | 20:08 | permalink  

    @Heike Rust: Danke. ;)
    @Robin Meyer-Lucht, oha! ;)

  40. Heike Rost |  08.09.2010 | 20:21 | permalink  

    @noName Psst … Rost, nicht Rust ;-)))))
    @Robin Meyer-Lucht Bürgschaft? Hui ;-)

  41. Mr.Harmlos |  09.09.2010 | 01:48 | permalink  

    Einer von Gestern ohne praktikable Lösung mit Geltungsbedürfnis.

  42. Kurt Imhof |  09.09.2010 | 10:17 | permalink  

    Bei allem Dissens in dieser Debatte gibt es auch Konsens oder mindestens Tendenzen dazu (auch mit dem emotionalsten und nun auch eloquenten Kritiker Hardy Prothmann). Und es gibt Möglichkeiten weiterer Konsenstendenzen. Ich versuche diese drei Dinge herauszuarbeiten. Lasse mich dann aber wieder gerne kritisieren oder korrigieren.

    Wo haben wir Konsens?

    1. Qualitätsverlust. Einen breiten Konsens gibt es bezüglich der durchaus gravierenden Qualitätsprobleme der Arena der General-Interest-Medien (bei allen Unterschieden, die sich u.a. im Jahrbuch Qualität der Medien Schweiz Suisse Svizzera zeigen).

    2. Bedeutung der General-Interest-Medien. Wir haben auch einen zumindest impliziten Konsens in der Einschätzung der primären gesellschaftspolitischen Relevanz der Arena der General-Interest-Medien.

    3. Demokratieproblem. Einen weiteren Konsens hier sehe ich, dass dies als Problem für demokratische Gesellschaften gesehen wird. Unter anderem zeigt sich dies in den Verweisen auf die in carta spannend diskutierte Sarrazin-Debatte.

    Wo haben wir eine Konsenstendenz?

    Ergänzungsverhältnis Blogosphäre / Arena der General-Interest-Medien. Zumindest einen „Tendenzkonsens“ sehe ich in der Position, dass es nicht sinnvoll ist, die Blogosphäre der Arena der General-Interest-Medien als grundsätzliche Alternative gegenüberzustellen. Es zeichnet sich ab, dass eine Position realistischer ist, die die real existierenden Ergänzungsverhältnisse in Betracht zieht. Vielleicht kann sich eine Perspektive durchsetzen, die auf dem Bild der Kommunikationsflüsse beruht, die über viele Schleusen in die Arena der General-Interest-Medien fliessen.

    Wo haben wir Dissens?

    1. Zukunft in der Gegenwart. Ich meine einen hartnäckigen und vom Typus her unterschwelligen und deshalb besonders schwierig zu diskutierenden Dissens hinsichtlich der Frage zu sehen, ob den die Blogosphäre die Zukunft in der Gegenwart sei, ob also die Arena der General-Interest-Medien untergehen wird bzw. die tausenden von Blumen der Blogs und Special-Interest-Medien die Öffentlichkeit der Zukunft ausmachen werde.
    Das halte nach wie vor für eine völlig illusionistische und auch überholte Position gespiesen aus alten Blogromantiken und Ressentiments gegen „Monopole“, „altem Journalistenadel“, „Monokultur“ und der Vorstellung einer alten versus einer neuen Medienordnung.
    Diesen Punkt haben wir nicht gut diskutiert, weil gute Argumente gegen meinen Auffassung, dass eine Öffentlichkeit in demokratischen Gesellschaften nationalen und transnationalen Typs ohne eine gesellschaftsweit funktionierende Forumsfunktion, Kritik- und Kontrollfunktion und Integrationsfunktion (Selbstbeobachtung der Gesellschaft durch die Öffentlichkeit und Koorientierung nicht auskommt. Dass also schlicht Gesellschaft nicht denkbar ist ohne (miteinander verbundene) kleine und grosse Debattenforen. Da hilft Hardy Porthmann’s Verweis auf regionale und lokale Kontexte in denen die Blogosphäre die genannten Funktionen übernehmen können nicht weiter. Die Orientierung der Blogosphäre an Kleinpublika geht einher mit einer erstaunlichen Blindheit gegenüber den Regulationsaufgaben von Grossgesellschaften, sie ist also blind gegenüber den Demokratieproblemen auf nationaler und transnationaler Ebene (aus denen in vielen Ländern der Rechtspopulismus gewaltige Resonanz in der Arena der General-Interest-Medien generieren kann.
    Kurz: Die Blogosphäre ist nicht die Zukunft in der Gegenwart, die Arena der General-Interest-Medien wird uns auch in Zukunft begleiten weil die demokratische Selbstherrschaft moderner Massengesellschaften nicht auf die Diskurspotenz der Blogosphäre umgestellt werden kann. D.h. die Zukunft ist da, die Medienordnung besteht jetzt und künftig aus einem Ensemble von Blogosphäre, Versammlungsöffentlichkeiten und der Arena der General-Interest-Medien.

    2. Förderpolitik. Hier hält sich auch ein hartnäckiger Dissens, weil a) Förderpolitik generell abgelehnt wird (weil sie den Monopolisten diene und damit der Vergangenheit in der Gegenwart); b) weil jede Förderpolitik indirekte Diskriminierung bedeute und c) weil sie Ordnungspolitisch fragwürdig sei bzw. den Staat auf Kosten des Marktes stärke.

    Die Position a) ist hinfällig wenn man sich zur realistischen Einsicht durchringen kann, dass wir ohne Arena der General-Interest-Medien nicht auskommen und wenn wir am Konsens festhalten, dass hier die Qualität schwindet. Die Position b) gilt schlechthin für jede Förderpolitik, damit müssten wir auch jede Sozialgesetzgebung, Umverteilung und Infrastrukturpolitik bekämpfen. Die Position c (hier wenig vertreten) geht nur bei absoluten Hardlinern soweit, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschafft werden soll. Auch die knackigsten Marktgläubigen sind zur Einsicht gelangt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Informationsjournalismus Standards setzen muss (oder sollte).

    Damit haben wir Einsicht in eine uralte Förderpolitik, die wir neu definieren sollten und eigentlich – ich verweise auf die Konsensbasis, die wir erreicht haben – müssen. Ich machte diesbezüglich Vorschläge, die mit den soeben genannten Positionen kritisiert wurden. Alternativen wurden aber nicht entwickelt. Ich schlage vor, die Diskussion – basierend auf dem erreichten Konsens – auf den Dissens 1 (Zukunft in der Gegenwart) und 2 (Förderpolitik) zu konzentrieren.
    Vielleicht kommen wir etwas weiter? Ich habe gelernt.

  43. Chat Atkins |  09.09.2010 | 10:18 | permalink  

    @ Kurt Imhof: Gerade die ‘Sarrazin-Debatte’, die Sie immer wieder heranziehen, zeigt doch, woran es hapert. Vorangetrieben wurde sie von einer neuen Allianz zuvor zumeist noch unterscheidbarer Massenmedien – ich sage mal ‘Spiegel’ und ‘Bild’. Die Frage, ob gratis oder bezahlt, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Beides sind Pay-Medien. Der Altjournalismus formierte sich mal wieder zum Unisono oder zum Rudel, nur dass es ihm dabei notorisch an ‘Schwarmintelligenz’ zu fehlen pflegt.

    Die früheste Kritik – während die Holzmedien noch ‘Hosianna’ riefen und ‘Endlich sagt es mal einer’ – die kam dann aus den Tiefen des Netzes, wo sich kompetente Leute zu Themen wie ‘Vererbbarkeit von Intelligenz’, ‘Koran und daraus resultierende Dummheit’ und zu anderen kruden Thesen eines gesellschaftspolitisch in den Weiten der Wissenschaft dahindilletierenden Ökonomen und Utilitaristen kritisch und kompetent äußerten.

    In der ‘zweiten Welle’ dann, vermutlich nur um das Thema noch etwas am Köcheln zu halten, bedienten sich daraufhin die Old-School-Massenmedien an diesem inzwischen akkumulierten Wissen und an der Kritik im Netz. Sie befragten dann z. B. endlich mal jene Wissenschaftler, die Sarrazin in seinem Buch so ausgiebig missinterpretiert. Das ging bis in die Formulierungen hinein. Die doch von den Journalisten gern so hoch gehaltene Recherchetiefe wurde über weite Strecken vom Netz erbracht.

    Was ich sagen will: Nicht die Konkurrenz der Gratis-Angebote zerstört jene kritische Öffentlichkeit, deren Zerfall Sie ja zu recht beklagen. Ganz unabhängig von Netz haben sich vielmehr die meisten dieser Altmedien offenbar eine neue ökonomische Agenda verordnet, die ohne Rücksicht auf Wahrheit und Aufklärung einzig eine maximale Instant-Aufmerksamkeit zu generieren trachtet. Dass in der Folge alle das Gleiche blöken, fällt ihnen noch nicht einmal auf.

  44. Kurt Imhof |  09.09.2010 | 10:24 | permalink  

    @Chat Atkins

    Doch, ich bin doch mit Ihnen einverstanden (wenn es natürlich auch grosse Qualitätsunterschiede nach wie vor gibt), deshalb das ganze Projekt des Jahrbuches Qualität der Medien. Das ist nicht unser Dissens. Ich versuchte den Stand der Debatte gleich oberhalb Ihres Beitrages herauszuarbeiten.

  45. Chat Atkins |  09.09.2010 | 10:47 | permalink  

    @ Kurt Imhof: Wenn Ihr Post um 10:17 erscheint, und meiner um 10:18 Uhr, konnte ich ihn begreiflicherweise noch nicht rezipiert haben. ;-)

    Trotzdem spukt m.E. bei Ihnen im Hinterkopf die Sehnsucht nach einer durch Massenmedien stets noch formierbaren Gesellschaft herum, deren Chancen ich zunehmend geringer einschätze. Für mich läuft es eher auf eine sich durch Mikrokommunikation und im Dialog selbstdisziplinierende Gesellschaft heraus. Die das auch erst einmal lernen muss. Das erfordert einerseits ganz neue Kommunikationsformen: Die traditionellen journalistischen (und auch wissenschaftlichen) Stilformen mit ihrer Objektivitätsposiererei und dem ultratrockenen ‘dpa-Stil’ verlieren an Überzeugungs- und Durchschlagskraft. Witz, Sarkasmus, auch Polemik kehren zurück. Andererseits verändert sich die gesellschaftliche Rolle der Journalisten, zumindest im Netz. Platt gesagt – weg vom Gatekeeper hin zum akzeptierten Moderator einer Selbstverständigung des Publikums. D.h. Hilfe bei der Gewichtung von Quellen, bei der Ausformulierung von Argumenten, bei der Austreibung von Trollen usw.

  46. Deudel |  09.09.2010 | 12:07 | permalink  

    Also damals als über 130.000 Leute bei der Petition gegen Netzsperren mitgemacht haben da hat sich doch bewiesen das die Blogs eine große Öffentlichkeit erreichen. Über die klassischen Massenmedien ging das nämlich nicht.

    Von daher hab ich irgendwie das gefühl das er nicht so recht weis über was er da redet. Da schwingt eher die Angst vor dem Untergang der eigenen Branche mit durch.

  47. noName |  09.09.2010 | 14:01 | permalink  

    @Kurt Imhof:
    Zu Dissenz 1 (Zukunft in der Gegenwart):
    „Die Blogosphäre ist nicht die Zukunft in der Gegenwart, die Arena der General-Interest-Medien wird uns auch in Zukunft begleiten weil die demokratische Selbstherrschaft moderner Massengesellschaften nicht auf die Diskurspotenz der Blogosphäre umgestellt werden kann.“ haben Sie geschrieben.

    General-Interest-Medien haben ihren Platz bei analogen Medien als auch bei digitalen. Die Blogosphäre, vielleicht vielmehr „Websphäre“ erweitert (!) die Verbreitungsmöglichkeiten der Erzeugnisse der General-Interest-Medien. Die Blogosphäre als solche ermöglicht es Bürgern, ihre Auffassungen einzubringen, Impulse zu setzen, spezielles Fachwissen kund zu tun. Dies kann bei General-Interest-Medien als auch bei kleinen Anbietern geschehen.

    Die gegenseitige Verlinkung im Web, welche durch ein Leistungsschutzrecht nicht eingeschränkt werden darf, kann aus Erzeugnissen/Werken von Nischenanbietern als auch Privatanbietern für General-Interest-Medien relevante Angebote machen. Die gegenseitige Vernetzung wird insoweit als positives Instrument genutzt. Bei den General-Interest-Medien wird von Profis (Journalisten) gefiltert. Ein freies Netz, ein freier Austausch, die Verlinkungsmöglichkeit als auch das Zitaterecht setzen die Netzneutralität voraus, die m. E. gesetzlich zu normieren ist. Insoweit würde die Meinungspluralität gefördert werden. Eine Förderung der Meinungspluralität kann für General-Interest-Medien durchaus vorteilhaft sein, denn auf spezielle Informationen, spezielles Fachwissen kann zurückgegriffen werden.

    Zu Dissens 2 (Förderpolitik):
    Hier könnte über eine „Anstalt der öffentlich-rechtlichen Medien“ nachgedacht werden, die den bisherigen Rundfunk mit Presse inkl. digitalen Erzeugnissen umfasst. Es dürfen nur Qualitätsangebote verbreitet werden. Die „Anstalt der öffentliche-rechtlichen Medien“ darf Unternehmen aus der Medienbranche nicht verdrängen, muss im Ergebnis „klein bleiben“.

    Es muss pulsieren in der Medienbranche, neue Geschäftsmodelle erprobt (ggf. gefördert) werden, kreativ und offen gedacht werden.

  48. Tim Krischak |  09.09.2010 | 14:36 | permalink  

    Zum Punkt “Konenstendenz: Ergänzung Blogosphäre und Massenmedien”

    Da die Blogosphäre die Massenmedien in ihrer gesellschaftlichen Funktion in absehbarer Zeit nicht ersetzen wird stellt sich die Frage wie sich beide Systeme ergänzen, sich Öffentlichkeit dadurch verändert und welcher Mehrwert sich für Gesellschaft und Demokratie sich daraus ziehen lässt.

    Wenn Themen und Debatten im Netz eine gewisse Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten werden sie häufig von den Massenmedien aufgenommen. Kommunikationsflüsse diffundieren zwischen beiden Systemen und können sich wechselseitig verstärken. Manchmal schaffen sie es auf diesem Weg dann auch auf die Agenda der Politik (Spreeblick u. Jamba?).
    Eine Trennung von Massenmedien auf der einen und Netzöffentlichkeit/Blogosphäre auf der anderen Seite ist doch ohnehin nur eine künstliche. Blogger nehmen Massenmedien war und beziehen sich in ihren Beiträgen auf sie. Journalisten nutzen Netz und Blogosphäre zur Recherche und auch privat.
    Die Frage nach dem symbiotischen Verhältnis von Netzöffentlichkeit und Massenmedien finde ich deshalb auch spannender als eine Entweder-Oder Debatte. Denn sie hat, und das ist ein guter Punkt Herr Imhof, die momentan herrschenden Kommunikationsverhältnisse als Ausgangspunkt.

