Andreas Grieß

Perspektiven von Flattr: 125 Praktikanten für Spiegel Online?

Andreas Grieß | 19 Kommentar(e)


Flattr ist bisher fast nur auf Blogs anzutreffen und das ist anfangs sogar gut. Was passieren könnte, wenn eine große Nachrichtenseite wie Spiegel Online einsteigt, was die nächsten Schritte für eine erfolgreiche Entwicklung wären und wer bei Misserfolg der lachende Dritte sein könnte.

30.07.2010 | 

Auch wenn derzeit kein großer Anbieter bei Flattr einsteigen will, lohnt es sich zu überlegen, welche Konsequenzen dies für Social Payments im Allgemeinen und Flattr im Speziellen hätte. Zum Beispiel, wenn Spiegel Online Flattr einbinden würde.

Die taz hat im Juni 2010 fast 1000 Euro als mit Flattr eingenommen. In diesem Monat hatte taz.de laut IVW 4.056.204 Visits. Im gleichen Zeitraum hatte Spiegel Online, ebenfalls laut IVW, 139.611.882 Visits. Das ist mehr als das dreißigfache. Zudem sind auf Spiegel Online deutlich mehr Beiträge zu finden, sprich auch mehr potentiell flattrbare Inhalte. Dies spiegelt sich auch im Verhältnis der Seitenabrufe wieder: Spiegel Online hat mit 907.629.881 mehr als 70 Mal so viele Seitenabrufe wie taz.de mit 12.502.980.

Selbst wenn man an dieser Stelle davon ausgeht, dass Leser der taz deutlich eher bereit sind, eine freiwillige Abgabe zu zahlen, kann man von einem Faktor von – sagen wir 50 – ausgehen, um den die Einnahmen bei Spiegel Online höher ausfallen dürften. Das wären stolze 50.000 Euro. Das entspricht etwa den Einnahmen durch eine Skyscraper-Banner-Anzeige im Wirtschaftsteil von Spiegel Online für eine Woche. Mit anderen Worten: Mit Anzeigen würden weiterhin deutlich mehr Einnahmen erzielt, zu Verachten wäre eine solche Summe – flösse sie zusätzlich – jedoch bei weiten nicht. Sie entspricht in etwa 125 Praktikanten, um mal einen anderen, nicht ganz ernst gemeinten Vergleich anzustellen.

Flattr-Einnahmen von 50.000 Euro sind natürlich dennoch eine Milchmädchen-Rechnung. Denn es wird nicht berücksichtigt, wie sich der Wert eines Klicks durch einen Einstieg von Spiegel Online entwickeln würde. Würde ein solch großer Player mit vielen Inhalten hinzukommen, liegt es auf der Hand, dass der Wert pro Flattr-Klick rapide sinken würde. Eine solche Inflation könnte den Dienst für kleine Blogs sogar vollkommen uninteressant machen. Die größeren Anbieter dürfte es nicht so hart treffen, denn ein Einstieg von etwa Spiegel Online würde Flattr einen enormen Popularitäts-Schub geben. Viele neue Nutzer könnten hinzukommen.

Ein hoher Andrang bei Flattr könnte jedoch das kleine Team des jungen Unternehmens an seine Grenzen stoßen lassen. Die finanzielle, materielle und personelle Situation von Flattr ist derzeit noch sehr begrenzt. Wahrscheinlich ist daher, dass der Einstieg eines großen Players Flattr derzeit nicht gut tun würde.

Wenn Flattr langfristig erfolgreich sein soll, ist somit eine langsame, wenn auch stetige Entwicklung nötig. Neben einigen technischen Dingen, an denen gefeilt werden muss, sollten die Zahlungsmöglichkeiten ausgebaut werden. Laut Flattr sind direkte Überweisungen geplant. Diese wären ein wichtiger Schritt, um Paypal zu umgehen. Paypal wird von vielen als Grund gegen Flattr angesehen, da es verhältnismäßig hohe Gebühren verlangt. Auch Datenschützer sind skeptisch.

Interessant, weil für die User sehr unkompliziert, könnte auch eine Abwicklung der Zahlung über den Internetprovider sein. So könnten die Kosten für Flattr über die Internet-Rechnung eingezogen werden oder Flattr-Einnahmen auf diese angerechnet werden.

Eine mögliche erfolgreiche Entwicklung von Flattr könnte in folgenden Schritten verlaufen:

  • Verbesserung der Zahlungsmöglichkeiten
  • Wachsende Bereitschaft zu Social Payments
  • Einbindung von Flattr bei Blog-Hosting-Diensten wie wordpress.com, Blogger oder Posterous
  • Nutzung von Flattr bei Diensten wie YouTube oder Wikipedia
  • Einstieg von etablierten Medienanbietern (nicht nur aus Deutschland)

Möglich ist, dass zwar Social Payments eine große Sache werden, Flattr selbst jedoch nicht. Sollte der Dienst ist Stocken geraten oder nicht schnell genug marktbeherrschend werden, könnten andere Anbieter auf den Markt drängen. Diese müssten Flattr etwas voraus haben. An erster Linie wäre hier an Reichweite, sprich Benutzerzahlen zu denken. Und da fällt vorrangig ein Anbieter ein: Facebook.

