Markus Beckedahl | 29 Kommentar(e)
25.11.2009 |
1. Verglichen mit den meisten Wirtschaftszweigen geht es den Medienhäusern in der sog. Wirtschaftskrise gut – nicht zuletzt Springer, die besonders laut tönen – 13 Prozent Rendite laut 3. Quartalsbericht sind kein Grund zum Weinen. Auf diesem Niveau zu jammern, ist eher unverschämt.
2. Es gibt für Internetnutzer keinen Grund, eine Zeitung zu kaufen, die zu zwei Dritteln ungelesen im Müll landet. Das Internet befördert Selektion, wie auch schon die Musikindustrie erfahren musste. Das muss man als Gesamtwerkproduzent nicht hübsch finden, aber akzeptieren – und sich überlegen, wie man die Leser für weitere Inhalte bei sich begeistern kann.
3. Die Entwicklung kommt nicht überraschend. Dass die Verleger bis heute kein Modell gefunden haben, wie sich ihre Veröffentlichungen (ich spreche bewusst nicht von Journalismus, das ist ein Großteil ihrer Erzeugnisse nicht) online rentieren können, haben sie sich zum Großteil selbst zuzuschreiben, denn:
4. Die Gesamtreichweiten der in IVW und AGOF verbündeten Medienangebote sind irrational groß. Dass bis heute mit Onlinewerbung wenig Geld verdient werden kann, wenn man nicht selbst der Dienstleister ist, liegt auch an selbstverschuldeten, schlechten Kriterien. So wie die Radiosender sich und ihren Werbekunden mit der Media-Analyse regelmäßig fröhliche Zahlen melden (79,8 Prozent der Deutschen hören angeblich täglich Radio, und das im Schnitt um die drei Stunden lang…), so vermiesen es sich die Onlinehäuser selbst.
Wer hat das sinnfreie Format der Page-Impression-produzierenden Klickstrecken zu verantworten? Nicht die Nutzer, sondern die beharrlichen und koordinationsunwilligen Medienhäuser und ihre angeschlossenen Vermarkter, die IVW und AGOF betreiben.
5. Die Verleger beweisen ihre Internetkompetenz regelmäßig neu: immer wieder jammerten sie über Google News (nicht über Google). In diesem Jahr ebbte das Gejaule plötzlich ab: Vielleicht hatten sie mal ihre Mitarbeiter gefragt, woher die Nutzer tatsächlich kommen. Google News ist als Trafficverteiler fast bedeutungslos.
6. Im klassischen Printjournalismus wurden 2008 28,6 Prozent für Herstellung, 24,3 Prozent für Redaktion, 24,7 Prozent für Vertrieb, 15,7 Prozent für Anzeigen und 7,8 Prozent für Verwaltung aufgewendet (Quelle: BDZV). Einnahmeseitig standen dem 45,2 Prozent aus Anzeigen, 8,6 Prozent aus Fremdbeilagen und 46,2 Prozent aus dem Vertrieb gegenüber. Entfallen also die 46 Prozent Einnahmen aus dem Vertrieb, stehen dem Einsparungen in Höhe von 28,6 Prozent Herstellung und 24,7 im Vertrieb (abzüglich einer Summe x für Onlinevertrieb) gegenüber. Das klingt nicht unmöglich zu wuppen, werte Herren!
7. Wenn dem Onlinejournalismus etwas fehlt, ist es guter, anständig bezahlter Journalismus. Die Verleger jammern über zuwenig Beachtung ihrer Angebote und zuviele Rip-Offs; sie bezahlen zugleich ihren Onlineangestellten vergleichsweise Peanuts. Das ist scheinheilig.





“Es gibt für Internetnutzer keinen Grund, eine Zeitung zu kaufen, die zu zwei Dritteln ungelesen im Müll landet.”
Genau das ist das Problem.
Herr Schirrmacher nennt das ja “Nachrichtendarwinismus”. Man könnte auch sagen: Die Zeit des Albums (–>Zeitung) ist vorbei. Jetzt werden im Netz “Singles” verkauft.
Vielleicht ist ja auch so: Die Verleger jammern, damit sie endlich mehr Journalisten bei den Online-Angeboten bezahlen können.
