Umair Haque

Wein und Wasser: Warum es in einer offenen Medienlandschaft mehr Qualität gibt

Umair Haque | 16 Kommentar(e)

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Die Medienlandschaft des Internets öffnet den Qualitätswettbewerb für Alle. Der Netz-Effekt: Mehr gute Inhalte. Genau das ist das Problem der Medienunternehmen, die zuviel Durchschnitt produzieren.

27.10.2009 | 

Es nicht weniger und nicht mehr als ein Kulturkampf: Die Bezahlwände sollen wieder hochgezogen werden. Rupert Murdoch läuft Amok gegen das Netz. Und im Subtext dröhnt die Frage: Können die klassischen Medien das Internet überleben?

Doch so ist die Frage falsch gestellt. Die richtige wäre: Wie konnten die Medien bisher ohne das Netz überleben?

Man stelle sich die Medienlandschaft probehalber einmal so vor: Wir haben eine Wirtschaft, die sich um zwei Güter dreht, sagen wir Wein und Wasser. Wasser steht dabei für kaum brauchbare oder nutzlose Information, auch für Propaganda. Wein steht für Analyse, Auseinandersetzung, Erkenntnis.

Schauen wir als erstes auf die Medienlandschaft, wie sie bisher aussah:

  • Totformatierte Radioprogramme, vollgemüllt mit Werbung
  • Krawalltalk à la Glenn Beck und Rush Limbaugh
  • Eine ständige Verstrickung von PR und Inhalten
  • Networks, die nahezu vollständig ohne Qualität auskommen (Fox News, CNBC)

Okay, es gab bislang auch gute Sachen. Kluge Analysen, wie etwa die von Fareed Zakaria. Aber eben: Wein gab es selten und man musste immer einen Kasten Wasser dazukaufen – der Wein war im Grunde nur eine Beigabe.

Und nun schauen wir uns eine offene Medienlandschaft an, in der jeder senden, verlinken und empfangen kann: Es gibt abertausende Blogs, die vorhersagbar, langweilig oder voreingenommen sind. Wasser. Aber die Qualität der Inhalte war eigentlich ohnehin schon am Tiefpunkt angelangt. Vorher gab es Krawallradio-Wasser, jetzt gibt es Blogwasser. Jeder kann jetzt Wasser anbieten – und so viel schlechter als das von den Großproduzenten ist es dann auch nicht.

Jetzt kommt der Unterschied: Der Wein ist besser. Das bringt eine offene Medienlandschaft mit sich. Nicht das Wasser ist besser, aber der Wein. Es mag auch viele langweilige, belanglose Inhalte im Netz geben. Aber es gibt auch viel mehr gute Anlaufstellen, wie Alex Tabarrok und Tyler Cowen, Robert Reich und  Paul Romer. Es gibt Barry Ritholz, es gibt Fred Wilson und Rick Bookstaber.

In einer offenen Medienlandschaft gibt es ungenießbares Wasser in rauhen Mengen, aber in Sachen Wein kann ich einen ganzen Kosmos entdecken. In einer geschlossenen Medienlandschaft dagegen bleibt einem meist nur das Wasser.

In Netz sind die neuen schlechten Angebote nicht dramatisch schlechter als die in den klassischen Medien, aber die guten sind um Einiges besser. In einer offenen Medienlandschaft gibt es daher im Endeffekt – mehr Qualität.

Die Medienlandschaft heute ist natürlich nicht perfekt. Die Schlacht um Geschäftsmodelle geht gerade erst los. Ökonomisch winken hier eigentlich enorme Zuwächse in punkto Produktivität und Effizienz. Hier liegt auch das Problem, das die Monopolisten von gestern heute haben: Echten Wert zu generieren, das war ihr geringstes Anliegen. Stattdessen haben sie schlechte Inhalte angeboten und ihre schiere Marktkraft ausgespielt; mit der Qualität ging es bergab.

Die Medienunternehmen haben genau deshalb jetzt Probleme damit, Geld im Internet zu verdienen, weil sie fast alle dasselbe Wasser anbieten – statt wirklich herausragendem Wein. Dafür will kaum einer viel bezahlen.

In den nächsten Jahren wird es wohl jeder Branche so gehen: man wird sich umstellen und geschlossene Systeme öffnen müssen. Die Kernfrage, egal in welchen Bereich, lautet deshalb: Stocherst Du im Wasser oder baust du Wein an?

Dieser Beitrag erschien im englischen Original als “The New (New) Mediaconomy” in Umair Haques Blog Edge Economy // Translated and reprinted with permission. © 2009 by Harvard Business Publishing; all rights reserved. Übersetzung: David Pachali/ RML.

