Stephan Ruß-Mohl

Journalismus: Überschätztes Frühwarnsystem mit Gier nach “bad news”

Stephan Ruß-Mohl | 9 Kommentar(e)

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Wenn man sich berieseln und berauschen lässt von all dem, was im Blätterwald und in den Talkshows derzeit mit aller Medienmacht über uns hereinprasselt, so könnte man meinen: Der Untergang des Abendlandes sei nah, gar der jüngste Tag des Kapitalismus angebrochen. Und dieses jüngste Gericht wird effektvoll inszeniert – angesichts der Selbstgerechtigkeit, mit der viele Journalisten nicht nur schwadronieren, sondern auch moralisieren.

10.12.2008 | 

Der Journalismus, von manchem Forscher vorschnell zum Frühwarnsystem der Gesellschaft ausgerufen, hat jahrelang zugeguckt. Gewiss, es gab Kassandrarufe – aber sie sind untergegangen im Schwall der PR-Botschaften, die heute in vielen Redaktionen mit einem Mouseclick in „Journalismus“ verwandelt werden und die uns verkündet haben, all die Investmentbanker und Finanzjongleure hätten ihre Traumrenditen und Boni durch Leistung und Produktivitätssteigerungen verdient statt durch hochriskante Wetten.

Aber haben Journalisten und Medienmanager inzwischen irgendetwas gelernt? Zu befürchten ist, dass sie sich neuerlich prozyklisch verhalten und jetzt mit ihrer (kaum minder maßlosen) Gier nach „bad news“ die wirklich große Krise (und damit auch ihren eigenen Untergang) herbei schreiben. Spannend auch, wer die Krise schürt: Bei Deutschlands Intelligenzblatt Nr. 1, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist es nicht etwa der für Wirtschaft und Finanzen zuständige Herausgeber, sondern der Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher, der uns – offenbar als Krisenexperte und letzter Universalgelehrter – die Weltläufte „erklärt“.

Dieselbe Erfahrung, die jetzt der Wirtschafts- und Finanzjournalismus machen muss, haben früher schon die Kollegen vom Wissenschaftsressort gesammelt: Wenn ein Thema – sei es BSE, SARS oder jetzt eben die Subprime- und Bankenkrise – wirklich hoch kocht, verlieren die journalistischen Experten ihre Deutungsmacht an die Hierarchien in Politik- und Kulturredaktion. Es kann indes noch schlimmer kommen, wie sich bei Deutschlands feinster Adresse für Qualitätsjournalismus, dem Verlag Gruner + Jahr sehen lässt: Da werden die Wirtschafts- und Finanzjournalisten gleich ganz wegrationalisiert, indem man künftig vier Wirtschaftstitel von einer Redaktion machen lässt. Verkehrte Welt! Das lässt genau den Abbau an Sachkompetenz erwarten, den wir zur Krisenbewältigung dringend brauchen…

Stephan Russ-Mohl ist Kolumnist der österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sein Text erscheint hier in leicht anders redigierter Fassung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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9 Kommentare

  1. Quasipresseschau 167 | NIGHTLINE |  10.12.2008 | 21:51 | permalink  

    [...] Journalismus: Überschätztes Frühwarnsystem mit Gier nach “bad news” Der Journalismus, von manchem Forscher vorschnell zum Frühwarnsystem der Gesellschaft ausgerufen, hat jahrelang zugeguckt. Gewiss, es gab Kassandrarufe – aber sie sind untergegangen im Schwall der PR-Botschaften, die heute in vielen Redaktionen mit einem Mouseclick in „Journalismus“ verwandelt werden und die uns verkündet haben, all die Investmentbanker und Finanzjongleure hätten ihre Traumrenditen und Boni durch Leistung und Produktivitätssteigerungen verdient statt durch hochriskante Wetten. [...]

  2. Dieter Lintz |  11.12.2008 | 08:33 | permalink  

    Die Argumentation des Artikels ist frei von jeder inhaltlichen Stringenz. Die von Ruß-Mohl zutreffend als problematisch beschriebene Entwicklung ist doch lediglich die logische Konsequenz aus dem Umstand, dass es gerade die Fach-Journalisten waren, die den Börsen- und Finanzmarkt-Hype in den letzten Jahren besonders hemmungs- und kritiklos betrieben haben. Da wurde doch jeder Feuilletonist oder Politikredakteur, der es wagte, auf mögliche Probleme hinzuweisen, nur noch milde als Vorgestriger belächelt, wenn die Finanz- und Wirtschaftskollegen in der Mittagspause die aktuellen Börsentipps austauschten. Kein Wunder, dass es jetzt ein großes Roll-Back gibt. Ich bin wirklich kein Fan von Schirrmacher, aber den Finanzmarkt-Euphorikern in den Wirtschafts-Redaktionen weine ich keine Träne nach, wenn sie flächendeckend wegrationalisiert werden.