Einen gewissen Zusammenhang zwischen Verlegerklagen, schlechten Online-Einnahmen und schlechter Online-Journalistenbezahlung wird es ja geben.
Immerhin spricht Keese drüben im Interview von 200 Mio. Euro Einnahmen im Internet. Das ist nixxxx: Damit hätte der gesamte deutsche Online-Journalismus etwa den Etat von 12 Tatort-Folgen.
Schön, dass Markus jetzt auch mal auf Carta schreiben darf – und nicht nur Verlagsvertreter….
Gibt es zu Punkt 6 (BDZV) eine Veröffentlichung im Netz, so dass man sich die Zahlen näher anschauen kann?
@ Hansi Meier:
http://www.bdzv.de/schaubilder+M5b0984c7761.html
“Wer hat das sinnfreie Format der Page-Impression-produzierenden Klickstrecken zu verantworten? Nicht die Nutzer, sondern die beharrlichen und koordinationsunwilligen Medienhäuser und ihre angeschlossenen Vermarkter, die IVW und AGOF betreiben.”
Richtig, mit der Einschränkung, dass nicht alle Verlage etc. sich gegen eine bessere Lösung sperren, sondern nur die wo das zu einer (z.T.) deutlichen Minderung der Reichweite sowohl absolut wie relativ führen würde.
Vielleicht von Interesse im weiteren Sinne dieses Artikel, bewusst kurz gefasst:
zum Suchwort, in engl. Sprache,
+newspaper revenue+ , Google verwendend und dazu “Nachrichten” angeklickt
bringt Google die dazu laufenden Berichte aus dem engl. Medien-/ Sprachraum,
von Kanada bis Neuseeland.
Beispiel was da ganz oben auftaucht, eines von vielen:
http://www.mediabuyerplanner.com/entry/46784/newspaper-revenue-slumps-28-in-q3-online-falls-17/
Interessant ist, das es weltweit, dass laesst sich anhand dieser Suchworte
und Artikel leicht verfolgen, regelmaessig, Quartal um Quartal, eine Kuerzung
der Werbeausgaben fuer u. a. Zeitungen gibt. In den USA mittlerweile 13
Quartale in ungebrochener Reihenfolge, jetzt, im 14., ist es sicherlich wiederum
das Gleiche. Die Q- Berichte Ende Januar / Februar 2010 werden es dann
wieder zeigen. (Murdoch, News Corp, ist im Besitz einer ganzen Reihe von
Zeitungen die seit langem Verluste verursachen, Verluste, die zunehmend
groesser werden. Weshalb ihm und seinen Leuten wohl Aengste hochkommen.)
Interessant ist dabei auch, dass die werbenden Firmen, gross und klein,
weltweit, sich nicht aeussern. Es findet sich eigentlich ueberhaupt keine
Kritik von Seiten der Geschaeftsleute, usw.. Da ist voellige Stille, Schweigen.
Grund fuer Kritik von Seiten der individuellen Geschaefte und Firmen
gaebe es allemal. U.a. deren Erfahrung bei voellig nutzlosen Werbeausgaben,
wenn die Anzeigenvertreter etwa reinste Wunder versprechen, den Ansturm
von Millionaeren auf ein Inserat hin garantiert zusagen.
Die Medien haben da jetzt ein scheinbares Monopol auf die oeffentliche
Rede, sie fuehren Monologe, sie haben als einzige was zu sagen ob dieses
Umstandes des Schweigens, der Diskussionsverweigerung von
(potentiellen) Werbekunden.
Das hindert sie freilich nicht daran, regelmaessig die Werbeausgaben
zu kuerzen. Ein ums andere Mal.
Hinzu kommt noch, dass die Konsumenten insgesamt ganz gut mit weniger
Werbung auskommen wuerden, es gibt seit Jahren das bekannte Ausweichen
von Fernsehwerbung, ebenso wie anderer Werbung. Ebenso unerwuenscht
ist all das Zeug das die Briefkaesten ueberfuellt, unaufgefordert kommt.
Und so weiter.
Und dann kommt natuerlich noch hinzu, dass in den letzten Jahren die
Medien und Werbewirtschaft alles getan haben um die Ausgbaben
so hoch wie nur moeglich hin zu kriegen. Jetzt gibt es deswegen die
“blues”.