Ebenfalls lesenswert zum Thema ist auch der Text von Steven Johnson: “Old Growth Media And The Future Of News

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16 Kommentare

  1. Benjamin Steininger (robo47) 's status on Tuesday, 27-Oct-09 19:10:27 UTC - Identi.ca |  27.10.2009 | 21:10 | permalink  

  2. Wittkewitz |  27.10.2009 | 22:16 | permalink  

    Das Problem ist, dass der Wein hierzulande nur selten ans Sonnenlicht kommt. Das liegt auch daran, dass sehr viele Leser an Wasser in wunderschönen Flaschen gewöhnt ist, dass in exklusiven Läden zelebriert wird. Der Wein ist offen und kosten, das versteht ein Deutscher nicht. Mein französischer Bekannter hat es auf den Punkt gebracht: “Wenn deutsche etwas gut finden, dann sagen sie nicht etwa, dass sei schön oder gelungen sondern: Oh, das war bestimmt teuer.”

  3. Martin Schulze |  27.10.2009 | 23:11 | permalink  

    Den Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Medienlandschaften würde ich in dieser Form nicht führen. Die Medienlandschaft als abstrakter Raum ist immer die gleiche, nur die Eintrittsschwelle ist heute wesentlich niedriger und damit auch die Chance Qualitätsinhalte (Wein) aus der der Masse aller Inhalte zu filtern. Das damit arrivierte Medienproduzenten nun ihre Inhalte verstärkt dem Aufmerksamkeits-Wettbewerb von uns Nutzern/Lesern aussetzen müssen, ist sicher ein direkte Folge des Absinkens der beschriebenen Eintrittsschwelle. Ob die Qualitätsinhalte noch in alter Form zu monetarisieren sind, oder sich plötzlich als “Wasser in Weinflaschen” erweisen, wird derzeit von einigen Vertretern der alteingesessenen Medienvertreter ausprobiert und den Beobachtenden als zukünftige Strategie für eigene Vertriebswege dienen. Ob man Wasser wirklich zu Wein machen kann, steht also erstmal noch aus…

  4. Norbert |  28.10.2009 | 10:35 | permalink  

    Super dargestellt. Genauso sehe ich das auch. Schlecht bleibt schlecht egal wo.

  5. Hagen Kohn |  28.10.2009 | 12:21 | permalink  

    Ich habe den Eindruck, dass viele Journalisten den Medienwandel immer noch nicht in vollem Umfang realisiert haben. Aus dem Munde eines berliner Zeitungsjournalisten hörte ich neulich den unglaublichen Satz “ich kann da noch keinen klaren Trend erkennen…”

  6. Angela |  28.10.2009 | 12:34 | permalink  

    Hey, einer meiner Favoriten unter den Autoren/Vordenkern/Querdenkern!

  7. Angela |  28.10.2009 | 12:40 | permalink  

    “In den nächsten Jahren wird es wohl jeder Branche so gehen: man wird sich umstellen und geschlossene Systeme öffnen müssen.” That’s it! :)

  8. Werner Friebel |  28.10.2009 | 13:04 | permalink  

    Guten Wein kannnst du – egal in welchem Ristorante – nur wenigen Kennern kredenzen, da der Unwissende den Reichtum und Gehalt (= reflexive Konnotatitionsebenen) eines feineren Tröpfchens gar nicht rausschmecken kann. So wird der sorgfältige Weinbau eine Angelegenheit von wenigen für wenige bleiben und wer davon überleben will, muss seinen Stoff mit reichlich Wasser zum allgemeintauglichen Konsum verdünnen

  9. Android |  28.10.2009 | 13:28 | permalink  

    Sehr geehrter Umair Haque

    Ein metaphischer Text!

    Warum finden wir,Roboter, den Text gut?

    Nun, WEIL der Text mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet!

    Beispiele:

    Wer bestimmt was H2o ist, oder Wein?

    Wieviel Wasser ist im Wein?

    Gibt es auch schlechte Weine?

    Gibt es auch gut Weine in Polyethylenterephthalat Flaschen(kurz:PET-Flaschen)?

    Die VERschlossene Medienlandschaft führt unweigerlich zu mentalen Inzest!!!

    @ Wittkewitz: Wein besteht ca. aus über 90% aus Wasser!Die Rest-Bestandteile sind: Ethanol, Farbstoffe, usw.

