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Matthias Schwenk

Das neue Handelsblatt: Bröckelnde Substanz

Matthias Schwenk | 14 Kommentar(e)


Das Handelsblatt wurde optisch gründlich renoviert, nur inhaltlich änderte sich wenig: Noch immer atmet die Zeitung den Geist der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik und ist damit alles andere als der Schrittmacher einer neuen Epoche.

03.11.2009 | 

Substanz entscheidet. Ginge es nach diesem Satz, müsste die Auflage des Handelsblatts eigentlich seit Jahren steigen. Doch das Gegenteil ist der Fall, so dass man sich in Düsseldorf jetzt wohl zur Flucht nach vorn entschieden hat: Das Handelsblatt erscheint jetzt im kleineren Tabloid-Format und optisch verjüngt. Parallel dazu wurde auch der Internetauftritt angepasst und kompakter gestaltet.

Von der Optik her betrachtet erscheinen beide Ausgaben (Print und Online) gut gelungen: Frisch und modern wirken sie, wobei den Lesern der Druckausgabe schon eine gewisse Umgewöhnung abverlangt wird. Nichts weniger als die “Zeitung der Zukunft” habe man geschaffen, verkündet Stardesigner Mario Garcia, der maßgeblich am Neuentwurf mitgearbeitet hat.

Zu hoffen bleibt, dass die treuen Anhänger der Printausgabe die Umstellung auf das neue Format akzeptieren werden. Denn neue und vor allem jüngere Leser dürfte das Handelsblatt schwerlich gewinnen und das liegt nicht an der Optik. Die Inhalte sind es, die diese Zeitung irgendwie uninspiriert und bemüht wirken lassen.

Dem Handelsblatt des Jahres 2009 fehlt jede Vision für eine Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Nüchtern und sachlich rapportiert man den Sachstand und zwischen den Zeilen schimmert überall die alte Bundesrepublik der 1980er Jahre durch, als man mit quantitativem Wachstum noch alle Probleme lösen konnte und Deutschland die Konjunkturlokomotive der westlichen Welt war.

Doch die Zeiten haben sich gründlich geändert. Die Wirtschaft steckt aktuell nicht nur in einer Krise, sondern in einem fundamentalen Umbruch. Deutschland ist nicht mehr Ankerpunkt und Bollwerk des Westens, sondern nur noch ein Rädchen in einem viel größer und schneller gewordenen Getriebe.

Das Handelsblatt aber berichtet von einem Unternehmer, der Solarmodule auf die Deckel von Laptops packen möchte, damit deren Akkulaufzeit verlängert werden kann. Diese bahnbrechende “Erfindung” ist der Zeitung sogar einen Innovationspreis wert und dokumentiert doch im Grunde nur, wie schwer wir uns hierzulande mit Neuerungen tun, die nachhaltig neue Märkte und Arbeitsplätze schaffen können. Warum aber merken die Macher des Handelsblatts nicht, in welch kleingeistigen Horizonten wir uns in Deutschland heute vielfach bewegen?

Vielleicht sollte sich das Handelsblatt mal einen Blogger als Vorbild nehmen: Sascha Pallenberg schreibt über Netbooks und weil das Herz dieser Industrie nicht in Deutschland, sondern in Asien schlägt, ist er kurzerhand umgezogen. Er bloggt und twittert jetzt aus Taiwan, wenn er nicht gerade in Amerika oder Europa unterwegs ist. Sein Blog gibt es praktischerweise auch in englischer Sprache, denn Berührungsängste kennt Sascha nicht. Das Handelsblatt aber sitzt wie festgekettet in Düsseldorf, gefangen in überkommenen Traditionen und orientiert sich an Leitbildern, die heute einfach nicht mehr gelten. Kein Wunder, dass da eine Reise an den Bodensee zur Offenbarungstour gerät und die Solarmodule auf Laptops wie ein segensreicher Geniestreich erscheinen.

Vor diesem Hintergrund spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass das Handelsblatt mit seinem neuen Auftritt im Internet gut für die Zeit der portablen Endgeräte gerüstet ist und auch alle wichtigen Anforderungen des Social Web erfüllt. An der Technik liegt es nicht. Es sind die Inhalte mit denen man sich zum “Biedermann 2.0” macht und den Geist des epochalen Wandels, der gerade durch die Weltwirtschaft pflügt, verpasst. Substanz entscheidet und an der Auflage wird man es ablesen. Ganz bestimmt.

