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Tatjana Brode

Anton Nossik: Westblogger denken zuviel ans Geld

Tatjana Brode | 4 Kommentar(e)


Russlands Internet-Guru Anton Nossik im Interview: Freiheit beim Bloggen heißt Unabhänigkeit von redaktionellen Zwängen – und vom Druck, Geld zu verdienen.

24.11.2009 | 

Anton Nossik entwickelt seit Mitte der 1990er Jahre führende russische Informationswebsites, derzeit ist er Chefredakteur des Online-Wirtschaftsmagazins BFM.ru Im Video spricht er über die Freiheit von Bloggern, wichtige russische Blogs, Unterschiede zwischen der russischen und der westlichen Blogosphäre und über Präsident Medwedew. Das Interview wurde auf Englisch geführt.

Video-Direktlink: Anton Nossik im Interview

Die wichtigsten Aussagen von Anton Nossik:

Man sollte die Bedeutung des Wortes Freiheit (bei Blogs) nicht auf die Freiheit begrenzen, die Regierung zu kritisieren. Russland hat eine Menge Zeitungen und Magazine, die das tun. Die Freiheit von Bloggern besteht darin, das auszudrücken, was sie denken und fühlen, unabhängig von der Politik des Herausgebers, von redaktionellen Zwängen oder dem Druck, Geld zu verdienen – und nicht notwendigerweise daraus, die Regierung zu kritisieren. Eigentlich gibt es keinen großen Unterschied zwischen Kritik oder Lob an der Regierung – beides sind Meinungen. Die entscheidende Frage ist, ob man frei ist, seine Meinung zu publizieren, oder der Politik eines Herausgebers folgen muss, die man nicht selbst gesetzt hat.

Viele Muster in der westlichen und der russischen Blogosphäre sind ähnlich, im Westen jedoch gibt es in allem ein kapitalistisches Grundprinzip: Mit jeder Sache, die man gut macht, will man früher oder später Geld verdienen. Deshalb verändern sich westliche Blogs, wenn sie bekannter werden, sie verkaufen Werbung und verwandeln sich in reguläre Massenmedien mit Angestellten, die statt des Erfinders schreiben, mit Marketing-Abteilungen etc. Das passiert in der russischen Blogosphäre nicht, weil sie einerseits aus denen besteht, die andere Einnahmequellen haben, und andererseits aus denen, die berühmt werden wollen, und nicht dafür bezahlt werden wollen, berühmt zu werden.

Einige Zahlen:

Das russischsprachige Internet hat zurzeit etwa 80 Millionen Nutzer, die Hälfte aus Russland, die andere Hälfte russischsprachige Personen im Ausland. Etwa eine Million davon betreiben ein Blog, etwa acht Prozent davon schreiben über Politik. Inzwischen haben viele, die zunächst mit Blogs experimentiert haben, in die sozialen Netzwerken gewechselt.

Blogs russischer Politiker:

In Russland ist es seit langem üblich, dass etwa Kommunalpolitiker Zeitungen gründen und betreiben – mit öffentlichen Geldern. Inzwischen haben einige ein Blog. Bei der Bevölkerung kommt das gut an, sie ist offen für den Dialog mit den Autoritäten, sofern sie nicht von oben herab kommunizieren. Auch Medwedew bloggt, auf seiner offiziellen Kreml-Website. Diskutieren und kommentieren können die Nutzer beim Bloganbieter LiveJournal, dort wird Medwedews Blog gespiegelt.

Anton Nossik ist Chefredakteur des Online-Wirtschaftsmagazins bfm.ru. Seit 1995 beschäftigt er sich mit dem Internet, er entwickelte Nachrichten-Sites wie gazeta.ru, lenta.ru, tv.ru u.a. Darüber hinaus betreibt er die Internet-Stiftung pomogi.org. 2006 war er an der Gründung der Online-Medien-Holding SUP beteiligt, die den russischen Anteil des Blogportals LiveJournal besitzt. Seit Dezember 1996 hat er ein eigenes Blog.

