Ursula Weidenfeld

Was für eine Öffentlichkeit braucht eine Gesellschaft?

Ursula Weidenfeld | 5 Kommentar(e)

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Für die Gesellschaft ist die Frage zweitrangig, wer wann was für Journalismus bezahlt. Sie braucht eine Öffentlichkeit, in der der Diskurs des Gemeinwesens stattfinden kann – über auseinanderdriftende Mediengenerationen hinweg.

25.11.2009 | 

Welche Öffentlichkeit braucht eine Gesellschaft, um zu funktionieren? Eine kostenlose oder eine bezahlte?

Auch wenn sich alle darüber streiten: Das ist zwar eine wichtige, aber leider nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage ist, ob eine Gesellschaft noch einen allgemein wahrgenommenen Platz zum Diskurs über ihre Werte, ihre Ziele, ihre Vorbilder, ihre Kultur, ihre Interessen und ihre Politik braucht. Die klassischen Printprodukte und das Fernsehen stellen diesen Platz zwar noch für Generation Ü40 zur Verfügung, aber kaum noch für die unter Dreißigjährigen. Zeitungen und Zeitschriften sind für die älteren bürgerlichen Kreise immer noch maßgeblich, wenn es darum geht, die eigene Position mit oder in Abgrenzung zur journalistischen Arbeit zu schärfen oder zu bestimmen. Für die schlecht Ausgebildeten und materiell schlecht Gestellten gilt das schon lange nicht mehr. Qualitätsmedien sind für die Klugen, aber nicht für die Dummen. Sie sind für die Alten, nicht für die Jungen.

Eine Gesellschaft braucht aber Orte, an denen sich ihre unterschiedlichen Gruppen begegnen, und sei es nur im abstrakten publizistischen Profil. Nur hier werden in einem vor- und nebenpolitischen Raum Positionen formuliert, Interessen abgeglichen. Hier wird Wissen über und gelegentlich auch Verständnis für die Anderen ausgetauscht. Natürlich kann man sagen, dass wir das nicht mehr brauchen.

Man kann argumentieren, dass eine Weltöffentlichkeit der Interessen den Diskurs des realen Gemeinwesens überflüssig macht. Warum aber gibt es dann noch Webseiten auf deutsch, warum soziale Netzwerke, warum die vielen lebhaften Kommentare zur Politik? Weil sie nichts anderes sind als ein moderner Ausdruck für das Bedürfnis einer Gesellschaft nach Austausch. Vielleicht auch für die Ahnung, dass dieser Austausch heute wichtiger ist als je zuvor: Eine Gesellschaft, die auf absehbare Zeit nichts mehr aus dem Zuwachs zu verteilen hat, steht vor einer Zerreißprobe. Zumal die deutsche Gesellschaft, die keine Erfahrung mit solchen Übungen hat. Zumal die deutsche, in der die Interessen der Älteren durch die schiere Zahl immer gewichtiger, die wichtigeren der Jungen durch ihre Unterzahl dagegen die Tendenz haben, an den Rand gedrängt zu werden.

Wie aber sieht der Platz aus, der diese Verbindungen wieder herstellt oder sogar neu schafft? Klar ist, dass er unterschiedliche Gesichter haben muss. Und klar ist auch, dass er nur durch Kooperation zu Stande kommen kann. Die über 40jährigen werden hoffentlich kaum von dem Gefühl ablassen, das sich beim morgendlichen Zeitunglesen einstellt. Die unter 30jährigen werden in der Mehrheit diesem Gefühl vermutlich ihr Leben lang nicht viel abgewinnen können. Trotzdem haben beide Generationen ein Interesse und einen Anspruch darauf, einen angemessenen Ort für ihren Austausch zu finden.

Wer will, dass zwischen Gegenwarts- und Zukunftsinteressen tatsächlich bewusst entschieden wird, muss den Streit darüber so austragen, dass er auch von der jeweils anderen Generation gesehen, gehört und in ihren Diskurs einbezogen werden kann. Diese Bindefunktion kommt längst nicht mehr nur dem klassischen Medienmarkt zu. Sie muss auch von den modernen Medien ernst- und wahrgenommen werden. Es reicht nicht aus, schäbig über vermeintlich überbezahlte Holz-Journalisten zu reden. Genau so wenig sinnvoll ist es, verdruckst über das kostenlose Zitieren von Inhalten zu räsonnieren und doch nur Diebstahl zu meinen.

Wer als Verleger, Medienunternehmer und Journalist seinen gesellschaftlichen Auftrag ernst nimmt, muss sich um die Frage kümmern, ob und wo ein Austausch zwischen den Generationen, zwischen Journalisten und Nutzern stattfinden soll, wo er möglich und wo er überhaupt sinnvoll ist. Er muss den Wert der Unabhängigkeit von Informationen erkennen und (wieder) schätzen lernen.

Daneben ist die Frage, wer wann was bezahlt, zwar für die Verlage und auch für die neuen Medienunternehmer existenziell, aber für die gesamte Gesellschaft ist sie zweitrangig. Die Verlage müssen dafür eine befriedigende Lösung finden. Für die Gesellschaft zählt nur, dass die Öffentlichkeit ihren öffentlichen Platz wieder finden muss, um weiteres Auseinanderdriften gesellschaftlicher Gruppen und Schichten und Isolationstendenzen zu bremsen. Deshalb, und nur deshalb muss das Kriegsbeil begraben werden.

