Robin Meyer-Lucht | 15 Kommentar(e)
Im Fall Brender präsentierte die “Tagesschau” ihren Zuschauern am Freitag eine deutlich geschönte Darstellung der Verhältnisse im ZDF-Verwaltungsrat. Dabei hatte “Zapp” eine treffendere Version erstellt.
28.11.2009 |
In der Hauptausgabe der Tagesschau vom Freitagabend war in einem Beitrag zur Brender-Entlassung folgende Informationsgrafik zum ZDF-Verwaltungsrat zu sehen (Minute 11:22):
.
Dazu erläutert die Sprecherin: “Im ZDF-Verwaltungsrat gibt es derzeit eine christdemokratische Mehrheit”. Der Tageschau-Zuschauer muss annehmen, die CDU-Mehrheit lautet 4:2 – bei einer beträchtlichen Anzahl unabhängiger Vertreter.
Obige Grafik stammt aus einem Beitrag, den Josy Wübben am Freitagvormittag für Eins Extra erstellt hat (Minute 3:14) (Update: Die Grafik stammt ursprünglich aus einem Zapp-Beitrag, siehe Kommentar 11) . Dabei ist diese Grafik ins Wübbens Film animiert. Am Ende sieht sie so aus:
.
Die untere Grafik ist aber eine Darstellung, welche die Masse der Tagesschau-Zuschauer offenbar lieber nicht sehen sollte. Sie hätte verdeutlich: Die Parteien haben den ZDF-Verwaltungsrat weitgehend in der Hand, andere Gruppen spielen keine Rolle.
Anders in der Tagesschau: Für die Zuschauer bleibt der Schein “gesellschaftlicher Gruppen” gewahrt, obwohl es die Redaktion besser weiß. Selbst wenn die Animation aus dem Wübben-Film für die Hauptnachrichten gekürzt werden musste, so ist nicht zu verstehen, warum die Kerninformation verloren ging. Für das Hauptprodukt der stolzen “ARD Aktuell” hätte leicht ein neues Schaubild erstellt werden können.
Dabei wird die in der Tagesschau gezeigte Grafik endgültig absurd, wenn man weiß, dass selbst die dpa am Donnerstag meldete: “Neun der 14 Verwaltungsratssitze sind von CDU/CSU-Vertretern besetzt.” Josy Wübben wagte, immerhin 7 Verwaltungsratsmitglieder der CDU zuzurechnen.
Die Tagesschau hat folglich ihre Zuschauer unvollständig informiert, obwohl sie es besser wußte. Sie berichtete nicht die Unwahrheit – aber echter Qualitätsjournalismus ist näher dran an der Wahrheit.
Sollte der Fall Brender Zweifel an der Unabhängigkeit des ZDFs genährt haben, so zeigt die grafische Aufbereitung in der Tagesschau: Auch bei der ARD ist man im Zweifelsfall durchaus staatstragend und nicht gerade kritikversessen unterwegs.
Nachtrag: Die 20h-Tagesschau hätte auch auf diese Grafik aus dem Morgenmagazin zurückgreifen können:






Unabhängigkeit kann man sich nur leisten wenn man reich ist. Wer viel besitzt, ist an Dinge gebunden, wer mächtig ist, ist an Menschen gebunden, beide sind unfrei. Reichtum ist eine schier grenzenlose Auswahl an Optionen. Man kann sie leicht durch Macht oder Besitz einschränken, das beruhigt den Geist. Gehorsam beruhigt die Nerven und Demut stillt die Sehnsucht.
Wir bezahlen unsere eigene Desinformation. Wir erlauben die Kontrolle der Desinformation denen, über die informiert werden soll. Wir wählen und bezahlen die zu Kontrollierenden. Hoffentlich weiss wenigstens noch das Verfassungsgericht, welcher Verfassung es zu dienen hat.
Worte kann man sich hier fast sparen. Uns Zuschauer für blöd zu verkaufen, macht einfach nur innerlich wütend. Danke für dieses Posting und die Kommentare 1 und 2.
@ Robin Meyer-Lucht
Das dürfte nicht ganz richtig sein. Die animierte Grafik mit dem Schlussbild befindet sich bereits in dem NDR Zapp Beitrag vom 04.03.2009 von Alicia Anker, Tina Schober und Josy Wübben ab Minute 12:39.
Davon abgesehen ist der Beitrag nicht für Eins Extra, sondern für NDR Zapp vom 25.11.2009 erstellt worden. Lediglich die Bauchbinden wurden gegen das Tagesschau-Blau ausgetauscht.