  3. 6 vor 9: Leuenberger, Klicks, Weidermann » medienlese.com |  11.12.2008 | 08:55 | permalink  

    [...] 4. “Journalismus: Überschätztes Frühwarnsystem mit Gier nach ‘bad news’” (carta.info, Stephan Ruß-Mohl) “Wenn man sich berieseln und berauschen lässt von all dem, was im Blätterwald und in den Talkshows derzeit mit aller Medienmacht über uns hereinprasselt, so könnte man meinen: Der Untergang des Abendlandes sei nah, gar der jüngste Tag des Kapitalismus angebrochen. Und dieses jüngste Gericht wird effektvoll inszeniert – angesichts der Selbstgerechtigkeit, mit der viele Journalisten nicht nur schwadronieren, sondern auch moralisieren.” [...]

  4. Robin Meyer-Lucht |  11.12.2008 | 13:00 | permalink  

    @ Dieter Lintz: Herr Linz, Sie haben es geschafft, Herrn Russ-Mohl erst Inkonsistenz vorzuwerfen und ihm dann doch zuzustimmen. Auch schön.

    besten gruss,

    rml

  5. Weblog |  11.12.2008 | 22:35 | permalink  

    Wer malt am kräftigsten schwarz?…

    Eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Wer malt am kräftigsten schwarz? Wie wirkt sich das alles auf unsere städtischen Finanzen aus? Wenn man sich berieseln und berauschen lässt von all dem, was im Blätterwald und in den Talkshows derzeit mit aller…

  6. Readers Edition » “Überschätztes Frühwarnsystem mit Gier nach ‘bad news’” - Ein Lesetipp |  12.12.2008 | 03:03 | permalink  

    [...] ihn steht fest: Der Journalismus, der derzeit betrieben wird, ist ein “Überschätztes Frühwarnsystem mit Gier nach ‘bad news’“, so schreibt er zumindest auf carta.info, einem Mehrautorenblog für Politik, Medien und [...]

  7. Rupert |  13.12.2008 | 09:35 | permalink  

    Also verstehe ich das richtig: die politischen und Feuilleton-Redaktionen sollen die Kommentierung der grössten Wirtschaftskrise seit 1945 den Experten, also z. B. den Wirtschaftsredaktionen, überlassen – also genau denjenigen, die die Krise nicht nur nicht haben kommen sehen sondern noch bis zuletzt deren systemische Produkte zum Kauf anboten? Wie dumm ist das denn?

  8. Robin Meyer-Lucht |  13.12.2008 | 13:10 | permalink  

    @Rupert: Nunja, der Text weist darauf hin, dass wir die Krise allein mit feuilletonistischen Deutungstaschenspielertricks (Truthahn-Tod, etc.) auch nicht in den Griff bekommen und verstehen werden. Wirtschaftsjournalisten müssen sicher ihre Rolle im Vorfeld dieser Krise hinterfragen – sie sollten sich nun aber nicht als Deppen in die Ecke stellen lassen. Russ-Mohl warnt lediglich vor handstreichartigen Interpretationsmustern, die einige bedingt mit der Materie vertraute Journalisten nun produzieren. Er ist jemand, der grundsätzlich für den souveränen Experten-Journalisten streitet, der gegen PR immun ist und in komplexen Modellen urteilt.

  9. Rupert |  13.12.2008 | 20:43 | permalink  

    Das stimmt ja nun gar nichts mehr. Da steht: “Wenn ein Thema wirklich hoch kocht, verlieren die journalistischen Experten ihre Deutungsmacht an die Hierarchien in Politik- und Kulturredaktion.” Sie meinen also jene Experten, die gerade nicht wissen, was in den Systemen, die sie seit Jahren als Vernunftsysteme preisen, wirklich geschieht? “Müssen ihre Rolle im Vorfeld dieser Krise hinterfragen” – im Vorfeld? Es geht um einen systemischen Fehler, in dem noch im August die Bundesbank und die Wirtschaftspublizisten ein 2 prozentiges Wirtschaftswachstum vorhersagten. Oder meinen Sie die Experten in FTD, Handelsblatt etc. die vor genau einem Jahr die Abschaffung der Sparkassen verlangten? Diese Experten sollen jetzt als Experten reden? Ist diese Krise nicht eine Zäsur im Expertenwesen selber . – von den journalisten bis zu den Analysten, die auf zwanzig Zeilen über Finanzprodukte urteilten, deren Dokumentation, allein bei einigen SARS fast 100 tsd Seiten umfasst, und die niemand mehr versteht? Die Truthahnthese von Taleb ist keine Deutung sondern wenn ich das richtig verstanden habe ein witziges Bild zu statistischen Plausbiliätsmustern. Und wenn es eine Debatte geben müsste, dann doch ganz gewiss diejenige über den Wirtschafts- und FInanzjournalismus – denn der war es ja, der handstreichartig seine Deutungen änderte, von den Verstaatlichungsrhetoren aus der Wirtschaft ganz zu schweigen. Und dass Herr Russ-Mohl “in komplexen Modellen urteilt” ist ja erfreulich, nur verstehe ich nicht was Sie damit meinen. Die Debatte, die Sie führen, ist leider nicht komplex sondern völlig an der eigentlichen Fragstellung vorbei.

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