Wollte nur mal kurz auf dieses eigenartige Phaenomen des stillen
Handelns und Einsparens von Seiten der Firmen hinweisen. Nicht
alles ist Dialog, Diskussion, sondern ganz konkret entsprechende
Handlung (Budgetkuerzung in diesem Fall). Waehrend die einen reden
und reden, handeln und agieren die anderen ganz anders, sie gehorchen
einfach nicht.
“Es gibt für Internetnutzer keinen Grund, eine Zeitung zu kaufen, die zu zwei Dritteln ungelesen im Müll landet.”
da ist die zeitung dem internet doch meilenweit überlegen. in dieser konzentrierten form gibt das internet nicht dieses ausmaß an “anregungen” her, die man bei einer zeitung bekommt. im gegenteil, das zusammensuchen von, sich “genehmen”, informationen per internet führt einen sehr einseitigen blick herbei.
es fehlt der zwangweise aufbrecher, den eine zeitung viel eher hergeben kann und da hat das internet seit angebinn null gelernt. wie auch .. wenns doch die einseitigkeit befördert? :P
Guten Tag!
Ihre Thesen sind leider nicht durchdacht:
1. Verglichen mit den meisten Wirtschaftszweigen geht es den Medienhäusern in der sog. Wirtschaftskrise gut – nicht zuletzt Springer, die besonders laut tönen – 13 Prozent Rendite laut 3. Quartalsbericht sind kein Grund zum Weinen. Auf diesem Niveau zu jammern, ist eher unverschämt.
Diese “Unverschämtheit” stimmt – aber aus dem Erfolg eines Unternehmens einen “Allgemein-Zustand” abzuleiten, ist grob fahrlässig. Das Zeitungssterben der vergangenen Jahre geht weiter.
2. Es gibt für Internetnutzer keinen Grund, eine Zeitung zu kaufen, die zu zwei Dritteln ungelesen im Müll landet. Das Internet befördert Selektion, wie auch schon die Musikindustrie erfahren musste. Das muss man als Gesamtwerkproduzent nicht hübsch finden, aber akzeptieren – und sich überlegen, wie man die Leser für weitere Inhalte bei sich begeistern kann.
Auch das ist eine nicht durchdachte These. Wenn ich auch nur einen guten Artikel finde – der mich erheitert, der mich zum Nachdenken anregt oder der mir gute Service-Informationen liefert, hat sich die Investition von ein bis zwei Euro sicherlich gelohnt.
Die Leser müssen auch nicht immer begeistert sein – es reicht, wenn Sie verstehen, dass Ihnen die regelmäßige Lektüre einen wie auch immer gearteten Mehrwert bietet. Das bezweifeln aber immer mehr Leser.
3. Die Entwicklung kommt nicht überraschend. Dass die Verleger bis heute kein Modell gefunden haben, wie sich ihre Veröffentlichungen (ich spreche bewusst nicht von Journalismus, das ist ein Großteil ihrer Erzeugnisse nicht) online rentieren können, haben sie sich zum Großteil selbst zuzuschreiben, denn:
Sehr gute Feststellung. Die Verleger hätten viele Modelle finden können – allein ihre monopolisierte Sättigung hat dies verhindert.
Aus einem Argument zum nächsten überzuleiten ist allerdings ein seltsamer Stil.
4. Die Gesamtreichweiten der in IVW und AGOF verbündeten Medienangebote sind irrational groß. (….)
Hier machen Sie ein Fass auf, dass vollständig mit Dynamit gefüllt ist. Die Zahlen stimmen nirgendwo. Auf der anderen Seite – wenn sich alle auf falsche Zahlen berufen – stimmen alle dem System zu. So wird auch wieder ein Schuh draus.
Der eigentliche Skandal ist, dass kleine Angebote, egal welcher Medienart, durch das “Monopol der großen Zahlen” keine Chance haben, bei der “Reichweitenlüge” mitzuhalten. Und das ist gewollt.
5. Die Verleger beweisen ihre Internetkompetenz regelmäßig neu: immer wieder jammerten sie über Google News (nicht über Google). (…) Google News ist als Trafficverteiler fast bedeutungslos.
