Robin Meyer-Lucht

Mathias und seine Meisterin Arianna

Robin Meyer-Lucht | 17 Kommentar(e)

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Bezahlinhalte vs. Vernetzung: Auf einem Medienkongress in Monaco erzielte Arianna Huffington im Schlagabtausch mit Mathias Döpfner einen klaren Punktsieg. “Ubiqität ist die neue Exklusivität”, philosophierte sie über die neue die Link-Ökonomie, während sich Döpfner über “Webkommunisten” beschwerte.

13.11.2009 | 

Eine prägnantere Inszenierung des ideengeschichtlichen Konflikts zwischen alteuropäischem Inhalteproduzentenmodell und neuamerikanischem Netzwerkpubliziermodell hätte man sich kaum ausdenken können. Gestern Mittag trafen Axel Springer-Chef Mathias Döpfner und Huffington Post-Herausgebern Arianna Huffington auf dem Monaco Media Forum zusammen.

“Springer CEO Clashes With Huffington”, schrieb anschließend Business Week. Die Debatte sei kein “digital media lovefest” gewesen. DerWesten-Chefredakteurin Kathrina Borchert erklärte die zum Teil heftige Auseinandersetzung zu einem “absoluten Highlight” weit über die Konferenz hinaus.

Mit Döpfner vs. Huffington prallten instruktive Gegensätze aufeinander. Auf der einen Seite Döpfner, der darauf besteht, dass nur mit Bezahlinhalten und einem “verlässlichen Urheberrecht” in Zukunft “Qualitätsjournalismus” finanzierbar sei. Auf der anderen Seite Arianna Huffington, die dafür steht, Nachrichten zu “kuratieren”, indem sie eigene Redaktionsinhalte, mit Links auf andere Sites und Blog-Beiträgen kombiniert.

Döpfner und Huffington verkörpern nicht nur geradezu archetypisch diese Ansätze, sondern sie sind auch Protagonisten, die sie rhetorisch zu vertreten wissen. Huffington aber war gestern wacher, schneller, gewitzter und nicht geneigt, ihren Standpunkt auch nur einen Millimeter zu räumen.

Als Döpfner von “Inhaltediebstahl” sprach, sprang ihm Huffington ins Wort. Sie bestand darauf, dass ihre Publikation sich strikt an das Urheberrecht halte, noch nie eine Auseinandersetzung darüber geführt habe und im Gegenteil ständig von klassischen Medien gebeten werde, doch auf diese zu verlinken.

“Obwohl Sie unglaublich überzeugend klingen, Herr Döpfner, wird es sich zeigen, dass Sie unglaublich falsch liegen”, sagte Huffington. “Sie können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und den Fluss, in den Sie steigen möchten, den gibt es nicht mehr. ”

In einem grandiosen Moment gab Huffington dem Springer-Chef Nachhilfe in der neuen Link-Ökonomie:  “Ubiquität ist die neue Exklusivität.” Wer im Netz Geld mit Inhalten verdienen wolle, müsse diese möglichst umfassend über das Netz zu verteilen, wie etwa der Sender NBC mit seiner Video-Einbettung.

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Huffington: "Obwohl Sie unglaublichüberzeugend klingen, Herr Döpfner, wird es sich zeigen, dass Sie unglaublich falsch liegen."

Plötzlich sah der europäische Mathias neben der quirligen Neuamerikanerin Arianna eher alt, verstockt und uninspiriert aus.

Huffington: “Herr Döpfner, Sie wollen Konsumenten umerziehen, die gerade die neuen Möglichkeiten der Online-Nachrichten entdecken. Das ist anmaßend.”

Döpfner entgegnete, dass ohne Bezahlinhalte hochwertiger Journalismus nicht nachhaltig zu finanzieren sei.  Es könne nicht angehen, dass smarte Online-Typen Inhalte stehlen, zitieren (sic!) und vermarkten – ohne sich an der Produktion der teuren Ausgangsinhalte zu beteiligen.  Es sei ein Irrglaube von “Webkommunisten”, dass nur dann Demokratie herrsche, wenn alle Inhalte kostenfrei seien.

Im Arianna-Feuer gab sich Döpfner dann auch selbstkritisch: Die Medienkrise sei vor allem auch eine Krise des Journalismus selbst, der häufig einfach nicht gut genug sei.

