Wolfgang Michal | 16 Kommentar(e)
Jan und Helene Hegemann haben wohl nicht viel gemeinsam. Jan, der Rechtsanwalt, kämpft gegen Verletzungen des Urheberrechts. Helene, das Literaturfräuleinwunder, verletzt kämpfend das Urheberrecht. Die FAZ findet beides toll.
09.02.2010 |
Über den des Plagiats beschuldigten Debüt-Roman der 17-jährigen Helene Hegemann – „Axolotl Roadkill“ – schrieb die begeisterte Rezensentin der FAZ am 22. Januar: Dieses Buch ist „ein großer Coming-of-Age-Roman der Nullerjahre“, auf Augenhöhe mit „Bonjour Tristesse“ und „Der Fänger im Roggen“. Wow!
Hegemann, so die FAZ-Autorin, habe „vor allem eins geschafft: Die platt geredeten Wörter, die angestrengt alternativen Attitüden in Kunst, Kritik, Kleidung und die dahinter versteckten, vorsichtig eingezäunten Erwartungen, all das, was schon hundertmal gedacht, gesagt, getan und getragen wurde, hat sie aufgesogen, gebündelt und in etwas ganz Neues, Unerhörtes verwandelt, in den Ansatz zu einer Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist. Helene Hegemann zielt mit ihrem Buch mitten in den Kern unserer Konsenskultur.“ (Hervorhebungen durch Carta)
Intuitiv hatte die kluge Rezensentin der FAZ, Mara Delius, schon vor dem „Skandal“ erfasst, was das Buch ausmacht: es ist ein genialer (auch genial unverfrorener) Remix, ein Mash-Up, ein Sampling – eine gefühlsechte Imitation eines echten Lebensgefühls. „Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist“, schreibt (andeutend?) die Protagonistin des Romans, „es sind so viele Gedanken da, dass man seine eigenen gar nicht mehr von den fremden unterscheiden kann.“ Aufsaugen und Bündeln, Abschauen, Abschreiben, Mixen und Montieren sind hier offenbar geglückt. Die Autorin, so Hegemanns Verlag Ullstein, sei schließlich „mit der Sharing-Kultur des Internets aufgewachsen.“
Die „Sharing-Kultur des Internets“ macht allerdings kein Hehl daraus, dass sie aus Bruchstücken zusammengesetzt ist – während die Besitz-Kultur des Feuilletons oft so tut, als sei alles auf dem eigenen Mist gewachsen. Bleiben wir also bei der FAZ.
Was ist „der Kern unserer Konsenskultur“? Jener Kern, den Helene Hegemanns Roman angeblich trifft und pulverisiert? „Der Kern unserer Konsenskultur“ oder besser: Der Konsens unserer Kernkultur ist das Urheberrecht. Und dieser Konsens wird in der kernkulturellen FAZ normalerweise mit Zähnen und Klauen verteidigt.
Gut in Erinnerung ist z.B. der FAZ-Autor Jan Hegemann. Der Rechtsanwalt schrieb – pro domo – ein fulminantes Plädoyer zur Schaffung eines originären Leistungsschutzrechtes für Presseverlage. Die Verlage, so Hegemann, dürften im Internet nicht länger hemmungslos beklaut werden. In seinem Plädoyer fand sich auch der Satz: „Internet-Anbieter übernehmen kurzerhand ganze Artikel aus Presseerzeugnissen und stellen diese den Lesern in Form so genannter ‚Rip-Offs’ zur Verfügung, ohne dass auch nur eine Quellenangabe erfolgt.“
Das ist das Prinzip Helene: Aufsaugen, abschreiben, bündeln – ohne Quellen zu nennen. Unrecht, und dennoch „große Literatur“.
Der Widerspruch muss der FAZ irgendwann aufgefallen sein. Dass das Blatt mal so, mal so argumentiert: Diebstahl von geistigem Eigentum ist gut, wenn daraus Literaturwunderliteratur entsteht (die ein Verlag extrem gut verkaufen kann); Diebstahl von geistigem Eigentum ist schlecht, wenn der Verlag der Beklaute ist (das verhagelt nämlich die Bilanz).
Welchen Ausweg bietet die FAZ aus der eigenen Doppelmoral? Nun, Felicitas von Lovenberg, Ressortleiterin Literatur und Literarisches Leben, hat ihn gefunden: Das Buch der 17-jährigen Helene sei im Grunde ein Segen, weil jetzt diese ganzen verdammten Blogger endlich am eigenen Leib erleben würden, wie das ist, wenn man schamlos beklaut wird. Felicitas von Lovenberg drückt das natürlich etwas gebildeter aus: Sie sagt: „Möglicherweise wird die Rezeptionsgeschichte des Romans nun allerdings auch davon handeln, wie nahtlos der Übergang von Opfer zu Täter sein kann und so einen Reifeprozess gerade in jenem Bereich einläuten, wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht – im Internet.“
Chapeau! Der beklaute Blogger Airen wird jetzt sehr ernsthaft über sich und sein Chaos-Internet nachdenken müssen. Selbst schuld! So viel argumentative Dreistigkeit hätte man der FAZ gar nicht zugetraut.
