Hermann Oetting | 10 Kommentar(e)
Horst Köhler wollte gut ankommen und nicht als schmutziger Politiker gesehen werden. Also hat er – obwohl selbst Vollblutpolitiker – Politikerschelte aus Populismus betrieben. Das haben sie ihm irgendwann übel genommen. Aber auch ein Bundespräsident braucht Freunde.
02.06.2010 |
Zu behaupten, Horst Köhler sei ein Seiteneinsteiger in der Politik gewesen, ist Unsinn. Zur Verdeutlichung ein wenig Vita von Horst Köhler:
1981 wurde Horst Köhler Mitglied der CDU und wechselte im gleichen Jahr in die Staatskanzlei der Landesregierung von Schleswig-Holstein unter Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg. Auf dessen Vorschlag hin wurde Köhler 1982 Leiter des Ministerbüros und Leiter der Unterabteilung I A im Bundesministerium der Finanzen. [...]
Von 1990 bis 1993 war Köhler Staatssekretär im Bundesfinanzministerium als Nachfolger von Hans Tietmeyer. Er war verantwortlich für finanzielle und monetäre Beziehungen und damit der maßgebliche deutsche Unterhändler bei den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht und teilweise bei jenen für die Deutsche Wiedervereinigung. [...]
Im Jahr 2000 wurde Köhler, auf Vorschlag von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), zum Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) bestellt.
Kein Mensch, der an der Wiedervereinigung mitverhandelt hat, der lange Jahre Staatssekretär gewesen ist, der in diesen Rollen weltweit bekannt und anerkannt war, und der sofort von der internationalen Politikgemeinde – als zweiter Kandidat von Gerhard Schröder – für den hochpolitischen Posten des IWF-Direktors akzeptiert wurde, ist Seiteneinsteiger in der Politik. So ein Mensch ist Vollblutpolitiker. Punkt.
Dann jedoch, als er Präsident geworden war, hat er uns allen gegenüber so getan, als habe er mit dem ganzen Politikbetrieb nichts zu tun. Er hat sich als der Außenseiter präsentiert, der bloß nicht als schmutziger Politiker gesehen und mit den anderen Politikern gleichgestellt werden wollte.
Wenn jemand im Ortsverein anfängt und am Ende als Bundeskanzler endet, dann ist er Politiker. Wer aber als Referent im Ministerium einsteigt, dann einen steilen Aufstieg in den Ministerien bis hin zu einer hochpolitischen internationalen Position als Direktor des IWF macht, um schließlich Bundespräsident zu werden, ist kein Politiker?
Horst Köhler ist niemals Seiteneinsteiger in der Politik gewesen. Er war jahrzehntelang Politiker, hat dann aber als Bundespräsident so getan, als sei er keiner. Das ist per se vielleicht gar nicht verwerflich. Die Leute haben es ihm bis heute abgekauft. Wenn man die positiven Kommentare auf Twitter liest, wird deutlich, dass die Leute ihn als jemanden wahrgenommen haben, der anders tickt als die anderen. Damit hätte er arbeiten, Brücken bauen, für Verständnis werben können. Das wäre eine einmalige Chance gewesen.
Stattdessen aber hat er immer wieder schlecht geredet über die Politiker, von denen er selbst einer war – er hat schlecht geredet über die Leute, mit denen er jahrelang in enger Zusammenarbeit zu tun hatte. Er hat Politikerschelte aus Populismus betrieben, weil er wusste, dass das in der Bevölkerung gut ankommt. Er wollte gemocht werden. Und das ist ihm gelungen.
Aber genau damit entstand ein Problem: die anderen Politiker – die, die sich weiterhin getraut haben, auch wirklich als Politiker aufzutreten – haben ihm das irgendwann übel genommen. Und am Schluss stand er ganz allein da. Die politische Klasse wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil er öffentlich kein gutes Wort mehr für sie übrig hatte.
Horst Köhler ist gegen Ende seiner Karriere sicherlich von Kanzlerin, Außenminister und anderen Weggefährten mehr und mehr geschnitten worden. Aber selbst ein Bundespräsident kommt im Amt nicht weit, wenn er keine Freunde mehr hat.
Gastbeitrag von Dr. Hermann Oetting. Er ist Ingenieur und war von 1971 bis 1976 Mitglied des Bundestages in der SPD-Fraktion.


Interessante Gedanken. Aber auch hier wieder: Personen werden in den Vordergrund gerückt, keine Sachthemen. Für welche Themen hat Köhler sich stark gemacht, wie wurden sie kommuniziert, von den Medien aufbereitet, von anderen Politikern verarbeitet?
Hat er wirklich „Politikerschelte“ betrieben, nicht vielmehr das System kritisiert – und das zu Recht? War er wirklich ein Populist?
Warum machen Sie sich nicht die Mühe und untermauern Ihre Behauptungen mit Zitaten? Hier werden Behauptungen völlig unsubstantiiert veröffentlicht, zielen auf Wirkungen ab. Das ist populistisch und kommt nicht gut.
Warum werden Politiker nicht nach ihren politischen Inhalten gemessen? Die Reden von Köhler wurden veröffentlicht.
