Felix Neumann | 33 Kommentar(e)
Eine funktionierende Öffentlichkeit soll das eigentlich schützenswerte Rechtsgut in der Urheberrechtsdebatte sein. Ganz liberal betrachtet: Die Diskussion über Geld, Leistung und Geschäftsmodelle ist nachgelagert – und bleibt letztlich der Kreativität der Geschäftsleute überlassen.
25.05.2010 |
Das SIGINT-Panel zum Thema Urheberrecht (meine Einführung dazu hier) hätte der Ausschreibung nach lösungsorientiert sein sollen, und das ist grandios gescheitert. Man kann nicht zu Lösungen kommen, wenn eine Partei (hier waren es der Vertreter der Musikindustrie und der exemplarische Künstler) das Problem leugnet. Für eine lösungsorientierte Diskussion des Themas Urheberrecht darf man nicht beim Geld anfangen. Man muss beim zu schützenden Rechtsgut anfangen – und das ist nicht das ökonomische Interesse, das ein fiktives »geistiges Eigentum« kodifiziert und durchgesetzt sehen will. Es ist das Interesse an einer funktionierenden öffentlichen Sphäre.
Die Diskussion über Geld, Leistung und Geschäftsmodelle ist nachgelagert.
Beginnen wir dennoch damit: Die ganze Zeit hörte man »Leistung muss sich lohnen« als Hauptbegründung für das bestehende Urheberrecht; Stefan Herwig, der Labelvertreter, beklagte ein »Marktversagen«, weil sich Content nicht verkaufen lasse. Zwei fundamentale Fehlannahmen über Marktwirtschaft.
Die vulgärliberale Parole »Leistung muss sich lohnen« verschleiert, was ein Markt leistet: Ein Markt bringt Angebot und Nachfrage zusammen, Preise sind Indikatoren für Knappheit, Bedarf und Verfügbarkeit. Es gibt kein Recht darauf, dass aus Mühe Bezahlung folgt, auch wenn die marxsche Arbeitswerttheorie sympathisch klingt. Arbeitswert ist aber tatsächlich kein Wert; man kann noch so schöne Postkutschen bauen: Im Zeitalter von Flugzeug und Bahn wird man Postkutschen nicht mit dem Argument verkaufen können, man hätte ja einiges an Leistung zur Herstellung erbracht. Leistung kann sich nur lohnen, wenn es Abnehmer dafür gibt.
Und es ist kein Marktversagen, wenn niemand mehr Content kauft. Der Markt ist ein Instrument, mit Knappheit umzugehen. Wenn man ein nicht-knappes Gut nicht verkaufen kann, dann liegt das daran, dass der Markt schlicht das falsche Werkzeug ist. Immaterialgüter verkaufen zu wollen ist aus einer naturrechtlichen Perspektive so sinnvoll wie Luft verkaufen zu wollen.
Es wird damit argumentiert, dass die knappe Ressource nicht das Immaterialgut selbst sei, sondern die Kreativität und die Leistung der Urheber. Als ob Kreativität und der Wille, Kultur zu schaffen, jemals knapp gewesen wären! (Der weitaus größte Teil kulturellen und kreativen Schaffens wird gerade nicht monetarisiert, sondern von uns allen gemacht, weil wir es können und gerne tun!) Antje Schrupp kommentierte vor kurzem hier im Blog:
Besonders entlarvend fand ich ja diesen Satz [der Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums]: “Missachtung, Aushöhlung und sträfliche Verletzung des Urheberrechts führt zur Entwertung, Aufgabe und schließlich zum Verlust jedweder eigenständigen intellektuellen und künstlerischen Leistung.” Dass soll doch wohl heißen: Wenn wir dafür nicht gebauchpinselt und bezahlt werden, stellen wir das Denken und Schaffen ein. Genau so eine Kunst, die geschaffen wird, um dadurch Status und Geld zu bekommen, brauchen wir aber nicht. […] Es ist eine männliche Vorstellung vom “Originale schaffenden Genie”, das hier zelebriert wird. Frauen haben über viele Jahrhunderte vorwiegend anonym geschrieben, oder unter Pseudonymen. Es geht beim (künstlerischen) Schreiben nicht um Geld, Anerkennung und Status, sondern darum, etwas zu schreiben, wovon man glaubt, dass es geschrieben werden muss.
So sehr sich das Plädoyer für Urheberrechte auch liberal gibt: Tatsächlich ist es nur ein Einfordern von hoheitlich gewährten Privilegien, von künstlich geschaffenen Monopolen, einer politisch durchgesetzten Marktverzerrung. (Auch wenn Content kein marktfähiges Gut ist, wird der Markt doch verzerrt, indem Ressourcen künstlich umgeleitet werden.) Die Argumente der Urheberrechtslobby sind strukturell dieselben wie die der Kohleindustrie, die der Autobranche: Ein Wirtschaftszweig soll künstlich am Leben gehalten werden.
Daher ist es auch nicht sinnvoll, mit der Content-Lobby über Urheberrechte zu sprechen: Ihr Interesse ist es, ihren Wirtschaftszweig zu erhalten. So wie aus Leistung kein Anspruch auf »sich lohnen« folgt, hat aber auch keine Branche eine Bestandsgarantie; im Gegenteil ist es gerade ein Vorteil einer Marktwirtschaft gegenüber einer Planwirtschaft, dass knappe Mittel nicht unnötig einer nicht benötigten Industrie zugeteilt werden. Mit der Content-Industrie über die Zukunft des Urheberrechts zu sprechen ist, als hätte man vor hundertfünfzig Jahren die Postkutschen-Industrie zum Zukunftsgespräch Transport eingeladen.
Es geht also nicht um das Partikularinteresse (und sei es auch noch so sehr mit Appellen an die eigene Gemeinwohlnotwendigkeit gekoppelt) der Musikindustrie. Die Frage der Monetarisierung und Verrechtlichung von Kultur ist (um wieder einmal Habermas zu bemühen) eine Kolonialisierung der Lebenswelt: Die wirtschaftliche Sphäre wird verabsolutiert. Natürlich ist es völlig legitim, auch Kultur unter wirtschaftlichem Paradigma zu behandeln: Skulpturen können verkauft, Symphonien in Auftrag gegeben und bezahlt, Filme gegen Geld im Kino aufgeführt werden. Daraus aber abzuleiten, dass alle Kultur marktförmig zu sein habe, ist ähnlich absurd wie aus der Existenz von Prostitution zu fordern, dass alle Zärtlichkeit monetarisiert werden soll.
Kultur und Kunst gehören in die öffentliche Sphäre und konstituieren sie mit. Was bei einer Erneuerung des Urheberrechts daher an erster Stelle stehen muss, ist die Frage nach der Öffentlichkeit: Welche rechtlichen Rahmenbedingungen sichern Öffentlichkeit?
