Helmut Hartung

Leutheusser-Schnarrenberger: Das Leistungsschutzrecht nicht übers Knie brechen

Helmut Hartung | 9 Kommentar(e)


Die Justizministerin im Interview: Über die Zukunft der Privatkopie, Möglichkeiten der Piraterie-Bekämpfung, die “Zwangskollektivierung” durch die Kulturflatrate, das Leistungsschutzrecht für Presseverleger und die Bedeutung des Selbstdatenschutzes.

03.03.2010 | 

Frau Ministerin, der Schutz des Urheberrechts spielt im Koalitionsvertrag eine große Rolle. Welche Probleme müssten Ihrer Meinung nach in dieser Legislaturperiode gelöst werden?

Foto: sls2009 (cc by-nc-sa)

Foto: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (cc by-nc-sa)

Leutheusser-Schnarrenberger: Dem Urheberrecht kommt in unserer Medien- und Informationsgesellschaft eine Schlüsselfunktion zu – das haben wir auch im Koalitionsvertrag ganz deutlich gemacht. Deshalb werden wir den Schutz kreativer Leistungen mit einem „Dritten Korb“ zur Reform des Urheberrechts weiter modernisieren.

Wir wollen die Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen im Internet verbessern und uns für einen europäischen Rechtsrahmen für die Verwertungsgesellschaften einsetzen. Ganz wichtig ist jedoch, dass wir den Respekt vor fremdem geistigen Eigentum weiterhin fördern.

Wie sehen Sie dabei das Verhältnis von Schutz der kreativen Leistungen und dem Internet als Quelle der Information und der Wissensvermittlung?

Leutheusser-Schnarrenberger: Das Urheberrecht muss einen angemessenen Ausgleich aller betroffenen Interessen gewährleisten, auch in einem digitalen Umfeld. Wir berücksichtigen deshalb bei unseren Überlegungen zum Dritten Korb sowohl die Interessen der Schöpfer wie auch der Nutzer kreativer Leistungen. Und auch die Anliegen der Verlage und Internetprovider müssen angemessene Beachtung finden.

Zu den umstrittenen Entscheidungen des Ersten Korbes des Urheberrechtsgesetzes gehörte die Privatkopie. Sollte die Privatkopie weiter zulässig sein?

Ja, ganz eindeutig! Im Dritten Korb prüfen wir nur zwei spezielle Fragen, nämlich erstens, ob man die Privatkopien auf Originale beschränken sollte, und zweitens, ob weiterhin auch Dritten ein Vervielfältigungsrecht zustehen muss.

Sie haben unlängst bei einer Veranstaltung des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien gesagt, „dass der Schutz des geistigen Eigentums im Wandel begriffen“ sei. Worin zeigt sich dieser Wandel vor allem?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich weiß nicht, ob es ein besonders symbolträchtiges Phänomen dieses Wandels gibt. Jedenfalls kennen wir die Ursache für die neuen Herausforderungen an den Schutz des geistigen Eigentums. Die Digitalisierung hat eine Reform des Urheberrechts unumgänglich gemacht. Schon immer haben neue technische Entwicklungen eine Anpassung des Rechts an die neue Lebenswirklichkeit erzwungen. Mit dem Internet erleben wir derzeit einen solchen Prozess besonders drastisch.

Sie haben erklärt, dass Sie gegen Netzsperren zur Sanktionierung von Urheberrechtsverstößen sind und dem französischen Modell der Internetsperren ablehnend gegenüberstehen. Warum?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe immer wieder deutlich gemacht, dass ich grundsätzlich gegen Netzsperren bin. Wer den Zugang zum Internet kappt, wie das französische Modell es vorsieht, greift tief in die Kommunikationsfreiheit ein, denn der Betroffene ist dann auch von einer ganz legalen Nutzung des Internets ausgeschlossen – ich halte das für verfassungsrechtlich äußerst bedenklich. Ohnehin dürfte das französische Modell schon nach den geltenden deutschen Datenschutzbestimmungen unzulässig sein. Meine ablehnende Haltung hat aber auch ganz praktische Gründe: Wie soll denn beispielsweise bei mehreren Nutzern eines gemeinsamen Internetanschlusses sichergestellt werden, dass unbeteiligte Dritte nicht ebenfalls von den Sanktionen betroffen werden?

Wie lässt sich dann Piraterie wirksam bekämpfen?