    Beobachten sich Massenmedien und Blogosphäre gegenseitig führt dies zu einer Konfiguration von Öffentlichkeit, die auch demokratietheoretisch spannend sein kann. Öffentlichkeit wird auf der Input-Seite offener und die verhandelten Themen sind an Bürger zurückgebunden. Themen die im Netz eine gewisse Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten und dennoch von den Masssenmedien ignoriert werden bleiben im Netz sichtbar.

  49. Jens Best |  09.09.2010 | 14:49 | permalink  

    Während wir hier schön mit Prof. Imhof diskutieren, lässt sich Springervorstand Döpfner in üblich unreflektierter Art über das Gratisnetz und Open Access(!!) als Gefahr für die Pressefreiheit aus.

    http://taz.de/1/leben/medien/artikel/1/freiheit-von-innen-bedroht/

    Solange diejenigen aus den alten Machteliten ihren manipiulativen Schmutzjournalismus auf diese aggressive Art der besseren Freiheit des Web entgegensetzen, wird es keine Einigung geben.

    Sorry, Prof. Imhof, aber wenn der Herausgeber der Bild-Zeitung nach einem wirtschaftlich erfolgreichen Geschäftsjahr solche Hasstiraden gegen die grundlegensten Eigenschaften des Web macht, wird es keine Einigung geben.

    Dann sollen doch all die achso qualitativen Journailien in Grund und Boden versinken. Vielleicht ist es Zeit, dass die Filter der Macht wieder in die Hände derjenigen fallen, die in einer Demokratie die Entscheidungshoheit haben. Jemand der solche Schlagzeilen, solch’ eine Manipulation der Massen Tag für Tag in seinem “Verlag” zulässt, sollte untergehen.

    Döpfner ist ein bekennender Feind des freien Web – und als solcher sollte er auch behandelt werden. Dialog wird mit solchen Leuten ist reine Zeitverschwendung. Ein Staat der auf solche Menschen hört, deren Macht nicht auf Zustimmung sondern Geld beruht, ist keine Demokratie. Prof. Imhof, warum verteidigen sie diese Illusion?

  50. Hardy Prothmann |  09.09.2010 | 15:34 | permalink  

    Guten Tag!

    Damit (#47) bin ich pauschal absolut einverstanden: “Es muss pulsieren in der Medienbranche, neue Geschäftsmodelle erprobt (ggf. gefördert) werden, kreativ und offen gedacht werden.”

    Gute Forderung, die auch sogleich die Problemstellung vorgibt. Kreativität findet vor allem im Netz statt, ebenso der offene Austausch, alle wesentliche Impulse der jüngeren Vergangenheit kommen (pauschal formuliert) von hier.

    Schön formuliert von Chat Atkins (#43): “Was ich sagen will: Nicht die Konkurrenz der Gratis-Angebote zerstört jene kritische Öffentlichkeit, deren Zerfall Sie ja zu recht beklagen. Ganz unabhängig von Netz haben sich vielmehr die meisten dieser Altmedien offenbar eine neue ökonomische Agenda verordnet, die ohne Rücksicht auf Wahrheit und Aufklärung einzig eine maximale Instant-Aufmerksamkeit zu generieren trachtet.”

    Wenn Sie die Geschichte der “Medien” betrachten, blicken Sie auf eine Geschichte der Entwicklung, wie in allen anderen Branchen auch.

    Die Entwicklungsprozesse laufen mit Erfindung aus Ausdifferenzierung des Netzes deutlich schneller.

    Ihre Beobachtung einer Trennung traditioneller Medien und der Netze ist leider unscharf. Es gibt beispielsweise keine analogen Redaktionen mehr. Alle arbeiten digital, einige stellen am Ende noch analoge Produkte her, beispielsweise die Zeitung.

    Beim scheinbaren Gegensatz “Blogosphäre” – “General-Interest”-Medien diskutieren wir möglicherweise aneinander vorbei, wenn Sie bei “Blogosphäre” die “bloggende Hausfrau” oder “Tagebuch-Blogger” vor Augen haben, die sicherlich keine im Sinne gesellschaftlicher Fragen “relevante” Öffentlichkeit erreichen.

    Meine lokalen Angebote habe ich beispielhaft schon gebracht. Dieses Beispiel ist zu erweitern mit “regionalen Bloggern” wie “http://wir-in-nrw.de” – im Regionaeln ist die Entwicklung langsamer, auch im “nationalen” und im “transnationalen” Bereich. Aber sie findet statt. Ein Beispiel für den nationalen Bereich aus dem Ausland ist die http://huffingtonpost.com – ein Blog, dass sich als “General-Interest”-Angebot in den USA bereits einen festen Platz erobert hat.

    Was Sie sich vorstellen, Herr Imhof, finden Sie vielleicht bei der http://rhein-zeitung.de, einer “General-Interest”-Zeitung von “demokratischer” Bedeutung, die wegen eines engagierten Chefredakteurs (und sicher auch Mitarbeitern) an einer eigenen Kooperation zwischen Print und Netz arbeitet.

    Eventuell – Weitsicht und Kooperationsbereitschaft der tradionellen Medien vorausgesetzt – kann man sich auch andere “Verknüpfungen” zwischen “analog” und “digital” vorstellen.

    Was sich wie genau entwickeln wird, kann tatsächlich niemand voraussagen.

    Ich vermute aber, dass kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Was nicht heißt, dass sich nicht ein neues demokratie-stützendes Mediensystem aufbaut und etabliert.

    Was das Demokratieproblem angeht: Ich habe einen anderen Blick als Sie, Herr Imhof, auf unsere deutsche Demokratie.

    Die wurde den Deutschen nach dem 2. Weltkrieg von oben verordnet und ohne jetzt auszuholen, durch kluge wirtschaftliche und politische Entscheidungen der Allierten als System in Deutschland etabliert, auch durch die Lizensierung der Zeitungen und später der audiovisuellen Medien.

    Tatsächlich ist daraus eine stabile Demokratie entstanden – meiner Auffassung nach aber eine funktionale, keine tatsächlich überzeugte.

    Große Medien wie der Spiegel, die FAZ, die Süddeutsche und viele andere, auch öffentlich-rechtliche Angebote, haben herausragend immer wieder zur Geschichtsaufarbeitung beigetragen. Wenn Sie so wollen, auch das eine “von oben” verordnete Demokratisierung.

    Ich bin aber der festen Auffassung, dass eine wahre Demokratie von unten gestützt werden muss, also bei den BürgerInnen selbst.

    Wenn man sich aber anschaut, wie viel antidemokratisches Gedankengut dort immer wieder hochkommt, wird Ihre These, Herr Imhof, dass “General-Interest” demokratiefördernd wirken, zur Theorie, die durch die Empirie wiederlegt wird.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  51. Hardy Prothmann |  09.09.2010 | 17:53 | permalink  

  52. noName |  09.09.2010 | 18:19 | permalink  

  53. noName |  09.09.2010 | 19:07 | permalink  

    Zitat hieraus: “In Anbetracht der nur eingeschränkt funktionierenden internationalen Finanzmärkte, des Auslaufens von Konjunkturprogrammen sowie des Konsolidierungsbedarfs öffentlicher Haushalte (s. Seite 86) kann ein erneuter konjunktureller Rückschlag nicht ausgeschlossen werden. Dies hätte eine signifikante Verschlechterung der Erlössituation, insbesondere in Form sinkender Werbeerlöse, zur Folge. Trotz des im Dezember 2009 verkündeten “Wachstumsbeschleunigungsgesetzes” kann sich auch der private Konsum deutlich negativ entwickeln, nicht zuletzt aufgrund des prognostizierten Anstiegs der Arbeitslosenzahlen. Der private Konsum ist maßgeblich für die Entwicklung des Pressevertriebsmarkts sowie des Rubrikengeschäfts und hat damit wesentlichen Einfluss auf den Geschäftserfolg von Axel Springer. Darüber hinaus ist die allgemeine Marktlage unvermindert durch einen starken Wettbewerbsdruck geprägt. Durch den Markteintritt neuer Konkurrenztitel und -objekte – insbesondere auch in Form von Gratiszeitungen und Gratiszeitschriften – besteht zudem die Gefahr von Umsatz- und Marktanteilsverlusten im Vertriebs- und Anzeigengeschäft. Veränderte Konsum- und Lesegewohnheiten, die vor allem durch den demografischen Wandel bedingt sind, verschärfen dieses Risiko weiter. Zudem resultieren Unsicherheiten aus dem verstärkten Wettbewerb klassischer Printmedien mit anderen Mediengattungen. So führt die fortschreitende Verbreitung des Internets zu einem Wandel der Kundenpräferenzen und zu weiteren strukturellen Verschiebungen im Werbemarkt. Das hat Erlösminderungen bei Zeitungen und Zeitschriften zur Folge.”

  54. Fritz |  09.09.2010 | 19:44 | permalink  

    Die Off- und Online-Medien bilden – denke ich – immer mehr eine gemeinsame Öffentlichkeit, die sich gar nicht mehr unabhängig voneinander beschreiben lässt.
    Die Funktionen innerhalb dieses gemeinsam bewohnten Universums hängt aber nicht an der Form der Auslieferung der Inhalte und noch nicht einmal an der Divergenz zwischen “professionellem” und “Liebhaberei”-Journalismus. Sie hängen vor allem mit dem zusammen, was die Media-Einkäufer für Werbung “Reichweite” nennen.
    Medien können zwar in einzelnen Fällen auch ohne große Reichweite einen gewissen Einfluss erreichen, in der Regel gilt aber: Je höher die Reichweite in der Gesamtbevölkerung, desto höher der potenzielle Einfluss.
    Diese reichweitenstarken Medien gibt es natürlich nicht nur offline, sondern auch online. Die Reichweiten-Könige im Internet geben allerdings ein gemischtes Bild. Spon hat es ziemlich weit gebracht, aber auch solche Exemplare der Gegenaufklärung wie web.de oder t-online erreichen heute Reichweiten, die über der der Bildzeitung liegen. Wie auch immer, stellt sich die Frage, ob man noch Print-Zeitungen für die genannten “General-Interest”-Funktionen braucht, wenn das Internet längst mehr an “Koorientierung” mehr zu leisten imstande ist als so mancher herkömmliche Medientitel.

    An dem Problem des Einfluss-Reichtums verhakt sich die Debatte unvermeidlich. Denn – da würde ich Imhof zustimmen – eine hochkomplexe Gesellschaft braucht in der Tat auch Medien mit großer Reichweite, um so etwas wie gesamtgesellschaftliche Bewusstseinsbildungsprozesse überhaupt generieren zu können. Andererseits sind die reichweitenstarken Medien seit jeher auch als Manipulateure der allgemeinen Meinung aufgetreten. Sie wurden sogar systematisch dafür vereinnahmt.
    Ein geradezu amüsantes Beispiel vom Tage liefert die “Welt”. Da schwurbelt Thomas Kielinger, Korrespondent in London, einen offenen Brief an Sarrazin zusammen, der offenkundig eine Auftragsarbeit ist – und der Auftrag kam aus Richtung der Regierung. Der Brief ist einfach eine Realsatire. (http://www.welt.de/debatte/kommentare/article9499766/Treten-Sie-von-Ihrem-Posten-zurueck-Herr-Sarrazin.html?wtmc=Newsletter.NL_Weltbewegt) Kielinger würgt sich einen ab, Sarrazin um den erlösenden Rücktritt anzuflehen – um Wulff und Merkel aus der fatalen Situation zu erretten, dem Abschuss-Gesuch der Bundesbank stattzugeben.
    Die Pointe der Artikels sind aber die Kommentare. Die Welt-Leserschaft ist nämlich schärfstens dagegen. Sie feuerte ab 13.41 Uhr bis genau 14.18 Uhr einen bissigen Kommentar nach dem anderen ab, insgesamt 124. Danach wurde die Kommentar-Funktion auf Notstopp gesetzt. Nur 40 Minuten lang durfte da kommentiert werden, dann wurde dem Volk verboten, sich in diese staatspolitische Affäre weiter einzumischen.
    Diese Anekdote zeigt das grundsätzliche Problem: Bei Medien mit großer Reichweite aggregieren Einzelne (Chef-Redaktion, Herausgeber, Verlagsleitung und deren Beziehungen im Hintergrund) gewissermaßen das Hunderttausendfache an Einflussmöglichkeit im Vergleich mit denen da unten .
    Wenn die alten Zentralmedien mit großer Reichweite jetzt darüber jammern, dass sie nicht mehr wissen, wie sie weiterleben sollen, dann bekommen sie völlig zu Recht solche Ohrfeigen wie die von Porthmann. Grob über den Daumen geschätzt, würde ich annehmen, dass 90% aller Tageszeitungen bereits seit Jahrzehnten vor allem nett zu ihren Werbekunden waren und die Aufklärungsinteressen ihrer Leser völlig vernachlässigt haben. Es müsste sich da erst einmal sehr viel ändern, bevor man sagen könnte, diese Medien hätten eine Art kultureller Förderung verdient.

  55. Chat Atkins |  09.09.2010 | 20:09 | permalink  

    @ Fritz: Der Kielinger-Text ist wirklich ein Schulbeispiel für verbales ‘Rumeiern’. Wobei wir aber hinzufügen müssen, dass die ‘Welt’ längst auch die Kommentaren anzieht, die sie verdient. Wenn ich dort – ich hatte diese Kommentare ja auch gesehen – gewisse Nationalinskis unter eindeutigen Pseudos wie ‘Kaltenbrunner’ oder ‘Ludendorff’ ihren geschichtsrevisionistischen Tinnef absondern sehe, dann läuft’s mir kalt den Rücken runter.

    Das Problem liegt genau in jener journalistischen Moderatorenfunktion, die ich oben erwähnte. Dass also die Massenmedien für diese Schnittstelle zum offenen Diskurs ihren besten Mann abstellen müssten, statt eines Praktikanten. Aber das haben sie allesamt noch nicht begriffen. Sonst pfeifen ihnen bald diese Mäuslein aus jedem Loch, das in deren eifernde Sabbelreichweite gerät, um so für sich und ihre bräunlichen Interessen die Multiplikatorfunktion verbliebener Massenmedien als Trittbrettfahrer zu nutzen, so lange die Veranstaltung noch dauert.