Facebook hat mit seinen „Like-Buttons“ möglicherweise bereits die Infrastruktur für ein eigenes Social Payment-System aufgebaut. Sollten sich Social Payments tatsächlich als Markt mit Potential herausstellen, könnte Facebook der Nutznießer sein. Die eigene Währung (Credits) könnte nicht nur für Social Payments, sondern auch für Applications wie Spiele genutzt werden.

Für einen Einstieg in den Markt müsste Facebook jedoch vermutlich zuerst seine Probleme in der Datenschutz-Thematik in den Griff bekommen. Derzeit würden sich viele schwer tun, Facebook Kontodaten oder Geld anzuvertrauen.

Ob Flattr sich durchsetzt oder Facebook im großen Stil einsteigen wird kann man zwar diskutieren, aber letztlich nur auf dem Wissensstand von heute. Wie das Internet und auch der Journalismus von Morgen jedoch aussehen, weiß man bekanntlich meist erst übermorgen wirklich.

Dieser Beitrag erschien zunächst im privaten Blog des Autors. Er ist der abschließende Teil des in vier Blogposts aufgeteilen Essays: Flattr: Finanzierungsmodel mit Zukunft oder kurzfristiger Online-Hype?

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19 Kommentare

  1. Tweets that mention Perspektiven von Flattr: 125 Praktikanten für Spiegel Online? — CARTA -- Topsy.com |  30.07.2010 | 10:48 | permalink  

    [...] This post was mentioned on Twitter by Carta, Andreas Grieß, Bernd Oswald, VITAliente , Carta and others. Carta said: Perspektiven von Flattr: 125 Praktikanten für Spiegel Online? http://goo.gl/fb/fCkUm [...]

  2. Was vom Tage übrig bleibt (58): Currywurst, Pechstein, München 2018, Zwanziger : jens weinreich |  30.07.2010 | 15:19 | permalink  

    [...] es ist Monatsende: Schon geflattert? Freiwillig-Online-Gebühren entrichtet? Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste [...]

  3. YuccaTree Post + » Die Zukunft von Flattr: 50.000 Euro für Spiegel Online oder Millionen für Facebook |  30.07.2010 | 17:38 | permalink  

    [...] Griess hat auf Carta heute das Phänomen Flattr auf interessante Weise weitergedacht. Gewinner der Entwicklung könnten die großen Verlagshäuser sein – oder auch [...]

  4. Christoph |  30.07.2010 | 19:22 | permalink  

    Wirklich sehr guter Artikel. Ich denke Flattr ist in der Blogosphäre und Podosphäre schon richtig. Aber ich denke langfristig ist wirklich eine Perspektive für die Großen da. Es müsste allerdings eine Art Pay per Artikel Variante geben, wo auf jeder Seite ein Artikel vorher mit Flattr bezahlt werden müsste bevor er gelesen werden könnte. Allerdings müsste zusätzlich die Spendenvariante noch für die Blogger existieren.

  5. Andreas Grieß |  30.07.2010 | 20:11 | permalink  

    @Christoph: Nein, eine Paywall-Variante halte ich für keine gute Idee. Flattr ist ja eben ein bewusstes Gegenmodel zur Paywall-Idee

  6. stefan st. |  31.07.2010 | 11:35 | permalink  

    “Einbindung von Flattr in Blog-Hostingdienste?” Ist das nicht schon längst mittels nativer PlugIns möglich?

  7. Tweets that mention Perspektiven von Flattr: 125 Praktikanten für Spiegel Online? — CARTA -- Topsy.com |  31.07.2010 | 11:51 | permalink  

    [...] This post was mentioned on Twitter by stefan st., stefan st.. stefan st. said: kommentierte bei Perspektiven von Flattr: 125 Praktikanten für Spiegel Online? auf CARTA – http://is.gd/dUyQ1 [...]

  8. Andreas Grieß |  31.07.2010 | 12:12 | permalink  

    @stefan st.: Gemeint ist, dass Blogs bei wordpress.com oder blogger oder halt posterous Flattr einbauen können. Die Plugins laufen bisher nur auf selbst gehosteten Blogs auf dem eigenem Server

  9. Flattr – Jetzt Tempo machen und nicht den Markt verpennen — CARTA « Digital Naiv – Stefan63's Blog |  01.08.2010 | 11:44 | permalink  

    [...] Möglich ist, dass zwar Social Payments eine große Sache werden, Flattr selbst jedoch nicht. Sollte der Dienst ist Stocken geraten oder nicht schnell genug marktbeherrschend werden, könnten andere Anbieter auf den Markt drängen. via carta.info [...]