Dazu soviel: Die Klage ist das große Lied des Kaufmanns.
6. (…) Das klingt nicht unmöglich zu wuppen, werte Herren!
Was in der Klammer nicht mehr steht, ist ungefähr das, was Sie an Sachverstand zu diesem Thema haben. Entweder haben Sie keine Ahnung, was da an Kosten für die Verlage droht oder Sie wollen es nicht verstehen.
Ich bin beim besten Willen kein Verlagsverstehter, aber gerade dieser Punkt, von Ihnen lapidar als glücklich machende Gegenrechnungslösung dargestellt, würde den meisten Verlagen das Genick brechen.
Die Aussage “nicht unmöglich zu wuppen” sagt, dass Sie das Problem der Verlage auch nicht im Ansatz verstanden haben.
7. Wenn dem Onlinejournalismus etwas fehlt, ist es guter, anständig bezahlter Journalismus. Die Verleger jammern über zuwenig Beachtung ihrer Angebote und zuviele Rip-Offs; sie bezahlen zugleich ihren Onlineangestellten vergleichsweise Peanuts. Das ist scheinheilig.
Ach Gott – scheinheilig. Gehen Sie in die Kirche, dann wissen Sie, was scheinheilig ist. Anständig bezahlter ist nicht gleich guter Journalismus. Und was schreiben Sie da? Die Verleger jammern? Welche? Bild online sicher nicht. Auch SPON dürfte sich nicht beklagen. Und es hängt nicht nur an der Bezahlung. Es hängt auch an den Journalisten, die denken, dass Meldung, die sie verfassen, die “Welt” interessieren muss.
Kein Mensch ist verpflichtet, die banale Soße unserer Medien zu beachten. Jede Meldung, die die Menschen im Blick hat, wird Beachtung finden. Im Großen wie im Kleinen.
Beste Grüße
Hardy Prothmann
Bei allf. Unzufriedenheit, Medienfrust – wie auch von Hardy Prothmann
angesprochen, kommt vielleicht ein Artikel aus dem UK Guardian
gelegen. Ein Artikel der m. E. einen ziemlich wunden Punkt, was das
vielfach frustrierte Publikum jedenfalls anbelangt, trifft.
Dieser vergleicht die Zeitungen von heute mit jenen von 1984, vor 25
Jahren, und beginnt wie folgt:
“How did readers know what to think in 1984? Once you get over the minuscule,
blurred pictures and the lack of colour, the first thing that strikes you about the newspapers of that year is the paucity of opinionated columnists. The
finger-jabbing, red-faced anger of today’s commentariat, the passionate,
omniscient certainty with which they declare opinions, scarcely existed 25
years ago …”
http://www.guardian.co.uk/media/2009/may/18/newspaper-industry
Lieber Hardy,
ich verstehe Sie und ihre teils Stil-, teils inhaltliche Kritik nicht und will das an Beispielen deutlich machen:
“Diese “Unverschämtheit” stimmt – aber aus dem Erfolg eines Unternehmens einen “Allgemein-Zustand” abzuleiten, ist grob fahrlässig. Das Zeitungssterben der vergangenen Jahre geht weiter.”
Was hat das Zeitungssterben mit dem Erfolg der Medienbranche zu tun? Herr Beckedahl schrieb doch, dass Axel Springer ein Wortführer ist, diesen dann mit seinen Quartalszahlen zu widerlegen, ist doch genau richtig.
Zeitungen sterben, weil sie sich für die Verleger nicht mehr rentieren. Sie rentieren sich auch deshalb nicht, weil die jungen Menschen ins Internet abwandern und die Verleger hier bislang versagt haben.
“Die Leser müssen auch nicht immer begeistert sein – es reicht, wenn Sie verstehen, dass Ihnen die regelmäßige Lektüre einen wie auch immer gearteten Mehrwert bietet. Das bezweifeln aber immer mehr Leser.”
Das heißt also, dass die Verlage Journalismus am Leser und seinen Interessen vorbei produzieren. Das ist vielleicht teils noch öffentlich-rechtlicher Auftrag, aber nicht der der Verlage.