Öffentlichkeit ist nicht nur der nicht-private Raum: Die Öffentlichkeit ist der Raum, in dem Menschen als gleiche aufeinandertreffen. In der Öffentlichkeit handeln und interagieren Menschen; Öffentlichkeit ist also die Voraussetzung von demokratischer und freiheitlicher Politik, ist die Bedingung der Möglichkeit, dass nicht nur die Gedanken frei sind, sondern auch ihre Äußerung – Öffentlichkeit ist der Resonanzraum, ohne den es keine demokratische Kontrolle von Macht, keine Diskussion, keine Argumente und damit keinen rationalen Diskurs und keinen gesellschaftlichen Fortschritt gibt.
Die Natur von Immaterialgütern passt hervorragend zur Öffentlichkeit: Sie sind nicht knapp, und alle können sich ihrer bedienen. Francis Bacon wird der Aphorismus zugesprochen, das Argument gleiche »dem Schuss einer Armbrust – es ist gleichermassen wirksam, ob ein Riese oder ein Zwerg geschossen hat«. Immaterialgüter, nicht nur Argumente, auch Zitate, Lieder, Melodien, sind noch in einem weiteren Aspekt mit dem Schuss einer Armbrust zu vergleichen: Die Schützin hat die Kontrolle darüber, ob sie den Abzug drückt oder nicht. Sobald sie aber geschossen hat, ist der Bolzen in der Welt. (Noch einmal, wieder einmal Antje Schrupp: »Wer sein geistiges Eigentum schützen will, muss seine Ideen einfach für sich behalten.«)
Sobald ein Werk in die Öffentlichkeit gegeben wird, kann es keine absolute Werkherrschaft mehr darüber geben. Egal, was das positive Recht sagt: Die Melodien werden gesummt, die Gedichte zitiert. Es passt zur Natur des Immaterialguts und es liegt in der Natur des Menschen, Kontexte und Bezüge herzustellen, darüber zu reden, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern zu produzieren und weiterzuentwickeln. Eine Gesetzeslage, die das verbieten möchte, ist illegitim. (Und auch nicht durchsetzbar.)
(Kleiner philosophischer Exkurs: Hier scheint es mir zur Abwechslung wirklich gerechtfertigt, von »der« Natur des Menschen zu reden. Den Menschen als ζῷον λόγον ἔχον, als sprache-habendes Tier, zu fassen, scheint mir immer noch die Grundlage einer der besten Versuche einer anthropologischen Schätzung zu sein: Kommunikation macht den Menschen aus, für Sprache reicht nie einer allein aus; es ist die Möglichkeit der Intersubjektivität, die den Menschen ausmacht – ob man nun auf die Ähnlichkeit abhebt, »der Mensch wird am Du zum Ich«, oder auf die radikale Andersheit, auf das »Antlitz des Anderen«.)
Auf dieser Basis muss nun ein zeitgemäßes Urheberrecht agieren: Es muss ernstnehmen, dass Öffentlichkeit nicht mehr nur die räumlich begrenzte griechische Polis ist. Öffentlichkeit ist faktisch nicht mehr räumlich begrenzt. Youtube, Facebook, Twitter, Blogs: All das gehört zu einer neuen Öffentlichkeit. Diese neuen Formen von Öffentlichkeit dürfen nicht ihrer Funktion beraubt werden, indem man sie reduziert und unter das Paradigma der wirtschaftlichen Sphäre stellt: Singen am Lagerfeuer und Remixes und Fanvideos auf Youtube sind strukturell, in ihrer Funktion für die Öffentlichkeit, gleich zu bewerten. Ein Leistungsschutzrecht, das Blogs (oder Zeitungen) verbieten würde, kostenlos zu zitieren und die Zitate zu diskutieren, wäre ebenso totalitär wie das Verbot, auf dem Marktplatz über die Schlagzeile der Zeitung zu diskutieren.
Der Öffentlichkeit nicht den Boden zu entziehen: Das muss ein neues Urheberrecht leisten.
Welche Geschäftsmodelle sich innerhalb dieses Ordnungsrahmens etablieren lassen, ist kein Problem des Urheberrechts. Das ist der Kreativität der Geschäftsleute überlassen.
Crosspost von fxneuman.


[...] Artikel ist auch bei Carta zu lesen, daher sind hier die Kommentare geschlossen, drüben kann diskutiert werden. var flattr_wp_ver [...]
Ich finde es toll, dass hier auf Carta der Versuch unternommen wird, das Urheberrecht von Grund auf neu zu denken bzw. vom Kopf auf die Füße zu stellen und zentrale Begriffe wie “Öffentlichkeit” oder “Förderung von Kreativität” zur Grundlage zu machen.
Die Verwendung des Wortes Content führt aber dazu, dass alles Immaterielle in einen Container geschmissen wird. Warum ist das ein Problem? Weil es eben so’ne und so’ne Content-Industrie gibt.
Der oben als großer Welten-Richter zitierte Markt (das gute Kind) existiert ja nur als eine (!) Möglichkeit innerhalb unseres Rechtsrahmens Verfassung. Das heißt, die Verfassung greift mit ihren Paragrafen auch in den Markt ein und sagt: Es gibt Dinge jenseits von Angebot und Nachfrage, die uns, den Verfassungspatrioten, wichtiger sind als Angebot und Nachfrage.
Zur Musik z.B., da haben Sie Recht, steht nix im Grundgesetz, wohl aber zur Presse. Die Pressefreiheit wird “gewährleistet” steht in Art.5, Abs.1, Satz 2. Nun wäre die entscheidende Frage: Ist in dieser Pressefreiheit gleichzeitig auch ihre aktuelle materielle Gewährleistung (also ihr Geschäftsmodell) enthalten? Antwort: Das derzeit vorherrschende Geschäftsmodell ist natürlich nicht in dieser Gewährleistung enthalten.
Umgekehrt aber entspringt aus Art.5, Abs.1, Satz 2 logischerweise eine Förderpflicht dann, wenn durch das Versagen des vorherrschenden Geschäftsmodells die Pressefreiheit nicht mehr gewährleistet wäre. Diese Förderpflicht muss keinesfalls auf die real existierende Presse beschränkt sein, sondern könnte sehr wohl auch ganz neue Ansätze von Öffentlichkeit meinen.
In diesem Punkt wären wir dann wieder beieinander.
@Wolfgang Michal
Mir fällt bei Ihrem Beitrag gerade wieder auf, dass gerne zwei Dinge vermischt werden, die aber schon getrennt betrachtet werden müssen.
Das eine ist die Pressefreiheit und Meinungsfreiheit, die – im Sinne eines Rechtes auf freie Meinungsäußerung – nach Artikel 5 Grundgesetz geschützt ist.
Das andere ist die Frage des Urheberrechts. Art 14 Grundgesetz schützt das Eigentum, auch “geistiges Eigentum”. Der Schutz des geistigen Eigentums – wie bei Musik – wird ausführlich im Urheberrechtsgesetz behandelt.