Die eloquente Amerikanerin hatte dann gleich auch die passende Parabel zur Hand, was denn die Online-Medien besser machen würden. Klassische Medien, so Huffington würden unter “add” leiden, attention deficit disorder. Die Online-Medien hätten dagegen “ocd“, obsessive compulsive disorder. Wo klassische Medien Geschichten durchrattern, würden Online-Medien Geschichten leidenschaftlich begleiten.

Der Schwergewichtskampf der Medienstrukturlenker Döpfner vs. Huffington ging nach Punkten klar an die amerikanische Online-Pionierin. Amerikanischer Innovationsgeist siegte über europäischen Geschäftsmodellkonservatismus – und am Ende blieb das Gefühl, dass es so bleiben könnte.

Hier das Video des fulminanten Aufeinandertreffens:

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17 Kommentare

  1. Klaus Jarchow |  13.11.2009 | 10:18 | permalink  

    Die deutschen Verleger wollen immer noch “ihren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben”, obwohl der doch “solch einen Bart” hat. Wann hätten die Printmedien denn selbst jemals nicht zitiert, Argumente geklaut oder sich auf die Schultern von Riesen gestellt? Das aber war damals noch ein ‘exklusiver Kommunismus’, der nur innerhalb des Systems ablief. Mit diesem Link-Setzen haben sie ja bei ihren Artikeln immer noch immense Schwierigkeiten, auch dort, wo sie schon mal den großen Zeh ins Online-Wasser tauchen. Kein Mensch erfährt, woher ein Blatt seine Weisheit bezog …

  2. Wittkewitz |  13.11.2009 | 10:33 | permalink  

    Es ist bezeichnend, dass in Deutschland der Begriff news curation keinerlei Diskussion erfahren hat. Allein die Tatsache, es mit kuratieren zu übersetzen, müsste der gesamten Qualitätmeute ihren Filter/Gatekeeper-Quatsch um die Ohren hauen.

    Insgesamt sehe ich aber nicht, dass Döpfner dort vorgeführt wurde. Nicht zu Unrecht verwies er darauf, dass er an einem Tag mehr umsetzt als HuffPost in einem Jahr. Und das die lustigen Stiefel den TKP online so tief ansetzen ist ja nicht freiwillig, sonst könnten sie dort deutlich mehr verdienen als sie es ohnehin schon tun.

    Für mich war der wichtigste Satz, dass Döpfner die Marge veröffentlichte, mit der Springer hantiert.

  3. JF |  13.11.2009 | 11:01 | permalink  

    meedia.de, dass diesen Streit ebenfalls aufgegriffen hat, berichtet etwas
    genauer, zitiert mehr. U.a. Döpfner:
    “Es gebe nicht viel, was die Leute wirklich interessiere, so Döpfner weiter. Im wesentlichen seien das Sex und Crime oder, wie er für die „gebildeten Schichten“ hinzufügte, „Eros und Thanatos“. Diese Geschichten müssten gut erzählt und konsumentenfreundlich aufbereitet mit einfachen Bezahlsystemen zur Verfügung gestellt werden, so Döpfner. Dann funktioniere auch Paid Content.”

    Und damit plaudert er wohl aus seiner Erfahrung, rückt mit seiner
    Wahrheit heraus. Das ist immerhin auch was.

    http://meedia.de/nc/details-topstory/article/dpfners-streit-mit-arianna-huffington_100024548.html?tx_ttnewsbackPid=23&cHash=64bf18e8c1

  4. Wittkewitz |  13.11.2009 | 11:09 | permalink  

    @JF

    Wahrheit ist immer subjektiv. Das liegt in der Natur der Logik, da Axiome nicht begründbar sind.

    Aber es ist schon wichtig darauf hinzuweisen, dass Döpfner in der dialektischen Welt eines Freud gefangen ist. Man könnte sich sogar dazu versteigen und behaupten, dass es für die meisten Menschen aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr als zwei Dimensionen gibt (gut/böse oder eben Sex/Tod), weil die Komplexität das Ablassen von Senf (verbale Exkrementik) extrem erschweren würde.

    Oder um es krass zu sagen: Die Grautöne sind Kultur, der Rest ist Instinkt und der geht eben ohne belastende Tätigkeit von allein – oder hirnphysiologisch korrekter – ohne Selbstmodell.

  5. Digitalisierung: Mehr Kontroversen! » blog.frei! |  13.11.2009 | 11:40 | permalink  

    [...] Döpfner (Axel Springer) vs. Arianna Huffington (Huffington Post): bei Robin Meyer-Lucht (Carta) und [...]