Reichweiten: “Hier machen Sie ein Fass auf, dass vollständig mit Dynamit gefüllt ist. Die Zahlen stimmen nirgendwo. Auf der anderen Seite – wenn sich alle auf falsche Zahlen berufen – stimmen alle dem System zu. So wird auch wieder ein Schuh draus.
Der eigentliche Skandal ist, dass kleine Angebote, egal welcher Medienart, durch das “Monopol der großen Zahlen” keine Chance haben, bei der “Reichweitenlüge” mitzuhalten. Und das ist gewollt.”
Der Wahrheit verpflichtete Lügner? Interessanter Punkt. Warum lese ich über die “Reichweitenlüge” eher in Blogs als in Zeitungen/Zeitschriften?
“Was in der Klammer nicht mehr steht, ist ungefähr das, was Sie an Sachverstand zu diesem Thema haben. Entweder haben Sie keine Ahnung, was da an Kosten für die Verlage droht oder Sie wollen es nicht verstehen.”
Wenn Sie schon so polemisch kritisieren, sollten Sie auch Zahlen zur Unterfütterung ihrer Argumente anbieten. Das gilt auch für den Rest des Absatzes.
“Ach Gott – scheinheilig. Gehen Sie in die Kirche, dann wissen Sie, was scheinheilig ist. Anständig bezahlter ist nicht gleich guter Journalismus.”
Ja. Aber schlecht bezahlter und unter schlechten Umständen fabrizierter Journalismus kann nur selten wirklich guter sein. Hier gehen Arbeitsbedingungen, Entlohnung (Freiberufler?!) und Qualität Hand in Hand.
“Und was schreiben Sie da? Die Verleger jammern? Welche? Bild online sicher nicht. Auch SPON dürfte sich nicht beklagen.”
Wer war nochmal Herausgeber von Bild (online)? Siehe oben.
Ja, Spiegel Online jammert tatsächlich nicht. Liegt vielleicht daran, dass der Spiegel Verlag keine Zeitschriften herausgibt und seine Reichweite gegenüber Präinternetzeiten enorm gesteigert hat.
“Und es hängt nicht nur an der Bezahlung. Es hängt auch an den Journalisten, die denken, dass Meldung, die sie verfassen, die “Welt” interessieren muss.
Kein Mensch ist verpflichtet, die banale Soße unserer Medien zu beachten. Jede Meldung, die die Menschen im Blick hat, wird Beachtung finden. Im Großen wie im Kleinen.”
Das Versagen der Journaille steht auf einem anderen Blatt und ist nur zum Teil systembedingt, zweifelsohne…
@ mh
“im gegenteil, das zusammensuchen von, sich “genehmen”, informationen per internet führt einen sehr einseitigen blick herbei.”
In welcher deutschen Zeitung haben wir denn eine so muntere Debatte wie zum Beispiel hier bei Carta? Es gibt in keiner einzigen Zeitung auch nur annähernd soviel Vielfalt wie im Netz. Natürlich liest jeder gern Meinungen, die seiner eigenen ähneln, aber allein schon durch Kommentare ist sichergestellt, daß man auch im Netz nicht immer nur “genehme” Informationen vorgesetzt bekommt.
Wenn ich dagegen an den Meinungseinheitsbrei und teilweise äußerst lustlose Recherche in vielen Zeitungen denken …
Interessant und von einigen Zahlen her aufschlussreich. Die Gründe sind in meinen Augen umfassender. Oft fehlt es an einer klaren Strategie zwischen Offline und Online. Wer ist denn eigentliche die Zielgruppe (Positionierung!!!)? Was soll monetarisieren und was User generieren? Wann nutze ich welche Useransprache auf welcher Web 2.0 Platform? Wo wollen wir in fünf Jahrne User erreichen? Warum bröckelt das digitale Vermarktungsmanifest und was können wir dagegen tun – siehe auch… http://www.create-effects.de/tag/meyer-gossner/? Die 5 W des Journalismus sind eben entscheidend für guten Journalismus in beiden Welten, aber auch dafür, wie ein Verlag erfolgreich sein kann. Der Part des investigativen Journalimus kommt heutzutage leider oft zu kurz. Es geht zu oft darum, der Erste zu sein, der die Nachricht bringt. Ein Twitter-Phänomen?