@ 2. & 3. Ganz genau – der Text ist in vielen Passagen sehr richtig – aber er vernachlässigt doch die wirtschaftliche Seite des Urhebertums.
Ich denke, ich werde die Tage eine Antwort auf den Text hier schreiben.
Gruss,
RML
@Aufmerksamkeit
Wer vermischt hier was? Das Recht auf Meinungsfreiheit für jedermann und die Gewährleistung der Presse- und Rundfunkfreiheit werden in Art.5 durchaus getrennt voneinander erwähnt.
Zu Art.14: Da das Urheberrecht – bedingt durch die vorherrschenden, sehr einseitigen Verträge zwischen Urhebern und Verwertern – ein Verwerterrecht geworden ist, hat der Urheber relativ wenig von seinem “geistigen Eigentum”. Würde nun das “geistige Eigentum” dadurch, dass es sich in den Händen von ganz wenigen Verwertern konzentriert, verhindern, dass es dem Wohle der Allgemeinheit zugute kommen kann (weil z.B. der geistige Austausch über Gebühr behindert wird), dann müsste man über eine Reform (Eigentum verpflichtet!) zumindest nachdenken dürfen, oder?
@Wolfgang Michal Da haben Sie mich aber jetzt vollkommen missverstanden. Ich war noch gar nicht bei der Reform angekommen. Ich wollte auch Ihren Beitrag nicht kritisieren, ich habe ihn nur zum Anlass genommen – das meinte ich mit “Mir fällt bei Ihrem Beitrag gerade wieder auf, dass gerne zwei Dinge vermischt werden…” – nochmal auf die Unterschweidung hinzuweisen.
@ Robin Meyr-Lucht (4):
Fakt ist: Die wirtschaftliche Seite des UrhR sollte auch keine Rolle spielen. Zentrum war der kreative Umgang mit (fremder) kreativer Leistung. Das ist – natürlich – wahrhaft grandios gescheitert. Insofern aber auch demaskierend fur die Vermittler, also die Produzenten. Kunst und Kreativität wird seit langem [nur?] unter (markt-) wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet: “Was nix kostet ist nix wert”. Das färbt auch auf die Sicht auf das Kreative Werk und seinen Umgang damit ab.
Ich erlaub’ mir mal, auf meine einfacher und oberflächlicher formulierte Sicht aufs Panel hinzuweisen: http://www.gulli.com/news/f-r-n-gully-2010-05-25
@Wolfgang Michal: Die “Förderpflicht”, von der Du sprichst, ist im Prinzip ja schon realisiert, wenn auch nicht für die Presse. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk baut seit Jahrzehnten auf dieses Modell, weil es politisch so gewollt war. Im Ergebnis sehen wir hier heute einen monopolähnlichen Apparat, der jährlich rund 7 Mrd. Euro verschlingt und tendenziell nur immer noch größer und teurer wird.
Wollen wir so etwas künftig auch für die Presse? Wohl kaum. Ich plädiere deshalb, genau wie Felix Neumann, für mehr Vertrauen in den Markt. Dieser ist derzeit leider von einer massiven Überkapazität geprägt, die erst abgebaut werden muss, bevor Preismodelle wieder greifen werden.
Dazu kommt, dass im Internet nicht mehr so ohne Weiteres zwischen “Presse” und “Rundfunk” unterschieden werden kann. Die Medienkonvergenz bringt es mit sich, dass künftig jeder Anbieter alles sein kann. Wer will da entscheiden, ob die “Pressefreiheit” nicht mehr gewährleistet ist, nur weil es vielleicht zu wenig Nachrichten von Form von Texten gibt, während daneben aber der Bewegtbildjournalismus ausführlich berichtet und vom Publikum auch goutiert wird?
Doch wir kommen ab vom Kern der Sache, dem Urheberrecht. Ich sehe für das digitale Zeitalter primär die Minimalforderung, dass der Urheber stets genannt und verlinkt werden sollte. Das sollte auch in einer Kultur der Mashups, Remixes und Fanvideos möglich sein.
8: “Ich sehe für das digitale Zeitalter primär die Minimalforderung, dass der Urheber stets genannt und verlinkt werden sollte. Das sollte auch in einer Kultur der Mashups, Remixes und Fanvideos möglich sein.”
I call it “Respekt”.
SCNR
Ein sehr lesenswerter Beitrag, Danke!
Allerdings frage ich mich, ob eine naturrechtliche Argumentation gegen Knappheit soviel bringt und nicht einfach die Vorzeichen in einem naturrechtlichen Urheberrechtsdiskurs austauscht. Knappheit ist ja eine soziale Konstruktion. Wäre die Frage nicht vielleicht eher, ob wir inzwischen mehr Gründe haben, der Konstruktion bei Immaterialgütern nicht zu trauen als zu trauen?
Das ist ja alles schoen und gut und natuerlich darf die Meinungsfreiheit nicht mit den Waffen des Urheberrechts angegriffen werden und ebensowenig sollten ueberkommene Geschaeftsmodelle der Verwertungsindustrie am Leben erhalten werden.
Aber ich fuer meinen Teil habe ein grosses Interesse daran, nichttriviale Kunst zu konsumieren. Jeder, der zB ernsthaft ein Instrument spielt, weiss, wieviel Lebenszeit investiert sein will, um es auch nur auf einem Liebhaberniveau zu beherrschen. Das reicht mir als Rezipient nicht aus (Ausnahmen bestaetigen wie immer die Regel). Um das auf einem wirklich bemerkenswerten Level (sei es als Instrumentalist, aber auch als Komponist, Texter, Autor, bildender Kuenstler, etc) machen zu koennen, muss man das meiner Meinung nach als Hauptbeschaeftigung tun koennen, nicht unbedingt jeder, aber doch die Spitzenkraefte, es bleibt nun mal auch ein Handwerk. Und leider ist das Maezenatentum nicht soweit verbreitet, dass diesen Leuten dadurch der Broterwerb gesichert ist. Ich jedenfalls bin gerne bereit, dafuer auch meinen finanziellen Beitrag zu leisten, aber ich denke, dass es durchaus eine Infrastrukturaufgabe des Staates ist, die Moeglichkeit zu schaffen, dass diese finanziellen Beitraege auch bei den richtigen ankommen bzw den auf hohem Niveau Kulturschaffenden eine Moeglichkeit zu schaffen, ihr gut so zu verknappen (“du kannst mich nur hoeren, wenn du meinen Tontraeger oder ein Konzertticket kaufst”), dass sie darueber ihr Gut “Kultur” gegen einen Lebensunterhalt tauschen koennen. Da greifen Argumente der Art “wenn sie denn so kreativ sind, dann werden sie schon die innere Not verspueren, die Werke zu schaffen, egal ob sie davon ihre Broetchen bezahlt bekommen oder nicht” zu kurz. Dies wuerde schnell dazu fuehren, dass eine grosse Klasse von kulturell und damit auch gesellschaftlich wuenschenswerten Werken nicht mehr geschaffen werden.