    Denn das ‘bessere Publikum’ flieht doch solchen unbeholfen formulierten Nationalzeitungs-Quark mit Grausen – und schon sind die attraktiven Werbeaufträge mangels Zielgruppe für das Medium ‘Welt’ auch perdu. Nicht, dass mir persönlich die eintönige Leier dieser alten Kameraden schaden würde. An mir perlt das ab wie Wasser am Fischotter … aber bin ich denn der Maßstab?

    Solange das nicht geregelt ist, wirken jedenfalls auch die Kommentare (und nicht nur der massenmediale Artikel) manipulativ, sie erzeugen zum Beispiel den Eindruck eines ‘Volkszorns’, der doch faktisch nur aus einer Handvoll windmachender Subjekte besteht. Das Schicksal der armen Frau Steinbach geht mir jedenfalls am Mors vorbei – aber so was von …

  56. noName |  09.09.2010 | 21:13 | permalink  

    “US-Verleger verkündet Ende der Print-Ära”: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,716684,00.html#ref=rss
    Solche unternehmerischen Entscheidungen sind bei der hiesigen Diskussion nicht unwichtig.

  57. We put the “Qual” in Qualitätsjournalismus |  09.09.2010 | 22:28 | permalink  

    [...] Journalismus in unserem Nachbarland geschrieben hat, unternimmt wenigstens einen Versuch, wenn er im Interview mit Robin Meyer-Lucht von Carta die vier aus seiner Sicht maßgeblichen Qualitätskriterien “Universalität bzw. Vielfalt, [...]

  58. Konstantin Neven DuMont |  09.09.2010 | 23:02 | permalink  

    @Jens Best: Sie schreiben, dass es keine Einigung geben würde. Das ist schade. Wir brauchen mehr vermittelnde Menschen. Das sogenannte Lagerdenken hilft dem Gemeinwohl nicht weiter. Bei Gelegenheit werde ich Ihnen das beweisen.

  59. Jens Best |  09.09.2010 | 23:30 | permalink  

    @Konstantin Neven Dumont

    Lesen Sie bitte auch meinen Kommentar weiter oben (Nr. 4) – Im Dialog mit ihnen oder z.B. Prof. Imhof kann ich mir eine Weiterentwicklung vorstellen. Wenn beide Seiten offen sind und sich über die gemeinsamen Zielkoordinaten zuerst einigen können.

    Auch ihren Verleger-Kommentar in der von mir als Frankfurter nach wie vor geschätzten FR-online habe ich gelesen und sehe trotz ihrer klaren Meinung bei einigen Teilaspekten die Möglichkeit des zielgerichteten Diskurses über die Zukunft einer Informierten und handlungsfähigen Gesellschaft.

    http://www.fr-online.de/home/wir-ueber-uns/65-jahre-frankfurter-rundschau/orientierung-in-der-digitalen-welt/-/4571522/4613674/-/index.html

    Die Kampfansagen und Hinterzimmer-Mauscheleien eines Herrn Döpfner sind aber mittlerweile nicht mehr zu ertragen. Menschen wie Döpfner, denen offensichtlich die Auffassungsgabe fehlt, um die grundlegenden Chancen des freien Webs zu sehen, weil ihnen die Gier nach Geld und Manipulationsmacht die Sicht verklebt hat, sind es nicht würdig an einer Diskussion unter vernünftigen Menschen wahrgenommen zu werden. Solange auf Prunkveranstaltungen wie der M100 Hetzgestalten des alten Neoliberalismus als Keynote-Sprecher auftreten, ist etwas faul im Staate Dänemark.

  60. Kurt Imhof |  10.09.2010 | 12:42 | permalink  

    Entwicklungen
    @Heike Rost; @noName; @Tim Krischak; @Jens Best; @Hardy Prothmann; @Fritz; @Chat Atkins; @Konstantin Neven DuMont

    Resümee aus der Konsenstendenz-/Dissens-Auflistung auf #42.

    Zur Konsenstendenz: Alle oben Genannten beleuchteten eine real existierende Medienordnung der Kommunikationsflüsse zwischen der Blogospähre (oder Websphäre gemäss noName) und den General-Interest-Medien. Selbstverständlich mit unterschiedlichen Gewichtungen und alle mit einer ausgeprägten Kritik an einer Vielzahl der grossen Anbieter (Stichwort Qualitätszerfall). Wesentlich dabei sind die Feststellungen hinsichtlich der Kritikfunktion der guten Blogs gegenüber der Kritikwüste bei und unter den General-Interest-Medien. Diese Feststellung ist ebenso wichtig wie richtig.
    Wir haben unter den General-Interst-Medien keine politisch-publizistischen Konflikte und keine Medienkritik mehr, die ihren Namen verdient, dafür aber eine wechselseitige Übernahme von Themen mit hohem Empörungsbewirtschaftungspotential verbunden mit sinkender Rechercheleistung.

    Dieser Clickratenjournalismus im Aufmerksamkeitswettbewerb mit gekappten Ressourcen produziert mehr von Gleichen und dies erst noch in Gestalt verblüffend gleichförmiger an- und abschwellender Berichterstattungswellen. An der Steuerung dieser Wellenmaschine sind Clickraten und Postings (die Feedbackschleifen des Instantjournalismus) massgeblich beteiligt, die Digitalisierung des General-Interest-Journalismus treibt diesen vor sich her und gleichzeitig verliert dieser Journalismus auch durch die Digitalisierung die Mittel um sich von dieser empörungsbewirtschaftenden Wellenmaschine zu emanzipieren.

    Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen und um, wie Konstantin Neven DuMont schreibt, den aufgeklärten kritischen Journalismus, der die Funktionen der Öffentlichkeit für die Demokratie Ernst nimmt zu fördern, kommen wir nicht um die Ökonomie herum. Diese verweist uns unerbittlich darauf, dass das klassische Geschäftsmodell der Finanzierung des Informationsjournalismus durch Werbung und Abonnementseinnahmen ausläuft. Reichweiten- und zielgruppengesteuert fliesst das Geld ab zu Suchmaschinen und zum Social Web. Journalismus als Profession, als Handwerk, als ressortspezialisiertes Fachwissen und daraus genährte Einordnungs- und Urteilskompetenz bulimiert. Und die pseudo-0-tarifigen Unterschichtenmedien breiten sich bei den jungen Altersgruppen schichtindifferent aus und haben den Mittelstand im Griff.

    Deshalb zum Dissens bezüglich Förderpolitik, zu der noName beigetragen hat: Wir brauchen tatsächlich einen Ausweg aus der Gratiskultur für General-Interest-Medien, eine Neuverteilung der Gebührenmittel und zusätzlicher zivilgesellschaftlicher Stiftungsmittel auf der Basis von klassischen Qualitätskriterien, die unabhängig gemessen werden, eine Zusammenarbeit von öffentlich-rechtllichen und privaten Anbietern mit Qualitätsanspruch im Onlinebereich, eine spezifische Förderung der Medienkritik ebenfalls im Onlinebereich und Medienkompetenz an den Schulen.

  61. Chat Atkins |  10.09.2010 | 13:41 | permalink  

    @ Kurt Imhof: Alles im Kern richtig bis auf einen Punkt: Zu schnellfertig ist mir das Argument, der General-Interest-Journalismus verliere “durch die Digitalisierung” die nötigen Mittel. Werbung und Marketing haben immer die Tendenz, dorthin zu gehen, wo auch ihre Zielgruppen sind. Es geht immer um möglichst viele Kontakte zwischen dem Klickibunti-Kaufmich und den potenziellen Kunden. So einfach ist das. Diese Kontaktleistung aber sehen Werber in vormaligen Qualitätsmedien wohl nicht mehr als gegeben an, und zwar mangels interessanter Zielgruppen in genügender Zahl. Sollte der neue Empörungsbewirtschaftungs-Journalismus an dieser Leseraustreibung denn gar keine Schuld tragen? Die Leser verschwinden doch gerade auch deswegen. Das mit dem Sündenbock ‘Digitalisierung’ ist mir also viel zu kurz gedacht.

    Zweitens verlieren die Verlage doch in der Breite gar kein Geld, die Geschäftszahlen sind nahezu flächendeckend weiterhin tiefschwarz, nur die Wege, auf denen die Rendite eintrudelt, die haben sich geändert. Also wird in jenen ‘Units’ alles reduziert, abgewickelt oder outgesourcet, was sein Scherflein zur Rendite nicht mehr wie gewohnt beiträgt. Letztes Beispiel ist der ‘Focus’, wo das neuartige hecheljournalistische Rattenrennen besonders weit fortgeschritten war. Selbst das Kachelmännchenmachen hat ihnen nicht mehr auf die Beine geholfen. Die Folge: massiver Personalabbau.

    Was all diese Verlage nicht sehen, ist, dass sie cum grano salis mit ihrem einstmals recht hochwertigen Journalismus (Trulla-Blättchen wie die ‘Bunte’ gab’s schon immer) zugleich auch ihr Image abwickeln. Das wird sich, da bin ich mir sicher, irgendwann rächen. Dann haben auch große Verlagshäuser ein öffentliche Ansehen wie gewisse Finanzdienstleister, alles Restvertrauen in der Bevölkerung ist weg. Und kaum eine Branche lebt vom Vertrauen so sehr, wie die Verlage. Wie ‘formiert’ sich aber dann die Gesellschaft? Wohl weit an diesen Verlagen vorbei, das ist eine Prognose, die sich getrost wagen lässt.

  62. noName |  10.09.2010 | 14:57 | permalink  

    @Kurt Imhof, Ihrem Beitrag unter #60 stimme ich weitgehend zu.

    Den Punkt „Ausweg aus der Gratiskultur für General-Interest-Medien“ sehe ich möglicherweise etwas anders. Die Verlagshäuser sind keine Opfer der Gratis-Kultur im Internet, sie haben sie vielmehr befeuert. Warum stellen sie ihre Erzeugnisse überwiegend gratis ins Netz? Irgendein Verleger hat womöglich damit angefangen und die anderen meinen, mitziehen zu müssen. Die Verleger der New York Times scheinen ein anderes Konzept zu befolgen, versuchen sich mittelfristig Erwerbsmöglichkeiten im Netz zu sichern und sagen bereits jetzt: Print läuft aus.

    Das haben offenbar auch die Verantwortlichen der Axel Springer AG erkannt, die – wie der hier verlinkte TAZ-Artikel erkennen lässt – so tun, als wenn die Meinungsfreiheit durch Gratisangebote im Web eingeschränkt würde.

    In dem Zitat unter #53 aus dem Geschäftsbericht der Axel Springer AG für 2009, wo genau das Thema Gratismentalität und der Medienwandel angesprochen werden, finden Sie das Wort Meinungsfreiheit mit keiner Silbe! Es geht klar darum, dass – wie in den Vorjahren auch – satte Gewinne eingefahren werden, um eine zweistellige Rendite zu erzielen. Ich habe mir die Mühe gemacht und den Geschäftsbericht weitgehend gelesen und kann ehrenwerte Ziele, die sich auf qualitätsvolle journalistische Inhalte als auch die Förderung der Meinungsfreiheit erstrecken, nicht finden. Selbstverständlich ist es legitim, dass Unternehmer gewinnorientiert denken, aber es ist perfide, wie im TAZ-Artikel angesprochen, den Spieß umzudrehen, sich als Opfer in der Öffentlichkeit darzustellen. Ein wenig Anstand darf von Medienverantwortlichen, so wirtschaftlich erfolgreich sie ein Unternehmen auch führen mögen, erwartet werden.

    Es bleibt den Verlegern unbenommen, sich an der Gratis-Kultur, die ja eigentlich keine ist, nicht (!) zu beteiligen. Und wenn sie hier Hilfe benötigen, dann sollen sie bitteschön einen Vermittler, einen Mediator einschalten.

    Die Bild-Zeitung hat in den vergangenen Tagen meinungsbildend, möglicherweise manipulativ auf ihre Leser eingewirkt und die Politik dabei unter Druck gesetzt. Es ist schon erstaunlich, welche Machtfülle von wenigen, hier Frau Dr. h. c. Springer, ausgehen kann, die nun auch Geschäftsführerin der Hauptaktionärin ist, womöglich deren Anteile hält.

    Das pulsierende Web mit dem Scheinargument „Die Gratismentalität schadet!“ einschränken zu wollen, ist der falsche Weg. Die Verlage haben ihre Probleme selbst zu lösen – wie jeder andere Unternehmer auch.

    Qualitätsjournalismus – und nur dieser – ist zu fördern, das sehe ich auch so. Eine Umstrukturierung der ÖR böte sich hierzu förmlich an.

  63. Peter |  11.09.2010 | 10:28 | permalink  

    @Kurt Imhof (#60), @noName (#62)

    Die Beschreibung der Problemlage gewinnt in dieser Diskussion immer mehr an Qualität, das Angebot an Lösungsansätzen leider nicht.
    Wer bitte soll feststellen, was Qualität ist und was nicht? Und wie will man es feststellen? Die Quantifizierung der Qualität ist immer die Quadratur des Kreises.
    Soll es vielleicht nach Journalistenpreisen gehen? Soll irgendwie anderweitig eine Jury zum Einsatz kommen? Wenn damit irgendwie öffentliche Geldzahlungen verbunden sind, wird es immer kreative Ansätze geben, das Verfahren zu unterlaufen. Und zurrt man es extrem fest, ergäbe sich erneut eine schädliche Machtkonzentration.
    Dass Klickraten nicht als Kriterium taugen, darüber sind wir uns sicher einig.
    Die Zusammenarbeit mit öffentlich-rechtlichen Anstalten zu empfehlen, löst das Qualitäts-Kontrollproblem nicht, sonder verschlimmert es. Freie Anbieter – seien es nun Blogger oder Verlage – sind immer zu einem Nischendasein kurz vor dem Sterben verurteilt, wenn sie mit einer Einrichtung gemeinsam auf einem Markt sind, die über einen steten leistungslosen Geldstrom verfügt. Was sollte Kooperation daran ändern?
    Benötigt wird ein Verfahren, dass den Außenpluralismus bei publizistischen Angeboten erhält. Der Binnenpluralismus der Öffentlich-rechtlichen ist eine Illusion.
    Vielleicht sollte man einmal nicht bei der werbenden Wirtschaft, bei den Verlagen, ja nicht einmal bei den Rezipienten ansetzen, sondern bei den Autoren. Das – wer publizieren will – sich gern mit dem Eintreiben von Werbegeldern beschäftigt, bezweifle ich. Ist es automatisiert, gibt es nur „lousy pennies“, ist es das nicht, darf Unabhängigkeit bezweifelt werden.
    Wer als Autor kein Geld braucht, verdient das seine dann sicher woanders. Zumindest an dieser Stelle ist er als Autor dann auch nicht mehr unabhängig.
    Wer aber Geld braucht, um auch morgen wieder recherchieren, filmen, fotografieren zu können, kann es sich eigentlich überhaupt nicht leisten, irgendetwas frei verfügbar ins Netz zu stellen. Warum geschieht es dennoch? Bei fest angestellten Journalisten ist es eine Entscheidung ihrer Vorgesetzten. Die Verlage sehen sich in einem Gefangenendilemma.
    Bei freien Autoren fehlt schlicht und einfach das System, das ihnen eine andere Art, ihre Werke anzubieten, ermöglicht. Die „Bezahlschranke“ (die blödeste Wortkreation der Branche seit Jahren) gehört eben nicht an die Medienmarke, sondern gleich an das Werk der Autoren. Zusammenstellungen aus bereits gekauftem sind nicht verboten.
    Alle Anbieter solcher Verfahren, z.B. Fotoagenturen mit der Möglichkeit des bezahlten Downloads, sind unbekannt, umständlich zu bedienen, bieten oft hervorragende Bedingungen für den Betreiber und schlechte Bedingungen für die Nutzer von beiden Seiten.
    Hier wäre anzusetzen. Dann gilt ganz einfach: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Wer auch morgen wieder publizieren will, schreibt Preise für Nutzungen an sein Werk. Und selbstverständlich gehören die Öffentlich-rechtlichen, die das Geld auf Verdacht schon zuvor absaugen, in der heutigen Form abgeschafft. Sie sind nichts als eine üble Bevormundung.