[...] Und noch einer (26.11.09): Markus Bekedahl – Warum die Verleger zum Internet einfach schweigen sollten [...]
Verleger müssen einfach nur schneller werden. Bei Entscheidungen, bei Investitionen und bei allen digitalen Entwicklungen am Markt.
Das Problem ist doch auch: Es arbeiten kaum junge Leute in der Entscheidungsebenen.
Andersrum betrachtet: GANZ Deutschland verpennt den Markt.
Die digitalen Supermächte (Google, Amazon, Microsoft, MySpace, Facebook etc.) werden immer stärker und stärker. Und diese digitalen Supermächte interessieren sich auch nicht für Deutschland. Sie arbeiten Global.
Genau darum habe ich das Buch “Der Fixierungscode” geschrieben um laut zu sagen: Wir müssen viel mehr in die digitale Welt investieren. Sonst werden wir unbedeutend.
Die “Thesen” sind insgesamt weitgehend doch erstaunlich flach. Nun ausgerechnet Springer als Bespiel für die Branche, noch dazu für die Lokal- oder Regionalzeitungen anzuführen, ist mit dreist noch untertrieben benannt.
Zitat:
“7. Wenn dem Onlinejournalismus etwas fehlt, ist es guter, anständig bezahlter Journalismus. Die Verleger jammern über zuwenig Beachtung ihrer Angebote und zu viele Rip-Offs; sie bezahlen zugleich ihren Onlineangestellten vergleichsweise Peanuts. Das ist scheinheilig.”
Das ist dann richtig drollig: Wer soll denn bitte die Online-Journalisten bezahlen – in den weitaus meisten Fällen kommt das Gehalt der Onliner eben nicht aus dem Netz sondern von den gedruckten Kollegen. In Zeiten der Zeitungs- und Medienkrise müssen die Verlage – und sie tun es seit Jahren – trotz Umsatz- und Gewinnrückgang Parallelstrukturen aufbauen. Das kostet dann erst einmal und auch auf unabsehbare Zeit mehr Geld als nur eine Zeitung herzustellen – soviel zu der abenteuerlichen Verlagskostenrechnung… Nebenbei: Die meisten Online-Medien funktionieren bisher auch nur, weil sich Praktikanten dort verschleißen lassen.
Zum Modell für die Verleger: Sicher, es gibt das allgemeingültige noch nicht. Aber es läuft doch auf eines hinaus: Es wird wenige große Nachrichtenseiten geben im Netz und dann die vielen kleinen, die lokale Nachrichten haben und damit handeln. Die werden dann aber nicht frei zugänglich sein, weil davon eben der Verlag lebt, das ist sein exklusives, zum Teil teuer erstelltes Produkt. Es wird also im Netz zu einer Entwicklung kommen, die für die Print- und überhaupt für die Journalistenbranche überfällig ist: Der Regional- und Lokaljournalismus wird deutlich aufgewertet werden – und wird eben nicht kostenlos zu haben sein. Das wird die Ware sein, mit der in Zukunft neben den großen Seiten im Netz zusätzlich Geld verdient werden wird. Daneben wird aber weiter das klassische Papierabo bleiben. Wenn sich irgendwann im Netz das Online-Abo durchgesetzt hat und auch die Leser in den hinterletzten Dörfern online lesen, dann wird die Zeitung sich auf Papier nicht mehr lohnen. Aber das ist: Zukunftsmusik.
Zitat:
“2. Es gibt für Internetnutzer keinen Grund, eine Zeitung zu kaufen, die zu zwei Dritteln ungelesen im Müll landet. Das Internet befördert Selektion, wie auch schon die Musikindustrie erfahren musste. Das muss man als Gesamtwerkproduzent nicht hübsch finden, aber akzeptieren – und sich überlegen, wie man die Leser für weitere Inhalte bei sich begeistern kann.”
Nee, wie lustig. Das Internet bleibt zu 98 Prozent ungelesen. Und nur mal so zum Sinn einer Zeitung: Sie ist kein Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite gelesen werden muss. Es ist ein tägliches Angebot an den Leser. Mehr nicht.
[...] Warum die Verleger zum Internet einfach schweigen sollten [...]
