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Marek Dutschke

Hochschulreform: Mein Traum von der deutschen Universität

Marek Dutschke | 8 Kommentar(e)


“Unibrennt” hat die Bildungsmisere aufgezeigt, die schnell und entschlossen angegangen werden muss. Doch wie muss das Hochschulsystem langfristig umgebaut werden, damit man überhaupt noch von Bildung sprechen – und die Bologna-Reform doch noch gelingen kann?

25.03.2010 | 

Ich wollte diesen Beitrag schon Ende November letzten Jahres schreiben, als mich die Anne Will-Redaktion gefragt hat, ob ich prinzipiell bereit wäre, an einer Runde zum Thema Hochschulproteste teilzunehmen. Ich war zu dem Zeitpunkt verhindert, da ich an dem Tag Vater werden sollte. Aber als ich Tage später bei Spiegel Online las, dass Annette Schavan die Sendung verwendete, um sich selbst mit Eigenlob zu überschütten, habe ich mich geärgert, dass ich nicht dabei sein konnte, um ihr zu widersprechen.

Im Jahre Zehn nach dem Beschluss zum Bologna-Prozess steht es mit der Hochschullandschaft in Deutschland nicht zum Besten. Gerade Frau Schavan hat keinen Grund zu feiern. Nicht nur, dass ihr durch die Föderalismusreform wichtige Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Bildungspolitik der Länder genommen wurden. Sie hat es auch versäumt, eigene Akzente zur Ausgestaltung des Bologna-Prozesses und der generellen Reform der deutschen Hochschullandschaft zu setzen. Fakt ist, dass Studierenden von Rostock bis Konstanz nicht ohne Grund protestiert haben.

Die Gründe für die Proteste sind vielfältig. Studierende protestieren gegen Studiengebühren, gegen die Abwicklung ganzer Fachbereiche, für die Drittelparität in den Gremien, für eine verbesserte Lehre und natürlich gegen die Bologna-Reform im Allgemeinen. Die Vielzahl der Protestthemen hat die nationale Bildungsdebatte extrem unübersichtlich gemacht. Die Positionen sind teilweise unklar und abstrakt, die Forderungen widersprüchlich. Zum Beispiel wird die Forderung nach Drittelparität in Hochschulgremien von Studierendengruppe gemischt bewertet. Wenn dominante Hochschulgruppen mit unrealistischen Forderungen die Gremienarbeit blockieren, dient das nicht unbedingt der besseren Vertretung studentischer Interessen.

Dieses Tohuwabohu hat es Frau Schavan ermöglicht, eigene Politikerfolge stolz zu verkünden, während die eigentliche Bildungsmisere nicht angesprochen wurde. Die Erhöhung des Bafög, ein Erstsemesterrekord und die – wohlgemerkt nur – geplante Einführung von Stipendien für besonders Begabte sind lediglich Einzelschritte und ändern nichts am generellen Notstand der Bildung in Deutschland.
Die dringendsten Probleme liegen jedoch nicht bei der Machtverteilung in den Hochschulgremien, der Finanzierung eines Studiums oder dem Budget der Universitäten. In drei Streitschriften zwischen Julian Nida-Rümelin und Sebastian Litta, die in der Zeit erschienen sind, wurden die grundlegenden Schwierigkeiten in der Hochschullandschaft aufgeworfen. Im Auge des Orkans war natürlich die umstrittene Bologna-Reform. Herr Nida-Rümelin hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Kultusministerkonferenz bei der Konzeption der Bachelor- und Masterstudiengänge Fehler gemacht hat. Herr Litta hat in der Erwiderung diesen Ansatz um eine Kritik an den Fakultätskommissionen erweitert, die bei der Umsetzung der Studiengänge die konzeptionellen Fehler verschlimmert haben.

Tatsächlich haben die Bildungsminister, Hochschulpolitiker, Unipräsidenten, Wissenschaftsratsmitglieder, Akkreditierungsagenturen, Beratungsfirmen und die Fakultäten die Bologna-Reform vermasselt. Die Bachelorstudiengänge sind mit 3 Jahren zu kurz angelegt worden. Die Studienordnungen verlangen einen zu hohen Grad an Verschulung. Die fehlende Anerkennung von im Ausland erworbenen ECTS hat Mobilität erschwert. Letztlich sind die europäischen Universitäten gegenüber den US-amerikanischen Universitäten durch die Bologna-Reform nicht konkurrenzfähiger geworden.