Leutheusser-Schnarrenberger: Wir werden unter Wahrung des Datenschutzes bessere Instrumente zur konsequenten Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen im Internet schaffen. Dabei wollen wir Möglichkeiten der Selbstregulierung unter Beteiligung von Rechtsinhabern und Internetservice-Providern fördern. Ich begrüße daher die Gespräche, die gegenwärtig Vertreter der Content-Industrie mit Vertretern der Internet-Service Provider im Rahmen des Wirtschaftsdialogs für mehr Kooperation zur Bekämpfung der Internetpiraterie führen.

Wie sollten die Leistungen der Kreativen vergütet werden?

Leutheusser-Schnarrenberger: Kreativität muss sich auch lohnen. Das geltende Recht garantiert dem Urheber einen Anspruch auf angemessene Vergütung, wenn seine geschützten Werke genutzt werden.

Ist für Sie auch eine Kulturflatrate eine sinnvolle Lösung?

Leutheusser-Schnarrenberger: Nein. Mal abgesehen von den praktischen Schwierigkeiten führt die Kulturflatrate letztlich zu einer „Zwangskollektivierung“ von Rechten. Die Folge ist, dass der Rechtsinhaber nicht mehr frei über seine Rechte bestimmen darf – das kann nicht der richtige Weg sein.

Sollte das Leistungsschutzrecht für Verlage außerhalb des Dritten Korbes des Urheberrechtsgesetzes geregelt werde?

Leutheusser-Schnarrenberger: Einen überzeugenden inhaltlichen Grund für zwei getrennte Gesetzgebungsverfahren sehe ich nicht. Wir werden den Zeitplan pragmatisch handhaben. Insbesondere zum Thema „Leistungsschutzrecht für Verlage“ werden wir mit allen Beteiligten eine intensive Diskussion führen, um eine vernünftige und tragfähige Lösung zu finden. Wenn sich herausstellen sollte, dass wir dafür mehr Zeit brauchen, will ich eine gesonderte Regelung aber auch nicht ausschließen.

Wie dringend ist eine solche Regelung?

Leutheusser-Schnarrenberger: Dass die Frage des neuen Leistungsschutzrechts einen hohen Stellenwert hat, können Sie schon daran erkennen, dass dieses Ziel im Koalitionsvertrag ausdrücklich vereinbart ist. Es besteht aber keine Notwendigkeit, die Sache übers Knie zu brechen. Wir müssen die Interessen aller Beteiligten angemessen berücksichtigen und deswegen sehr sorgfältig arbeiten. Mit einem unüberlegten Schnellschuss wäre niemandem geholfen.

Welche Fragen sollte ein solches Leistungsschutzrecht unbedingt regeln?

Leutheusser-Schnarrenberger: Das Urheberrechtsgesetz kennt ja bereits verschiedene Leistungsschutzrechte, wie etwa das Leistungsschutzrecht der Tonträgerhersteller
oder der Filmhersteller. Wir müssen also das Rad nicht neu erfinden. Die wichtigste Frage ist natürlich, wie weit der neue Schutz der Verlage eigentlich gehen soll.

Sie halten eine Beteiligung der privaten Sender an der Gerätepauschale für möglich. Führt das nicht zwangsläufig dazu, dass die Pauschale und damit u.a. die entsprechenden Geräte teurer werden und der Bürger wieder stärker belastet wird?

Leutheusser-Schnarrenberger: Nein, diese Entwicklung halte ich überhaupt nicht für zwangsläufig. Zunächst ist es doch so, dass die Verwertungsgesellschaften die Höhe der pauschalen Vergütung mit den Verbänden der Hersteller und Importeure der Geräte und Speichermedien aushandeln. Ob und wie eine mögliche Beteiligung der Sender die Höhe der Vergütung beeinflussen würde, hängt also vom Ergebnis dieser Verhandlungen ab. Zudem ist im Urheberrechtsgesetz klar geregelt, dass die Vergütung in einem wirtschaftlich angemessenen Verhältnis zum Preisniveau des Geräts oder Speichermediums stehen muss. Damit ist eine unangemessene Belastung der Bürger ausgeschlossen.

Sie planen eine Stiftung Datenschutz. Was ist das Ziel und ab wann könnte sie die Arbeit aufnehmen?