@ Ibrahim: Stimmt. Siehe dazu:
http://carta.info/18659/fail-often-fail-early-fail-cheap/
@Tim:
ich habe noch nie erlebt, dass eine debatte im internet eine änderung des denkens herbeiführte. im gegenteil, die fronten verhärten sich meist nur. dennoch ist es richtig, dass das internet die debatten hergibt und mancher wird sie auch zu nutzen wissen.
ich seh nur nicht, wie sich das mit meiner aussage beißen sollte. zeitung und internet seh ich diesbezüglich in keinerleiweise in konkurrenz. eine zeitung vertritt, wie übrigens auch ein blob, eine grundmeinung und die zieht sich durch artikel durch. das internet emöglicht darüber zu debattieren. jeder von seiner ecke aus und darüber.
worauf mein kommentar abzielte war, dass wenn ich eine zeitung lese, ich immer wieder auf artikel und “umstände” stoß, die ich selbst aktiv nie aufgesucht oder gesucht hätte. aktiv ist hier das stichwort, denn im infofluss des netzes muss ich informationen so dermaßen gesteuert an mich heranlassen, dass vieles interessante die wahrnehmungslinien gar nicht erst erreicht. dafür sind wochenzeitungen oder monatsheftchen jedoch wieder wunderbar geeignet.
mfg
mh
[...] Warum die Verleger zum Internet schweigen sollten carta.info [...]
Kann es vielleicht einfach sein, dass das Verpacken des Qualitätsjournalismus in bedrucktem Papier, Kreuzworträtsel, dpa-Meldungen und Aldi-Beilagen seine besten Zeiten hinter sich hat?
zu 6. “Das klingt nicht unmöglich zu wuppen, werte Herren!”
Öhömm.
Beim strammen Marsch in die Online-Institution bleiben blöderweise die einstigen lokalen Quasimonopolanzeigentgelte auf der Strecke. Das führt zu einer Art verlegerischer Chandrasekhar-Grenze: je nach Apparatgrösse glimmt man noch so ein wenig vor sich hin. Oder hinterlässt ein bitterböses schwarzes Loch.
@Ibo Wohl wahr. Wir schwafeln von Wissensgesellschaft – und werfen wertige öffentlich-rechtliche erzeugte Medienprodukte nach 7 Tagen auf den Müll. Wir kopieren ebay und facebook – und klopfen uns dafür auf die Schulter. …
“worauf mein kommentar abzielte war, dass wenn ich eine zeitung lese, ich immer wieder auf artikel und “umstände” stoß, die ich selbst aktiv nie aufgesucht oder gesucht hätte.”
dem muss ich energisch widersprechen. mittels news-aggregatoren, twitter, blogrolls & co. stößt man meiner meinung nach viel häufiger auf artikel und informationen, die einem durch lesen einer wochenzeitung verwehrt geblieben wären. das problem zeitmanagement, da man sich auf grund der selektion und des konsums von themenfremden artikeln schnell verzettelt, ist eine andere geschichte..
das thema zeitmanagement und infomanagement sind ein und das selbe thema. ich leb als mensch ganzheitlich und nicht getrennt. wenn ich zeit mit artikeln verbringe, dann fehlt mir diese zeit woanders. da fließt eines ins andere.
es gibt auch nichts uneffizienteres als sich von artikel zu artikel zu clicken oder von blogroll zu blogroll. wer das tut, der lebt ohnehin noch in der steinzeit oder hat generell zu viel zeit.
natürlich stoße ich per twitter ständig auf dinge die ich so nicht gefunden hätte. doch die kommen ob der sonstigen überflutung auch nur von leuten die ich mir raussuche und die dadurch meinem persönlich anspruch genügen. die relevanz ergibt sich aus der persönlichen empfehlung einer mir “halbwegs” oder “gänzlich” bekannten person. ob ichs lese oder nicht, ergibt sich dann aber schon wieder aus der darstellungsform. einfach nur nen link ignorier ich bspw. mit nem kommentar versehen schau ich fast immer rein.
in dieser struktur hat man zwei möglichkeiten. sich weltoffen mit soviel wie möglich beballern lassen oder eben effizient mit den dingen die man braucht. auf twitter aufsetzende tools wie viewsflow sind da schon effizienter.
die zeitung hingegen blätterst du durch, auch die rubriken die du nicht aktiv betreust, und hast in einer sehr annehmbaren gesachwindigkeit eine sehr breite palette an artikeln und somit themen. das ist auch nur headline-lesen und das interessante rauspicken .. nur breiter vom thema als das gesteuerte.
ich hab von der quote her übrigens mehr links die ich nicht anclicke als artikel die ich nicht lese. die streuverluste sind per internet auch dann noch extrem, wenn mans gesteuert an sich ranlässt.