  6. mediaclinique | ralf schwartz |  13.11.2009 | 16:20 | permalink  

    Fremdschämen für den Deutschen Journalisten-Verband…

    Zuerst dachte ich an reine Satire, als ich die Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbandes (”Berliner Erklärung gegen die Krise”) las. Dann erkannte ich die bittere Wahrheit, daß wir uns wohl für ihn fremdschämen müssen. Hier die DJV-P…

  7. Kaffeetrinker |  13.11.2009 | 16:34 | permalink  

    Jetzt geht auch in den USA die Diskussion über ein Leistungsschutz für Verleger los:
    http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704402404574523454258004332.html?mod=googlenews_wsj

    Zitat:

    In the last year, many fresh ideas have begun to circulate on how to help the publishing industry transition profitably to the online world. But without legal reform to back up these new business models, publishers will not have the bargaining power to make the search engines into true partners willing to compensate them meaningfully for their copyrights.

  8. Thomas Television |  14.11.2009 | 01:00 | permalink  

    Weil das von Wittkewitz angesprochen wurde: der Begriff (news) curation bzw. curator wird jetzt auch in Zusammenhang mit Twitter und Twitterlisten verwendet. Vielleicht kann man das irgendwann mal genauer beleuchten.

  9. Klaus Jarchow |  14.11.2009 | 13:02 | permalink  

    “Nachrichtenpflege” wäre m. E. eine adäquate Übersetzung für “news curation”. Nicht nur kurzatmig den Neuigkeiten-Teller mit hängender Zunge leer schlabbern, sondern auch mal den Abwasch machen …

  10. Die 7 WWMAG-Surftipps zum Wochenende 47/2009 |  14.11.2009 | 13:14 | permalink  

    [...] Mathias und seine Meisterin Arianna – prägnantere Inszenierung des ideengeschichtlichen Konflikts zwischen alteuropäischem Inhalteproduzentenmodell und neuamerikanischem Netzwerkpubliziermodell: Axel Springer-Chef Mathias Döpfner diskutierte auf dem Monaco Media Forum mit Huffington Post-Herausgebern Arianna Huffington – seht auch das Video (gut verständliches Englisch) an, es ist sehr spannend, die Details der Kontroverse mitzubekommen! (Siehe dazu auch den Beitrag Paid Content: Der SUV der Medienindustrie?) [...]

  11. Aufgelesen bis zum 14.11.09  | bertdesign.de |  14.11.2009 | 15:54 | permalink  

    [...] Mathias und seine Meis­te­rin Ari­anna — CARTA — Klas­si­sche Medien, so Huf­fing­ton wür­den unter “add” lei­den, atten­tion defi­cit dis­or­der. Die Online-Medien hät­ten dage­gen “ocd“, obses­sive com­pul­sive dis­or­der. Wo klas­si­sche Medien Geschich­ten durch­rat­tern, wür­den Online-Medien Geschich­ten lei­den­schaft­lich beglei­ten. Der Schwer­ge­wichts­kampf der Medi­en­st­ruk­tur­len­ker Döpf­ner vs. Huf­fing­ton ging nach Punk­ten klar an die ame­ri­ka­ni­sche Online-Pionierin. Ame­ri­ka­ni­scher Inno­va­ti­ons­geist siegte über euro­päi­schen Geschäfts­mo­dell­kon­ser­va­tis­mus – und am Ende blieb das Gefühl, dass es so blei­ben könnte. [...]

  12. Pit Schultz |  14.11.2009 | 19:10 | permalink  

    interessant dass nun der “elephant im raum” der new economy evangelisten nun von Springer beim namen genannt wird: “web communism”.

    “its simply wrong to think that in the web world everything has to be offered for free. i think this theory, that only a free access to information is i have to admit one of the most absurd theories that i heard, its a very late intellectual outcomes of web communists. only if every is for free it’s democratic, i mean how absurd,is it more democratic to go to a supermarket to get a can of beer for free? yes i would prefer i would admit. but if this is a fundament for democracy i would radically disagree. ”

    http://www.youtube.com/watch?v=ar6pCxwtUBk#t=17m30s

    als grundlage der demokratie kann wohl weiterhin das grundgesetz gelten, besonders die interpretation der fuer jeden “frei zugänglichen quellen”.