  64. Kurt Imhof |  11.09.2010 | 11:43 | permalink  

    @noName; @Chat Atkins
    verweisen beide auf den gravierenden Vertrauensverlust der General-Interest-Medien. Chat Atkins betont die Diffusion des Empörungsbewirtschaftsjournalismus im medialen Wellenreiten gepaart mit der Reduktion der redaktionellen Ressourcen. Folge: Nivellierung der Qualitätsunterschiede nach unten, Vertrauensverlust und Publikumsflucht. Also die General-Interest-Medien seien selbst schuld. Deshalb, so Chat Atkins: Die grossen Player fahren den aufgeklärten Journalismus in den Boden, watren wir deshalb ab, was sich für eine neue Öffentlichkeit entwickelt.

    Chat Atkins übertreibt masslos und hat aber der Tendenz Recht. Es gibt eine Nivellierung nach unten, bei freilich nach wie vor grossen Qualitätsunterschieden, deren obere Hälfte niemand von uns missen möchte. Und es handelt sich um eine abenteuerliche Politik, der er uns hier vorschlägt. Konsens haben wir ja in der Einsicht der gewaltigen gesellschaftspolitischen Bedeutungen der reichweitenstarken General-Interest-Medien. Bringt man diese Einsicht in Bezug mit dem Wechselspiel von Medienpopulismus und politischem Populismus in den Gratiszeitungsländern Holland, Österreich und der Schweiz und der daselbst noch rascheren Nivellierung der Medienqualität nach unten (und der noch schlimmeren Situation in vielen Transformationsländern Osteuropas, in denen sich eine ‚bürgerliche Öffentlichkeit mit Qualitätsmedien nicht ausbilden konnte), dann sollten wir unbesehen von unseren politischen Prädispositonen nicht mit den zivilisatorischen Errungenschaften gereifter Demokratien spielen.

    noName ergänzt die Analyse von Chat Atkins mit dem Verweis darauf, dass die grossen Player die Gratiskultur, die sie nun beklagen selbst befeuert hätten und er zeigt sehr gut am Beispiel der Axel Springer AG auf, wie weit dieser Akteur im Masse seiner ‚Emanzipation’ von den sozialmoralischen Grundlagen des Journalismus in demokratischen Gesellschaften die Vermittlung von News nur noch als Business versteht und finanzwirtschaftsadäquate Renditen erwartet. Vorab in den Transformationsländern wollen die daselbst sehr starken Axel Springer und Ringier AG die Newsvermittlungskanäle zu Dienstleistungsplattformen umpolen. Informationen sind dann nur noch die Eyecatcher für Versicherungs-, Bank-, Ticketing- und Unterhaltungsdienstleistungen.

    Natürlich befeuert diese Orientierung an einer Massengeschäfts-Marktlogik die Nivellierung der Medienqualität nach unten und erinnert uns daran, dass wir in den westlichen Gesellschaften mit guten Gründen einen verfassten Kapitalismus haben, der sich im Rahmen einer Rechtsordnung entfalten soll und durch Anreizstrukturen gelenkt werden kann und dass Demokratien ebenfalls mit guten Gründen das Marktprinzip einhegen, damit es sich nicht selbst eliminiert.
    Exakt das machen wir schon lange durch die Gebührenfinanzierung der Öffentlich-Rechtlichen und erwarten dadurch auch recht spezifische Qualitätsstandards zumindest im Informationsjournalismus. Deren Messung ist wirklich keine Hexerei (www.qualitaet-der-medien.ch). Das moderne Bildungssystem ist seit rund 200 Jahren mit wesentlich schwierigeren Messproblemen konfrontiert, wenn es Qualität von Schrott trennen muss, als wir es beim Informationsjournalismus antreffen. Das Bildungssystem hat dadurch Schrott nicht eliminiert, aber es kategorisiert Schrott als Schrott und daneben eine Fülle von Graustufen. Exakt dasselbe können wir auch mit dem Informationsjournalismus machen und damit in Zukunft bessere Anreize und Regulierungen verknüpfen, als wir es jetzt schon tun.
    Schliesslich: Ich habe das Fördermodell von @Peter nicht verstanden.

  65. Peter |  11.09.2010 | 12:21 | permalink  

    @ Kurt Imhof (#64)

    Ob man es “Fördermodell” nennen soll, ist eine andere Frage.
    Aber ihr Text ist ein Beispiel, wenn auch ein sehr schlechtes, da die Auffassungen bekannt sind und ich nicht beabsichtigen würde, ihn wörtlich an anderer Stelle zu publizieren. Es ist auch nur Text, nicht noch Foto und Grafik und Video dazu und auch recht kurz.
    Aber 0,10 € hätte es ich es mich kosten lassen, ihren nächsten Beitrag hier zu lesen. Wäre es einfach, würde ich nicht einmal darüber nachdenken. Ich hatte eben ein ganz konkretes Interesse.
    Der Aufwand, diese Prozesse finanziell abzubilden, wäre sicher zu hoch. Geht es aber um umfangreichere Angebote, wäre es möglich. Mit der Rezeption von Werbung würde ich keine Sekunde Lebenszeit mehr vergeuden.

  66. Fritz |  11.09.2010 | 13:29 | permalink  

    Den Beitrag von Peter finde ich schon hoch interessant. Er ist ja richtig: Wir brauchen gute Journalisten, um guten Journalismus zu bekommen. Deshalb wäre die erste Stufe zu fragen: Wie refinanzieren sich Journalisten? Momentan über Verlage/Medienhäuser. Damit sind sie abhängig von Verlagsstrategien und Kostenstellen, die sich im Stile von McKinsey betriebswirtschaftlich “optimieren” lassen. Ein wie auf immer geartetes Rettungsmodell für den klassischen Qualitätsjournalismus müsste auch die Position der Journalisten verbessern.

    Anderer Punkt: Es mag sein, dass man für förderungswürdigen Journalismus sogar messbare Kriterien benennen kann. Die Frage ist leider, ob das langt. Jens Best hat ja schon auf die Springer-Problematik hingewiesen. Ich kann das nur dick unterstreichen. Das Problem ist dabei nicht, dass der Springer Verlag immer noch seine wirtschaftliche Ziele mit politischen Positionen mischt. Das tun andere ja auch. Das Problem ist der hohe Anteil teils sublimer, teils weniger sublimer, von ganz oben gesteuerter und bewusst gewollter Demagogik. (Neuestes Beispiel ist der von Merkel gewünschte und erzwungene Rücktritt von Sarrazin aus dem Bundesbankvorstand, der jetzt als “freiwillig” verkauft wird, damit das populäre Thema (“ein politischer Jackpot”) endlich voll gegen die SPD in Stellung gebracht werden kann – in der Hoffnung, die CDU so aus dem Umfragetief herauszuholen.)
    Die Vorstellung, die “Qualitätsmedien” von Springer würden Zuschüsse durch die allgemeine Öffentlichkeit erhalten, ist solange unerträglich, solange 1.) von oben, 2.) mit demagogischen Mitteln 3.) regelrechte politische Kampagnen für eine politische Partei gefahren werden. Aber wie wollen Sie das messen? Döpfner ist ja wie Meckie Messer, dem man nichts beweisen kann …

    Anderer Punkt – die “Leseraustreibung”. Da bin ich pessimistischer. Als in Deutschland das Privatfernsehen zugelassen wurde, bekam das Volk endlich, was es haben wollte. Oder anderes gesagt: Die überwältigende Mehrheit der Leute hat überhaupt kein Problem damit, dramatisch unterinformiert zu sein. Sie möchten weniger lesen und mehr spielen und glotzen. Sie möchten lieber Baby-Deutsch lesen als Gedanken, die evetuell 2 oder 3 Zwischenschritte benötigen. Sie reagieren auf Emotionalisierungen wehrlos wie Pawlowsche Hunde. Ganz zu schweigen davon, dass die Fähigkeit zum sinnentnehmenden Lesen seit 20, 30 Jahren “messbar” auf dem absteigenden Ast zu sein scheint. Dementsprechend sind ihre Bezahl-Präferenzen. Warum eine Zeitung abonnieren, wenn damit die Unlust des Lesens verbunden ist?! Nebenbei bemerkt: Freud würde sich über gar nichts wundern. Wir leben in Zeiten völliger Entsublimierung – die Anstregungsbereitschaft (“Triebverzicht”) kann gar nicht anders als entsprechend abgebaut zu werden.

    Die Medien verhalten sich in diesem Umfeld überwiegend anpasserisch und opportunistisch. Die Bilder werden größer und bunter, die Texter kürzer, einfacher und weniger. Und sie müssen sich anpassen. Es ist eine Frage von leben oder sterben.
    Jetzt sieht sich sogar die New York Times in der Agonie. Wie ein Krebskranker weiß die Zeitung schon, dass sie stirbt. Werbekrise, Internet, Leserschwund – das sind 3 Angreifer auf einmal.
    Ich denke, Herr Imhof hat Recht, wenn er sagt: Man sollte sich nicht solange zugucken, bis alles, was gut war, platt ist.

  67. noName |  11.09.2010 | 18:08 | permalink  

    Eine interessante Diskussion!

    @Fritz: „Ich denke, Herr Imhof hat Recht, wenn er sagt: Man sollte sich nicht solange zugucken, bis alles, was gut war, platt ist.“ Absolut.

    1)
    @Peter, Sie sprechen sich für eine Abschaffung der ÖR aus. So weit würde ich nicht gehen. Für eine Entschlackung der ÖR, Konzentration auf Qualitätsangebote und Erweiterung um journalistische Textinhalte bin ich.

    Was sollen die volkstümlichen Sendungen bei ARD oder ZDF? Wenn diese unbedingt sein müssen, dann können sie ins Regionalprogramm gepackt werden. Mich interessiert auch kein Boulevard-Mist, kein Glimmer. Wozu die ganzen Quizshows? Ordentliche Informationssendungen erfüllen diesen Zweck.

    Weniger Unterhaltung, mehr Informationen gehören in die ÖR.

    Auch die Polit-Talks könnten ihre Formate überarbeiten. Lesenswert dazu ist „Die Politik stirbt auf dem Sofa“ in Cicero 09/10, 128-129. Hier wird u.a. vorgeschlagen, sich ein Beispiel an ausländischen Formaten zu nehmen. Nachrichten finde ich auch oftmals schwach. Ein Beispiel: Über den sog. Geheimvertrag mit den Energiekonzernen wird was gebracht, aber es wird verschwiegen, dass der Vertrag unter Bedingungen wirksam ist. Das ist wichtig, denn es wäre grundsätzlich möglich, dass dieser zweifelhafte Vertrag seine Wirkungen verliert. Eine richtige Thematisierung könnte entsprechenden öffentlichen Druck aufbauen, um fragwürdige Vertragswerke wieder zu kippen.

    Die ÖR setzen zu sehr selbst auf die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie, damit sinkt das Niveau.

    @Chat Atkins spricht bei der Bunte vom Trulla-Blättchen. Wer die Bunte kauft, weiß worauf er sich einlässt. Trulla, ja, dort. Von den ÖR hingegen kann erwartet werden, dass kein Trulla-TV geboten wird. So kommt es mir manchmal allerdings vor.

    Dann bitte ich darum, dass man sich von der Argumentation löst, der Leser/Zuschauer bekomme mit einem niveauloseren Angebot genau das, was er wolle und brauche. Mit dieser Denkweise wird das Niveau nur noch weiter sinken. Weg vom Quotendenken beim TV, hin zu dem Gedanken: Was ist beim Rundfunk gesellschaftlich von Nutzen?

    Also: Entschlackung des Rundfunks und mehr gut recherchierte Sachinformationen.

    2)
    Wer für die ÖR ist, könnte auf die Idee kommen, die Abwärtsspirale, die @Kurt Imhof bei den Verlagen zusammen gefasst hat, zu unterbinden, indem ÖR Texte veröffentlichen und zwar überwiegend online. Die ÖR tun dies ja bereits in geringerem Umfang als Ergänzung zum Rundfunk, geschickt verpackt, quasi rein gemogelt. Für Leser kann dieses Angebot manchmal schon interessanter sein als das der kommerziellen Anbieter.

    Herr Prof. Papier kommt in seinem ARD-Gutachten zu dem (aus meiner Sicht fragwürdigen) Ergebnis, Internet sei eher Rundfunk. Damit wird den ÖR die Tür zum Internet weiter geöffnet, was den Verlagen nicht gefallen kann. Den ÖR ist es insoweit möglich, für ihre Erzeugnisse alle Medienplätze zu besetzen, gesichert über die GEZ-Beiträge. Es können von den ÖR (fast) alle Mediengattungen bespielt werden.

    Konsequent und ehrlich wäre es, vom eigentlichen Rundfunk wegzukommen und eine „Anstalt der öffentlich-rechtlichen Medien“ zu schaffen, die auf allen Plattformen vertreten sein darf – ganz ausgerichtet nach den technischen Möglichkeiten und dem Nutzerverhalten. Es könnten Kooperationen – wie hier vorgeschlagen – mit Verlagen eingegangen werden.

    3)
    Die ÖR müssen kleiner werden und klein bleiben, damit sie das Angebot der kommerziellen Anbieter nicht verdrängen.

    4)
    Damit ist noch nicht die Frage geklärt, wie sich die kommerziellen Anbieter finanzieren können.

    Wenn Unternehmer (!) auf die Maschen der a) Aufmerksamkeitsökonomie oder b) Nischenerzeugnisse/Fachinformationen setzen, ist dagegen nichts einzuwenden. Es bleibt der Axel Springer AG unbenommen, schlecht recherchierte Informationen reißerisch aufgemacht unter die Menschen zu bringen. Qualität findet sich (nach meinen Wunschvorstellungen) bei den ÖR und Nischenanbietern oder gelegentlich privaten Netzanbietern.