@Matthias: Die Gewährleistung in Art.5 bezieht sich sowohl auf die Pressefreiheit als auch auf die Rundfunkfreiheit. Beide sind separat erwähnt. Und die Rundfunkanstalten verlangen meines Wissens bislang kein Leistungsschutzrecht… (kein Wunder, wirst du sagen, die brauchen es ja auch nicht, und ich werde sagen: Sind die Burda, Springer, Holtzbrinck, Bertelsmänner nicht jetzt schon alle Multimillionäre?).
Also: Die Förderung von “ganz neuen Ansätzen von Öffentlichkeit” meint natürlich nicht den Rundfunk, denn der ist ja nicht “ganz neu”. Den öffentlich-rechtlichen Gedanken könnte man aber auch im Internet neben den privat-kommerziellen stellen. Programme wie Arte und 3Sat wären mir jedenfalls wichtiger als Kabel1 und 9Live.
Im übrigen gilt natürlich: Nicht die Kultur ist ein Teil der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft ist ein Teil der Kultur. Das vergessen die Marktverabsolutierer gern.
@Aufmerksamkeit: Sorry, “bei Ihrem Beitrag” hab ich auf mich bezogen.
[...] Felix Neumann: Anforderungen an ein neues Urheberrecht carta.info: Eine funktionierende Öffentlichkeit soll das eigentlich schützenswerte Rechtsgut in der Urheberrechtsdebatte sind. (tags: urberrecht reform carta.info 2010 05/2010) [...]
Warum muss Popmusik eigentlich ein dickes Business sein? Oper, Ballett, Theater, Klassik sind es doch auch nicht.
@hanno Soweit ich weiss, ist das Betreiben einer Oper auch kein billiges Vergnuegen, auch wenn da (wieder bis auf Ausnahmen) nicht viel verdient wird.
Der Öffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues Urheberrecht — CARTA…
Die Urheberrechtsdiskussion geht weiter, diesmal ein provokativer Beitrag von Felix Neumann/Carta:
Eine funktionierende Öffentlichkeit soll das eigentlich schützenswerte Rechtsgut in der Urheberrechtsdebatte sein. Ganz liberal betrachtet: Die Diskussio…
@Robert, warum fordert dann die Popmusikindustrie massive wirtschaftliche und juristische Privilegien auf Basis ihrer kulturellen Relevanz ein, während die Oper- oder Ballettindustrien das nicht tun?
Ach, es baut sich jeder seine Popanze zurecht, auf die er dann eindreschen kann.
Z.B. hat man immer gleich einen schönen Popanz, wenn man an de Worte ein -industrie dranhängt. Zum Beispiel “Literaturindustrie”, “Lyrikindustrie”, “Musikindustrie”.
Entschuldigung, wo bitte gibt es denn noch eine “Musikindustrie”? Die Branche ist nahezu inexistent. In Deutschland setzt die gesamte Musikwirtschaft 2009 1,8 Mrd. Euro um (Dt. Telekom: 64 Mrd). Umsatz, wohlgemerkt. Die Hälfte landet bei Handel und Großhandel. Bei den Labels kommt nicht viel an, bei den Künstlern circa 10%. Es ist eine prekäre Branche, genau wie das Verlagswesen. Wer diese Branche angreift, greift nicht “die Reichen” an, sondern einen kaputte Kleinbetriebe und Mittelständler.
Dann gibt es immer – auch in den Kommentaren – das dümmlichste aller dümmlichen Argumente: “Wieso soll denn einer durch Popmusik reich werden?” Dieses Argument ist dümmlich, weil es mit den sozialen Tatsachen im Grunde nichts zu tun hat. In Wahrheit kommt von 1.000 Musikern maximal einer zu Wohlstand, und von 100.000 zwei oder drei mega-reich werden – der Rest zahlt bei diesem “Geschäft” sowieso nur noch drauf. Und dass “Berufsschriftsteller” schon heute ein Subventionsberuf ist, dürfte auch bekannt sein.
Warum diese ohnehin schon massiv unterbezahlte Arbeit der Hungerleider der Öffentlichkeit billigst zur Beute gemacht werden soll, ist mir daher überhaupt nicht klar. Mit der gleichen Berechtigung könnte man argumentieren: Wenn diese Öffentlichkeit angeblich ein so existenzielles Interesse an Kultur hat, warum will sich dann keiner an der Finanzierung beteiligen?
Wer den allgemeinen Zugang zur Kultur möglichst frei halten will, der sollte sich auch Gedanken darüber machen, wie er die Produktionsbedingungen von Kultur schützt. Denn auch “Immaterialgüter” beruhen auf materieller Reproduktion. Warum soll denn die materielle Reproduktion der “Kulturschaffenden” ein weniger schützenswerter Faktor sein? Wenn man über die Rahmenbedingungen von Kultur nachdenkt, kann man sich doch nicht so einfach vor dem Problem der Produktionsbedingungen wegpissen.
In diesen Debatten sind die Künstler immer die Schwächsten. Was Antje Schrupp schreibt, ist ein Rückfall in die Ausbeutungsschemata des 18. Jahrhunderts bzw. in feudale Produktionsmodelle. Natürlich haben früher Adelige geschrieben und nicht des Geldes gedacht. Und Frauen haben gratis geschrieben, weil sie gar kein Geld verdienen durften. Als Pianistin öffentlich aufzutreten wie Clara Schumann – das war noch im 19. Jahrhundert nah an der Hurerei. Und die frühere Frauen-Entrechtung soll jetzt wieder Vorbild sein?! Die Buchdrucker haben ja alle als Raubdrucker begonnen und es dauerte eine Weile, bis dieses Raubdruckertum überwunden war – und jetzt kommen ausgerechnet so “fortschrittlich” Gesinnte daher und planen das Berufsschriftstellertum wieder abzuschaffen und das Raubdruckertum wieder einzuführen. Zur Erinnerung: Die Entstehung der demokratischen Öffentlichkeit hat auch sehr viel mit der Ausformung und Gewährleistung von Urheberrechten zu tun.
Das Lustigste an der Debatte ist, das palastartige Theoriegebäude rund um die “Immaterialgüter” konstruiert werden, um die Entrechtung der Künstler zu rechtfertigen – während das wahre Motiv für diesen denkerischen Aufwand nichts mit Demokratie und Gleichheit aller in den öffentlichen Debatten zu tun hat, sondern nur mit einem ganz einfachen materiellen Aspekt: Man möchte einfach alles gratis haben. Im Idealfall ünernehmen die Künstler auch noch die Versandkosten für die Hardcopy?
Zum Schluss nur nebenbei: Auch das sogenante geistige Eigentum unterliegt dem Gebot der sozialen Bindung wie anderes Eigentum in Deutschland auch. Die Tür, gegen die du rennst, ist sowieso schon ziemlich weit offen und niemand hat vor, sie zu schließen. Das Zitatrecht ist im geltenden Urheberrecht festgeschrieben und eignet sich überhaupt nicht, um den Hebel für die allgemeine Entrechtung der Urheber anzusetzen.