Leutheusser-Schnarrenberger: Wir haben im Koalitionsvertrag die Einrichtung einer Stiftung Datenschutz vorgesehen, die Produkte und Dienstleistungen auf Datenschutzfreundlichkeit prüfen und entsprechende Gütesiegel vergeben wird. Sie soll aber auch Aufklärungsarbeit leisten. Ich halte es für ungeheuer wichtig, den Bürgerinnen und Bürgern die Bedeutung von „Selbstdatenschutz“ vor Augen zu führen. Ein achtsamer Umgang mit den eigenen Daten setzt aber voraus, dass man weiß, wer die Daten verwendet und an wen sie weitergegeben werden. Wir müssen deshalb verbesserte Regelungen schaffen, um informierte und freie Entscheidungen über die Nutzung der eigenen Daten zu ermöglichen. Die neue Stiftung Datenschutz soll ihre Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen, daher arbeitet die Bundesregierung derzeit intensiv an den genauen Rahmenbedingungen.

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promediacover_3_2010Dieses Interview hat Helmut Hartung für das medienpolitische Fachmagazin promedia geführt, das mit Carta kooperiert.

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9 Kommentare

  1. Timo Ehmann |  03.03.2010 | 15:19 | permalink  

    Schön, dass die Lehre vom Interessenausgleich in der Politik angekommen ist! Das macht Hoffnung auf interessengerechte Regelungen.

  2. Gk |  03.03.2010 | 16:43 | permalink  

    „Wie dringend ist eine solche Regelung?
    Leutheusser-Schnarrenberger: Dass die Frage des neuen Leistungsschutzrechts einen hohen Stellenwert hat, können Sie schon daran erkennen, dass dieses Ziel im Koalitionsvertrag ausdrücklich vereinbart ist.“

    Die Antwort klingt zunächst logisch. Aber ist sie das wirklich?

    Wenn eine neu zu schaffende gesetzliche Regelung damit rechtfertigt wird, dass sie im Koalitionsvertrag steht, dann müsste der Koalitionsvertrag (1) rechtsverbindlich sein. Das ist er nicht. Er beinhaltet lediglich eine Absichtserklärung. Unstrittig wird der Absichtserklärung einer Regierungskoalition große Bedeutung beigemessen. Hier schließt sich die Frage an, (2) wie denn die Absichtserklärung über die Schaffung des Leistungsschutzrechts in den Koalitionsvertrag gekommen ist.

    So etwa? http://www.bdzv.de/bdzv_intern+M52d3f6358b1.html
    Über Interessenvertreter? Oder über Studien, Gutachten, Bürgervorschläge?

    Ich verstehe nicht, wie ohne konkrete inhaltliche Ausformung (s. Hamburger Erklärung) ein Leistungsschutzrecht schlagwortartig Einzug in einen Koalitionsvertrag überhaupt finden konnte. Absichtserklärungen der Regierungsparteien ohne Substanz darf es nicht geben. Bei der Koalitionsverhandlung wäre genug Zeit gewesen, Begriffe zu definieren, um Rechtsklarheit zu schaffen.

    Wie kann also eine Idee, ein Wunsch von Wirtschaftsvertretern derart starken Einfluss haben, dass die Idee/der Wunsch in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde und die Bundesjustizministerin meint, dass ein Gesetz deshalb geschaffen werden muss, gar „einen hohen Stellenwert hat“?

    Aber vielleicht täusche ich mich, vielleicht gibt es doch Studien/Gutachten, in welchen umfassend erörtert wurde, warum ein Leistungsschutzrecht geschaffen werden muss. Hat jemand freundlicherweise den Link parat?

  3. Kwoff.com |  04.03.2010 | 13:59 | permalink  

    Leutheusser-Schnarrenberger: Das Leistungsschutzrecht nicht übers Knie brechen — CARTA…

    Die Justizministerin im Interview: Über die Zukunft der Privatkopie, Möglichkeiten der Piraterie-Bekämpfung, die Zwangskollektivierung durch die Kulturflatrate, das Leistungsschutzrecht für Presseverleger und die Bedeutung des Selbstdatenschutzes….

  4. Will Bundesregierung die Privatkopie weiter bescheiden? : netzpolitik.org |  04.03.2010 | 22:38 | permalink  

    [...] Carta ist ein interesantes Interview mit unserer Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger erschienen. Vor allem beim Punkt Privatkopie ist das sehe interessant: Zu den umstrittenen Entscheidungen des [...]