    Bei Fachinformationen sehe ich weniger Probleme, wenn sich diese hinter einer Bezahlschranke verbirgen.

    Die Axel Springer AG beispielsweise setzt offenbar stark auf die digitale Aufmerksamkeitsökonomie und bietet Zusatzdienstleistungen wie bildmobil.de an, um ihre Endkunden zu binden.

    Wenn der Werbekunde nicht bereit ist, wie beispielsweise vor 5 Jahren für Anzeigen zu bezahlen, dann ist das eben so. Ein Verlag muss keine Riesengewinne machen. Hierauf gibt es keinen Anspruch. (In diesem Zusammenhang können die spärlichen Zeilenhonorare der Urheber ohnehin nicht nachvollzogen werden.) Unternehmen haben sich auf Marktveränderungen einzustellen. Das war schon immer so – und warum sollte sich das ändern?

    Die Zeit, FAZ, Süddeutsche, Spiegel, WAZ u.a. könnten sich zusammentun und ihre Angebote hinter eine Bezahlschranke packen. Allgemeine Infos können von jedermann abgerufen werden (damit würde ein Gegenpool zu den ÖR geschaffen werden) und weiterführende Informationen finden sich gegen Zahlung eines monatlichen Beitrags. Freien Zugang gäbe es für Schüler, Studenten, Auszubildende und Arbeitslosengeld II-Empfänger etc. Kostenpflichtige Werbung wird zusätzlich geschaltet. Wenn etliche Millionen Leser einen monatlichen Pauschbetrag zahlen, kämen ordentliche Summen zusammen.

    Der Verleger verkauft hinter einer Bezahlschranke – nach einem gewissen Schlüssel aufgeteilt – nur noch Text und sonstige für das Web geeignete Formate unter seiner Marke. Die Marke sorgt dafür, dass beim Empfänger die Unterscheidbarkeit, die Eigenarten der Marke beibehalten werden. Unter der jeweiligen Marke wird der Autoren-Journalismus ausgebaut.

    Der Medienwandel ist schleichend, d.h., analoge Presseerzeugnisse werden weiterhin gekauft, mache haben trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise zugelegt. Insoweit können die Verlage die Zeit nutzen, um sich auf die Veränderungen einzustellen.

    Ob ein Verlag Schrott anbietet oder sich auf Nischenerzeugnisse konzentriert, entscheidet jeder Unternehmer für sich selbst. D.h. auch, dass die Mechanismen der freien Marktwirtschaft im Pressewesen und bei Online-Publikationen nicht ausgehebelt werden dürfen.

    5)
    Förderungen bei kommerziellen Anbietern sehe ich nur bei neuen Unternehmensmodellen. Wenn es bessere ÖR gäbe, wäre eine Grundversorgung eines jeden gewährleistet. Wer mehr braucht, sucht bei kommerziellen Anbietern oder manchmal auch (privaten) Blog-Betreibern.

    6)
    Trotz der ganzen Unwägbarkeiten und dem auch hier von mir zum Ausdruck gekommenen Wunschdenken bin ich optimistisch, dass es journalistische Inhalte und auch Qualitätsangebote künftig geben wird.

    Neben den ÖR (Zwangsgebühr GEZ) ist ein weiterer Eingriff von staatlicher Seite (Leistungsschutzrecht o. ä.) hinderlich. Die Marktmechanismen werden schon brauchbare Ergebnisse hervorbringen, die auch im internationalen Vergleich erfolgreich sind.

    7)
    Ok, die Frage, was Qualität ist, ist nach alledem nicht ordentlich beantwortet. Dafür gibt’s Experten. Als Mindestmaßstab können die Grundsätze des Rundfunkstaatsvertrags und die des Pressekodex herangezogen werden. Eine gute Recherche ist selbstverständlich (Negativ-Beispiel: „Geheimvertrag“).

    Abschließend fällt mir Umair Haque ein, der Wein von Wasser getrennt haben möchte, die Zukunft in Wein/Qualität sieht und sich dafür ausspricht, die Systeme zu öffnen. Letzteres scheint eine besondere Herausforderung zu beinhalten, aber auch die meisten Chancen zu verbergen.

    (In der Kürze liegt die Würze! Das ist mir diesmal misslungen. Sorry. Der steht natürlich über allem: http://carta.info/33311/kurt-imhof-interview-online-journalismus/#comment-18980 ;))

  68. Aufmerksamkeit! |  11.09.2010 | 23:45 | permalink  

    @noName Ich will jetzt doch nochmal etwas zu dem Papier Gutachten sagen (Nr. 2), weil ich glaube, dass das immer noch nicht klar herausgekommen ist.
    Papier, der bis März 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichtes w a r, hat das Gutachten als Staatsrechtler erstellt, es ist keine Entscheidung eines Verfassungsrichters. Das betont er auch in diesem Interview:
    http://carta.info/33105/papier-das-internet-ist-am-ehesten-rundfunk/
    Bei der Frage, wie die Aktivitäten im Internet (um das allgemein zu formulieren) zu bewerten sind, hat Papier klar zwischen der verfassungsrechtlichen und der einfachgesetzlichen Regelung unterschieden.
    Nach Art. 5 GG http://dejure.org/gesetze/GG/5.html gibt es nur die Unterscheidung zwischen “Presse” und “Rundfunk und Film”. Verfassungsrechtlich muss man das Internet also einem der beiden Begriffe zuordnen, da es keinen anderen Begriff gibt. Papier argumentiert technisch und ordnet das Internet dem Rundfunk zu. Ich finde das nachvollziehbar. Er sagt, dass das GG so geschrieben ist, dass technische Entwicklungen darin berücksichtigt werden können.
    Das ist, glaube ich, eine entscheidende Frage: Kann das Grundgesetz von 1949 wirklich diese technische Entwicklung noch meinen, einbeziehen? Da aber keine andere Regelung zur Verfügung steht, ordnet er “Internet” verfassungsrechtlich eben der einen der beiden Möglichkeiten zu.
    Eine wirkliche Antwort zu diesen Fragen könnte aber nur eine Klage bringen, die in einer Entscheidung des Verfassungsgerichtes münden würde.
    Papier sagt darüber hinaus, und widerspricht insoweit dem Artikel von Michael Hanfeld in der F.A.Z., dass die verfassungsrechtliche Einordnung nicht bedeutet, dass einfachgesetzlich nicht andere Regelungen zutreffen. Einfachgesetzlich, so Papier, unterliegt nicht alles was “Internet” ist dem Rundfunkstaatsvertrag. Einfache, textliche Beiträge, entsprechende Blogs, z.B. unterliegen dem Telemediengesetz.

  69. Peter |  12.09.2010 | 01:36 | permalink  

    @Fritz (#66), @noName (#67)
    Offenbar besteht Konsens in zwei Fragen.
    1) Wir bewegen uns nicht auf paradiesische Zustände zu, was den gesellschaftlichen Diskurs und die Prozesse der Willensbildung in einer Demokratie betrifft, obwohl technische Entwicklungen (übrigens nicht erst seit dem Siegeszug des WWW) die Möglichkeiten der Kommunikation und Massenkommunikation so sehr verbesserten.
    2) Es ist an der Zeit, nicht länger tatenlos zu beobachten. Der Niedergang könnte irreversibel sein.
    @Fritz – Danke! – Vielleicht ist damit die Diskussion endlich vom Kopf auf die Beine gestellt. Die Art und Weise der Refinanzierung der Journalisten, die Strukturen, Anreize und Zwänge, unter denen sie arbeiten, entscheiden über die Qualität der publizistischen Angebote. Ist die Struktur schlecht, dann ist das Ergebnis schlecht. Das Heldentum einzelner kann daran nicht viel ändern. Apelle bewirken: nichts!
    Was ist Journalismus? Journalismus heißt eben nicht, eine Herde aufgescheuchter Klugmenschen erfährt irgendwie von einem Ereignis (und sei es der Verkaufsstart des Buches von Sarrazin) und alle blöken in die ihnen verfügbaren Kanäle, was sie dazu zu wissen glauben. Journalismus heißt hingehen oder hinfahren, die Augen öffnen, die Kamera zücken, Fragen stellen.
    Wenn diese Tätigkeit finanziell nicht mehr lohnt, wird er sterben.
    Leider sind wir genau auf diesem Weg. Das Öffentlich-rechtliche Anstalten daran etwas ändern würden, ist eine gefährliche Illusion.
    Doch zunächst zu Fritz, Stichpunkt: „Leseraustreibung“. Sie schreiben: „Da bin ich pessimistischer. Als in Deutschland das Privatfernsehen zugelassen wurde, bekam das Volk endlich, was es haben wollte.“
    Als in Deutschland das Privatfernsehen zugelassen wurde, war „seriös“ schon besetzt. Die geschichtliche Abfolge wirkt bis heute. Die mussten Quote machen, um Werbung zu verkaufen, weil es keine andere Finanzierungsmöglichkeit gab. Sie hatten nur die Lücke, die ihnen das Öffentlich-Rechtliche System ließ. Interessant ist, was dann passierte: Die Privaten nahmen den ÖR Hörer- und Zuschaueranteile weg. Ob nun nur mit Konzessionen an einen billigen Publikumsgeschmack, sei dahin gestellt. Aber der Anlass für die Selbstausweitung der Öffentlich-Rechtlichen war geliefert. Sie gründeten mit ihren Gebührenmilliarden einen Spartenkanal nach dem anderen, setzten ebenso wie die Privaten auf Unterhaltungsformate, ja überboten diese sogar bei Sportübertragungsrechten und kauften ihnen die „Stars“ ab. Sie machten all das, was sie als Zwangsfinanzierte überhaupt nicht nötig hatten, um eben für jene eine schöne Braut zu sein, die über ihre Finanzausstattung zu entscheiden haben. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Aber gut ist er nicht. Ich hätte Privatfunk und Privatfernsehen nie zugelassen. Wer alleiniger Anbieter ist, kann gut hinterfragt werden. Auf Pfusch müssten personelle Konsequenzen folgen. Aber so, im dualen System, können sie ja stets darauf verweisen, das privat noch viel schlimmer ist.
    Die gleiche Nummer ziehen die Öffentlich-Rechtlichen jetzt im Internet durch. Ihr Beitrag zum Niveau ist, das Gesamtniveau durch Abzug von Mitteln zu senken. Und dann ein klein wenig weniger schlecht als alle anderen zu sein. So bleibt man wichtig. Aber nützlich ist man nicht. Ja, die überwältigende Mehrheit der Leute hat überhaupt kein Problem damit, dramatisch unterinformiert zu sein. (Fritz) – und ÖR hat an diesem Zustand kräftig mitgewirkt.
    Deswegen – @noName – wird „Entschlackung“, Konzentration auf Informationssendungen usw. niemals funktionieren bei den ÖR, solange die Bezahlung so geregelt ist wie jetzt. Die werden immer eine Begründung finden, das Geld zu verbrennen. Für jeden Regulierungsvorschlag liefere ich Ihnen ein Szenario, wie sie die Regulierung unterlaufen werden. Deswegen bleibe ich bei „Abschaffen!“ Und eine „Anstalt der öffentlich-rechtlichen Medien“ würde ein noch weit schlimmerer Verwaltungsmoloch, schöne Posten für die Parteifreunde inklusive. – @noName – sie formulieren ihre Vorschläge, um lobenswerte Zustände zu erreichen. Aber solange der Struktur das Gegengewicht, der Anstalt die wirksame Kontrolle und Beschränkungsmacht fehlt, werden eher absurde Zustände erreicht. Und jetzt bitte nicht irgendwelche „Gremien“ ist Feld führen. Das ist Verneblungsstrategie – siehe Causa Bender. Sie schreiben außerdem: „Wenn es bessere ÖR gäbe, wäre eine Grundversorgung eines jeden gewährleistet. Wer mehr braucht, sucht bei kommerziellen Anbietern oder manchmal auch (privaten) Blog-Betreibern.“ Die Grundversorgung eines jeden ist nicht gewährleistet? Welche Information fehlt denn? Wo hört denn die Grundversorgung auf und wo fängt demzufolge „mehr“ an? Gehören investigativer Journalismus und die Gegenexpertise zur Regierungsmeinung auch zur Grundversorgung? Und die soll ausgerechnet von „besseren ÖR“ kommen, die von der Regierung bezahlt werden? Ansonsten gilt: Die Landesregierung hat eine Homepage, die Bundesregierung hat eine Homepage, die Ministerien haben eine Homepage, die Abgeordneten haben eine Homepage, die Verbände haben eine Homepage … usw. – Jedermann kann jederzeit ins Internetcafé gehen. Grundversorgung ist genug.
    Warum sollen Zeit, Süddeutsche, Spiegel, WAZ, FAZ, FR, Stern, Focus usw. allgemeine Informationen kostenlos bereitstellen, um damit einen Gegenpol zu den ÖR zu schaffen? Sie haben ja nichts davon außer „lousy pennies“ in der Online-Werbung ( künftig noch weniger – Stichwort Werbeblocker ). Aber wenn es den ÖR nicht mehr gäbe, könnten sie damit für ihre weiterführenden kostenpflichtigen Angebote werben und wir hätten ein echtes außenpluralistisches System mit echter Konkurrenz unter den Anbietern.
    Ja, noch einmal Fritz: „Die überwältigende Mehrheit der Leute hat überhaupt kein Problem damit, dramatisch unterinformiert zu sein.“ Solange, bis derjenige, der für die Information bezahlt, einen offensichtlichen Vorteil hat gegenüber jenen, die nur werbefinanziertes konsumieren.
    Dann merken die Leute endlich: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert!“
    Natürlich müssen im Interesse der Chancengleichheit Lösungen gefunden werden für Leute, die sich unverschuldet bezahlte Information nicht leisten können. Aber die sollte direkt beim Betroffenen ansetzen.

  70. Herbert |  12.09.2010 | 12:05 | permalink  

    @Fritz schrieb:

    Wir brauchen gute Journalisten, um guten Journalismus zu bekommen.“.

    Brauchen wir guten Journalismus?

    Menschen wollen Löcher in Wänden, nicht unbedingt Bohrer.
    Menschen wollen sich fortbewegen, nicht zwangsläufig Autos.
    Menschen wollen sich informieren, keinen Journalismus.

    Private Medien, General-Interest-Medien, wollen Geld verdienen, egal wie.

    Der Rest ist Illusion.

