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Gisela Schmalz

Renitente Medienunternehmen: Immer an die Nutzer denken

Gisela Schmalz | 4 Kommentar(e)


Mit ihrem Widerstand gegen die Netzlogik und ihrem Griff nach Instrumenten aus uralter Zeit gefährden Medienunternehmen sich selbst und ihre Mitarbeiter, statt sie zu schützen, indem sie sie digital sattelfest machen.

18.11.2009 | 

Einige deutsche Medienkonzernlenker wehren sich gegen die Restrukturierung ihrer Geschäfte und ihrer Geschäftsmodelle. Sie fordern alternierend neue Gemas, Leistungsschutzrechte, Steuererleichterungen für den Medienkonsum oder erwägen gar die Kulturflatrate. Die digitale Technologie und deren Nutzer, die einst ihre Kunden waren, laufen ihnen davon. Das liegt aber nicht an der Technologie, sondern an ihrer Ignoranz gegenüber der Nutzergemeinde und ihrer Zeitschinderei durch den Ruf nach Vater Staat.

Medienunternehmen sollten die Nutzer und die neuen Technologien herzlich umarmen, End- und Werbekunden als Partner einbinden, Abendschulkurse im Programmieren belegen und mit Entwicklern oder Technikunternehmen kooperieren. Medien- und Onlineunternehmen, die mit zeitgemäßen Produkten, Plattformen und Preismodellen experimentieren, wären dabei taugliche Vorbilder. Während das Wallstreet Journal mit fachspezifischen Inhalten Geld einnimmt, bieten USA Today, Burda und seine US-Partner mit Glam oder die WAZ-Gruppe mit DerWesten ihren Abonnenten und anderen Interessenten Plattformen an, die es erlauben, Artikel, Kommentare und Bewertungen zu verwalten und mit anderen Nutzern in Kontakt zu treten. Die New York Times mutiert zum Technologieentwickler, erfindet Inhalte-Aggregatoren und testet sie zusammen mit ihrer Leserschaft. Paid Content funktioniert bei so manchen Film- und Musikportalen. Konkurrenz und zugleich Vorbilder für Medienunternehmen sind nicht nur Projekte aus den eigenen Branchen, sondern auch originär digitale Phänomene wie huffingtonpost.com, iBrattleboro.com, ohmynews.com oder GoogleNews, die Qualitätsinhalte liefern oder Inhalte zu Appetithäppchen bündeln. Auch Gamepublisher und Onlinespiele-Anbieter gehören zu den Wettbewerbern, von denen sich lernen läßt. Ihnen gelingt es mittels eigener Ideen und Ideen aus ihrer Zielgruppe, nicht nur die (zahlende) Zielgruppe selbst, sondern auch Werbekunden oder Sponsoren an sich zu binden.

Inhalteanbieter müssen sich zu den Nutzern vorbewegen. Sie haben die dringende Hausaufgabe auf dem Tisch, ihre Produkte an Onlinetechnologien, Plattformen und Bezahlsysteme anzudocken, sowie Widgets, Apps oder Items zu implementieren. Auch hier ist die Einbeziehung der Nutzer wieder die wichtigste Erfolgsvoraussetzung. Erstens können im Dialog die Bedürfnisse der Nutzer ausgemacht werden, zweitens von ihnen Ideen oder Technologien eingesammelt werden, und drittens richtet sich die Entwicklung von Anfang an auf die Nutzer aus. So kann bei der Definition von Produkten und Preisen optimal auf die Kundenbedürfnisse eingegangen werden, was langfristige Beziehungen aufbauen hilft. Unternehmen sollten Fangemeinden um sich scharen und Kunden nicht mit Gesetzesdrohungen oder Zwangsgebühren verschrecken. Warum den Staat zwischen sich und den Nutzer stellen, wenn man ihn mal eben über das Netz kontaktieren kann?

Einfach wird es für Medienunternehmer nicht, originelle Mixmodelle zu zimmern, mit denen sich aus Content, Kontext und Nutzern größtmöglicher Wert schöpfen lässt. Wer aber an den Zielgruppen vorbei operiert, schaufelt sich sein Grab. Das dürfte bekannt sein, seit der Satz “Der Kunde ist König” jedes Marketingbuch veredelt. Beim Abfassen aller Geschäftspläne muss die Sinnhaftigkeit für die Nutzer federführend sein.

Crossposting von yeseconomy.net mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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4 Kommentare

  1. Wittkewitz |  18.11.2009 | 16:25 | permalink  

    “Journalism as a word is loaded because of the ministry it invokes. The profession that, since Watergate, has laid claim to it. That ministry is now a diaspora. Much like after the Gutenberg revolution the ministry lost its authority in interpreting the bible. Martin Luther showed us how. In reaction many journalists cling even tighter to that word. What we need to preserve isn’t newspapers. I’d argue it isn’t even ‘journalism’ as we understand it. What we need to save is something else. Something more fundamental. The ability for communities to be informed with honest information and then to mobilize based on that information.”
    David Cohn (spot.us)

  2. JF |  18.11.2009 | 20:44 | permalink  

    @ Wittkewitz: m. E. nach treffen Sie damit den Kern der Sache.
    und punkto renitenter Verleger:
    Vielleicht liegt den Medienunternehmern auch daran, den Konsumenten, vox populi ganz allgemein, eine Medienkrise schmackhaft zu machen. Um nicht hinter den
    Amerikanern allzuweit hinterherzuhinken.
    Verständlich wäre so eine Art Freud’scher Paradoxie ja auf jeden Fall.
    Und vielleicht so was wie einen Markt für Medienkritiker a la Jack Shafer zu
    schaffen.
    Beispiel Jack Shafer über die Eigenart / Unart der Journalisten sich selber zu
    loben, sich gegenseitig Preise zu verleihen und damit anzugeben. Etwas, das
    keine andere Branche sich leisten koennte.
    http://www.slate.com/id/2216519/

  3. Medienlinks: Zur Zukunft der Zeitschriften- und Zeitungsbranche |  19.11.2009 | 11:51 | permalink  

    [...] berlinonline.de Mit ihrem Widerstand gegen die Netzlogik und ihrem Griff nach Instrumenten aus uralter Zeit gefährden Medienunternehmen sich selbst und ihre Mitarbeiter, statt sie zu schützen, indem sie sie digital sattelfest machen. carta.info [...]

  4. Harald |  21.11.2009 | 13:14 | permalink  

    Kleine, spezialisierte und lokale Publikationen fallen hier unter den Tisch.

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