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14 Kommentare

  1. Wittkewitz |  03.11.2009 | 11:46 | permalink  

    Das weitaus größere Problem ist, dass die direkte Konkurrenz TheEconomist und WSJ eher gelesen werden, weil eh der größte Teil der Leserschaft gut englisch spricht und liest, weil dort aktuelle und zukünftige Themen mehr Platz haben und weil man nicht auf den Mittelstand ausgerichtet ist sondern auf den Markt. Die Zeitungen in Deutschland verkaufen noch immer Leserschaften an Anzeigekunden. Sie verlieren dabei die Themen aus den Augen, weil sie dem Volk aufs Maul schauen, statt ihm die wichtigen Themen zu servieren auf die es nie gekommen wäre.

    Deutschland hat ein Qualitätsproblem, weil man das schreibt, von dem man glaubt, dass es den Leser interessiert. Dabei wäre das wichtiger, was den Nichtleser interessiert, damit der (zurück) kommt.

    Aber wer Ziesemer und Tichy zuhört, versteht das Dilemma. Sie produzieren Duckmäuser und brave Unterlinge. So entsteht kein Qualitätsblatt sondern eine “befriedigende” Leistung. Das war schon in der Schule so. wer am besten auswendig lernt, der bekommt gute Noten. Objektiv betrachtet ist das aber nur befriedigend, weil es ein Blick in den Rückspiegel ist.
    Falsche Berater, falsche Köpfe, falsche Ziele, falsche Wege.

  2. Matthias Schwenk |  03.11.2009 | 18:18 | permalink  

    @Wittkewitz: Gerade wegen der Konkurrenz mit dem Wall Street Journal (und der englischsprachigen Ausgabe der Financial Times) habe ich Sascha Pallenberg als Beispiel gebracht.

    Warum ist ein Verlag wie das Handelsblatt nicht dazu in der Lage, seine Berichterstattung deutlich stärker international auszurichten und diese dann auch in englischer Sprache zweitzuverwerten? Man müsste da ja nicht mit einem gedruckten Medium an den Markt gehen, sondern könnte voll auf das Internet setzen.

    Wenn ein Blogger das kann, müsste es das Handelsblatt auch schaffen, zumal man ja den nicht gerade kleinen Holtzbrinck-Konzern im Rücken hat….

  3. Wittkewitz |  03.11.2009 | 18:35 | permalink  

    Drüben bei meedia steht der Grund für den Untergang der Dickschiffe. Ziesemer nennt vier ich sehe darin nur einen: industrielle Medienwirtschaft.

    “Ziesemer nannte vier Gründe, weshalb sich das “Handelsblatt” als Marktführer halten werde: “Erstens, weil wir an Print glauben. Zweitens, weil wir an eine Verknüpfung von Print, Online und Mobile glauben. Drittens, weil uns eine integrierte Markenführung wichtig ist und viertens, weil wir uns in den nächsten Jahren weiter diversifizieren wollen.” Der sogenannte Dreiklang aus Print, Online und Mobile werde vor allem dazu führen, dass man auch künftig ein attraktives gedrucktes “Handelsblatt” anbieten könne.”

    Hier das ganze Elend: http://meedia.de/nc/details-topstory/article/ziesemer-hlt-wirtschaftssegment-fr-berbesetzt_100024332.html?tx_ttnewsbackPid=23&cHash=adddc0d912

  4. Wittkewitz |  03.11.2009 | 18:42 | permalink  

    Wäre das Handelsblatt ein Fachblatt von Experten, dann wüssten sie, dass Print nie sterben wird, aber sich zum Nischenmarkt für spezielle Ansprüche wandelt. Sie wüssten, dass Crossmedia nicht als programmtischer Bauchladen funktioniert (außerdem ist die Idee aus deren Sicht nicht journalistisch sondern einfach besser Reichweitenpakete zu verkaufen und/oder die Anzeigenabteilungen print und online zusammenzulegen). Von der platzenden brand bubble hätten sie auch schon gehört, wenn sie ein wenig den internationalen Markt kennen würden oder gar einen Marktingspezialisten greifbar hätten. Ach ja, und das Wort “Diversifizieren” kommt bei mir auf die Washingtoner Liste der bedrohten Utopien zu “Leitmedien” und “Synergie”.