  71. noName |  12.09.2010 | 12:41 | permalink  

    Danke, @Aufmerksamkeit!, mir ist nicht entgangen, dass Prof. Papier das Gutachten als Staatsrechtler geschrieben hat. Ebenso ist mir nicht entgangen, dass er kein Bundesverfassungsrichter mehr ist. Ihre Ausführungen spiegeln die herrschende Meinung wieder, der Prof. Papier im Gutachten letztendlich folgt. Es ist richtig, dass Prof. Papier zwischen verfassungsrechtlichen und einfachgesetzlichen Regelungen unterschieden hat. Anders geht’s wohl nicht. ;)

    Gutachterlich war von ihm eine einfachgesetzliche Regelung unter die Lupe zu nehmen, Zitat aus dem Gutachten (PDF des Gutachtens: http://tinyurl.com/33gsgtf ):
    „Rechtsgutachten zur Abgrenzung der Rundfunk- und Pressefreiheit zur Auslegung des Begriffs der „Presseähnlichkeit“ und Anwendung des Verbots nicht sendungsbezogener presseähnlicher Angebote gemäß § 11 d Abs. 2 Nr. 3 Hs. 3 RStV (unter Berücksichtigung der Frage der Verfassungsmäßigkeit der Regelung und ggf. Korrekturnotwendigkeit des Staatsvertrags in Bezug auf programmgestaltende Verbote)“

    Es ging primär nicht um Art. 5 GG. Es ging um den RVStV, § 11 d Abs. 2 Nr. 3 Hs (http://www.lexsoft.de/cgi-bin/lexsoft/niedersachsen_recht.cgi?chosenIndex=Dummy_nv_6&xid=173274,99 ) und die Frage der Verfassungsmäßigkeit dieser Regelung.

    Sie schreiben, Aufmerksamkeit!: „Nach Art. 5 GG http://dejure.org/gesetze/GG/5.html gibt es nur die Unterscheidung zwischen “Presse” und “Rundfunk und Film”. Verfassungsrechtlich muss man das Internet also einem der beiden Begriffe zuordnen, da es keinen anderen Begriff gibt. Papier argumentiert technisch und ordnet das Internet dem Rundfunk zu. Ich finde das nachvollziehbar.“

    Hier ist die Passage im Gutachten auf Seite 17:
    „a) Maßgeblichkeit der Herstellungs- und Vervielfältigungsform
    Angesichts der vorstehenden Definitionen kann die Abgrenzung nur nach der Übermittlungsweise erfolgen. Während Presse ein körperliches Trägermedium benötigt, verwendet der Rundfunk physikalische Wellen für die Übertragung.96
    Dem entspricht es, dass Teile der Kommentarliteratur die Definition von Presse abgrenzend zu den anderen in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG genannten Freiheiten vornehmen, wobei die Presse als Auffangtatbestand für Sachverhalte, die nicht Film oder Rundfunk darstellen, dienen soll.97“
    (Die Fußnote unter 96 scheint nunmehr um aktuelle Fußnoten erweitert zu sein, dazu hatte ich damals angemerkt: http://carta.info/32090/ein-eigenartiges-verstaendnis-von-medien-und-kommunikationsfreiheit/#comment-17594 )

    „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.“ heißt es in Art. 5 Abs. 1 GG wörtlich. Im Gesetz heißt es nicht – wie Sie schreiben, Aufmerksamkeit! – „Presse“, sondern „Pressefreiheit“. Herr Papier hätte „Pressefreiheit“ als „Publikationsfreiheit“ (Vorschlag von Wolfgang Michal) auslegen können, zumal es einen Satz vorher in Art. 5 Abs. 1 GG heißt: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Zu den Auslegungsmöglichkeiten von Grundgesetzen: http://www.juristischer-gedankensalat.de/?p=146 ) Würde Pressefreiheit heute als Publikationsfreiheit verstanden werden, dann würden Online-Texterzeugnisse nicht dem Rundfunk zugeordnet werden, sondern der Pressefreiheit, nach neuerer Auslegung eben der Publikationsfreiheit.

    Dann sei angemerkt, dass die Ausführungen auf Seite 17, die rein technische Begründung dünn, sind. Im Hinblick darauf, dass es verschiedene Auslegungsmöglichkeiten bei Grundgesetzen gibt, kann in einem Gutachten eines Staatsrechtlers erwartet werden, dass die einzelnen Auslegungsmöglichkeiten ‚durchgespielt‘ werden.

    Prof. Bullinger beispielsweise kritisiert hier http://tinyurl.com/3xyaxdv die unzeitgemäße Verwendung der Begriffe Presse und Rundfunk durch die Rechtsprechung und das Bundesverfassungsgericht. Hier wäre von Interesse festzustellen, welcher Staatsrechtlicher diese Problematik in der Kommentierung zu Art 5 GG ebenfalls aufgreift. Dass Prof. Papier als Ex-Bundesverfassungsrichter nicht unbedingt die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunk kritisiert, ist verständlich. Wie wär’s denn, wenn ein weiteres Gutachten von anderem anderen Staatsrechtler gefertigt werden würde?

    @Peter, Ihr Gedankenmodell „Keine ÖR“ finde ich beachtenswert. Ich bin jetzt nicht unbedingt für die ÖR, halte letztendlich die Abschaffung derselben für unrealistisch und habe mich für einen Mittelweg ausgesprochen (Was ja sowieso ziemlich unerheblich ist, da ich keinen Einfluss habe, das nur am Rande). Ja, eine Abschaffung würde die kommerziellen Anbieter stärken und einen Teil ihrer Probleme lösen. Aber wie bitteschön sollen die ÖR abgeschafft werden? Die Politik legt nach meiner Einschätzung viel zu großen Wert auf das „Staatsfernsehen“ (trotz der Staatsferne) und mischt sich – Sie haben den Fall Brender erwähnt – beispielsweise in Personalentscheidungen ein.

    Warum sollen sich niveauvollere Presseerzeugnis verschiedener Verlage online nicht hinter einer Bezahlschranke „verbergen“? Ein Teil ist gratis, um die Leser zu locken. Momentan ist fast alles gratis. Auch hier vertrete ich einen Mittelweg. Dass ich „Wunschdenken“ zum Ausdruck bringe, habe ich hoffentlich hinreichend dargestellt. ;)

    In einem sind wir uns einig: Wie wollen Qualität! Und hier sind ja doch einige vertreten, die sich in diesem Bereich auskennen. ;)

  72. noName |  12.09.2010 | 12:44 | permalink  

    “Wir wollen Qualität!” muss es heißen. Mein Kommentar hängt in der Warteschleife. ;(

  73. Fritz |  12.09.2010 | 13:08 | permalink  

    @ Herbert : Die Debatte hat ihren Grund in der Annahme, dass eine wie auch immer im Einzelnen verfasste Demokratie eine funktionierende Öffentlichkeit braucht. Ohne Journalisten als Leute, die Zeit haben, nachzufragen und zu recherchieren, bekommen wir nur noch PR. Dass die subjektive Mediennachfrage vieler Menschen nicht mit dem übereinstimmt, was auf Arte läuft und im Feuilleton der FAZ zu lesen ist, glaube ich ja auch. Eine komplexe Öffentlichkeit baut aber sowieso auf “Multi-Pluralität” (ha ha, um auch mal was Gescheites in die Welt zu setzen ), das heißt eine Pluralität der Kanäle, eine Pluralität der Anbieter, eine Pluralität Themen, eine Pluralität der Aspekte (Meinungen), eine Pluralität der Vermittlungsstufen und Komplexitätsgrade. Gegeneinander durchlässig wird das alles über die Nutzer, die letztlich eine Art osmotisches System bilden, wo die Inhalte und Meinungen diffundieren und am Ende alle möglichen Schattierungen ergeben.

    @ Peter “Als in Deutschland das Privatfernsehen zugelassen wurde, war seriös schon besetzt.” Das finde ich eine originelle Argumentation. Immerhin, nettes Gedankenspiel, wenn es noch kein “drittes Programm” gegeben hätte, dann wäre das A. Kluges Chance gewesen, einen entsprechenden Spartenkanal ins Leben zu rufen. Refinanzierungschance über Werbung halte ich aber nicht für sehr hoch.

    Gerade finde ich das – eine konkrete Lösung:
    “US-Start-up bringt Journalisten-Marktplatz
    Autor: pressetext Nachrichtenagentur
    Los Angeles (pte/11.09.2010/13:40) – Die Medienbranche hat bisher kaum brauchbare Lösungsansätze für die tiefgreifende Krise gefunden, in der die Industrie und der Journalismus stecken. Das US-Start-up Ebyline http://www.ebyline.com legt nun ein neues und denkbar einfaches Modell vor, das sowohl Verlegern wie auch Autoren zugute kommen soll. Praktisch “à la carte” können Journalisten und Medienhäuser auf dem Online-Marktplatz Inhalte handeln. Die Zukunft von qualitativ hochwertigem Content soll so ebenso gewahrt bleiben wie die wirtschaftlichen Interessen der Herausgeber.

    Die Nachfrage nach Qualitätsinhalten ist nach Ansicht der Ebyline-Gründer ungebrochen hoch. Das wirtschaftliche Modell um den Content herum ist hingegen angeknackst. Herausgebern will das Start-up daher die Möglichkeit bieten, Kosten einzusparen und dennoch hochwertige Nachrichten und Storys zu veröffentlichen. Dazu bringt der Marktplatz Zeitungen, Magazine und Betreiber von Online-Portalen direkt mit Redakteuren und Journalisten zusammen, die ihre News bei Ebyline feilbieten.

    Kommt zwischen Medien und Autoren ein Geschäft zustande, verrechnet der “Mittelsmann” Ebyline eine Gebühr von acht Prozent. Dabei richtet sich der Marktplatz sowohl an professionelle als auch freischaffende Journalisten. Letztere müssen jedoch einen Leistungsnachweis durch bereits existierende Publikationen vorweisen oder Beispielarbeiten beurteilen lassen, bevor sie Zugang erhalten. Ebyline will nicht nur die Reichweite von Journalisten und ihrer Beiträge erhöhen, sondern auch den Verlagen zu mehr Vielfalt verhelfen. Zudem soll der Prozess automatisiert werden und durch den Marktplatz effizienter gestaltet werden als bisher.”

    @ no name: “Dann bitte ich darum, dass man sich von der Argumentation löst, der Leser/Zuschauer bekomme mit einem niveauloseren Angebot genau das, was er wolle und brauche. Mit dieser Denkweise wird das Niveau nur noch weiter sinken.”
    So schnell lasse ich mir meine Illusionslosigkeit nicht rauben. Ich sehe dabei auch die Gefahr einer altertümlichen Bevormundung bzw. eines Verpassens der großen Linien der Entwicklung. Kann ich hier nur andeuten: Wir stehen nicht nur einer technischen und ökonomischen Entwicklung gegenüber. Es ändert sich weit mehr. Ein heutiger Medienkonsument (20 Jahre) hat mit dem Medienkonsumenten von 1960 (20 Jahre) nichts gemeinsam. Das betrifft nicht nur das äußere, “messbare” Verhalten, sondern reicht in psychische Prozesse hinein – wie man aufnimmt, wie man reagiert, wie man redet und denkt, wie man motiviert ist.
    Alle Bemühungen, “das, was gut war”, zu retten, kollidieren mit diesen weit umfassenderen Veränderungsprozessen. Dieser Prozess geht unweigerlich durch alle Individuen hindurch, etwas so wie ein Mensch im Mittelalter nichts anders konnte, als ein “mittelalterlicher” Mensch zu sein, so werden die Menschen des 21. Jahrhunderts nicht anders können, als Menschen des 21. Jahrhunderts sein. Wir stecken jeder viel zu sehr mitten in den Anfängen dieser Veränderungen drin, als dass man das bereits mit Abstand betrachten könnte. Aber alles, was ein “zurück zu 1990″ fordert, wird sich lächerlich machen und scheitern. Lösungen für die demokratische Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts muss man vorne suchen, nicht hinten. Und am Ende wird das passieren, was finanziert wird bzw. finanzierbar ist.

  74. noName |  12.09.2010 | 13:19 | permalink  

    @Fritz: „Ich sehe dabei auch die Gefahr einer altertümlichen Bevormundung bzw. eines Verpassens der großen Linien der Entwicklung.“ haben Sie geschrieben. Oha, nein, auf eine altertümliche Bevormundung will ich nicht abzielen, einfach auf ein höheres Niveau. Ein höheres Niveau schadet nicht, wenn es um künftige Entwicklungen geht. Wenn aber in den ÖR laufend Serien/Wiederholungen gezeigt werden, die fast schon den lateinamerikanischen Telenovelas ähneln, Hansi Hinterseer zur besten Sendezeit der Volkstümlichkeit frönt, dann halte ich diese Angebote für wenig geeignet, um unsere Gesellschaft voranzubringen. Ebenso finde ich das Gewaltpotenzial, welches beispielsweise im Tatort zwischenzeitlich verbraten wird, für extrem hoch. Lesenswert: http://www.welt.de/wissenschaft/article1359582/Wie_TV_Bilder_die_Fantasie_von_Kindern_praegen.html
    Einfach mehr Informationen, weniger Unterhaltung und ein höheres Niveau.

  75. noName |  12.09.2010 | 14:43 | permalink  

    Ergänzung zu der Erwiderung an @Aufmerksamkeit!: Zum statischen oder dynamischen Verfassungsverständnis: „Damit ist die Frage aufgeworfen, ob man dem alten Grundgesetz überhaupt Aussagen zu neuen Phänomenen entnehmen darf. (…) Wer hingegen der Auffassung ist, maßgeblich sei der Inhalt der Verfassung und nicht der dahinter stehende Wille, wird den Text des Grundgesetzes zum Ausgangspunkt nehmen und versuchen, ihm Antworten auch auf neue Fragen zu entnehmen. In diesem Sinne wäre die Norm potentiell klüger als der Normgeber, das Verfassungsverständnis eher ein dynamisches.“ http://www.bpb.de/publikationen/YY4L2D,0,0,Grundgesetz_und_Internet.html#art0

  76. noName |  12.09.2010 | 15:58 | permalink  

    Last but not least heißt es im Papier-Gutachten:

    „Im Hinblick auf diese faktisch vorliegende neue Form der Meinungsbildung aufgrund von Informationen im Internet wird man aber an der spezifischen Meinungsbildungsrelevanz der Online-Angebote der öffentlichrechtlichen Rundfunkbetreiber auch dann nicht zweifeln können, wenn sie nicht sendungsbezogen sind. Fraglich kann nur sein, ob dies allein bereits begründet, dass die Angebote zur „Grundversorgung“ und damit zur verfassungsrechtlich garantierten Mindestaufgabe der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten zählen. Ungeachtet der gesetzgeberischen Einschätzungsprärogative bei der Ermittlung der Grenzen und des Inhalts des Grundversorgungsauftrags ist die Bedeutung der „internetbasierten Meinungsbildung“ der Öffentlichkeit und des Einzelnen mittlerweile so überragend, dass ein objektives und binnenplurales Angebot der öffentlichrechtlichen Anbieter in diesem Bereich zum Kern der verfassungsrechtlichvgebotenen Grundversorgung zu zählen ist. Daher wird man feststellen können,dass eine umfassende Internet-Berichterstattung mittlerweile zu den verfassungsrechtlich gebotenen Mindestaufgaben der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten gehört und daher ihre Kodifikation im RStV von Verfassungs wegen geboten war.
    (…)
    Die öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten dürften mithin das Internet nicht nur als alternativen Übertragungsweg für ihr konventionelles Programm benutzen, sondern
    eigene Online-Angebote anbieten.“

    Damit weicht Papier von § 11 d Abs. 2 Nr. 3 Hs RVStV („nichtsendungsbezogene presseähnliche Angebote sind nicht zulässig“) bezogen auf journalistische Online-Angebote ab und spricht sich quasi für sowas wie eine „Anstalt der öffentlich-rechtlichen Medien“ aus, die nur nicht so heißen muss. Die Verlage werden nicht miteinbezogen. Es kann also zukünftig bei RUNDFUNKanstalten heißen: nichtsendungsbezogene Online-Angebote sind zulässig! Als ‚begriffliche Mogelpackung‘ – resultierend aus einer Erweiterung des Begriffs “Rundfunk” – könnte sowas auch bezeichnet werden.

