Matthias Schwenk | 15 Kommentar(e)
Eine Medienkonferenz mit Arthur Sulzberger Jr. von der NYT in Deutschland, hochkarätiger geht es eigentlich nicht mehr. Dennoch war die “Future Face of Media” eher trocken und uninspirierend. Warum lähmt das Internet deutsche Medienanbieter, anstatt sie zu beflügeln? Eine Nachlese und Antwortsuche.
19.05.2010 |
Wie veranstaltet man eine gute Konferenz? Man lädt einige namhafte Vertreter einer Branche ein und lässt sie auf dem Podium zu aktuellen Fragestellungen diskutieren. So jedenfalls muss sich die Maleki Group das gedacht haben, als sie die Future Face of Media geplant hat. Leider ging die Rechnung in diesem Fall nicht auf.
Denn im Ergebnis saßen fast immer nur Vertreter der “alten” Medienwelt auf dem Podium, die sich gegenseitig versicherten, dass Qualitätsjournalismus oder lineares Fernsehen eine große Zukunft haben und so aussehen werden, wie man sich das in ihren Traditionshäusern vorstellt. Allenfalls die Keynotes von Chris Ahearn (Thomson Reuters, New York) und Arthur Sulzberger Jr. (The New York Times Company, New York) ließen ahnen, dass es auch anders kommen könnte, etwa weil man bei Reuters künftig sehr viel stärker auf Videoformate setzen wird und die New York Times nicht nur eine Paywall einführen, sondern auch bei der Erstellung von Content ihre Leser stärker einbinden will.
In der deutschen Medienwelt dagegen scheint man noch davon auszugehen, dass fast alles beim Alten bleiben wird, denn für die Probleme mit dem Internet hat man ja Lösungen gefunden: Das Leistungsschutzrecht etwa oder Paid Content, neuerdings in Form von Applikationen für die schicken Geräte von Apple. Damit aber wird der durch das Internet ausgelöste Medienwandel sehr defensiv und regulierend angegangen, was auf den Podien der Konferenz gut geheißen und nur im Publikum kritisch hinterfragt wurde. Dort saß unter anderem Thomas Knüwer, den man gut und gerne auch hätte in eine der Sessions setzen können.
Insgesamt bot die Veranstaltung einen sehr guten Einblick in die aktuelle Stimmungslage und das Denken in Teilen der Medienwelt. Die Medienflaggschiffe aus dem 20. Jahrhundert sehen sich alle weiter auf munterer Fahrt und wollen nicht sehen, dass das Internet für sie das werden kann, was der Eisberg für die Titanic bedeutete: Das schnelle Ende für den Mythos der Unsinkbarkeit.
Ihr Problem ist, dass sie viel zu institutionell und medienkonform denken. Der Hessische Rundfunk macht eben Radio bzw. Fernsehen und die Libération in Paris erstellt eine Zeitung. Das war über Jahrzehnte so und sollte irgendwie auch so bleiben. Die Identität und Kultur dieser Institutionen scheint so stark mit ihrem traditionellen Gattungsbegriff verwoben zu sein, dass sie gar nicht sehen können, wie das Internet die Grenzen ihrer Gattungen sprengt und regionale Zuständigkeiten einfach auflöst.
Da verwundert es auch nicht, dass niemand den Begriff der Personalisierung diskutiert. Gewiss: Facebook und Twitter sind inzwischen bekannt, aber dass es in diesen Social Networks keine einheitliche Medienerfahrung, sondern nur individuelle Muster gibt und sich daraus auch Chancen für mediale Geschäftsmodelle ergeben könnten, ist kein Thema. Lieber rettet man das Altbekannte, in dem man es in neue Formen gießt: In Applikationen für
“all diese hübschen kleinen Computer, denen man die Tastatur amputiert hat und die darum sehr viel weniger Interaktion erlauben und den Nutzer mit sanftem Zwang in eine Konsumentenhaltung zurückdrängen”
wie es Thierry Chervel im Perlentaucherblog zur Konferenz treffend formuliert. Die Haltung vieler hat wunderbar auch Dr. Rüdiger Wischenbart in seiner Nachbetrachtung (unbewusst?) konserviert. Out of the Box-Denken oder kreative Impulse muss man hier nicht erwarten. Künftige Konferenzen zur Medienentwicklung im digitalen Zeitalter tun deshalb gut daran, neben die namhaften Platzhirsche etablierter Institutionen Newcomer aus dem Bereich der neuen Medien zu setzen, selbst wenn deren Ansätze oder Startups noch eher experimentellen Character haben. Anders wird sich nicht erkunden lassen, wie rasch und umwälzend der Wandel voranschreitet und wo sich Chancen und Geschäftsmodelle für die Zukunft auftun.