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5 Kommentare

  1. Die Demokratie braucht eine funktionierende Öffentlichkeit » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  25.11.2009 | 16:49 | permalink  

    [...] Medienunternehmer existenziell, aber für die gesamte Gesellschaft ist sie zweitrangig.” (Carta.info) Aktuelles Heft Nr. 5-2009 [...]

  2. Medienlinks: Zukunft des Journalismus und Digitalfernsehen |  26.11.2009 | 22:57 | permalink  

    [...] Wer als Verleger, Medienunternehmer und Journalist seinen gesellschaftlichen Auftrag ernst nimmt, muss sich um die Frage kümmern, ob und wo ein Austausch zwischen den Generationen, zwischen Journalisten und Nutzern stattfinden soll, wo er möglich und wo er überhaupt sinnvoll ist. Er muss den Wert der Unabhängigkeit von Informationen erkennen und (wieder) schätzen lernen. carta.info [...]

  3. erz |  27.11.2009 | 08:57 | permalink  

    Es finden sich ja doch immer wieder Perlen in diesem Internetz. Leider findet diese Debatte anscheinend nicht die Resonanz, die ihrer Relevanz entspräche.

    Über den Skopus der vorliegenden Fragestellung hinausgehend fehlt mir bei den wenigen Versuchen, die Debatte über Gesellschaft und den Austragungsort ihrer öffentlichen Debatten anzustoßen allerdings eine weniger “medienmenschliche” Perspektive. Natürlich gibt es Leitmedien, die eine vereinigende Kraft auf verschiedene Ebenen der Gesellschaft ausübern und eine Plattform bieten, auf der verschiedene Teilnehmer der Gesellschaft zusammen finden. Ich glaube auch, dass man solche Diskursräume in einer plurizentrischen Medienwelt finden wird.

    Ich glaube allerdings auch, dass es vermessen ist, anzunehmen, die Gesamtgesellschaft nehme durch Stellvertreter an den Diskursen in den Leitmedien teil. Diese Diskurse sind mittlerweile zutiefst elitistisch. Der Versuch, auch bildungsferne oder einfach nur zeitungsferne Schichten in den Diskurs einzubeziehen wird von den Meinungsmachern nicht unternommen. Bestenfalls kommen ausgewählte Opfer ihrer Umstände auf die Betroffenencouch. Dumm nur, wenn die Mehrheit der Gesellschaft mittlerweile Betroffen ist, der Diskurs über sie aber auf Kanälen geführt wird, die von und für eine abgehobene Minderheit bedient werden.

    In den Parteien, die “das Kriegsbeil begraben sollen”, so richtig diese Forderung auch ist, ist jedenfalls nicht die Gesamtgesellschaft vertreten. Symptomatisch der Mangel an Sozialreportagen aus beiden Lagern. Ich mache weder der Netzgemeinde noch den Verlagsmedien ihr Personal zum Vorwurf, sie sind schließlich nur Kind ihrer Zeit. Aber sie sollten auch nicht die Augen davor verschließen, dass ihr Weltbild fern von diversen anderen Weltanschauungen liegt, die ohne Stimme in der Gesellschaft existieren.

  4. Ursula Weidenfeld |  27.11.2009 | 10:57 | permalink  

    Sie haben natürlich recht, wenn Sie feststellen, dass die Gesamtgesellschaft sich nie in den Leitmedien vertreten gesehen hat, früher nicht und heute wahrscheinlich noch weniger. Aber ich finde, dass es diese Anmaßung gar nicht braucht. Medien sollen und müssen nicht stellvertretend für die Gesellschaft oder ihre Gruppen stehen. Sie haben ein Eigenleben, das allerdings in zwei Punkten für die Meinungsbildung und den Diskurs in der Gesamtgesellschaft entscheidend wirkt. Einmal, weil sie Kontrolle ausüben, und das können sie nur, wenn eine breite Öffentlichkeit bereit ist, sie zur Kenntnis zu nehmen. Und außerdem, indem sie hoffentlich den oder einen oder mehrere Diskurse anregen, zusammenfassen, bereichern. Stammtischpolitik ist ohne Reverenz an Bild, FAZ, den Kölner Stadtanzeiger oder die Thüringische Allgemeine, ohne Heute und Tagesschau, RTL- und SAT1-Nachrichten eben nicht möglich. Man will nicht zuerst die ganze Geschichte erzählen und ihre Relevanz beweisen müssen, bevor man darüber räsonniert. Deshalb reicht es eben auch nicht sich zufriedenzugeben, weil es ja immer noch Teilöffentlichkeiten gibt. Wer am öffentlichen Leben teilnehmen will und soll – und da werden inzwischen in der Tat ganze Generationen und Millieus vermisst – der braucht die Verbindungen zwischen diesen Teilöffentlichkeiten. Und die scheinen mir nicht im nötigen Tempo zu entstehen.

  5. Kuro Sawai |  07.01.2010 | 10:17 | permalink  

    Eine treffende und notwendige Analyse!

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