P.S. Ein Gespräch mit dem Blogger Deef Pirmasens, der als erster auf die Ähnlichkeiten zwischen den Romanen „Axolotl Roadkill“ und „Strobo“ hingewiesen hat, findet sich hier.





Wie man’s gerade braucht. Dieses Internetbashing ist momentan doch sehr “trendy”. :-)
Sich mit geistigen Ausfällen nach vorne krakeelen und an der Rampe Stuss absondern. Lasset die andern arbeiten, solange wir den Rahm abschöpfen. So sehen die Früchte dieser moralfreien Erziehung aus.
Wir erwarten gespannt, wann die Qualitätsmedien die nächsten Krokodilstränenbäche absondern, dass man als Leistungsträger hierzulande bedauerlicherweise von Schmarotzern umgeben sei.
Wieso argumentative Dreistigkeit? Die FAZ begruesst doch lediglich die neuerliche Diskussion um anegessene Urheberrechte. Dass dabei ein Verlag namens Subkultur nun auch noch seine Rechte anmahnt, zeigt doch nur, dass die FAZ hier einen neuen Verbuendeten hat. Nehmen Sie den Hegemann-Komplex nicht zu persoenlich.
Ich bin auch erstaunt, wie leichtfertig hier die Begriffe durcheinander geworfen werden. Marcel Reich-Ranicki hat laut dpa gesagt, dass man sich doch nicht so aufregen solle, der Brecht hat Motive und Ideen ja auch geklaut. Aller Bonheur, wenn sie nur die Idee geklaut hätte und nicht gleich den ganzen Text, könnte man dies ja nach durchgehen lassen, aber die schreibt da ganze Absätze oder Seiten, so genau weiß es weder sie noch wir im Moment, und will uns erklären das dies ganz normal ist. Na ich kopier jetzt mal munter die Bücher aus dem Ullstein-Verlag und schreibe eine Einleitung und ein Schlusswort dazu und sag ich mache Literartur á la Hegemann. Mal gucken wie lange es dauert bis die erste Unterlassungsklage bei mir einfliegt. Eine Einestellung, die ich graußsam finde. Die Argumentation der FAZ glücklichen Felicitas von Lovenberg ist ja wohl auch unter aller Kanone. Nur weil ein Blogger ein Blogger ist hat er kollektiv keine Rechte, weil es schon mal Blogger gibt, die ohne Quellenangabe Texte veröffentlichen. Pech gehabt, alle Autofahrer wird morgen der Führerschein abgenommen, weil in Stuttgart heute einer betrunken Auto gefahren ist, eine echt geile Logik.
@Sandra: Dieses Motiv ist doch von der FAZ nachgeschoben worden, als das Plagiats-Problem bekannt wurde. Außerdem: Der Verlag von Airen publiziert nicht im Internet.
Man kann das doch auch mal gelassen betrachten: Was würde Ullstein eine Rückrufaktion kosten? Ist ja keine kleine Auflage. Ein guter Urheberrechtsanwalt kann da bestimmt eine angemessene Lizenzsumme für SuKultur bemessen, und am Ende sind alle zufrieden.
[...] was Herr Michal über die doppelte Moral beim Klauen geschrieben [...]
Bernd Graff is back; back:
http://www.sueddeutsche.de/computer/28/426784/text/
Und eben aktuell:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/603/502833/text/
Ob Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, sonstiges mediales (Wissen?)
Die herkömmlichen Geschäftsmodelle sind in Gefahr, und Qualität bzw. Intellekt gab’s ja bisher und im Grunde nur deshalb, weil man damit etwas verdienen konnte; oder? Hier kann nun lediglich der Staat – und ganz uneigennützig – noch helfen, selbst die sonst so systemkonformen Abmahner kommen da bald nicht mehr mit, können den Dammbruch nicht verhindern.
Zwangsweises segeln näher der Küste (sorry, Jakob Augstein) oder Anarchie?
Nur mal so am Rande – in der FR war’s auch nicht besser. Erst hat das ehrenwerte Linksblatt das Werk der Jungautorin als literarische Sensation gehypte – um, nachdem der Schwindel aufgeflogen war, mit einer ziemlich feulletonistischen Verschwurbelung die eigene Ehre retten zu müssen.