    Grundgesetz: Artikel 5.
    (1) [1] Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. [2] Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. [3] Eine Zensur findet nicht statt.

    http://lexetius.com/GG/5

    es wird vielleicht zeit die enkel adenauers mal beim wort zu nehmen, statt eine neue ideologische hexenjagd vorzubereiten. trotzdem das thema digitaler kommunismus im herz der “neuen oekonomie” verspricht spannend zu werden in zeiten einer globalen wirtschaftskrise.

  13. Link-Economy der Netzkommunisten : Burks' Blog |  14.11.2009 | 21:45 | permalink  

    [...] berüchtigte Internet verböten. Nehmen wir den Springer-Chef Mathias Döpfner. Das Autoren-Blog Carta schreibt unter dem Titel “Mathias und seine Meisterin Arianna”: “Auf einem Medienkongress [...]

  14. Robin |  15.11.2009 | 17:30 | permalink  

    @JF: Danke für den Hinweis auf den Meedia-Text. Media hat einen Bericht verfasst. Ich habe mich an einer Einordnung versucht. Die Eros&Thanatos-Geschichte war aus meiner Sicht für die Auseinandersetzung um die Publishing-Modelle nicht zentral – im Gegenteil: Hier wurde versucht, auf gemeinsamen Grund zu verweisen, um Unterschiede zu verkleinern.

    @Wittkewitz & Kaffeetrinker. Danke für sehr guten Ergänzungen!

    @ Pit Schulz: Der Versuch von Mathias Döpfner, die Bezahlinhalte-Debatte zu ideologisieren, ist aus meiner Sicht stark kontraproduktiv. Die meisten Leute sind doch nicht aus ideologischen Gründen gegen das Bezahlen, sondern gegen aus ganz praktischen. Ihnen fallen kaum Gründe ein, in einer Welt des Informationsübernagebots auch noch zu zahlen. Hier wird zusammengerührt, was nicht zusammengehört. Das lenkt vom eigentlichen Thema nur ab.

    Aus Arikel 5 kann man meines Achtens nicht herauslesen, dass möglichst viel Informationen frei zugänglich sein sollen. Das “frei zugänglich” ist im Gegenteil eine Einschränkung des Grundrechts gegenüber Behörden und Geheimdiensten.

    Spannend ist tatsächlich, dass wir im Netz ein nebeneinander verschiedener Produktionsmechanismen von Wissen haben: kommerzielle, nichtkommerzielle und teilkommerzielle Produktion. Alle wollen am liebsten jeweils ihre Lieblingsrahmenbedinungen durchsetzen. So gesehen ist der Streit um Regulierung und Leistungsschutzrecht vor allem auch ein Streit der Produktionsmodelle untereinander.

    merci for the comments,

    rml

  15. Robin Meyer-Lucht |  16.11.2009 | 12:01 | permalink  

  16. Print-King gegen Online-Queen: Döpfner und Huffington diskutierten « SpiegelKritik |  16.11.2009 | 17:27 | permalink  

    [...] Gerne verweisen wir auf diese Diskussion zwischen Mathias Döpfner (Axel Springer) und Arianna Huffington beim Monaco Media Forum in Monte Carloüber die weitere Entwicklung des Journalismus. Texte dazu u.a. bei golem und Carta. [...]

  17. Warum die Paid-Content-Debatte in die Irre führt « TV… und so |  15.12.2009 | 20:57 | permalink  

    [...] „Bezahlinhalte vs. Vernetzung: Auf einem Medienkongress in Monaco erzielte Arianna Huffington … Über dieses TV Blog Willkommen auf tvundso.com: Das private, unkommerzielle und unabhängige Fernsehblog. Hier finden Sie Rezensionen, Artikelsammlungen und TV Kritiken zu US-Serien, Filmen, X Factor, Dschungelcamp, The Apprentice, American Idol, DSDS, Supertalent, Reality TV, Sitcoms, Big Brother, Britain's Got Talent und allem was sonst noch so passiert in der TV Welt. Aktueller Hinweis: Ich schreibe NICHT für Quotenmeter, Serienjunkies oder ein anderes Web-Magazin, sondern nur hier auf tvundso.com. Friendfeed Auf Friendfeed könnt ihr alle von mir freigegebenen Aktivitäten im Netz verfolgen: Lesezeichen, Youtube, Last.fm, Twitter und Kommentare auf anderen Blogs. Das Supertalent 2009 Das Supertalent 2009 Alle Shows, alle Kandidaten TVundso abonnieren Kommentare RSS Info: Was ist ein RSS-Abo? Per E-Mail abonnieren [...]

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