@ Brett: Sehr schön formuliert, finde ich:
“ein Rückfall in die Ausbeutungsschemata des 18. Jahrhunderts bzw. in feudale Produktionsmodelle. Natürlich haben früher Adelige geschrieben und nicht des Geldes gedacht. Und Frauen haben gratis geschrieben, weil sie gar kein Geld verdienen durften.”
Morgen eine Repblik von mir zu obigen Text auf Carta.
robin
(Je nach Definition) liegt ein Marktversagen vor, wenn es externe Effekte gibt, die nicht eingepreist werden. In diesem Sinne handelt es sich bei dem Phänomen, dass sich Content nicht verkaufen lässt sehr wohl um ein Marktversagen. Das spiegelt sich auch sehr schön in dem Satz wider: “Immaterialgüter verkaufen zu wollen ist aus einer naturrechtlichen Perspektive so sinnvoll wie Luft verkaufen zu wollen.” Beim Handel mit CO2 Emissionsrechten wird sehr wohl Luft verkauft und das ist überaus sinnvoll. Denn bei der Emission von Abgasen entsteht ein negativer externer Effekt, den man gerne einpreisen möchte, um ihn zu begrenzen. Bei der Bereitstellung von Content als allgemein verfügbares Kulturgut entsteht ein positiver externer Effekt. Als positiven Effekt möchte man den natürlich fördern anstatt ihn zu begrenzen. Wie man das am besten erreicht ist eine sinnvolle ökonomische Frage. So oder so kann man aber sehr wohl von einem Marktversagen sprechen und es ist sehr wohl Aufgabe der Politik hier regulierend einzugreifen.
Diesem Marktversagen begegnet die Politik momentan mit zwei unterschiedlichen Mechanismen. Zum einen ist da das Urheberrecht, welches (den Zugriff auf) Content künstlich verknappen soll. Dadurch wird (zumindest theoretisch) das Marktversagen behoben und der positive externe Effekt (weitgehend) neutralisiert. Zum anderen ist da die Kulturförderung aus Steuermitteln, die den positiven externen Effekt (das Kulturgut als öffentliches Gut) verstärken soll, da wohl bekannt ist, dass öffentliche Güter in einem effizienten Markt nicht ausreichend produziert werden. Diese Mechanismen sind sehr unterschiedlich, da im ersten Fall aus einem öffentlichen Gut ein knappes Gut gemacht werden soll, während im zweiten Fall das öffentliche Gut als öffentliches Gut am Leben gehalten werden soll. Das erklärt auch die Unterschiede zwischen Popmusik einerseits und Oper andererseits.
Beide Mechanismen haben ihre Nachteile und in Anbetracht der technologischen Revolution (in Bezug auf die Verbreitung von Content) ist es höchste Zeit sich über neue Mechanismen Gedanken zu machen. Dabei kann ein Ansatz sein sich einfach auf die dem Menschen innewohnende Lust am kreativen Ausdruck zu verlassen. Ein anderer kann sein auf ein florierendes Mäzenatentum zu bauen. Ich persönlich denke, dass es hier völlig neue Ideen braucht. Die Tatsache, dass hier ein Marktversagen vorliegt, macht aber deutlich, dass dies sehr wohl politische Fragen sind. Man kann sich ihrer nicht entledigen, indem man der Industrie sagt, sie solle sich einfach ein neues Geschäftsmodell einfallen lassen. Obwohl es natürlich schön wäre, wenn sich ein Geschäftsmodell fände, dass einen politisch realisierten Mechanismus überflüssig macht.
@Felix Breuer
Darüber, ob hier externe Effekte vorliegen, die nicht eingepreist werden, kann man trefflich streiten. Mir scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein: Aufgrund der massiven Quantität der Angebote ist der externe Effekt des einzelnen Angebots vielfach vernachlässigbar klein. Man möchte aber eben (da Kosten für die Bereitstellung entstehen) trotzdem Geld dafür haben. Und genau da ist es eben nicht ein Versagen des Marktes sondern ein Versagen der Anbieter, sich nicht über entsprechende Kreuzfinanzierungsmöglichkeiten Gedanken zu machen. Denn wenn die Bedeutung des externen Effektes des einzelnen Angebots tatsächlich vom Nachfrager als vernachlässigbar gesehen wird, dann wird er sich woanders bedienen. Der Markt funktioniert dabei wunderbar: Für Angebot gegen unendlich tendiert der Preis gegen Null. Entweder ich kann bieten was eben NICHT jeder bieten kann (und, wichtig, was auch so wahrgenommen wird) oder ich muss mir über andere Finanzierungsmöglichkeiten Gedanken machen – oder aber, als Ultima Ratio, ich stelle das Anbieten ein und spare mir die damit entstehenden Kosten. Das wäre bedauerlich, aber den Dinosauriern erging es auch nicht besser. Wer sich nicht anpassen kann an die Gegebenheiten, der stirbt eben aus.
@OH
In vielen Fällen ist es sicherlich richtig, dass einzelne Inhalte verschwindend geringe externe Effekte haben. Aber das ist bei anderen öffentlichen Gütern genauso: Der positive externe Effekt eines Quadratmeters Straße am Ortsrand von Kleinmachno ist ebenso vernachlässigbar wie der negative externe Effekt eines Streichholzes. Nichtsdestotrotz sind Straßenbau und Treibhausgasemission öffentliche Güter mit externen Effekten und das ist bei Kultur genauso.
Es liegen also externe Effekte vor, aber das tut deinem eigentlichen Argument keinen Abbruch. Wenn ich dich richtig verstehe, bringst du zwei Punkte vor:
Erstens: Ausschlaggebend für die Schwierigkeiten Inhalte zu monetarisieren, ist ein Überangebot an Inhalten. In einigen Bereichen (beispielsweise der Popmusik) mag das durchaus stimmen, aber ich bin nicht überzeugt, dass diese Beschreibung im Großen und Ganzen zutrifft. Gibt es dafür empirische Belege, jenseits der Tatsache, dass Monetarisierungsschwierigkeiten bestehen?
Zweitens: Das Urheberrecht macht es der Industrie zu bequem und schafft keine Anreize, sich mit alternativen Geschäftsmodellen wie der Kreuzfinanzierung ernsthaft auseinanderzusetzen. Dass das Urheberrecht falsche Anreize setzt und dass es in puncto Geschäftsmodell zu wenig Innovation gibt, dem kann ich voll und ganz zustimmen. Dass die Kreuzfinanzierung allein es leisten kann Inhalte ausreichend zu finanzieren, glaube ich nicht.
