Matthias Schwenk | 28 Kommentar(e)
Mit The European hat das Internet ein neues, konservatives Online-Medium mit hohem Anspruch an sich selbst erhalten. Noch aber verströmt es eher den Esprit einer Jura-Abschlussparty und fällt durch Ignoranz gegenüber fast allen Errungenschaften des Social Web auf.
30.09.2009 |
Klicken Sie gerne lange auf Webseiten herum? Dann sind Sie bei The European genau richtig: Denn häufig genug braucht es drei oder vier Klicks mit der Maus, bis man von der Startseite aus bei einem Text landet. Nirgendwo sonst gibt es so viele verwirrende Zwischenebenen und Verzweigungen: Ein Labyrinth von einem Portal im Internet.
Mögen Sie die Debatten von gestern? Auch dann liegen Sie bei The European richtig, denn der zum Start präsentierte Themenmix ist nicht wirklich aktuell. Immerhin nimmt man Bezug auf den Ausgang der Bundestagswahl, daneben wird mitgeteilt, dass jetzt Baumhäuser im Trend liegen und nicht immer direkt im Baum sitzen (müssen).
Finden Sie es richtig, wenn im Internet die Leser nicht mitdiskutieren können? Genau das ist jedenfalls bei vielen, wenn nicht gar allen Texten von The European der Fall. Es gibt keine Kommentarfunktion. Nur ausgewählte Autoren dürfen im Rahmen eines Themas mit einem als “Kommentar” bezeichneten Beitrag Stellung beziehen, Sie als Leser jedoch nicht.
Es gibt also viel zu kritisieren an diesem neuen Medium, das mit einer hohen Meinung von sich selbst antritt: ”Wir geben den Stimmen das Wort, die wirklich von Bedeutung sind”, lautet etwa das Motto. “Entscheider und Multiplikatoren” will man ansprechen, jedoch ohne ein “intellektualisiertes Lehrprogramm” zu sein. Chefredakteur Alexander Görlach will gar “an eine alte kontinentale Tradition des Diskutierens” anknüpfen und “diese Tradition neu ins Netz übersetzen”. So viel Wortstapelei haben wir lange nicht mehr gesehen.
Chefredakteur Görlach und sein Venture-Kapitalgeber Lukas Gadowski kennen sich erst seit Januar diesen Jahres. Aber Gadowski war offenbar schnell vom neuen Konzept begeistert: “Die Entscheider kommentieren das Geschehen in Texten die eine knappe DIN-A4-Seite lang sind, und ‚deuten‘ uns so die Welt. Keine klassischen Ressorts, stattdessen die Power des Netzes – Yeah!”
Doch The European spring viel kürzer und ist viel banaler. Dem ersten Eindruck nach kommt die Website wie ein rechter Freitag mit Cicero-Eitelkeit daher. Ähnlich wie bei der Freitag wird hier Sendungsbewußtsein mit einigem Stolz mit sich herumgetragen, nur diesmal auf katholisch-neowertkonservativ gedreht. Vom Magazin Cicero hat man die Vorliebe für die ganz “großen Köpfe” übernommen, die Einheit von Prominenz, Repräsentation und Deutungshoheit. Insgesamt verströmt The European damit den Esprit einer Jura-Abschlussparty.
Das neue Medium setzt ausschließlich auf Meinung (nicht Analyse) und will explizit kein Nachrichtenmedium sein. Unter den regelmäßigen Autoren finden sich wenige freudige Überraschungen – von brand-eins-Autor Thomas Ramge einmal abgesehen.
Finanzieren soll sich das Angebot über Werbung und ein Subscriber-Modell, dessen Mehrwerte weniger im Internet liegen werden, als vielmehr in Form von exklusiven Veranstaltungen. Ein solches Modell kann funktionieren. Das Medium im Internet ist dann aber nicht der Mittelpunkt, sondern nur eine Art Bindemittel und Werbeplattform für den Club selbst. Im Kern stehen die Events, die sich besonders gut rentieren, wenn die No-Show-Rate der Mitglieder relativ hoch ist (ähnlich wie bei einem Fitness-Studio, dessen Kundenstamm größer ist als die Kapazität, was aber bei den üblichen No-Show-Quoten nicht auffällt und explizit Teil der Kalkulation ist).
Beurteilt man also The European allein auf der Basis der im Internet gezeigten Inhalte, könnte ein Urteil zu kurz greifen. Denn das Geschäftsmodell sieht mehr vor, als ein paar Debattentexte, flankiert von Werbeanzeigen. Dennoch hätte man sich mehr Mühe mit dem Internetauftritt geben dürfen: Ohne Kommentarfunktion fehlt das Salz in der Suppe. Zudem fehlen den ersten Texten Links auf externe Quellen, obwohl man eigentlich “erklären und Positionen darstellen” will. Der offene Diskurs im Netz ist damit aber offenbar nicht gemeint. Schließlich ist die Usability schwach und die Orientierung wird gerade durch die fehlenden Ressorts zusätzlich erschwert. Da wartet noch eine Menge Arbeit auf das Team.