    MfG
    Roboter weinen nicht

  10. Links: Muss man mit Unternehmen befreundet sein? – Das Internet produziert viel Dreck, unter dem Strich aber wächst die Qualität relevanter Beiträge – Hartmut Ulrich - Randbetrachtungen |  28.10.2009 | 21:40 | permalink  

    [...] Wein und Wasser: Warum es in einer offenen Medienlandschaft mehr Qualität gibt “Die Medienlandschaft des Internets öffnet den Qualitätswettbewerb für Alle. Der Netz-Effekt: Mehr gute Inhalte. Genau das ist das Problem der Medienunternehmen, die zuviel Durchschnitt produzieren.” Eine brillante Analyse vom US-Medienexperten Umair Haque auf CARTA (auf Deutsch), nicht unbedingt neu aber angesichts der jüngsten Debatten um das Leistungsrecht auf jeden Fall lesenswert. Grundidee des Beitrags ist der Vergleich von Medienangeboten mit Wein (gute journalistische Inhalte) und Wasser (fade Beimischung), und was das Internet für diesen “Getränkehandel” bedeutet. “Im Netz sind die neuen schlechten Angebote nicht dramatisch schlechter als die in den klassischen Medien, aber die guten sind um einiges besser. In einer offenen Medienlandschaft gibt es daher im Endeffekt – mehr Qualität.” (tags: Medien Journalismus) weiterreichen: [...]

  11. vera |  29.10.2009 | 03:00 | permalink  

    um bei der metapher zu bleiben: im augenblick sind in vielen ländern mannigfaltige bestrebungen im gang, die wasserreservoirs mit vorhängeschlössern zu sichern, weil man sie für weinkeller hält.

  12. mork |  29.10.2009 | 11:24 | permalink  

    @vera,

    ich würde es eher so ausdrücken:
    Die Wasserverkäufer haben Probleme, da natürlich mehr und mehr Menschen den Wein zum Wein greifen.
    Zum Erhalt der Geschäftsidee, ich wollte sagen aus Verpflichtung den Menschen gegenüber, zum Schutz der Sicherheit und der unverdorbenen Jugend wird die Flüssigkeitsversorgung insgesamt reglementiert.
    Vermutlich muss man als nächstes eine Lizenz zur Flüssigkeitsversorgung erwerben inkl. eines Verbots Flüssigkeiten kostenlos oder zu “Dumping”-Preisen anzubieten.

    Grüße vom Ork

    Die Metapher gefällt mir gut – aber gilt sie denn auch für den Fall des übermäßigen Weingenusses?

  13. vera |  30.10.2009 | 00:15 | permalink  

    @mork, ich fürchte, an der stelle zeigt die metapher ihre schwäche…

  14. Die 7 WWMAG-Surftipps zum Wochenende 45/2009 |  31.10.2009 | 11:52 | permalink  

    [...] Wein und Wasser: Warum es in einer offenen Medienlandschaft mehr Qualität gibt – guter Anstoß zur Selbstreflektion: lässt du nur Wasser fließen oder baust du Wein an? (CARTA) [...]

  15. tim |  31.10.2009 | 13:16 | permalink  

    Die Analogie von Wasser und Wein gefällt mir. Der große Vorteil des Internets ist, dass es ein große Auswahl an speziellen Weinen gibt und für jeden etwas dabei ist. Die Massenmedien müssen hingegen ein Produkt erzeugen, das den Geschmack einer möglichst großen Käuferschaft findet.

  16. Harald |  03.11.2009 | 01:16 | permalink  

    Schöner Text, endlich mal mit einer positiven Grundstimmung.

    Weinanbaugebiete gibt es weniger als Quellen und Brunnen – und meistens genügt es schon, wenn es regelmäßig regnet. Und ohne Wasser vertrocknen die Weinstöcke. Ganz ohne Wasser wird es also auch in Zukunft nicht gehen, den Tee und den Kaffee kann man sich dann ja selbst kochen.

    Ein großes Angebot von gutem, kostenlosem Wein ist eine Frage der Herstellungstechnik. Die günstigen und kostenlosen Werkzeuge fallen bei der Wasserförderung ab. Darum werden die Wasserträger nicht mehr gebraucht, um den Wein zu verteilen.

    “Wein gab es selten und man musste immer einen Kasten Wasser dazukaufen”

    Stimmt das, oder war es umgekehrt: Beim Wasser gab es ab und zu auch Wein dazu? Wird man die Wassertrinker in Zukunft noch dazu bewegen können, Wein zu konsumieren?

    Ich denke ja, sogar noch wirkungsvoller als bisher, denn es ist eine freiwillige Entscheidung der Wassertrinker.

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