Das Argument gegen die politische Diskussion von Geschäftsmodellen scheint meist folgendermaßen zu laufen: 1) Das (verknappende) Urheberrecht hat marktverzerrende Effekte. Das ist ohne Zweifel richtig, denn es dient ja eben der Beseitigung eines externen Effekts. 2) Diese Marktverzerrung hat nicht (mehr) die gewünschte Wirkung. Dem stimme ich persönlich zu. Wobei aber zu wenig darüber gesprochen wird, was *genau* die gewünschte Wirkung denn nun ist. 3) Schafft man diese Marktverzerrung ab, wird der Markt es schon richten. Dieses Marktvertrauen teile ich nicht.
Mein Punkt ist, dass es sehr wohl Aufgabe der Politik ist, sich über die richtige Form des Eingriffs in den Markt Gedanken zu machen und “die Diskussion über Geld, Leistung und Geschäftsmodelle” eben nicht nachgelagert ist. Ich bin allerdings auch davon überzeugt, dass das bestehende Urheberrecht der falsche Mechanismus ist.
@Brett, der Herr Gorny arbeitet für den “Bundesverband Musikindustrie”. Die nennen sich also selbst so.
Und dieser Verband fordert weitreichende wirtschaftliche Sonderrechte für sich und staatlich durchgesetzte Beschränkungen für Bürger und begründet dies mit einer gesellschaftlichen Sonderstellung, die objektiv betrachtet nicht existiert.
Die Musikindustrie wünscht sich u.a., dass ein Computer nicht mehr von seinem Besitzer kontrolliert werden kann (DRM) und dass bestraft wird, wer dies umgehen will. Dass die Übertragung von Musik auf gekauften Tonträgern auf den eigenen MP3-Player illegal ist. Oder dass ein Provider den Internetverkehr der Nutzer inhaltlich kontrolliert (DPI gegen P2P) und ggf. ohne richterliche Kontrolle auf Zuruf sperrt (Internetsperren, 3-Strikes).
Es sind diese Einschränkungen meiner Freiheit, die verärgern. Ich z.B. will nicht “einfach alles gratis haben”, habe einen sehr vollen Schrank mit brav gekauften Tonträgern und auch ein wenig eigene Erfahrung über die Lage von Musikern und Tonträgervertrieben.
Sich beim obigen Posting von der wirtschaftlichen Betrachtungsweise abzuwenden, finde ich gut. Ebenso gefallen mir die Ausführungen dazu, dass keine Branche eine Bestandsgarantie hat.
Über „Öffentlichkeit“ und „öffentliche Meinungsbildung“ hätte ich gerne mehr gelesen. Die Schlussfolgerungen zu „Immaterialgütern“ finde ich wenig treffend. Sie haben geschrieben:
„Immaterialgüter verkaufen zu wollen ist aus einer naturrechtlichen Perspektive so sinnvoll wie Luft verkaufen zu wollen. (…) Die Natur von Immaterialgütern passt hervorragend zur Öffentlichkeit: (…) Es passt zur Natur des Immaterialguts und es liegt in der Natur des Menschen, Kontexte und Bezüge herzustellen, darüber zu reden, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern zu produzieren und weiterzuentwickeln.“
Das Urheberrecht ist ein Immaterialgut, aber als solches nicht handelbar. Es kann nur im Falle des Todes übertragen werden. Das war’s. Übertragbar sind ausschließlich die Nutzungsrechte. Insoweit hätte ich im Posting lieber etwas über Nutzungsrechte der Urheber gelesen. An der Urhebereigenschaft kommt niemand bei Werken vorbei. Irgendjemand (oder eine Gruppe von Menschen) muss das Werk mal ‚geschaffen‘ haben. Wie’s genutzt wird, ist die sich hieran anknüpfende Frage. Nicht alles muss öffentlich gemacht werden. Private Nutzungen werden beim jetzigen Urheberrecht überwiegend außen vor gelassen. Summen und Singen geht auch nach heutigem Recht, nur nicht bei offiziellen Veranstaltungen. (Was spricht dagegen, den Urheber oder/und Verwerter bei offiziellen Veranstaltungen zu entlohnen?)
Dann gibt es etliche Immaterialgüter, die handelbar sind und nicht an Urheber geknüpft sind. Hier seien Kundenadressen und Geschäftskontakte von Unternehmen genannt. Öffentlichkeit wäre bei diesen Immaterialgütern schädlich! Der Begriff der Immaterialgüter ist viel weiter als oben im Posting dargestellt.
‚Kunst und Kultur‘ sind schützenwert, ‚öffentliche Meinungsbildung‘ auch. Urheber wird es immer geben. Fragt sich nur, wie die Nutzungen zukünftig zu gestalten sind. Die Rechte des Urhebers sind im Lichte der anderen schutzwürdigen Güter auszulegen, sicher. Aber hier undifferenziert vom Verkauf von ‚Luft‘ zu sprechen als auch zu behaupten, die Natur von Immaterialgütern passt in die Öffentlichkeit, passt gerade nicht.
drüben jetzt eine Replik von mir:
http://carta.info/27976/nicht-die-immaterialgueter-sind-knapp-sondern-die-professionellen-ressourcen/
gruss,
rml
[...] vorgeworfen. Deshalb spielt das Reich der Mitte in der Asien-Strategie des …WeiterlesenMay25Der Öffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues … – CARTACARTADas SIGINT-Panel zum Thema Urheberrecht (meine Einführung dazu hier) hätte der Ausschreibung [...]
@ Felix Breuer,
ich stimme ihnen beim Thema Marktversagen prinzipiell zu, aber in der genauen Betrachtung haben sich dort leider Unschärfen eingeschlichen. Hier herrscht kein externer Effekt vor.
Es gibt vier konstituierende Ursachen für Marktversagen:
1. Marktmacht
2. Asymmetrische Information
3. Externe Effekte
4. Öffentliche Güter
Was im Kreativwirtschaftsmarkt passiert, ist, dass vormals private Güter digitalisiert werden. Sie verlieren Rivalität (was Felix Neumann etwas unscharf mit “Knappheit” bezeichnet), sie wechseln also die Gütergruppe von Privaten Gütern zu Mautgütern. Nun verlieren Kreativwirtschaftsgüter durch die fehlende Durchsetzbarkeit von Urheberrechten auch teilweise ihre Exklusivität, und damit wechseln sie ein zweites Mal die Gütergruppe. Sie sind im Prozess, öffentliche Güter zu werden.
Für öffentliche Güter gibt es keine Märkte. Das konstituiert ein Marktversagen.
Die Aufgabe des Gesetzgebers ist es nun, zu prüfen, ob das Marktversagen mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu reparieren ist. das heisst, er muss genau absehen, ob er die Exklusivität von Kreativwirtschaftsgütern widerherstellen kann, OHNE Kollateralschaden beim Datenschutz einzugehen.
Ist das objektiv nicht möglich, heißt das: Kulturflatrate (oder ein anderes Konzept der pauschalen Entlohnung), und es heisst auch, dass der Staat Kreativwirtschaftsgüter selbst bereitstellen muss, wie er andere öffentlichen Güter ebenfalls bereitstellt (Parks, Öffentlicher Rundfunk, Landesverteidigung…).