[...] Warum die Verleger zum Internet einfach schweigen sollten — CARTA [...]
Ich glaube das von Hardy Prothmann angesproche Problem der sich selbst herausgesuchten “genehmen Information” ist generell das WIRKLICHE Problem in der sich formenden Informationsweiterleitungsgesellschaft.
Und wer dann Twitter und Blogrolls mit ernsthaftem investigativem Jouralismus vergleicht, der hat wirklich nicht verstanden, welcheSstrukturen hier gerade bedauerlicherweise vor die Hunde gehen, zugunsten von meinungsdemokratischem “Gezwitscher”.
Hier entsteht eine Informationsasymmetrie, die von “Diggs” und “Tweets” gefüttert und verstärkt wird, und sich in allerletzter Konsequenz als “meinungsdemokratischer” Suchalgorhythmus bei Google manifestiert. Sähe ein Kiosk aus, wie Google, dann wäre er mit Bild, Praline und Blitz Illu tapeziert, und man müsste nach der Süddeutschen, der Zeit und anderen Fachmagazinen explizit nachfragen, weil sie nur unter der Theke auf explizite verkauft würden.
Der vollkommen einseitige Artikel von Beckedahl, der sich zwar als Analyse ausgibt, aber im Grunde nichts angeres ist als ein unverlangt eingesandter Kommentar eines Interessensverters ist gewinnt erst durch die danach stattfindende Diskussion wirklich an Relevanz. der Kommentar an sich ist von trauriger Unreflektiertheit und würde in einem seriösen Printmagazin den Textchef nicht überleben.
Last not least: Spiegel Print ist nicht Spiegel Online – weder qualitativ noch inhaltlich.
Aber wie soll man das auch merken, wenn man das Printmagazin seit Jahren abbestellt hat?
@Stefan Herweg: Das ist kein Problem des Internets. Schon in Vor-Internetzeiten gab es breite Bevölkerungsschichten, die sich aus RTL2 und Bild informiert haben. Das waren auch schon fragmentierte Öffentlichkeiten, die mehr über Celebrities mitbekamen als über die Themen der Gesundheitsreform.
[...] Markus Beckedahl, CARTA: Warum die Verleger zum Internet einfach schweigen sollten [...]
[...] Hier geht es zum Artikel. Related Posts:Lesenswert: "Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein."Leseempfehlung: Politische Meinungsbildung im InternetLesenswert: Facebook, Sternartikel und TitelseitenindikatorInternet Strukturdaten 2. Quartal 2009Communityhype 2.0weiter empfehlen About the author [...]
@MArkus Beckedahl,
das Problem ist, dass uns mittlerweile allen klar ist, dass RTL 2 für gesellschaftliche Bildung oder die BILD-Zeitung für ppolitische Analysen nicht wirklich die besten Addressen sind.
Im Internet ist das Navaue und die NEutralität der Nachrichten und Meinungen aber noch VIEL dareamtisch schlechter als bei RTL. Wir glauben aber, es sei deutlich besser. Dabei ist neutrale Information im Netz fast überhuapt nicht zu finden, sondern über alles scheint es eine demokratische Abstimmung zu geben.
ich glaube wir haben uns den effekt der Tatsache, dass im Internet immer nur die demokratische MEinung siegt noch nicht richtig klar gemacht: Wahrheit und Neutralität sind nicht demokratisch, sie sind Objektiv.
Insofern ist die Informationsverzerrung im netz sogar noch deutlich probelmatscher als irgendwelche unzureichenden Nachrichtenformate bei den Privaten. Es gildet sich so eine gigantische Desinformationsblase, die man kaum zum Platzen bringen wird.
Wenn sich das nicht als extremes Problem auswächst, wäre ich sehr überrascht.
SH