Dass der Carta-Livestream mitten während der dritten Session unvermittelt abbrach, war zwar ein Versehen (bei all den offenen Fenstern hat sich dann die eine Anwendung unbemerkt verabschiedet, wir bitten um Nachsicht), aber so gesehen wie ein Zeichen, dass man in der neuen Medienwelt die vielen Worthülsen und Beschwichtigungen der alten Medien nicht mehr hören kann.
“Future Face of Media” – Das Video (mit Keynote von Arthur Sulzberger Jr.)



Stimmt, ohne Thomas Knüwer, aber auch Ulrike Langer hätte etwas gefehlt…. Danke fürs Kommen und Aufmischen.
[...] die Konferenz war: Ich hatte nichts Bahnbrechendes oder wirklich Neues zu sagen, was man nicht auch anderswo schon gelesen haben könnte, aber am Ende waren dann doch sieben Stunden vorbei (oder ~ 3000 [...]
Ich habe die Diskussionen teil-zeit-weise verfolgen können – ein herzlicher Dank an Carta dafür, daß das möglich war.
Meiner Erfahrung nach geht das Konzept, “namhafte” Vertreter zur Runde zu bitten, jedoch eher selten auf, wenn es sich nicht um engagierte Leute vom Fach mit viel Wissen und Erfahrung in dessen kreativer Anwendung handelt, die über ein genau abgestecktes Thema diskutieren und dem Publikum ihre Schatzkisten öffnen.
Zweifellos ein interessanter Einblick in die Gemütslage der Teilnehmer auf dem Podium, auch zur Anamnese. Nichtsdestotrotz keine Ausblicke – schon aus unternehmerisch-strategischen Gründen – und kaum Inspiration. Man versicherte sich gegenseitig des schon Allbekannten, gab sich leicht kämpferisch und trotzig und es herrschte zeitweise eine ziemliche “Qualitätsjournalismus”-Dichte pro Wortspende.
In der Zusammensetzung entsprach das Podium genau dem überkommenen Selbstbild des Journalismus, das sich in der Tradition der “geistesaristokratisch herausragenden” Leittiere versteht und meint, es reiche, vertikal Parolen auszugeben, die dann ex offo ihre reiche Wirkung nach unten entfalten.
Es ist immer schwierig, sich selbst und die eigenen Koordinaten im Kosmos richtig einzuschätzen, hier fallibel zu sein ist eine läßliche Sünde; die Presse (“der Qualitätsjournalismus”) versteht sich jedoch als Stütze unserer Demokratie – wie wenig es ihr jedoch gelingt, gesellschaftliche Strömunge und auch Umbrüche wahrzunehmen und gestaltend zu begleiten, läßt die aus ihrer Selbstwahrnehmung heraus zu verstehenden Positionen und Forderungen in einem fahlen Licht sufidisch leuchten.
Eines der wenig gültigen Worte war: “Der Markt entscheidet”. Den will die deutsche Presse in Zukunft über das Leistungsschutzrecht und die daraus entstehende Verwertungsgesellschaft aber nicht mehr fragen müssen.
[...] Während in den USA eine erst fünf Jahre alte Site die alteingesessenen Medien in die Schranken verweist, glauben einige Verleger hierzulande noch daran, dass sich durch das Internet nicht viel verändern wird, wie aktuell wieder auf der “Future Face of Media”-Konferenz diese Woche zu beobachten war. Nachzulesen bei Carta: [...]
Wahrlich, den meisten Panels fehlte jemand, der oder die einfach strikt “dagegen” ist. Im letzten Panel hat diese Rolle – meist mit sehr interessanten Punkten – Ines Pohl eingenommen.
Aber zuvor hätte es kontroverser sein können, nein müssen. Wobei ich gerade überlege, ob wir uns da teilweise nicht an die eigene Nase fassen müssen. Statt nur im Twitter zu kommentieren hätte man vielleicht doch häufiger etwas zu fragen oder kommentieren versuchen sollen, als jugendlicher Journalis-Student, präzisiere: Online-Journalismus-Studi.
Andererseits war das von hinten schwer möglich… :(
Ich kann die Kommentare und die Kritikpunkte alle nachvollziehen und zum Teil sogar unterstreichen. Allerdings würde ich gerne drei Punkte anmerken
1) In meiner Einführung hatte ich gesagt, dass ich die Konferenz heute prinzipiell anders anlegen würde, weil ich heute mehr weiss, als vor einem Jahr. So viel Vorlaufzeit braucht man nämlich, wenn man Leute vom Format Sulzbergers bekommen will.