Das Problem hängt aber nicht daran, dass der Statt diese Aufgabe nicht begriffen hat, sondern dass seine Regulierungskompetenz als Gesetzgeber für den gewsellschaftlichen Raum “Internet” nicht ausreichend ausgebildet ist. In den letzten 3-4 Jahren in denen sich das Internet von einem Medium zu einem kompletten gesellschaftlichen Raum wandelte konnte man diese Kompetenz nicht so schnell ausbilden. Deswegen haben wir nun die Internetenquette
In der Zwischenzeit geht die Kreativwirtschaft dann halt vor die Hunde.
Gruß,
Stefan
@Breatt:
100% ack.
Und 100% gibt es sehr selten. :-)
Stefan
@Hanno Zulla Ja, die nennen sich ganz gerne Musikindustrie, um sich selbst wirtschaftliche Relevanz zu verleihen. Es geht mir aber nicht um die die Manager, es geht mir vor allem darum, in der ganzen Debatte um “Öffentlichkeit” hier und “Musikunternehmen” dort nicht die zu vergessen, die momentan schon am meisten geben und am wenigsten bekommen – also die Künstler.
Und damit noch etwas zum Punkt “Marktversagen”: Der Markt, wie er bis vor wenigen Jahren existierte, war ebenfalls ein schlimmer “Versager”. Wahrscheinlich weint ihm deshalb instinktiv keiner eine Träne nach. Denn dieser alte Markt war der Markt der Manager und der Konzentration auf wenige “Stars”. Es war ein Markt, der Talente korrumpierte. Und viele Talente zerstörte. Ohne “Vertrag” konnte man gar keine Plate herausbringen. Dieses ganze Superstar-Gewese, was mit Kultur in den meisten Fällen wenig zu tun hat und das inzwischen in immer mehr Bereiche hineinwuchert, die vor einigen Jahren noch relativ intakt erschienen, z.B. in die Architektur, ist ja die Folge eines Marktes, der in der Tat vorrangig von den Gewinnstrategien der Vermittler bestimmt wurde. Es wurde marktbezogen produziert. Es war die Zeit des “short tails” und diese Zeit ist ja mitnichten vorbei. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstallten sind ja bezahlte Verhinderer von musikalischer Kreativität. Der Buchhandel orientiert sich immer mehr in Richtung Bestseller. Kleinverlage waren seit den 60er Jahren nicht mehr so klein und unbedeutend wie heute. Und im “alten” Markt wurden die Einkommen dramatisch ungerecht verteilt: Einige wenige, wirklich extrem wenige, verdienten über 100 Millionen, Mc Cartney und Rowling wurden Milliardäre etc. – die breite Masse beisst dagegen Tag für Tag nur in die Kruste von trockenem Brot. Gar keine Frage: Der bisherige Markt war kein Idyll für die Künstler, sondern eher ein brutaler Mechanismus, um Träume wachzuhalten. Sehr schön dazu der Erfolgsschriftsteller Andreas Eschbach (http://www.andreaseschbach.de/schreiben/schreiben.html):
“‘Schriftsteller werden reich.’ Die Wahrheit ist, dass die meisten Schriftsteller nicht einmal notdürftig vom Schreiben leben können. Verschiedene Untersuchungen ergeben immer wieder, dass die Hälfte aller veröffentlichten Schriftsteller weniger als 3000 € pro Jahr (!) verdienen, und man schätzt, dass weniger als 100 Autoren in Deutschland vom Schreiben allein leben können. Wobei Deutschland mit Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zusammen der drittgrößte Buchmarkt der Welt ist; in kleineren Sprachräumen sieht es noch wesentlich düsterer aus.”
Unter einem anderen Aspekt hat sich für die Schreiber und Musiker in den letzten Jahren einiges verbessert. Die Produktionskosten z.B. für eine brauchbare Ton-Aufnahme sind “demokratisiert” worden – im Grunde kann sich heute jeder Teenager selbst produzieren. “Drucken entsprechend der tagesaktuellen Nachfrage” ist ebenfalls eine Revolution zugunsten der Demokratisierung. Daraus ergeben sich neue Chancen und neue Marktbedingungen. Die Marktmacht konzentriert sich unterdessen immer mehr hin zum Handel (z.b. Thalia und Hugendubel, die schon rückwirken auf die Verlagsprogramme, oder im Musikbereich der Äppel-Musicstore), allerdings eine gegenläufige Tendenz bei Amazon.
Wie auch immer, es geht um faire Voraussetzungen für die Künstler. Dazu gehört auch ein faires Verwertungsrecht. Vielleicht kommt man ja zu ganz neuen Lösungen wie z.B. dass jeder Song, der 50.000 kostenpflichtig heruntergeladen wurde, danach rechtefrei ist.
Alle die Zwischenstufen zwischen den “Machern” und den Hörern, Lesern und Zuschauern, sind mir relativ egal (obwohl ich glaube, dass eine lebendige Kultur auch diese Produzenten, Kuratoren, Galeristen, Verleger, Lektoren und Impressarios braucht).
@Felix Breuer
Zu zwei Punkten ganz konkrete Einwände:
“In vielen Fällen ist es sicherlich richtig, dass einzelne Inhalte verschwindend geringe externe Effekte haben. Aber das ist bei anderen öffentlichen Gütern genauso: Der positive externe Effekt eines Quadratmeters Straße am Ortsrand von Kleinmachno ist ebenso vernachlässigbar wie der negative externe Effekt eines Streichholzes. Nichtsdestotrotz sind Straßenbau und Treibhausgasemission öffentliche Güter mit externen Effekten und das ist bei Kultur genauso.”
Der positive externe Effekt eines Quadratmeters Straße am Ortsrand von Kleinmachno ist für die Einwohner von Kleinmachno nicht notwendigerweise als vernachlässigbar zu sehen. Weswegen diese über die Höhe der Erschließungskosten zwar schlücken mögen, grundsätzlich aber durchaus bereit sind, dafür zu zahlen. Für die Einwohner einer Stadt am anderen Ende der Republik sieht der gleiche Quadratmeter schon wieder ganz anders aus.
“Erstens: Ausschlaggebend für die Schwierigkeiten Inhalte zu monetarisieren, ist ein Überangebot an Inhalten. In einigen Bereichen (beispielsweise der Popmusik) mag das durchaus stimmen, aber ich bin nicht überzeugt, dass diese Beschreibung im Großen und Ganzen zutrifft. Gibt es dafür empirische Belege, jenseits der Tatsache, dass Monetarisierungsschwierigkeiten bestehen?”
Erstens habe ich versucht herauszustreichen, dass es für die Bewertung des immateriellen Gutes durch den Abnehmer wichtig ist, was für einen subjektiven Eindruck dieser hat. Ob ein reales Überangebot vorliegt ist also sekundär zur Frage ob eines wahrgenommen wird. Fühlt sich der Einzelne übersättigt und sieht mehr als genug Optionen für seine persönlichen Bedürfnisse tritt der subjektive Wertverfall bereits auf.