Hat das – beides! – vielleicht nicht eher was mit ‘Mainstream’ zu tun?
Erinnert mich an die Argumentation der Christen über Naturkatastrophen u.ä. -> wird der Sachverhalt positiv dargestellt war’s der liebe Gott. Wird der gleiche Sachverhalt negativ dargestellt, dann war das alles Teufelswerk.
Wer so argumentiert kann freilich nur gewinnen – aber stellt er sich wirklich einer Diskussion? Eigentlich doch nicht.
Und das ist wohl die eigentliche Lehre: die Verlage wollen wohl den Skandal gern verkaufen. Darüber selbstkritisch und ergebnisoffen diskutieren, das wiederum wollen sie auf keinen Fall. Denn: das Ergebnis muss freilich von vorn herein feststehen.
Einen sehr großen Dank Herr Michael; ich stand kurz davor zu weinen unter dieser ganzen Dummheit wo es mal Hü mal Hott ist, wo Abschreiben und Inspiration scheinbar nicht unterschieden werden können, wo ersteres Kunst ist und man dann einfach die Schuld verschiebt – kurz: wo eine Literaturbranche mit lockeren Fugen sich endlich gelöst hat und scheinbar eine kleine Revolution nötig hätte. Auch wenn ihr Text nicht alle Punkte angesprochen hat, konnte er mich doch ein wenig aufheitern.
Ich glaube, die FAZ bricht da deshalb eine Debatte von Zaun, weil sie das gerne möchte. Diese FAZ-Rezension macht Lust auf den Berliner Karneval: “Man… sieht Dokudramen über belgische Pinguinfetischisten und Vergewaltigungen von Achtjährigen, liest aufgeklärte Belletristik über pakistanische Psychoanalytiker und die …Poptheorie, schläft mit taxifahrenden Schauspielern und der besten Freundin, fuchtelt kurz mit der geklauten Halbautomatikpistole, kippt auch den achten Wodka Tonic, streitet noch etwas über Foucault, den Feminismus und die Furunkel am Hintern von Karl Marx und verschwindet dann… unter zerkoksten Medienleuten auf vierhundert Quadratmetern Parkettboden irgendwo in Berlin.”
Ganz viel in der FAZ Debatte bei dem Sebastian Lütgers abschreiben. Das hat der so verdient… Dann noch Freudsche Analysen über abgebrochene Zaunlatten und ihre Streichfähigkeit unter besonderer Berücksichtigung des Tom Sawyer. Und bitte in der Fernseh-Talkshow Kardinal Lehmann, Ursula von der Leyen und Fräulein Hegemann über Kinderpornographie in Berlin diskutieren lassen.
Oder den Emil Staiger als Kritiker der Hegemann zu Wort kommen lassen, das ist gerade en vogue. Wer stört unsere Kreise? Was würde der gute Max Frisch zu ihrer Verteidigung schreiben? Irgend einer sollte des Wilhelm Meisters Wanderjahre remixen, damit sie nicht mehr ganz so wüst und langweilig sind, vielleicht mit “Heim und Welt”, dem klassichen Remix von Adelhaus, ZJ-Anzeigen, Geistern und diskreten Angeboten, verschneiden. Echte Unterhaltung. Und Walter Benjamin hübsch verwenden. Der ist ja bald gemeinfrei. Foucault dauert noch.
[...] Ich finde, dass man trotz oder gerade wegen der Gefahren, die das Internet birgt, vor allem die Chancen sehen muss. Denn damit Individuen ihre Freiheit nutzen können, ohne wie Hegemanns Protagonistin verloren zu gehen, muss man diese Freiheit gestalten, anstatt sie zu ignorieren oder nur schlecht zu reden. Das wäre ein Grund, warum das klassische Feuilleton aufhören sollte die Internet-Kultur nach Belieben zu kriminalisieren – die Willkür und Doppelmoral ist im Fall Hegemann mal wieder deutlich geworden: Carta titelte treffend Der doppelte Hegemann. [...]
Axolotl Roadkill(ed) the Feuilleton-Star
http://berlinergazette.de/axolotl-roadkilled-the-feuilleton-star
Symptomatisch für die “Rezeption” ist auch die katastrophale Vorstellung, die Harald Schmidt gestern bot. Der Mann sollte keine Interviews machen. Beim “Gespräch” mit Fräulein Hegemann hätte die ARD eigentlich das Wort “Dauerwerbesendung” einblenden müssen.
[...] was ist los? Nichts. Kleines Mädchen schreibt einen Roman. Blogger findet heraus: “Es ist alles nur [...]