  5. Chat Atkins |  04.11.2009 | 11:01 | permalink  

    Nach wie vor bin ich der Ansicht, dass ein wirtschaftlich ausgerichtetes Blatt, das sich der Kritik an der ökonomistischen ‘Neo-Klassik’ zuwenden würde, als ein ‘Anti-Sinn-Blatt’ gewissermaßen, große Marktchancen hätte. Das heißt noch lange nicht, dass es dazu ‘links’, ‘sozialistisch’ oder DGB-haft ‘rückwärtsgewandt’ werden müsste. Minsky & Co. einfach mal ernst zu nehmen und auf die Gegenwart anzuwenden, würde schon für genügend Fortschritt und Furore sorgen. Dazu allerdings bräuchte man erst einmal eine ‘Redaktionslinie’ …

  6. Wittkewitz |  04.11.2009 | 14:10 | permalink  

    Redaktionslinie wäre sich mal auch dem einen oder anderen Blatt zu wünschen. Bisher sehe ich nur die Reichweitenlinie…

  7. Matthias Schwenk |  04.11.2009 | 14:45 | permalink  

    @Chat Atkins & Jörg Wittkewitz: Ich stimme voll und ganz zu. Wenn es dann noch gelänge, diese alternative, volkswirtschaftliche Sicht auch auf die betriebswirtschaftliche Ebene zu führen und unter diesem Blickwinkel über Märkte und ihre Chancen zu schreiben, das Blatt wäre ein Renner! So ungefähr macht das ja brandeins, nur sehr reportagenhaft (wegen der monatlichen Erscheinungsweise).

    Mit so einer Redaktionslinie käme dann auch wieder eine gute Reichweitenlinie ins Blickfeld…

  8. Chat Atkins |  04.11.2009 | 18:02 | permalink  

    Tscha – aber woher die Schreiber nehmen, wenn an allen Fakultäten nur Chicago-Boy- und INSM-Simpel-Ökonomie gelehrt wird?

  9. Matthias Schwenk |  04.11.2009 | 20:38 | permalink  

    @Chat Atkins: Dafür aber hat auch das neue Handelsblatt in seiner Printausgabe einen Kursteil und listet auf ca. 12 Seiten (!) Kurse und Zinssätze auf – treu dem selbst gewählten Motto: “Substanz entscheidet – auf allen Kanälen”.

  10. Chat Atkins |  04.11.2009 | 21:11 | permalink  

    Kurse gibt es im Netz überall aktueller und umfangreicher. Das kann nicht mehr die Aufgabe eines Mediums sein, das produktionsbedingt immer erst einen Tag après erscheint, das ist Papierverschwendung, sage ich mal als Hobby-Ökonom …

  11. Matthias Schwenk |  05.11.2009 | 00:52 | permalink  

    @Chat Atkins: Auch Hobby-Ökonomen haben öfter recht, als man gemeinhin so denken würde… ;-)

    Übrigens kann sich auch die FAZ von den Zahlenfriedhöfen in ihrer Druckausgabe einfach nicht trennen. Dem Handelsblatt hätte ich eigentlich zugetraut, diesen alten Zopf jetzt endlich abzuschneiden. Zumal die Druckausgabe teilweise schon explizit auf Inhalte der Website verweist (auf Weiterführendes sowie auf Inhalte, die nicht in der Druckausgabe erscheinen).

  12. neunetz.com » Lesenswerte Artikel - 5. November 2009 |  05.11.2009 | 09:16 | permalink  

    [...] Das neue Handelsblatt: Bröckelnde Substanz [...]

  13. Wittkewitz |  05.11.2009 | 18:09 | permalink  

    Die Medien müssen sich wohl entscheiden zwischen nagersüchtig und magersüchtig. Offenbar gibt es keine denkbar Alternative für Qualitätsjournalisten.

  14. Andreas Kunze |  06.11.2009 | 14:06 | permalink  

    Dass das Handelsblatt so viele Kursdaten abdruckt, dürfte mit dem Status als Börsenpflichtblatt zu tun haben. Auf Grund dieses Status müssen bestimmte Unternehmensangaben im Handelsblatt – kostenpflichtig – veröffentlicht werden. Ich vermute. dass der Abdruck der Kursdaten Voraussetzung ist, um diesen Status zu behalten.
    http://www.aktiencheck.de/lexikon/P.m?begriff=Pflichtblatt

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