Dieses kollektive Versagen der deutschen Bildungsexperten ist nicht einfach zu verstehen. Einerseits wurde das deutsche Abitur überbewertet, andererseits haben die zahlreichen Kritiker den Prozess erschwert. Denn einige Professoren haben die Umstellung als eine Kapitulation gegenüber dem US-amerikanischen Hochschulsystem gesehen und waren nicht bereit, die neuen Studiengänge konstruktiv in die Praxis umzusetzen. Darüber hinaus hat die Strategie, die alten Diplom- und Magisterstudiengänge in den neuen Studiengängen aufgehen zu lassen, während die alten Studiengänge weiterliefen, zu Chaos geführt. Es gab überfüllte Kurse mit Bachelor-, Diplom-, Master- und Magister-Studierenden, die alle jeweils in verschiedenen Stadien ihres Studiums waren. Es kann ja nicht der Sinn der Sache sein, dass solch extrem heterogene Gruppen entstehen. Viele Professoren und Dozenten haben einfach ihre alten Kurse angeboten, ohne sie den neuen Studiengängen anzupassen. So gesehen waren die Proteste der Studierenden durchaus gerechtfertigt, wobei manche Gebäudebesetzungen übers Ziel hinausgeschossen sind.

Inzwischen arbeiten die Universitäten daran, manche Fehler zu berichtigen und sogar die KMK zeigt Veränderungsbereitschaft für die Richtlinien der Studiengänge. Doch es gibt ein noch tiefergehendes Problem, das gelöst werden muss, bevor der Bologna-Reform von Erfolg gekrönt werden kann. Denn es gibt ein Zugangsproblem an den Universitäten durch den Numerus Clausus. Bei den Juristen und vor allem bei den Medizinern braucht man  mittlerweile mindestens einen 1,3er-Durchschnitt, um einen Studienplatz zu bekommen. Sogar bei den Sozialwissenschaften ist es ohne einen Einser-Durchschnitt schwer, einen Platz zu ergattern.

So wird die soziale Selektion immer weiter getrieben. Es ist dabei ja nicht nur problematisch, dass es durchaus Qualitätsunterschiede unter den Abituren je nach Schule oder Bundesland gibt. Es sieht im Moment fast so aus, als seien die einzigen Studienfächer, die man mit einem Zweier-Abi noch studieren kann, Judaistik, Slawistik und noch einige wenige Exotenfächer. Abiturienten mit einem mäßigen Durchschitt haben also kaum mehr eine Wahl. Für sie bleiben nur noch wenige Fächer übrig – egal ob sie an diesen Fächern Interesse haben – oder der Weg nach Österreich. Dieser Exodus hat allerdings den kuriosen Nebeneffekt, dass in Österreich mittlerweile die erste richtige linke Protestkultur unter Studenten entstanden ist. – Und so zwängen sich eine Vielzahl von wenig motivierten Studierenden in die überfüllten Hörsäle der Exotenfächer.

Es kann doch nicht sein, dass der Numerus Klausus einen zwingt, etwas zu studieren was man nicht will, nur weil die Abiturnoten nicht so gut waren. Das widerspricht völlig dem Bildungsgedanken. Darüber hinaus werden gerade Schüler aus Migrantenfamilien benachteiligt. Den Sprung aufs Gymnasium schaffen sie in Deutschland äußerst selten im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern.

2008 habe ich in der Zeit meinen Traum von der deutschen Universität veröffentlicht. Darin habe ich dieses Zugangsproblem angesprochen und versucht, einen Lösungsansatz zu skizzieren. Ein zweijähriges Studium Generale wäre eine Möglichkeit, den Studienanfängern genug Zeit zu geben, sich für ein geeignetes Interessengebiet zu entscheiden. Ich habe selber während meines Studiums in den USA ein Studium Generale absolviert. Ich war damit in die Lage versetzt, Kurse über Meeresbiologie, Informatik, antike Götter und russische Kultur zu belegen sowie einen Literaturkurs über „Ghosts that haunt us“ zu belegen, in dem wir ausschließlich Schriften von Afroamerikaner, Latinos und Indianer gelesen haben. Obwohl ich letztendlich Politikwissenschaft studiert habe, waren diese Kurse wichtige Schritte für meine akademische Entwicklung.

Im deutschen Kontext würde ich das Studium Generale in Trimester gliedern, damit die Studierenden in kurzer Zeit eine große Auswahl von Fächern kennenlernen. Ein Auslandssemester, um eine weitere Sprache zu lernen, sollte währenddessen Pflicht sein. Das Studium Generale wäre dann die Basis des gegenwärtigen Hochschulsystems. Nach den ersten zwei Jahren würden sich die Studierenden endgültig für ein Fach entscheiden und dieses nach einem weiteren Jahr mit einem Bachelor zu Ende bringen. Und dann käme für die, die es wollen – im Sinne eines traditionellen Fachstudiums – der Master, dann der Doktor. Nur wenn die Hochschullandschaft den Mut aufbringt, das Fundament des Studiums grundlegend zu verändern, kann die Bologna-Reform nachhaltig erfolgreich sein.