Und da wundern sich die Journalisten über ihre zunehmende gesellschaftliche Irrelevanz. Schließlich sind sie es doch, die alles mit sich machen lassen, wenn sie nicht sogar mitmischen … (‘Zapp’ nehme ich jetzt mal aus).
Die Grafik, mit der die Tagesschau die Machtverteilung im Verwaltungsrat illustriert ist zunächst einmal völlig korrekt. Die Vertreter, die keiner Partei direkt zugeordnet wurden sind ja nun einmal als Vertreter gesellschaftlicher Gruppen in diesem Gremium. Nicht alle haben ein Parteibuch.
[quote]Die untere Grafik ist aber eine Darstellung, welche die Masse der Tagesschau-Zuschauer offenbar lieber nicht sehen sollte. [/quote]
Hier böse Absicht zu unterstellen ist einfach unseriös. Mit Kurt Beck, Peter Boudgoust und Ulrich Battis kommen drei Kritiker der Entscheidung zu Wort. Nur Roland Koch wird Befürworter des Beschlusses gezeigt. Nach meiner Wahrnehmung ist der Beitrag explizit kritisch mit dem ganzen Vorgang umgegangen.
Sicher wäre es schön gewesen, wenn auch noch auf die politischen Sympathien einzelner Verwaltungsratsmitglieder eingegangen worden wäre. In dem gut 6:30 min langen Beitrag von EinsExtra hat sich die ARD die Zeit dafür genommen. In einem Format wie den Fernsehnachrichten bleibt dafür aber oft nicht die Zeit. Schon gar nicht, wenn auch noch ein Minister zurücktritt. Die Unabhängigkeit der Tagesschau bei diesem Thema in Frage zu stellen ist nun wirklich übertrieben.
In Zukunft bitte das, was hier regelmäßig gefordert wird: Mehr Fakten, weniger Drama.
[...] “das System” (Beck) beim ZDF insgesamt in Frage stellt. Denn bislang repräsentieren tatsächlich vierzehn Mitglieder im Verwaltungsrat zwei Parteien, aber nur zwei Mitglieder jeweils eine [...]
@ Tharben Prust: Vielen Dank für die Ergänzungen. Ich habe mich in meinen Angaben auf die Senderangaben gestützt.
Gut zu wissen, dass die Grafik eigentlich von Zapp kommt. Inhaltlich ändert sich aber dadurch nichts an der vorgetragenen Kritik. Die Tagesschau-Grafik wurde augenscheinlich aus dem Zapp-Stück extrahiert.
@ Alan Smithee: Manchmal finde ich Klarnamen ja ganz schön – und derartigen Diskussionen hier auch angemessen…
Leider muss ich Sie in wichtigen Punkten korrigieren:
“Die Grafik, mit der die Tagesschau die Machtverteilung im Verwaltungsrat illustriert ist zunächst einmal völlig korrekt. Die Vertreter, die keiner Partei direkt zugeordnet wurden sind ja nun einmal als Vertreter gesellschaftlicher Gruppen in diesem Gremium. Nicht alle haben ein Parteibuch.”
Nein, die Tagesschau-Grafik ist nicht einmal annähernd korrekt. Ich darauf in dem Text nicht eingegangen. Da sie mich nun darauf ansprechen, gehe ich darauf gerne ein.
1. Im ZDF-Verwaltungsrat gibt es überhaupt keine Parteivertreter: 5 Vertreter werden von den Ländern bestimmt, einer vom Bund und acht gewählten Vertretern aus dem Fernsehrat. Deshalb gibt es satzungsgemäß weder Parteivertreter noch “gesellschaftliche Gruppen” im ZDF-Verwaltungsrat. Richtig ist: Es gibt Regierungsvertreter und Vertreter des Fernsehrates.
2. Dabei ist Kurt Beck als Regierungsverter nicht mehr SPD-Vertreter als etwa die ehmalige NRW-Ministerin Ilse Brusis. Nach offiziellen biografischen Angaben der Verwaltungsratsmitglieder sind 7 CDU-Mitglieder und 5 SPD-Mitglieder. Jede andere Darstellung der Parteiverhältnisse ist sachlich falsch.
Daher ist die obere Tagesschau mitnichten “völlig korrekt”, sondern falsch.
“[quote]Die untere Grafik ist aber eine Darstellung, welche die Masse der Tagesschau-Zuschauer offenbar lieber nicht sehen sollte. [/quote]
Hier böse Absicht zu unterstellen ist einfach unseriös.”
Es kommt darauf an, welchen Anspruch sie an Journalismus haben. Der Redaktion lagen, wie gezeigt, eine zutreffendere Darstellung vor. Die dpa war in der Lage, auf das 9:5-Verhältnis hinzu weisen.