  10. Hannes |  01.08.2010 | 18:47 | permalink  

    Was ich an Flattr nicht verstehe, ist Folgendes. Angenommen, ich flattere nur auf einer Seite herum. Angenommen, der Anbieter stellt in Monat 1 einen guten Artikel ins Netz und in Monat zwei zwei gute Artikel. Wenn ich das richtig verstehe, ist der finanzielle Nutzen dieses zweiten Artikels für den Anbieter =0. Seltsame Anreize.

  11. Andreas Grieß |  01.08.2010 | 19:45 | permalink  

    Aber wer flattrt schon nur auf einer Seite?

  12. Hannes |  02.08.2010 | 09:37 | permalink  

    Das ist nicht der Punkt. Es geht um Folgendes. Wenn ich auf einem Markt etwas kaufe, kann ich nicht einfach sagen: Okay Leute, ich geb hier heute mal fünf Euro aus und mit jedem Apfel, den ich mir in den Korb packe, kriegt ihr weniger pro Stück. Welcher ökonomischen Logik entspricht dieses System?

  13. SwENSkE |  02.08.2010 | 10:41 | permalink  

    Der Artikel geht schon im Grundsatz von einer falschen Annahme aus.

    Es wird nicht berücksichtigt, daß der (flattr-)Kuchen nicht automatisch größer wird, nur weil ein großes Online-Angebot flattr-buttons unter seine Artikel setzt.
    Die Menge der Menschen, die überhaupt flattern, ist begrenzt – ebenso ihr Budget. Außerdem gibt es Schnittmengen zwischen Lesern der einzelnen Angebote, womit sich das zur Verfügung stehende Geld nur unter mehr Nutznießern verteilt – im Endeffekt hätte die taz dann wahrscheinlich deutlich weniger und SPON würde nicht mal annähernd an die genannte Summe von 50.000€ rankommen.

  14. Robin Meyer-Lucht |  02.08.2010 | 11:21 | permalink  

    Für die hier zugrunde gelegten Berechnung müsste sichb die Basis der Flattrer deutlich verbreitern – ich habe da zur Zeit so meine Zweifel. Aber schauen wir mal…

  15. Nick |  02.08.2010 | 16:38 | permalink  

    Laut Wikipedia machte Spiegel Online 2006 bei einem Umsatz von 15 Millionen Euro zwei Millionen Euro Gewinn. Da sind 50.000 Euro Peanuts.

    Aber jetzt ist es sowieso noch zu früh für derartige Hochrechnungen. Man sollte erstmal abwarten, wie sich Flattr entwickelt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich der Flattr-Umsatz in den nächsten Jahren verzehnfacht.

  16. Medienlinks: Medienrechtler Christoph Degenhart kritisiert ARD-Gutachten |  02.08.2010 | 16:40 | permalink  

    [...] Flattr ist bisher fast nur auf Blogs anzutreffen und das ist anfangs sogar gut. Was passieren könnte, wenn eine große Nachrichtenseite wie Spiegel Online einsteigt, was die nächsten Schritte für eine erfolgreiche Entwicklung wären und wer bei Misserfolg der lachende Dritte sein könnte – carta.info [...]

  17. Falk D. |  02.08.2010 | 17:33 | permalink  

    Dass flattr eine down-top-Umverteilungsmaschine ist oder sein wird, ist sonnenklar. Allein die Umsätze der taz oder der flattrnden Top-Blogger zeigen das. Dennoch ist es ein wichtiger Schritt für ein Mitmachnetz. Ich sehe es jedoch nicht als ein Gegenmodell zu einer Paywall und glaube auch nicht, dass flattr sich nicht mit einer solchen verträgt.
    Ein Freemium-Modell mit flattr halte ich persönlich für sehr interessant. Zumindest im Tech-Blog-Bereich könnte ich mir Use-Cases dafür vorstellen.

  18. Link-Tipps der letzten Woche | Leander Wattig |  03.08.2010 | 08:00 | permalink  

    [...] Perspektiven von Flattr: 125 Praktikanten für Spiegel Online? [...]

  19. c3p |  03.08.2010 | 13:57 | permalink  

    SPON würde imo nicht so viel Geld kriegen, da sie viel Klickaktion (fotostrecken ect.) haben und weniger Beiträge die ihr Geld wert sind.
    Das klingt jetzt etwas negativ, aber für Prominews, oder fun videos gibt (glaube ich) kaum einer Geld aus.
    Mich würde der Einsatz eher bei einer Seite wie Zeit.de interessieren, auch wenn ich glaube das sie davon zurückschrecken, da es unerwünschte nebeneffekte geben könnte, wenn man statt Abo auch online bezahlen könnte. Aber das ist auch ein anderes Thema.

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