Ich glaube leider nicht, dass Frau Schavan in der Lage ist, solche Impulse zu setzen – ich bezweifle sogar, dass Sie die eigentliche Bildungsmisere überhaupt erkennt. Von den Kultusministern der Länder, egal welcher Parteienzugehörigkeit, ist leider auch wenig in dieser Richtung zu erhoffen. Meiner Meinung nach werden die Weichenstellungen für eine solche Veränderung an den Universitäten gelegt. Dort müssen Lehrende, Verwaltung und Studierendenvertretung zueinander finden, um genügend Druck zu erzeugen, damit mein Traum Wirklichkeit werden kann.

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8 Kommentare

  1. Tom Leonhardt |  25.03.2010 | 14:38 | permalink  

    Und was hat dieser Traum mit der Bologna-Reform zu tun? Natürlich hatten die Studierenden der “alten” Studiengänge theoretisch mehr Zeit und hätten sich auch in andere Veranstaltungen setzen können. Meiner Meinung nach ist das, wenn überhaupt, nur sehr selten passiert. Und die NC-Problematik ist in meinen Augen sehr überzogen dargestellt; es bleiben nicht nur Exotenfächer, viele Sozial- und Geisteswissenschaften haben nach wie vor überhaupt keinen NC – außerdem werden die ganzen Mint-Fächer gar nicht erwähnt, woran liegt das?

  2. Manziel |  25.03.2010 | 18:07 | permalink  

    Oben wird bemängelt, dass die Bachelor-Studiengänge mit 3 Jahren zu kurz seien, unten wird im 3-jährigen Bachelor sogar ein 2-jähriges Studium Generale gefordert. Also was jetzt?

    Grundsätzlich ist nirgendwo vorgeschrieben, dass man einen 3-jährigen Bachelor machen muss, auch wenn er die häufigste Variante ist. Meine Mitbewohner beispielsweise studieren an der FH einen Bachelor mit 7 Semestern was ein Praxissemester erlaubt. Bei uns an der Uni KN wird es ab nächstem Wintersemester neben dem 3-jährigen Bachelor Information Engineering (den ich studiere) einen 4-jährigen Bachelor Informatik geben. Auch in anderen Fachbereichen wurden bzw. werden 4-jährige Bachelor eingeführt. Gestaltungsspielraum gibt es in dieser Hinsicht also genügend, man muss ihn nur nutzen.

    Auch “Verschulung” ist nirgendwo vorgeschrieben. Nirgendwo steht, dass Studenten bei jeder Vorlesung und jedem Seminar anwesend sein müssen. Ich hatte erst 2 mal Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht, das waren beide Male Schlüsselqualifikationen und den Schein gabs für Anwesenheit und nicht für eine Klausur. Insofern ein fairer Deal.
    Und sicher, mit 4 Semestern Grundstudium sind bereits knapp 2/3 des Bachelors fest vorgeschrieben, aber das ist halt der Nachteil bei einer kurzen Studienzeit, denn die Grundlagen sind nunmal nötig. Dafür habe ich jetzt in Semester 5+6 die Möglichkeit mich nach meinen Interessen zu spezialisieren und im Master ebenso. Macht unterm Strich 3 Jahre in denen ich nur Vertiefungsstudium und fachfremde Veranstaltungen (die ich recht frei wähen kann) im Studienplan stehen habe. Von Verschulung ist hier keine Spur.

    Dagegen erscheint mir das Studium Generale vor allem als ziellose Bummelei. Heute Informatik, morgen Meeresbiologie und übermorgen Geistergeschichten. Das mag zwar kurzfristig Spaß machen, aber im Endeffekt kratzt man nur an der Oberfläche und kann sich mit solchen “Qualifikationen” auch nirgendwo bewerben. Am schwersten wiegt aber, dass man damit langfristig keinen Spaß haben wird, denn die wirklich spannenden Themen der Informatik erfordern nunmal eine gewisse Grundlage die bei einem Studium Generale nicht vorhanden ist.
    Wenn sich nun jemand nach 2 Jahren tatsächlich für Informatik entscheiden sollte, hat er nach einen dritten Jahr noch lange nicht die Grundlagen die er braucht um sich im Master richtig zu vertiefen. Bei uns läuft es letztendlich so, dass man die ersten 4 Semester die allgemeienn Grundlagen bekommt, in 5+6 die Grundlagen einer Spezialisierung und dann erst im Master wirklich tief ins Thema einsteigen kann. Mit einem Studium Generale ist das nicht wirklich vereinbar.