2) Mehr Blogger wie die oben genannten auf den Panels zu platzieren ist ein berechtigtes, inhaltlich sinnvolles Anliegen. Allerdings unterliegen Konferenzen auch gewissen Gesetzmäßgikeiten. Wenn man internationale Verleger wie Sulzerberger in einem Raum zusammen bringen will (und das war das primäre Anliegen dieser Konferenz), muss die “protokollarische Kleiderodnung” stimmen. Verleger wie Sulzerberger etc. sind von Beratern und Kommunikationsleuten umgeben, die sich die Einladungen und Programme genau anschauen und nur zusagen, wenn die Zusammenstellung auch vom Level her passt. Das mag inhaltlich zum Nachteil sein, ist aber eben nicht zu ändern, d.h. wenn man Sulzberger haben will, wird es zwangsläufig etwas formatiger.
3) Es hätten mehr Leute zu Panel 4 zum Thema Qualitätsjournalismus bleiben sollen. Das war definitiv das interaktivste und dort sass ja mit Marc Schieritz von der ZEIT auch definitiv jemand, der beide Welten, alt und neu, vertritt.
Seltsam finde ich übrigens auch die Feststellung, dass Thomas Knüwer etc. auf dem Podium wichtig für die Konferenz gewesen wären. Die genannten Personen waren doch auch so präsent und haben den Diskurs per Twitter aktiv mitgesteuert. Ich würde die Trennung “auf dem Podium” / “nur gebloggt” so nicht ziehen. Es spricht doch auch für die Konferenz, dass es eben auch einen regen Austausch über Twitter etc. gab. Ich finde nicht, dass man nur das Gesagte auf den Podien bewerten kann, man muss schon auch die digitale Resonanz einbeziehen.
Ansonsten: The biggest room is the room for improvement.
In diesem Sinne, bis demnächst,
Mark
Punkt 2 ist schade, aber ich glaube es mal. Wobei es in meinen Augen durchaus auch ins Format passende Personen mit abweichenden Meinungen gibt.
Punkt 3 möchte ich zustimmen. Das Panel war sehr stark (auch wenn die Anmoderation “Frau Pohl ist eine der großen Journalistinnen in Deutschland, über 1,80m” etwas seltsam war). Der Austausch auf Twitter war interessant, aber eine stärkere Vermengung von akustischer und gezwitscherter Diskussion wäre schön gewesen.
[...] Schiffhauer vom Veranstalter hat in den Kommentaren auf CARTA dazu bereits Stellung genommen. Beachtet man seine Ausführung dort, wird zumindest deutlicher, [...]
Future Face of Media: Vielleicht haette man doch Arianna Huffington einladen sollen…
… denn während die alten Medien (NYTimes) sich noch lustig machen über die Vorgehensweise der HuffPo, macht diese einfach: “The Huffington Post sometimes tests two different headlines in real time to see which the audience is responding to. (“How to…
Wie gesagt: Vor einem Jahr war ich ehrlich gesagt noch nicht so im Diskurs, wie ich das heute bin. Ich entwickel Konferenzformate von nachhaltiger Stadtplanung über Gesundheitsthemen und Integration bis eben zu Medienthemen. Die Ffm Konferenz war ein “first”, da hat man eben beim ersten Mal auch noch Defizite. Ich arbeite aber gerade schon wieder an einem Format zur Zukunft des Schreibens und der Rolle von Autorenschaft und Authentizität im Zeitalter von Social Media zur Frankfurter Buchmesse 2010 im Oktober. Da kann ich dann auch die ganzen Anregungen aufnehmen, die jetzt reingekommen sind. Huffington ist natürlich ein super Vorschlag, um auch in einem solchen Rahmen aufzutreten. Ich arbeite dran…
Allfälliger Hinweis für jene, die Bedarf an guter Medienkritik, an den alten
Medien haben, in knappen Stichworten:
Jack Shafer, Medienkritiker bei Slate
Beispiel von ihm: die Kritik an der Selbstinszenierung, des sich selber
lobens der Medien, die wie keine andere Branche, eigentlich als einzige
(abgesehen) sich mit Eigenlob mit schöner Regelmässigkeit überhäufen,
etwa mit den Pullitzer Preisen. Ein zeitloser Artikel:
http://www.slate.com/id/2216519
und hier ein Reihe Artikel der letzten Zeit anhand deren schon beim
blossen Ueberfleigen klar wird, welche banalen Themen den alten Medien
wichtig sind:
http://www.slate.com/?id=3944&qp=26144
Dann sind den alten Medien bekanntlich auch celebrity news and gossip
unendlich wichtig. Hier ein paar der “wichtigsten” Seiten, jene Quellen, aus
den im alten Europa fleissig geschöpft wird, etwas umgeschrieben und dgl.
wird. Eine Tätigkeit die Leute mit etwas schnellerer Auffassungsgabe ohne
weiteres selber mal – nur so zum Zeitvertreib – wirklich leicht selber auch
können.