  5. Tharben |  05.03.2010 | 13:00 | permalink  

    Leutheusser-Schnarrenberger:

    erstens, ob man die Privatkopien auf Originale beschränken sollte

    Was sind in diesem Sinne Originale? Worin unterscheiden sich Bits und Bytes, die “original” sind, gegenüber Bits und Bytes, die eine Kopie sind?

    Digitale Kopien zeichnet aus, dass sie dem “Original” 1:1 entsprechen. Davon abgesehen ist es das Designziel von Rechner, zu kopieren. Ob von der Festplatte in den RAM, vom RAM in das Swap File (Festplatte), von der Tastatur in den RAM usw. Sogar ein ordinärer Musik-CD-Spieler macht nichts anderes. Kopieren ist das Wesen digitaler Datenverarbeitung. Ohne Kopieren sind digitale Daten nicht nutzbar.

  6. Dominic |  05.03.2010 | 16:36 | permalink  

    Leutheusser-Schnarrenberger: Kreativität muss sich auch lohnen. Das geltende Recht garantiert dem Urheber einen Anspruch auf angemessene Vergütung, wenn seine geschützten Werke genutzt werden.

    War es nicht (nur) ein exklusives Recht zur (kommerziellen) Verwertung, welches dort garantiert wird? Ich halte diese Interpretation der Frau Justizministerin für bedenklich, denn das läuft auf einen staatlichen Protektionismus von Geschäftsmodellen hinaus, die durch den technischen Fortschritt bedingt einem starken Innovationssdruck ausgesetzt sind. Es kann nicht Aufgabe der Politik sein, bestimmte wirtschaftliche Bereiche vor diesem “Zwang zur Veränderung/Anpassung” zu schützen, schon gar nicht Aufgabe einer Regierung, die sich als “wirtschaftsliberal” bezeichnet. In einer Umgebung, wo nichts so selbstverständlich, allgegenwärtig und für jedes Kind (daheim oder auf dem Schulhof) ohne besonderen Aufwand zu realisieren ist, wie eine digitale Kopie von einer beliebigen Information anzufertigen, muss der Versuch, dieses Verhalten per Gesetz einzuschränken, zwangsläufig scheitern bzw. zu enormen Spannungen zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessenlagen führen, die letztlich durch die normative Kraft des Faktischen bereinigt werden. Meint: Irgendwann wird die Industrie den unproduktiven, ressourcenfressenden und imageschädigenden Kampf gegen die neuen Verhältnisse aufgeben, sich anpassen und trotzdem bzw wieder erfolgreich wirtschaften, obwohl “Hinz und Kunz” weiterhin munter kopieren, was das Zeug hält. Letztlich bleiben Gesetze bestehen, die keinen mehr interessieren, von niemanden beachtet werden und dennoch Gültigkeit besitzen. Wem ist damit geholfen?

  7. Tharben |  05.03.2010 | 17:09 | permalink  

    Dominic, es gibt dieses Klischee von der Zahnärzte- und Rechtsanwälte-Partei FDP. Wenn man sich gewahr wird, dass sogar Unbeteiligte mittlerweile Opfer des einträglichen Abmahngeschäftes werden (siehe dieses CTTV-Video ab Minute 0:48), könnte man denken, Leutheusser-Schnarrenbergers Formulierung sei kein Versehen.

    Aber es wird eher daran liegen, dass Leutheusser-Schnarrenberger, wie viele ihrer Kollegen, bis hin zu den Grünen (siehe Carta.info-Interview mit Helgan Trümpel), die Konzequenzen der Digitalisierung nicht begreift. Und da die FDP der Wirtschaft sehr nahe steht, wird sie auch nichts anderes als die Forderungen der Wirtschaft umsetzen, inklusive der Kriminalisierung der Schulhöfe. Kriminalität schaffen kann ein gutes Geschäft sein, wie das obige Beispiel zeigt.

  8. Gk |  05.03.2010 | 20:44 | permalink  

    @Dominic, völlig richtig, was Sie schreiben.

  9. 06.03.: Fundstücke der Woche : ByteFM Magazin |  06.03.2010 | 15:43 | permalink  

    [...] trockener geht es zu bei carta.info: Privatkopie, Internetpiratie, die Kulturflatrate und die Politik. Ein ausführliches Interview mit [...]

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