  3. Tweets that mention Hochschulreform: Mein Traum von der deutschen Universität — CARTA -- Topsy.com |  25.03.2010 | 21:58 | permalink  

    [...] This post was mentioned on Twitter by Carta, Carta and Alena Dausacker, mBloging Tester. mBloging Tester said: RT @rantotweet: Bildungsmisere: http://bit.ly/9xxWOY #unibrennt #bildungsstreik [...]

  4. SheephunteR |  26.03.2010 | 23:29 | permalink  

    Jedenfalls sind die Bachelor-Studiengänge in ihrer jetzigen Form schwer tragbar und eine ganze Generation leidet darunter. Vielleicht am Ende eine verlorene Generation? Von den Belastungen besonders während der Prüfungsphase handelt auch der Text “Wodka, Joints & Prüfungen”: http://bit.ly/bALtO4

  5. Oliver |  27.03.2010 | 08:45 | permalink  

    Der “Traum” berücksichtigt leider nicht ein Grundproblem der Bologna-Reform. Auch dieser Traum betrachtet das Uni-Studium isoliert und nicht im Zusammenhang mit anderen Ausbildungsmöglichkeiten. Das ist aber zwingend notwendig, denn die Tätigkeiten, die in anderen Ländern von Bachelor-Absolventen ausgeführt werden, wurden ja auch bei uns seit jeher ausgeführt – aber von Ausbildungsberufen! Im naturwissenschaftlichen Bereich sind das z.B. chemisch/biologisch/physikalisch/medizinisch-technische Assistenten.

    Jede Reform in Deutschland kann nur gelingen, wenn sie das Gesamtbild im Auge hat. Ich kann nicht einfach so ein Heer von Akademikern schaffen und diese in Konkurrenz setzen mit Nichtakademikern und dann sagen “nun seht mal schön wie ihr zurecht kommt”….

  6. Ein Albtraum von Universität |  29.03.2010 | 09:45 | permalink  

    [...] Woche hat Dutschke in CARTA seinen Traum von der Universität neu aufgelegt und nochmal deutlicher den Albtraum vor Augen geführt: “Es sieht im Moment [...]

  7. Berliner Gazette |  29.03.2010 | 18:23 | permalink  

    “Was Marek Dutschke als Albtraum ausmacht, ist mehr als der Abgrund der Gesellschaft. Was er als “kuriosen Nebeneffekt” bezeichnet, ist in Wirklichkeit eine Öffnung. Die “erste richtige linke Protestkultur unter Studenten”, die in Österreich entstanden ist und inzwischen internationale Ausmaße angenommen hat, sollte weltweit zum Vorbild werden. So kommen wir weiter als mit einem bloßen Traum, der uns womöglich schwelgen und zu Handeln vergessen lässt.”

    Soeben zitiert (siehe oben) aus dieser Quelle:
    http://berlinergazette.de/albtraum-universitaet/

  8. Paul Ney |  30.03.2010 | 14:01 | permalink  

    Interessanter Beitrag. Das Numerus-Clausus-System ist eine auch erheblich sozial-politische Lösung, hat Mängel und es ist richtig, so etwas anzusprechen. Der Genius läßt sich aufgrund seiner schulischen Leistung auch nicht unbedingt erahnen ;-) Mancher Schulabgänger erlangt einen Hochschulabschluß, wo er immer Zugang findet, und zeigt danach auf, wozu er fähig ist.

    Jedoch spricht der Beitrag das Problem der Kaderpolitik nicht an. Man kann dies&das verordnen, die Jahrgänge hin&her organisieren usw., und man kommt ohne passende Kaderpolitik doch kaum weiter… Man kann auch aus der turbulenten Geschichte von 1789-1815 lernen: Im Rahmen der preußischen Heeresreform wurden die Tüchtigen gefördert…

    [Blogologie] Wie viele Kommentare haben wir denn auf dieser Seite?! Ein Zitat aus Fremdmedien [7] und seine Internetadresse [8] sind gleich zwei Kommentare? Ich würde Seitensplitting vorschlagen: (1) in-blog-Kommentare, die vom Publikum über dieses Kommentarfeld eingegeben werden; (2) Meta-Kommentare, also eine Art Presseschau.

    Paul Ney (mailto:Paul_Ney/at/t-online.de)

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