http://www.people.com/people/
http://www.lifeandstylemag.com/
http://www.hollywoodreporter.com/hr/index.jsp
http://www.tmz.com/
@Mark Punkt 2 wirkt wie ein Feigenblatt. Es erstaunt schon, wenn man nur dann eine hochklassige Konferenz zustande bekommt, wenn kein “Vertreter” einer neuen alternativen Medienwelt als ernstzunehmender Referent auf dem Podium sitzen darf. Ich bin sicher, dass sich Herr Sulzberger durchaus mit einem Clay Shirky oder anderen Leuten diesen Kalibers messen würde. (Das ist natürlich ab einem gewissen Grad eine Budgetfrage – aber von Budget hast Du ja nicht gesprochen. ;)
Das ist übrigens ein bekanntes Phänomen. Aus der Marketingwelt kennt man das auch – immer mal wieder produzieren sich Unternehmen mit Studien, für die sie Marketingverantwortliche der größten Unternehmen darüber befragt haben, wie die Zukunft des Marketing aussieht. Dummerweise ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Marketingvertreter der größten Unternehmen keine wirklich umfassende Ahnung davon haben, wie diese Zukunft aussieht. Denn sie sind in der Konzernwirklichkeit gefangen, die deutlich anderes, neues Denken gar nicht erlaubt.
@ Martin: So monokausal wollte ich das auch nicht sagen. Ich hatte ja als ersten Punkt erstmal die eigene Beschränkung angeführt (d.h. wir haben natürlich auch deshalb kein perfektes Programm zusammen gebaut, weil wir es einfach nicht besser wussten / konnten), als zweiten Punkt hatte ich als einen von mehreren die Protokollthemen genannt, aber Du hast mit Deiner Anmerkung recht: das alleine zählt natürlich nur bedingt als Entschuldigung. Ich wollte nur sagen: Ich kann nicht einen vielleicht in Deutschland, aber nicht international bekannten Blogger mit auf das Podium nehmen (wie u.a. angemerkt wurde), es hätte dann vielleicht Shirky oder Jarvis oder wer auch immer sein müssen (Jarvis hatten wir übrigens angefragt, konnte oder wollte nicht). Wobei ich bei einem weiteren Punkt wäre: Die Leute vergessen immer, dass eine Konferenz kein Wunschkonzert ist. Ich habe ewig lang mit Facebook und wem auch immer noch gesprochen. Man bekommt eben auch nicht immer alle, die man sich so wünscht. Außerdem lief die I/O von google zeitgleich, was definitiv ein Nachteil war.
Und schließlich sei noch eine letzte Bemerkung erlaubt: Die Konferenz war ja jetzt auch nicht ausschließlich gedacht, die totale Diskursbalance zwischen alt und neu, analog und digital herzustellen. Es ging ja auch schon darum, den Printleuten (und TV) mal ein Podium zu geben, um sich zu erklären. Wenn dann dabei raus kommt, dass es wenig neue Erkenntnisse oder Offenheit für Neues gibt, ist das auch eine Erkenntnis. Für die Blogger gibts ja mit der re:publica ein starkes Forum (wobei ich hier dann auch anmerken will, dass ich mir da an der einen oder anderen Stelle auch etwas mehr inhaltliche Distanz und Kritik von der “Community” erwarten würde, da war es für meinen Geschmack in umgekehrter Richtung einseitig und z.T. selbstgefällig (und in Teilen inhaltlich einfach auch flach, was ich selbst für den Vortrag von Jarvis reklamieren würde). Wenn wir das Ffm-Format weiterentwickeln werden, dann sicherlich als eine Art “middle ground” zwischen old school & new school. Das könnte ja durchaus charmant sein…
@Mark Schiffhauer: Gut pariert, zumal vieles schon wenige Tage später mit der Bekanntgabe und Einführung von Google TV wieder anders aussieht und eine ganz andere Dynamik und Dramatik bekommen hat.
Dennoch hat natürlich auch Martin Oetting recht: Man darf es den Old-School-Vertretern nicht zu einfach machen und erlauben, exklusiv unter sich zu bleiben und dazu auch noch die Ausschlusskriterien zu definieren (es sei denn, das wäre für sich schon ein lukratives Geschäftsmodell für einen Veranstalter).
@ Matthias Schwenk: Glaub mir, von lukrativem Geschäftsmodell kann keine Rede sein. Mit Konferenzen geht es den Konfernzveranstaltern wie den Verlegern: Manche Bücher (read: Konferenzen) macht man aus Spaß, Überzeugung (oder anderen Gründen), nicht für das Budget. Das wäre mein Schlusswort zur Ffm10, ab hier wird es redundant, denke ich.