„Horst Köhler ist gegen Ende seiner Karriere sicherlich von Kanzlerin, Außenminister … mehr und mehr geschnitten worden.“ Bei den Glanzleistungen von der Kanzlerin und Außenminister ist das sicherlich ganz, ganz tragisch. Tut mir leid, aber es ärgert, so einen Allgemeinbrei hier verdauen zu müssen.
“die anderen Politiker – die, die sich weiterhin getraut haben, auch wirklich als Politiker aufzutreten”
Wie tritt man als “Politiker” denn auf? Reden, sich benehmen, sich ordentlich anziehen machen Nichtpolitiker in ihren Berufen auch. Jedenfalls weiß ich, wie Politiker schreiben: s.o.
[...] This post was mentioned on Twitter by Mario Sixtus, Martin Oetting, Carta, Carta, Euphoriefetzen and others. Euphoriefetzen said: RT @oetting: Mein Vater (Ex-MdB) mit einem Gastbeitrag auf @carta_ über den Mythos "Köhler als Quereinsteiger": http://bit.ly/awcaHu [...]
Ergänzung:
„Er war jahrzehntelang Politiker, hat dann aber als Bundespräsident so getan, als sei er keiner.“ Woraus ergibt sich das „so getan“? (Dazu meine Frage unter #2)
Einzig und allein wird im Posting nachvollziehbar dargestellt, dass Köhler kein Quereinsteiger – wie von den Medien überwiegend behauptet – war. Das zeigt auch, wie schlecht bei vielen Berichten über Köhler von der Presse recherchiert wurde.
“Er hat Politikerschelte aus Populismus betrieben” ?! 8:| Vielleicht sah er die Zeit gekommen, um etwas zu sagen, was er immer sagen wollte…
Betr. #4, comment-14710, noName am 02.06.2010 11:47
“wie schlecht bei vielen Berichten über Köhler von der Presse recherchiert wurde”
Ergänzung: Mit Befremden vernehme ich, wie herablassend, ja sogar fast polemisch-pöbelnd über Alt-BP Köhler in diversen Medien (TV-Nachrichten, Journalistenrunden usw.) gesprochen wird. (Ton-Podcast oder Niederschrift ist leider oft nicht auffindbar.) Ist er jetzt “persona non grata” & vogelfrei?! Welcher “Geheimfunk” hat das verkündet?
Auf “HTMLisch” geschrieben: [/lecken] [knurren] …
Köhler trat zurück, weil er gegen die Währungsreform + Einführung der Neuen D-Mark ist !
So zumindestens liest man es zahlreich in zahlreichen Internet Medien.
Wir bei U mady my day halten das zunächst für eine Verschwörungstheorie, Köhler allerdings für “failed”: http://uxmadexmyxday.wordpress.com/2010/05/31/horst-kohler-failed/
[...] bringen, eine Bundespräsidentin oder einen Bundespräsidenten zu finden, die oder der weder dem (scheinbaren) Quereinsteiger Köhler entspricht, noch dem einer linientreuen [...]
@Paul Ney, ich weiß auch nicht, was in die Schreiber und Kommentatoren gefahren ist. Eins der Negativbeispiele findet sich im aktuellen Spiegel, Seite 24 (Zitate daraus hier: carta.info/28304/steul-die-ueberschrift-horst-luebke-haette-ich-niemals-durchgehen-lassen/#comment-14700). „Kaputtschreiben“ ist das, was hier gemacht wurde.
Der Kommentar von Herrn Frey war vorwurfsvoll und unsachlich: http://www.youtube.com/watch?v=pM1wGFMPBxE . Neue Ideen hatte der Ex-Bundespräsident durchaus. Man muss sich damit einfach befassen. Nun verarbeitet man ihn noch zu einer Wurst. Für den Vornamen ‚Horst‘ kann er nichts.
“Wer aber als Referent im Ministerium einsteigt, dann einen steilen Aufstieg in den Ministerien bis hin zu einer hochpolitischen internationalen Position als Direktor des IWF macht, um schließlich Bundespräsident zu werden, ist kein Politiker?”
Also ich zumindest würde das so sehen. So jemand muss nie Wahlkampf machen, keine Mehrheiten gewinnen. Er muss einer der besten in seinem Fach sein, ein Experte, also das genau das was viele Politiker nicht sind.
“Wenn man die positiven Kommentare auf Twitter liest…”
Damit begründe ich meine Thesen auch gerne, ich schreibe allerdings über Fernsehen und nicht über ernstere Dinge, wie Politik. Ginge es nach Twitter würden auch 50 Prozent Piratenpartei wählen.
Im übrigen finde ich es nicht so verkehrt, dass der ehemalige Vorsitzende einer Organisation die am neoliberalen Umbau der Weltwirtschaft hin zu Globalisierung maßgeblich beteiligt war, in der Krise nun seinen Posten als Grüßaugust abgibt. Das war zwar vermutlich nicht seine Intention, aber es ist dennoch wohltuend.
[...] dass eine Diskreditierung von Bloggern “relevant” ist. Im Falle von Horst Köhler haben einige Blogs entschieden, dass das Interview im D-Radio von Relevanz ist. Bei beiden Fällen spielt die [...]