Zweitens: Ich kann heute spielend leicht Nachrichten aus Malaysia zeitnah und aus erster Hand bekommen. Alles was ich dazu tun muss, ist die Buchstaben “http://www.nst.com.my/” in einem Webbrowser einzugeben. Analoges gilt für Nachrichten aus jedem beliebigen anderen Land, dessen Sprache ich spreche. Wollte ich vor 20 Jahren auch nur den “Standard” aus Österreich lesen, hätte ich es im Bahnhofs- oder Flughafenzeitungshandel oder bei einer kleinen Handvoll anderer Läden probieren können, mit relativ magerer Chance auf Erfolg und vermutlich die Ausgabe von Vortag. Heute reicht http://www.derstandard.at. Vor ein paar Jahren hatte man der New York Times noch attestiert, alles richtig zu machen, als sie zumindest die Angebote ihrer berühmten Kommentatoren hinter einer Bezahlschranke versteckte. Aber im Zeitalter von Blogs gibt es Kommentatoren wie Sand am Meer, davon viele auch durchaus berühmt und kompetent. Selbst für den Wissensteil der Zeitungen gibt es Alternativen: Wozu sich von einem Wissenschaftsjournalisten den Klimawandel erklären lassen, wenn man auf Seiten wie realclimate.org mit Klimaforschern direkt in Dialog treten kann. Wenn es um Filmkritiken geht hat ein Harry Knowles von Aint It Cool News vermutlich mittlerweile ähnlich viel Einfluss wie ein Roger Ebert.
etc. ad nauseam. Nicht zuletzt stehen dem einen, der etwas professionell macht, 50 oder mehr gegenüber, denen etwas Spaß macht, die aber mit anderen Dingen ihre Brötchen verdienen. Wenn von den 50 nur 5 sich zusammentun und ein kostenloses Webangebot erstellen hat der eine Profi ein Problem. Wenn er es nicht schafft, seinen Mehr-Wert an den Abnehmer zu kommunizieren, geht er unter.
Schau Dich mal als Alternativbeispiel im Gesundheitswesen um. Da herrscht auch ein unheimlicher Kostendruck und in manchen Bereichen der Medizintechnik gibt es durchaus etliche Anbieter in einem extrem breiten Preisspektrum. Entweder dem Hochpreis-Hightech-Unternehmen aus Deutschland gelingt es zu kommunizieren, warum seine Geräte den doppelten Preis der Geräte aus China verdienen – oder es geht unter. Warum sollte das im Medien-Bereich anders sein?
@Stefan und @OH
Dem was ihr geschrieben habt, kann ich voll und ganz zustimmen. Ich habe nur noch drei kleine Anmerkungen.
Zum Thema “externe Effekte” möchte ich Wikipedia zitieren: “In der Literatur werden öffentliche Güter teilweise auch als Fall positiver Externalitäten gesehen.” Das ist auch meine Sichtweise. Aber wenn ihr es vorzieht diese beiden Phänomene als disjunkt anzusehen, kann ich mich dem auch anschließen.
@Stefan: Ich finde nicht, dass unbedingt die erste Priorität sein muss, durch effektive Regulierung das Nutzungsrecht durchzusetzen. Ich stehe dem Nutzungsrecht genau wie Felix Neumann skeptisch gegenüber, bin aber trotzdem der Meinung, dass die Politik sich auch über Geschäftsmodelle Gedanken machen muss. (Dass die Politik sich dessen bewusst ist, ist mir klar. Mir ging es darum Felix Neumann darin zu wiedersprechen, dass die Diskussion über Geschäftsmodelle nachgelagert sei.)
@OH: Natürlich dürfen Freizeit-Kommentatoren ihre Arbeit kostenlos veröffentlichen, und wenn diese genauso gut ist wie die von Profis, dann entsteht den Profis Konkurrenz mit einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis. Völlig richtig. Ich habe meinerseits eher an das Problem mit “Raubkopien” gedacht, dass der Filmindustrie Probleme bereitet (weil beispielsweise die Erlöse aus dem DVD-Verkauf massiv zurückgehen). Ich denke es ist sinnvoll, hier zwischen verschiedenen Inhalten zu differenzieren, je nachdem ob sie sich in der “Freizeit” und ohne allzu große Investitionen schaffen lassen oder nicht.
@Brett:
Es tut mir leid, aber ihre Darstellung vom Musikmarkt kann ich nicht ganz nachvollziehen. Es gibt in Deutschland (noch) ca. 1600 Tonträgerunternehmen (ja, auch eine Mp3-Datei ist ein Tonträger), davon sind dann 1596 Independents, die Musik fernab vom Massenmarkt produzieren und teilweise schillernde und spannende Kulturnischen bedienen.
Es ist nicht richtig, dass nur die Stars davon leben können. Ich selber betreibe ein Independent-Label mit 4 Angestellten. In der Zeit von 1998 bis 2002 konnten wir fünf Arbeitsplätze schaffen, indem wir Musikgruppen einen Status aufbauten, der es ihnen ermöglichte, von ihrer Musik zu leben.
Seit 2003 (seitdem Musikm mehr digital kopiert als gekauft wird) haben wir keinen einzigen Arbeitsplatz mehr schaffen können, und drei der fünf Arbeitsplätze bei den Künstlern sind wieder verschwunden.
Ich halte das durchaus für repräsentativ für den Tonträgermarkt. Es mag sein, dass dieser Independentmarkt zu abgekoppelt vom Mainstream ist. Er findet in Radios kaum und im Fernsehen schon mal garnicht statt, Aber das ist nicht die “Schuld” des Musikmarktes, sondern bewusste Entscheidung der Medien. Es gibt einen großen Musikmarkt jenseits des Mainstream.
Essentiell ist aber, dass mir die Künstler trotz des Marktversagens die Tür einrennen, denn sie wissen, dass sie in diesem Markt ohne potenten Vermarkter nicht bestehen können. Neben den dringend benötigten Produktionsmitteln brauchen sie ebenfalls eine andere ressource: die neue knappe Ressource heisst “Aufmerksamkeit”
Natürlich brauchen Künstler faire Konditionen, aber diese von dem Anrecht der Verwerter auf Marktgerechtigkeit abtrennen zu wollen halte ich für einen kapitalenj Irrweg. Solange es noch keine Leistungsfähigen Geschäftsmodelle für Autoren ohne Verlage oder für Bands ohne Plattenfirmen gibt, solange ist dies das beste Modell was wir haben.
Und neue Geschäftsmodelle werden sich erst dann entwickeln können, wenn das Marktversagen beendet ist. Bis dahin heisst es darben. für autoren, für Kreative und für die lagelen Kunden.
Stefan
“Die Diskussion über Geld, Leistung und Geschäftsmodelle ist nachgelagert”, das erklärt den Flattr-Button unter dem Artikel…