Ich habe mich daher im Text ganz bewusst darauf zu konzentrieren zu sagen: Qualitätsjournalismus, auf den wir nicht verzichten können, sieht anders aus.
Ob die Redaktion absichtlich oder unaufmerksam gehandelt hat, das möge der Leser entscheiden.
Daher habe ich auch die Bildunterschrift auf Ihren Hinweis geändert (Durchstreichfunktion geht in Bildunterschriften leider nicht). Sie weist nun darauf hin, dass die Tagesschau diese Grafik nicht gesehen hätten. Das “nicht sehen sollten” habe ich entfernt, damit die Bildunterschrift tatsächlich auch die Tendenz des Textes wiedergibt.
Ich möchte aber betonen, dass selbst die “sollten”-Variante durch die vorgetragenen Fakten voll gedeckt wird. Schließlich wäre letztere Fassung journalistisch angemessener angemessen gewesen und wurde in einem Selektionsakt herausgefiltert.
“Sicher wäre es schön gewesen, wenn auch noch auf die politischen Sympathien einzelner Verwaltungsratsmitglieder eingegangen worden wäre.”
Sehen Sie: Sie erliegen selbst der unvollständigen Information der Tagesschau. 12 von 14 ZDF-Verwaltungsratsmitgliedern s-i-n-d ganz offiziell Parteimitglieder. Von den anderen sind öffentlich keine Angaben zur Mitgliedschaft verfügbar. Für Beobachter, wie die dpa ist aber klar, zu welchem Lager sie zu zählen sind.
Vielen Dank für den Kommentar,
rml
[...] Rundfunkrechtler Holznagel oder den Verfassungsrechtler Gersdorf. Die Vorsicht der ARD, bzw. der latente Verdacht, dass sie die medienrechtlichen Gegebenheiten sogar verwischt, ist jedoch nicht verwundernswert. [...]
@Robin Meyer-Lucht (#8)
Ihre Aussage bleibt richtig. Treffsicher ist auch ihr Eintrag Causa Brender: Die Politik will nicht von den Öffentlich-Rechtlichen lassen, den ich unterschreiben könnte.
Allerdings bleibt festzustellen, dass der NDR Zapp Beitrag vom 04.03.2009 (Video) einigen ebenso wenig schmeckt wie die Entscheidung vom Freitag, Herr Meyer-Lucht.
[...] Die Berichterstattung der ARD zur Entscheidung des ZDF-Verwaltungsrats spricht im Übrigen Bände. Es wird den Menschen vorgegaukelt, als sei der ZDF-Verwaltungsrat bis auf wenige Ausnahmen unparteiisch besetzt. Die Chuzpe, dieses Bild in der 20.00h-Tagesschau derart verzerrt den Menschen zu zeigen, muss man sich erst einmal trauen. Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun – es ist Propaganda und Staatsfernsehen-TV vom Feinsten. Der ARD-Zuschauer wird hier bewusst in die Irre geführt – wenn dieser sich nicht anderweitig informiert hat, wird er glauben, dass ein unabhängiges Gremium den Vertrag des ZDF-Chefredakteurs nicht verlängert hat. Es ist diese Art von Journalismus, die unserer Vierte Gewalt an den Rand ihrer Existenzkrise führt, ihre Legitimation hat sie nicht nur in solchen Fällen schon lange verloren. ARD, ZDF und die Politik spielen sich manipulativ die Bälle zu – zum Schaden dieses Landes. [...]
[...] Brender: Tagesschau: So macht man Politik mit Schaubildern Im Fall Brender präsentierte die “Tagesschau” ihren Zuschauern am Freitag eine deutlich geschönte Darstellung der Verhältnisse im ZDF-Verwaltungsrat. “Zapp” hatte eine treffendere Version erstellt. Dabei wird die in der Tagesschau gezeigte Grafik endgültig absurd, wenn man weiß, dass selbst die dpa am Donnerstag meldete: “Neun der 14 Verwaltungsratssitze sind von CDU/CSU-Vertretern besetzt.” Quelle: Carta [...]
[...] angehörigen, Personen besetzt. Schaut man sich jedoch einmal die tatsächlichen Infografiken an (hier im Artikel eingebettet), so sieht das alles doch ein wenig anders aus. Das Gremium des ZDF-Verwaltungsrats ist nicht, wie [...]
[...] für unvereinbar mit dem Grundgesetz, nun hat auch Bundespräs… 9 Likes Tagesschau: So macht man Politik mit Schaubildern — CARTA Im Fall Brender präsentierte die Tagesschau ihren Zuschauern eine deutlich geschönte Version [...]