  77. noName |  12.09.2010 | 16:50 | permalink  

    Noch ein letzte Anmerkung, sorry:
    Derweil versuchen die ÖR die Haushaltsabgabe durchzudrücken (dazu unter: http://carta.info/33410/gez-reform-neue-dokumente-bestaetigen-ungezuegelten-datenzugriff-durch-haushaltsgebuehr/ ) Das ist geschickt gemacht, denn eigentlich könnte das Papier-Gutachten dazu verwendet werden, um an den entscheidenden Stellen den RStV inhaltlich zu ändern, nachzubessern. Gerade das wird nicht gemacht, erst geht’s um Finanzierung der ÖR, dann kommen (womöglich) die Überraschungen.

  78. Chat Atkins |  12.09.2010 | 16:53 | permalink  

    @ 64: Kurt Imhof: Weshalb ein noch stärker gebührenfinanzierter öffentlicher Medienbereich plötzlich wieder das Niveau heben sollte, bleibt mir unerfindlich. Meine Befürchtung ist eher, dass das Niveau dann noch weiter sinken wird, weil mit noch mehr Geld ausgestattet, und zwar in Richtung ‘noch mehr Volksmusik’ und noch mehr ‘Herz-Schmerz-Gegrütze’, ausstaffiert mit noch mieseren Schauspielern. Die sind doch längst intellektuell alle auf dem gleichen Dampfer wie SAT1 auch. Informationelle Leuchttürme wie ‘Panorama’ oder ‘Monitor’ sind doch innerhalb des ÖR-Rahmens längst Exoten, die man sich wegen des Informationsauftrages als Feigenblatt noch hält. Ansonsten finden wir so etwas wie ‘Anne Will und die sieben INSM-Öchsperten’ …

    Im Hintergrund steckt bei Ihnen wohl die Vorstellung, dass eine unabhängige Blog-Szene das nicht leisten könne, was Sie sich mit viel medialer Nostalgie erträumen. Dabei finde ich heute schon auf gewissen Blogs eine bessere Information als bei Privaten und Öffentlichen zusammengenommen. Im Bereich Gesundheitspolitik zum Beispiel bei ‘Strappato’, der ganz ohne PR-Verseuchung auskommt, das Pharma-Ballyhoo permanent gegen den Strich bürstet, ohne die übliche massenmediale Sensationshascherei à la ‘Neues Krebsmedikament gibt MIllionen neue Hoffnung’ oder durch den Einsatz suspekter Kräuterdoktoren, die dann nur für Melissengeist die Werbetrommel rühren (der Mann war ja schließlich auch im ÖR beschäftigt). Schauen Sie sich den Strappato ruhig mal an: http://www.gesundheit.blogger.de

    Solche Beispiele fernab der Massenmedien ließen sich reihenweise aufzählen … das Problem besteht im Wissen um solche Orte.

  79. Herbert |  12.09.2010 | 18:38 | permalink  

    @Fritz,

    es gibt strukturell und real keinen (nennenswerten) Unterschied zwischen Journalismus uns PR. Das erlebt man alle Tage.

    Journalisten sind nicht Leute, die Zeit haben, etwas zu tun, sondern Leute, die dafür bezahlt werden, etwas zu tun.

    Der Glaube an Medienkonzerne als Garanten der Demokratie ist ebenso naiv wie der Glaube an das Politbüro als Vertretung der Interessen des Proletariats.

    Die (überholten) Begrifflichkeiten gaukeln etwas vor und verschleiern die Realität. Das angestrebte “Leistungsschutzrecht” zeigt deutlich, um was es geht.

  80. Kurt Imhof |  12.09.2010 | 19:46 | permalink  

    Auf der Basis des Konsenses sinkende Medienqualität – gefährdete Demokratie tastet sich die Debatte äusserst zaghaft zu Eliminations-, Finanzierungs- und Fördermodellen vor.
    Dieses Vortasten vollzieht sich über die Feststellung bulimierender struktureller Ressourcen für aufgeklärten Journalismus, über die Thematisierung der Renditeorientierung der grossen Verlage, über Fragen des Massengeschmacks und der Anpassung der ÖR an diesen.

    @Peter will die ÖR abschaffen (damit die privaten Anbieter gute Informationsleistungen durch eine Zahlschranke finanzieren können); @noName will eine Anstalt der ÖR und gezieltere Finanzierung des Informationsjournalismus und glaubt dass der Marktmechanismus denn Qualitätsrest dann schon sichere; @Chat Atkins und @Peter meinen mehr Gebühren würde einfach zu mehr Geldverbrennung bei den ÖR führen und @Herbert zweifelt grundsätzlich daran dass die Grossen überhaupt noch in der Lage seien Qualität zu produzieren.

    Unter dem Strich heisst das Regression&Resignation und Illusion.

    Bitte etwas kühner.

    Zunächst zum Massengeschmack. Der ist keine feste Grösse, weil das Angebot die Nachfrage mit bestimmt. Medien sind Gewohnheits- und Vertrauensgüter. Dem Publikum ist die Einsicht, dass guter Journalismus teuer ist, verloren gegangen. Ihm fehlt weitgehend die Möglichkeit, die Qualitätsunterschiede der Medien selbst zu prüfen. Medien sind tägliche Gewohnheitsgüter, und der Vergleich verschiedener Angebote übersteigt das Zeitbudget. Darüber hinaus entzieht sich der Wandel der Medieninhalte über die Zeit dem Vergleich noch mehr. Allein dadurch prägt das Angebot die Erwartungen. Diese Prägung findet auch deshalb statt, weil wir als Medienkonsumenten ausserhalb unserer persönlichen Erfahrung die Wahrnehmung der Welt über die Medien nicht durch eine andere Wahrnehmung ersetzen können. Weil wir keine andere Möglichkeit haben, die Welt zu beobachten, wissen wir nicht, ob sich diese verändert oder bloss die medienvermittelte Kommunikation über sie. Die Medien färben uns mit ihrer Auswahl, Interpretation und Darstellung die Welt ein und beeinflussen unsere Aufmerksamkeit und unsere Erwartungen. Medien sind deshalb auch Vertrauensgüter. Der Medienkonsument muss sich darauf verlassen können, dass er vielfältig, objektiv und ausgewogen über Relevantes informiert wird, damit er sich als Bürger an der Gesellschaft beteiligen kann.

    Wenn nun aber das Angebot die Nachfrage mit bestimmt, dann ist eine Hegemonie des Trulla-Journalismus nicht unser Schicksal, auch wenn das primäre Geschäftsmodell der Informationsmedien im Wettbewerb um Medienkonsumenten, nämlich mit Werbung redaktionelle Inhalte zu finanzieren, immer weniger funktioniert, ohne dass die Onlineportale die Ausfallbürgschaft antreten könnten. Die Werbung, wie auch ein Teil der Inhalte, wird durch branchenfremde Akteure (Suchmaschinen, Telekommunikationsunternehmen, social networks) abgezogen und der Wettbewerb durch die Gratisangebote im Internet und in den Pendlerzeitungen verschärft. Seitens der Konsumenten wurde dadurch zusätzlich das Preisbewusstsein für guten Journalismus zerstört.

    Dagegen braucht es sicher eine Bezahlschranke wie @Peter vorschlägt und zwar unter den Anbietern koordiniert.

    Dann liesse sich doch zumindest vorstellen, dass der Gebührentopf der ÖR primär für den Informationsjournalismus eingesetzt wird und darüber hinaus als Einlage für ein Stiftungsmodell Informationsjournalismus generell fördert. Dies würde das Anpassungsverhalten der ÖR an die Privaten lösen, das hier beklagt wird. Diese Anpassung ist kein Wunder, sondern eine Folge der Dualisierung: Die Legitimation der Gebührenfinanzierung kann nur aufrechterhalten werden, wenn die ÖR auch entsprechende Einschaltquoten haben, sie müssen sich also auch am konditionierten Massengeschmack orientieren. Das Resultat ist das was wir haben, die ÖR bilden einfach das Dach der Liftkabine, die Privaten den Boden und dazwischen fährt das Publikum mit nach unten.

    Wenn wir solches bedenken, dann brauchen wir auch Förderkriterien nach klassischen Massstäben und ein Max Planck Institut, das als Observatorium der öffentlichen Kommunikation fungiert, die Qualität misst, d.h. Schrott als Schrott bezeichnet und Förderempfehlungen ableitet. Das wird den Schrott nicht beseitigen aber Standards einziehen, an denen sich diejenigen, die Trulla-Journalismus anbieten, ebenso wie diejenigen, die einen Qualitätsanspruch aufrechterhalten wollen, orientieren können. Selbstverständlich wird sich auch das Publikum daran orientieren und insbesondere dann Qualität wählen, wenn es sich für etwas in dieser Welt wirklich interessiert. Und nur dafür brauchen wir Qualitätsjournalismus.

  81. Chat Atkins |  12.09.2010 | 20:24 | permalink  

    @ Kurt Imhof: Diese medial vermittelte “Wahrnehmung der Welt” nennen andere auch etwas skeptischer “Framing”: Das Publikum bekäme demnach die rosarote oder – je nachdem – auch dunkelgraue Brille von den Medien aufgesetzt. Ein Beispiel: Dass Überalterung und Bevölkerungsschwund ein Land in den Niedergang führen, wäre dann wohl jedem unmittelbar klar, wenn Print und TV wieder die Meinungsführerschaft hätten – obwohl das objektiv wie auch historisch oder wissenschaftlich betrachtet gar nicht mal so klar ist.

    Was ich meine: Der journalistische Konsens setzt sich im Publikum letztlich nur fort, ohne dass es sich bei den ‘framenden’ Journalisten deshalb um die sieben Weisen aus dem Morgenland gehandelt haben muss. Der mediale Frame wird zum Frame der Masse, ohne dass unbedingt qualitativ oder aufklärerisch dadurch etwas gewonnen sein würde. Auch öffentlich-rechtliche Medien waren auf dem Höhepunkt ihrer Meinungsmacht nicht die Speerspitze des Fortschritts …

    Den Begriff ‘Qualitätsjournalismus’ würde ich übrigens etwas vorsichtiger gebrauchen, es handelt sich meines Wissens um einen Kampfbegriff der Verleger, geprägt, als denen klar wurde, dass ihre alten Geschäftsmodelle erodieren. Also haben sie diese wie ein Gebrauchtwagenhändler frisch lackiert und das Etikett zu politischen Zwecken darauf gepappt.

  82. noName |  12.09.2010 | 20:33 | permalink  

    @Kurt Imhof: Also könnte als Lösungsvorschlag eine zwischen den Verlagen koordinierte Bezahlschranke und ein Stiftungstopf für Qualitätsjournalismus, welcher künftig aus der Haushaltsabgabe gespeist werden würde, eingeführt werden. Ich denke, das wäre eine gute Idee. 1. würde die Gratis-Kultur im Netz eingedämmt werden (Bezahlschranke) und 2. müsste es keinen zweiten Zwangstopf neben der Haushaltsabgabe geben, welcher den Journalismus fördert. Trulla-Journalismus, eine interessante Wortschöpfung, ist mit Qualitätsjournalismus wohl nicht gemeint, obwohl, das kann auch anders gesehen werden… ;)

    Die kommerziellen Textinhalte-Anbieter werden sich möglicherweise damit abfinden müssen (vgl. Papier-Gutachten), dass NICHT sendungsbegleitende Lesebeiträge (!) von den ÖR im Netz veröffentlicht werden, die in Konkurrenz zu den Textinhalten der kommerziellen Anbieter stehen. Ob das Sinn macht, wage ich zu bezweifeln. Aus meiner Sicht geht es beim Rundfunk um bewegte Bilder und Audio, ob über TV, Radio oder Internet oder was auch immer ist unerheblich. Aber Texte, analoge und digitale Texte darf es nur weiterhin sendungsbegleitend (!) bei den ÖR geben. Ja, dann sollen doch die ÖR einen Stiftungstopf für analogen und digitalen Print-Journalismus speisen, von ihrer Haushaltsabgabe was abgeben; das könnte ausgewogen gestaltet werden. Eine „Stiftung des öffentlichen Rechts Qualitätsjournalismus“ muss allerdings von den ÖR völlig unabhängig agieren können. Die ÖR ziehen nur das Geld ein. (So wie die Sozialversicherungsträger die Rentenbeiträge.)

  83. noName |  12.09.2010 | 20:49 | permalink  

    Ergänzung zur Stiftungsidee: Auf welchem Medium Qualität angeboten wird, ist unerheblich. Insoweit könnten auch die Inhalte-Anbieter der Web- und Blogsphäre hiervon profitieren. Die Spannungen zwischen klassischen Verlegern und digitalen Inhalte-Anbietern würden (endlich) abgebaut werden. Es träte eine Zeit der Ruhe ein. Guten Abend! ;)

  84. Kritiker |  13.09.2010 | 13:07 | permalink  

    Selbst das extrem kommerzielle Medienportal MEEDIA versucht sich jetzt als Retter des kritischen Journalismus. Oder ist das nur Taktik?

    http://meedia.de/nc/details-topstory/article/journalisten–7-grnde-fr-das-miese-image_100030276.html?tx_ttnewsbackPid=23&cHash=eccdeb0d09

  85. noName |  13.09.2010 | 13:29 | permalink  

    (12.09.2010 | 12:41, da hängt noch was im ‘System’, garantiert virenfrei. ;))

  86. Seb |  13.09.2010 | 14:45 | permalink  

    Vielen vielen Dank @Kurt Imhof für die Diskussionsbeiträge und vor allem die Zwischenzusammenfassungen.