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4 Kommentare

  1. zoom » Umleitung: Blogger und Geld, Kohls Eier, die Abmahn-Masche und mehr … « |  24.11.2009 | 18:13 | permalink  

    [...] Dienstag, 24. November 2009 |  Autor: zoom Medien I: Westblogger denken zuviel ans Geld: … carta [...]

  2. Kopfkompass |  24.11.2009 | 22:19 | permalink  

    Dazu passt eine E-Mail, die ich gestern bekommen habe. Ein mir unbekannter Betreiber einer Firma für Feuerwerks- und Pyrotechnik bietet mir EUR 20, wenn ich das Wort “Silvesterparty” in einem meiner jüngsten Beiträge auf seine Homepage verlinke.

    Der Beitrag behandelt jedoch keine taufrischen Partytipps sondern einen Friedhofsbesuch mit meiner Mutter, von dem aus ich über das Wesen von Zeit und Erinnerung nachdenke.

    Ich bin zu verstört um überhaupt darauf zu antworten.

  3. JF |  25.11.2009 | 00:34 | permalink  

    Zu den stets wiederkehrenden tollen Ideen des Geldverdienens
    gehoeren meiner Erfahrung nach:
    billigen Schmuck in Thailand, Indien etc. einzukaufen und diesen mit Gewinn
    irgendwo in einem westlichen Land zu verkaufen. Diese Idee hoerte ich als
    wirtschaftliche Basis, um dies etwa in Spanien oder einer Insel zu machen
    und sich solcherart eine Existenz in einem sonnigen Flecken Erde zu
    verschaffen.
    Eine andere, bescheidene, Idee ist jene Accessories zu vertreiben: Handtaschen,
    Reisetaschen, Kameras, Mousepads und ein paar weitere gadgets.
    (Diese Form der Handelsunternehmung gehoert seit langem zur Aktivitaet
    von Zeitungsverlagen. Order online …)
    Eine andere Idee des Geldverdienens – seit langem bestehend und
    existierend, nunmehr erneut voll zu Bewusstsein gebracht, ist die mittels
    Werbegeld viel – oder zumindest etwas – Geld zu verdienen.
    In den USA haben die Zeitungsverleger bis vor der Medienkrise kein Hehl
    daraus gemacht, offen damit geprahlt, dass das Drucken einer Zeitung
    wegen den Werbeeinnahmen gleichzusetzen ist mit einer Lizenz zum
    Gelddrucken. Und lange Zeit hat diese Form des grossen Geldverdienens
    auch funktioniert. – In Europa waren die Verlage diesbezueglich etwas
    diskreter, ueber Geld sprach man nicht, aber man war genau so darauf
    erpicht.
    Diese Idee des Geldverdienens wurde, es konnte ja nicht anders sein,
    fortgesetzt im Internet, modernisiert im Web. Als copy-cat Idee gewisser-
    massen. Manche davon funktionieren, manche nicht.

    Ich kenne ein paar Schriftsteller, Buchautoren, sowie auch eine writers
    guild, die den unbedingten Rat parat haben, schon mal die Umgebung,
    die “Freunde” und Bekannten zu wechseln, sowie diese einzig mit der
    Frage daher kommen “Wieviel verdienst du denn mit deinem naechsten
    Buch?” Das ist nachvollziehbar. Es gibt tatsaechlich fuer einen wirklichen
    Kuenstler, egal welcher Art, wohl keine fatalere Frage als die staendige
    Geldfrage.
    In Ergaenzung dieses Beitrages waere es vielleicht auch gerade
    fuer die Bloggers mal keine Zeitverschwendung, mal ein paar
    erfolgreichere Schriftsteller zu interviewen, zu befragen, mit welchen
    entsetzlich dummen Fragen die immer wieder konfrontiert wurden
    und von der allgemeinen Lebenserfahrung von diesen zu lernen und
    gewissermassen auch zu profitieren.

  4. Jürg Vollmer |  25.06.2010 | 15:16 | permalink  

    “Westblogger denken zuviel ans Geld”, sagt Anton Nossik. Darf ich dieses Interview trotzdem mit Flattr bezahlen :-)

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