Wolfgang Michal | 16 Kommentar(e)
Fast jede Woche steht eine grandiose Polit-Umfrage des Instituts Forsa in der Zeitung. Aber warum? Weil dieses Meinungsforschungsinstitut es wie kein anderes versteht, mit lustigen Zahlen Aufmerksamkeit zu erregen.
28.11.2009 |
Wie kommt es eigentlich, dass „Forsa“ am 25.11.2009 bei der berühmten Sonntagsfrage („Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären…“) für die SPD 19 Prozent ermittelt, während die Institute Allensbach und Emnid am gleichen Tag 23 Prozent ausweisen, und die Forschungsgruppe Wahlen zwei Tage später 24 Prozent ermittelt? Fünf Prozent Unterschied!!? Da würde ich als Auftraggeber mal nach den handwerklichen Grundlagen eines Instituts zu fragen beginnen, das als Fehlertoleranz maximal 2,5 Prozentpunkte angibt.*
Aber vielleicht lieben die Auftraggeber solche Zahlen. Man kann so schön Politik mit ihnen machen – und vor allem Werbung in eigener Sache!
Oder warum sonst druckt der „stern“ jede Woche ungerührt die Ausnahmezahlen von Forsa? Macht er es, damit andere, ebenso gutgläubige Medien eine preiswerte billige Sensationsnachricht („Rekordtief!“) bringen können? Macht er es, um Herrn Güllner einen Gefallen zu tun? Oder macht er es, damit der „stern“ wenigstens irgendwo noch zitiert wird, wenn er es schon mit Journalismus nicht mehr schafft?
*Ich vermute, Forsa-Chef Güllner rechnet so: Erlaubte Abweichung von maximal 2,5 Prozent bei Forsa plus erlaubte Abweichung von maximal 2,5 Prozent bei anderen Instituten ergibt zusammen maximal 5 Prozent Abweichung. Das heißt: So lange der Unterschied zwischen Forsa und den anderen Instituten nicht mehr als 5 Prozent beträgt, sind die Forsa-Zahlen irgendwie seriös. Nun ja.
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Zum Thema Meinungsumfragen ebenfalls bei Carta: Fragwürdige Statistiken: Warum die FDP bei der Forschungsgruppe Wahlen so oft schlecht abschneidet.



Forsa habe ich noch nie ernst genommen
Zu beachten ist auch der unterschiedliche Befragungszeitraum: Die Forschungsgruppe Wahlen, die in ihrer Projektion 24 % für die SPD sieht (und das bei höheren Werten in der Stimmung) befragte vom Dienstag bis zum Donnerstag dieser Woche. Soweit ich weiß und aus eigener Erfahrung als Befragter, finden die Befragungen vom späten Nachmittag bis Abend statt. Wenn die Zahl der Befragten pro Tag in etwa gleich war, beantwortete ein großer Teil der 400 befragten Personen am Donnerstag die Politbarometer-Sonntagsfrage unter dem Eindruck der Bundestagsrede von Franz Josef Jung und der BILD-Schlagzeile. Forsa befragte bis zum Freitag der Vorwoche. Da muss man nicht die Abweichung durch den statistischen Fehler (der bei den genannten Abweichungen auch nur bei 95 % der Fälle eingehalten wird und daher auch nicht „erlaubte“ Abweichung genannt wird) bemühen, um zu sehen, dass die Zahlen durchaus plausibel sein können. Wirkliche Aussagekraft hat letztendlich nur das Intervall der Werte für die Parteien und die Tendenz einer größeren Zahl von Umfragen bzw. die Bundestagswahl selbst.
@Thorsten: Der letzte Satz ist verblüffend wahr. Nichts trifft das Ergebnis der Bundestagswahl regelmäßig so zuverlässig wie das Ergebnis der Bundestagswahl.
@Thorsten: Du magst ja was dieses Mal angeht, gewisse Punkte angebracht haben, trotzdem sind die Forsa-Umfragen zuletzt durchgängig schlechter für die SPD ausgegangen, als bei anderen Instituten
Glauben Sie wirklich, Thorsten, dass da zufällig eine Jung-Rede und eine BILD-Schlagzeile dazwischen funkten und das Ergebnis veränderten? Die Kritik an Forsa besteht ja schon eine ganze Weile. Hier z.B. ein Satz aus dem Wikipedia-Artikel zum Forsa-Institut: „Bereits 2007 und mehr noch im ersten Quartal 2008 ermittelte Forsa Umfragewerte für die SPD, die durchschnittlich um ca. 5 Prozentpunkte unter den Zahlen der anderen Meinungsforschungsinstitute lagen.“
Bei solchen “Umfrageergebnisse”n muss ich immer sofort an Prof. Ulmers “Noelle-Neumann”-Bashing in seinem Artikel: “Der Dreh mit den Prozentzahlen” denken. Sehr empfehlenswert, auch wenn der Artikel von 1994 ist.
Güllner macht doch immer schon Politik – und keine Meinungsforschung;-)
Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als die Horoskope noch nicht das ganze Heft überschwemmten, sondern nur eine Spalte beanspruchten.
Danke für den Hinweis. Ulmers Abrechnung findet man hier:
http://www.wahlprognosen-info.de/index2.htm?/archiv/rot_ueber.htm
Das erklärt allerdings nicht, warum die Prognosen des einen Instituts so stark von den Prognosen der meisten anderen Institute abweichen.
Stichwort “seriös”:
Bitte vermischen Sie nicht Prozente und Prozentpunkte. (Es gibt genug schlechte Journalisten die das gerne für Sie übernehmen)
Danke vom Ork
2,5 % Abweichung nach unten, 2,5 % Abweichung nach oben – macht 5
Allerdings verstehe ich nicht, was mir dieser Beitrag sagen soll. Er ist polemisch und basiert weitgehend auf Spekulatius.
da dieses (wichtige) thema hier nur zaghaft angeschnitten wird, folgt nun eine umfassende erweiterung:
http://www.spiegelfechter.com/wordpress/847/orakel-der-beliebigkeit
es ist ziemlich lesenswert.
@paul: Danke für den Hinweis. Es geht hier aber nicht so sehr um die Demoskopie, sondern um die Frage, warum der “stern” und seine Nachdrucker so eisern daran fest halten.
Heute einmal mehr ein recht krasser Unterschied Emmid/Forsa:
http://www.wahlrecht.de/umfragen/index.htm
Spannend dann natürlich immer, welche Umfrage die jeweiligen Medien nutzen.
@13
das stimmt – nur bin ich stets daran interessiert mir ein möglichst umfassendes bild zur thematik anzulesen. und wenn möglich teile ich das auch gerne ;)
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