  87. Peter |  14.09.2010 | 18:47 | permalink  

    Es gibt unter http://blog.gebuehren-igel.de/ einen neuen Text zur ARD/ZDF-Studie Massenkommunikation – Das sagt eigentlich alles zum Thema ÖR.
    Der erste Schritt, das veritable Systemproblem zu lösen, ist die Abschaffung der Zwangsbespaßung. Wenn @noName meint, das wäre nicht durchsetzbar, weil Politiker kein Interesse daran haben, dann möchte ich mich diesem Fatalismus nicht anschließen. Politiker, die ein zwangsbewirtschaftetes Sprachrohr brauchen, gehören abgewählt.
    Funkstille. Sendeschluss. Gebührenende. Sofort.
    Welche Information fehlt dann, welche? Wem?
    Keine. Niemandem.
    Aber Leute reden wieder mehr miteinander. Leute verbringen nicht mehr vier Stunden am Tag träge und passiv vor der Glotze. Die Krankenkassenbeiträge können sinken. Leute haben wieder mehr Geld übrig, das sie selbstbestimmt für Kultur und Information einsetzen können. Arbeitsplätze zu schaffen, wird nicht mit Gebühren bzw. Beiträgen bestraft. Das städtische Orchester, die städtischen Theater erhalten wieder mehr Zulauf. Die öffentlichen Räume werden wieder belebter. Und man kann echte “General-Interest-Medien” kaufen anstelle der vermeintlichen Seriösität der ÖR, die die Wirklichkeit leicht verzerrt im Interesse ihrer Geldsegenbeschließer darstellen werden.
    An der Rundfunkgebühr bzw. dem Rundfunkbeitrag ist wirklich alles falsch und ungerecht.
    Es sollen Leute zahlen, die damit die Einschränkung ihrer eigenen beruflichen Möglichkeiten zwangsweise noch fördern müssen, nämlich Journalisten, die nicht am ÖR verdienen.
    Es sollen Leute zahlen, die die Sendungen nicht sehen wollen und – weil berufstätig – auch nicht sehen können.
    Es sollen Geringverdiener in gleichem Umfang aufkommen wie Gottschalk, Silbereisen, Illner, Boudgoust & Co , also Leute mit sechstelligem Jahresnettoeinkommen. Die Armen finanzieren unter Androhung einer Ordnungswidrigkeit und Bußgeldverfahren sogenannte Stars, die mit überflüssigem Schmalz Millionäre werden.

  88. Fritz |  14.09.2010 | 21:06 | permalink  

    Mensch, Peter, jetzt wird es aber etwas skurril. Das Ende der ÖR wäre mit Sicherheit nicht der Anfang von mehr Qualität und “die Theater erhalten wieder mehr Zulauf”. Es wäre lediglich der Anfang von mehr werbefinanziertem TV bzw. die endgültige Amerikanisierung der TV-Landschaft.

    Es ist wahrscheinlich sowieso ein Missverständnis, das Fernsehen für ein Informationsmedium zu halten analog zur Presse. Die 20 Uhr Nachrichten passen auf eine Zeitungsseite… Ich denke, TV ist eine Informationsverarbeitungsinstanz und ein “Dokumentarist”. Das sind beides sehr wichtige Aufgaben. Insofern ist mir die Argmentation, es würde keine Informations fehlen, wenn die ÖR beerdigt werden würden, zu polemisch. Schließlich kann man heute beinahe jede Information auf mehreren Wegen erhalten. Da wären andere also auch überflüssig.
    Ich denke, das ÖR (und das TV insgesamt) ist wichtig, weil es die Öffentlichkeit konzentriert. Dies ist ja für mich der wichtigste Gedanke an Imhofs ursprünglichem Beitrag, nämlich – mit meinen Worten – dass Demokratie nicht nur eine Million Lämpchen braucht, sondern auch einige Brennspiegel – Meinungsbühnen, wo nicht nur 100 oder 1000 Leute etwas lesen, sondern Hunderttausende. Das ist wichtigen für den Willensbildungsprozess. (Sieht man ja schon hier: Wir können in diesem Winkelchen des Internets viel reden – juckt doch nicht den Fortgang der Geschichte.)
    Die Brennspiegelfunktionen sind schwer demokratisch einwandfrei zu organisieren und – wie man weiß – ist diese Brennspiegelfunktion bislang sehr fehlerreich organisiert. Früher war da nichts besser.
    Aber bevor ich die ÖR in die Tonne drücken würde, würde ich doch eher andere Fehler in die Tonne drücken …

    @ Imhof: “… zum Massengeschmack. Der ist keine feste Grösse, weil das Angebot die Nachfrage mit bestimmt.” Das kleine Wörtchen “mit” relativiert die Aussage natürlich. Dennoch ist das Wort “Massengeschmack” ein abgründiger Begriff. Er enthält die Feststellung einer Differenz zwischen Masse und Minderheit und dass der Massenschmack die Qualität nach unten zieht. Und da müsste nun die qualitätsbewusste Minderheit das Angebot nur ausreichend beherrschen, dann würde der Massengeschmack auch nicht mehr in den Keller runter wollen.
    Ob das wirklich so ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass es so im 21. Jahrhundert nicht mehr läuft. Im Zeitalter von Internet TV werden sich bald sämtliche Formen von “Programmgestaltung” in Nichts auflösen. Die Zuschauer fragen sich in wenigen Jahren sowieso vor dem Fernseher nicht mehr “was kommt denn gerade? Läuft was Gutes?”, sondern nur noch “was will ich denn mal sehen?” Der Trend geht zu “media-on-demand” und personalisierte Zeitungen sind ja auch nicht unbedingt die allerfernste Zukunft.
    Das ganze Dilemma, über das wir hier reden, beruht im Ursprung auch auf gravierenden Veränderungen in der Nachfrage. Man könnte geradezu davon sprechen, dass die Nachfrage sich immer mehr vom Angebot emanzipiert, weil es immer mehr Möglichkeiten gibt, dass sich jeder auf seinem Niveau amüsieren oder desinformieren kann, alles ganz wie ein jeder möchte.
    Und schließlich meldet sich dann die Frage: Aus welchem Grund soll denn die Nachfrage das Angebot nicht bestimmen? Das ist für Demokraten nicht leicht zu beantworten.
    Geschmacksrichtlinien sind ein Problem. Sie, Herr Imhof, nutzen ja als Legitimationsgeber bzw. als “Auftragsgeber” unser Allerheiligstes, “die” Demokratie. Das hat meine Sympathie. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass alle Formen von “Förderung” am Ende auch Momente von Lenkung hervorrufen. “Objektive Maßstäbe” führen Sie da ins Feld, aber deren Reichweite halte ich für gering.

  89. Peter |  14.09.2010 | 23:04 | permalink  

    @Fritz (#88)
    Ich meine damit natürlich keinen Automatismus. Aber jetzt ist die Logik doch die (ab 2013): “Wenn ich sowieso jedes Quartal dafür bezahlen muss, dann kann ich mir auch einen Fernseher hinstellen (und wenn es die geschenkte alte Röhre von Mutti ist). Und wenn ich sowieso bezahlt habe und sowieso der Fernseher da steht, dann kann ich mir auch den Weg in Sportklub, Kino, Konzertsaal, Kneipe, Theater sparen, denn da muss ich ja noch einmal bezahlen.” Also wird der Abend vor dem Fernseher verbracht. Das ist das Problem.
    Werbe-finanziertes Fernsehen spielt überhaupt keine Rolle. Wer es abschaltet, spart Strom. Wenn ein Hersteller meint, er müsse seine Produkte etwas teurer machen, damit er sich TV-Werbung leisten kann, ok, dann kaufe ich halt bei der Konkurrenz. Das ist eine freiwillige Entscheidung eigenverantwortlich handelnder Wirtschaftssubjekte.
    Amerikanische Fernsehverhältnisse sind auch ein schlechter Vergleich. Die Geschichte von CNN hat gezeigt, das reine Nachrichtenformate gute Chancen haben in einem freien System. Auch gibt es dort erfolgreiches, niveauvolles Pay-TV. Hinzu kommt: Bei vielen Leuten läuft der Fernseher dort nur nebenbei. Andere Rezeptionsgewohnheiten.
    Mir geht es um folgendes: Fällt der Rundfunkbeitrag weg, haben die Menschen, die einen Haushalt bewohnen (man möchte fast sagen: “…zum Empfang bereithalten…” ), wieder eine Option mehr, im Geldbeutel UND in den Köpfen. 18 € sind für viele Menschen viel Geld. Es ist eine ganz andere Frage, ob und wie sie die nutzen würden.
    Der Ist-Zustand aber zementiert die Tendenz zu Verfettung und Verblödung im Fernsehsessel, in dem er die Gestaltungsmöglichkeiten des einzelnen einschränkt. ÖR befördert diesen Prozess kräftig, denn deren Interesse ist Selbstausweitung und nicht etwa Volksbildung oder Demokratie, denn anderenfalls wären sie längst bereit gewesen, den Anteil reiner Unterhaltung im Programm als Pay-TV zu liefern, mit allen Konsequenzen wie z.B. Gebührensenkung oder mehr Geld für Nachrichtenformate und politische Magazine.
    Der Ist-Zustand verhindert auch jeden fairen Wettbewerb, denn es ist ein riesiger Unterschied, ob ich mich für diese oder jene Sendung entscheide, nach dem ich sie sowieso bezahlen musste oder – symbolisch gesprochen – ein Schlitz am Fernseher den Euro verlangt. So mancher würde sich den Karl Moik dann wohl sparen und lieber der Enkelin ein Eis kaufen.
    Ich erlaube mir noch zwei Vergleiche. Der eine ist scheinbar weiter weg, der andere näher am Thema Massenkommunikation. Nehmen wir die Automobilindustrie. Auch da ist nicht alles zu Besten bestellt und in jeder Frage der Fortschritt gepachtet, aber alles in allem sind die Autos doch schneller, sicherer, bequemer, praktischer und schöner geworden. Aber der Anteil der PKW-Mobilitätskosten an den Gesamtausgaben eines Haushaltes ist trotzdem nicht gestiegen. Die Auswahl ist enorm, in allen Preiskategorien. Jetzt nehme ich an, es gäbe einen PKW-Entwicklungs-Zwangsbeitrag, der einem bestimmten Unternehmen zufließt. Was würde das Management machen, wenn die Konkurrenz ein besseres Modell bietet, dessen Entwicklungsvorsprung nicht „auf die Schnelle“ aufgeholt werden kann? Ganz einfach, sie würden den Zwangsbeitrag nutzen, um den Verkaufspreis ihres veralteten Modells kräftig zu subventionieren. Für die Konkurrenz hätte sich die Entwicklung nicht gelohnt und die Kundschaft würde bis auf ein paar Reiche weiter mit dem alten, weniger sicheren, weniger umweltfreundlichen Modell fahren. Und das Management dieses bestimmten Unternehmens könnte weiter ungestraft faul sein. Das „Gesamtniveau“ auf den Straßen würde stagnieren oder sinken. Aber man würde voller Stolz auf die eigene „Quote“ verweisen. Genau das ist die Wirkung einer erzwungenen Zahlung an nur einen Marktteilnehmer. Warum sollte das bei Informations- und Unterhaltungsangeboten anders sein? Interessant dabei: Noch vor den ÖR waren die „Holzmedien“ im WWW mit ihren Angeboten zu finden.
    Nun der zweite Vergleich: Die Presse in der BRD vor allem in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren, zum Teil bis heute. Ein bunter Markt, in dem von üblem Klamauk bis zu anspruchsvollen „General-Interest-Titeln“ alles zu haben ist. Dazu gab es Agenturen, die sich Auslandskorrespondenten leisteten, wenn es der Titel allein nicht konnte.
    Nicht nur die „Tagesschau“ war ein Leuchtturm, sondern auch Spiegel, FAZ, Süddeutsche, Stern usw.
    Aber – zum Glück – dass alle dasselbe recherchierten und dann auch noch zu denselben Ergebnissen kamen, die Wahrscheinlichkeit war äußerst gering. Und wenn es dazu kam, war es vermutlich eine echte Erkenntnis und Willensbildung, wie @Kurt Imhof sie sich wünscht. Wäre das möglich gewesen, wenn man jedem Haushalt täglich ungefragt eine öffentlich-rechtliche Zeitung in den Briefkasten gesteckt hätte? Für die Privaten wäre nur geblieben, was diese ÖR-Zeitung nicht abdecken will. Das wären genau jene Inhalte gewesen, die ein wenig schmuddelig sind. Und wieder hätte man geklärt: „Wenn das Geld im Kasten klingt, das Niveau ins Öffentlich-Rechtliche springt.“ (leider nicht von mir).
    Deswegen bleibe ich dabei, diese Art der „Förderung“ abzulehnen.
    Mir fällt bei dieser Gelegenheit wieder der Automarkt ein. Auch dort gibt es eine „Meinungsbühne“, einen „Brennspiegel“, das ist der VW Golf, der ist einfach so entstanden, auch ohne PKW-Zwangsabgabe und Öffentlich-rechtliche Autogroßfabrik.
    Noch ein paar Bemerkungen zu @Fritz
    „Insofern ist mir die Argmentation, es würde keine Information fehlen, wenn die ÖR beerdigt werden würden, zu polemisch. Schließlich kann man heute beinahe jede Information auf mehreren Wegen erhalten. Da wären andere also auch überflüssig.“
    Stimmt nicht. „Andere“ kassieren kein Zwangsgeld. Daher stellt sich diese Frage für „andere“ überhaupt nicht.
    Die Öffentlichkeit wird konzentriert, wenn ein größere Anzahl Anbieter in einem echten außenpluralistischen System zu derselben Erkenntnis gelangt. Das ist auch der richtige Zeitpunkt.
    Andernfalls ist die Konzentration der Öffentlichkeit nur eine wunderbare Gelegenheit, Meinung zu manipulieren.
    Die Reihenfolge ist daher so:
    Erstens: Brauchen wir auch dann noch Förderung, wenn die verzerrende Wirkung der ÖR entfallen ist?
    Zweitens: Wenn so eine Förderung auch dann gebraucht wird ( ich befürchte es ), wie hält man die zum Missbrauch verlockende Lenkungsfunktion da heraus?

  90. Kommunikation – zweinull » Perlen der Woche: Journalismus u. Öffentlichkeit, Blogger Relations, Erfolgsmessung mit Augenmaß und wichtige Einsichten |  01.10.2010 | 17:51 | permalink  

    [...] Journalismus u. Öffentlichkeit: Robin Meyer-Lucht hat den Medienforscher Kurt Imhof interviewt. Der Schweizer Medienforscher spricht im Interview über alternative Finanzierungsmodelle für journalistische Angebote. Eine interessante Diskussion und lesenswerte Kommentare. [...]

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