Insgesamt zeigt sich also deutlich, dass dieses Projekt allen Formulierungskünsten und Voraberklärungen zum Trotz, gerade nicht innovativ ist, sondern durch und durch konservativ: Sich von Experten die Welt erklären lassen und dabei die Errungenschaften des Social Web zu übergehen, ist kein modernes Projekt. The European dreht die Uhr wieder zurück und schafft eine Art digitalen Andachtsraum, in dem Diskussionen nach Art der “alten kontinentalen Tradition” mehr hierarchisch als demokratisch ablaufen und wo für die neuen Ansätze des 21. Jahrhunderts offenbar kein Platz ist.
Das vorläufige Fazit zu The European formuliert Ramge in seiner Kolumne selbst: “Am Ende des Tages zählt nur am Ende des Tages. Bingo.”



“Ähnlich wie bei der Freitag wird hier Sendungsbewußtsein mit einigem Stolz mit sich herumgetragen, nur diesmal auf katholisch-neowertkonservativ gedreht.”
Nett formuliert und das mit dem Venture-Kapital trifft natürlich ebenfalls zu, auch wenn sich der Kapitalgeber beim Freitag redaktionell selbst voll einbringt. Inhaltlich ansonsten ist der Freitag sicher aktueller, “näher dran”, hat ein bereits länger bestehendes, historisches Gewicht und ist außerdem in gewissen Grenzen “mitmachfähig”; gar mehr noch als Carta?!
Ansonsten darf man sicher auf die Beiträge von Hans-Christian Ströbele gespannt sein, denn schließlich ist Ströbele kein Pirat und “The European” keine Junge Freiheit…
Und zur fehlenden Kommentarfunktion passt der Twitteraccount @theeuropean
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RSS gibts auch nicht, konsequent passend zur Comments-Verweigerung. Wer trotzdem neue Artikel übern Feedreader haben will, muß sich das selber zurechtbasteln, etwa hiermit:
http://feed43.com/
Aber die Diskussionsunmöglichkeit ist das Störendste. Dabei finde ich viele Artikel, obwohl sie auch nach meinem Empfinden wenig analytisch sind und meinen eigenen Ansichten oft widersprechen, durchaus interessant und gerade wegen ihres kontroversen Potenzials sehr diskussionswürdig.
Eine Begründung für die Diskussionsverweigerung habe ich auf der Seite nicht gefunden.
Aber gut, das Ding ist noch neu, die Macher kriegen jetzt gerade die ersten (kritischen) Reaktionen um die Ohren, und vielleicht denkt man dort – für konservative Verhältnisse überraschend, aber man soll die Hoffnung nie aufgeben – ergebnisoffen und nutzerorientiert und geht auf Anregungen von “draußen” ein.
Was man mit dem “Werden Sie European” anfangen soll… kp. Darf man dann selber mitten in der Riege hochwohllöblicher Starautoren mitmischen? Ich hab mich da mal angemeldet, aber wenns ein Login gibt, ist das gut versteckt. Wahrscheinlich bekommt man einfach nur den Newsletter…
@ebertus: Stimmt! Der Freitag ist noch mitmachfähiger als Carta, denn dort kann man sich ein eigenes Blog einrichten. Eine harte Nuss für Robin Meyer-Lucht… ;-)
@xconroy: Guter Hinweis wegen RSS, das habe ich im Artikel glatt vergessen. Danke!
[...] » Entscheider deuten ohne uns die Welt: The European, das neue Online Magazin — CARTA [...]
Ihr Artikel hat mich neugierig gemacht. Doch schon der erste flüchtige Blick auf die Seite sagt eigentlich alles.
Bin ich voreingenommen? Ja. Zurecht? Ich denke schon.
Screenshot:
http://img24.imageshack.us/img24/3784/clipboard02bs.jpg
Was denken Sie?
Ja, eine Kopfanzeiger der INSM lässt vermuten, dass die Inhalte zum Anzeigekunden passen. Hätte ich mir für den Start gespart. Oder ist das eine INSM-Seite?
@Paul & @Tommi: Die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” zum Start einer neuen Website gleich im Header zu haben entbehrt nicht einer gewissen Aussagekraft, da gebe ich Ihnen beiden recht.
Erster Werbekunde ist die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” im Rahmen eines Advertorials. Übrigens ähnlich aufgemacht wie redaktionelle Artikel. Anders hätte man die PR-Strategen von der INSM wohl auch kaum gewinnen können. Deren PR Verhalten ist ja schon desöfteren unangenehm aufgefallen.
Alles in allem bin ich äußerst enttäuscht von The European, obwohl ich im Vorfeld gespannt auf deren Launch gewartet hatte. Nicht zuletzt weil der Herr Gadowski in seinem Blog den Mund sehr voll genommen hat. Äußerst negativ fällt mir auch der fehlende Diskurs mit den potentiellen Lesern auf. Auch die Themenauswahl lässt zu wünschen übrig. Hintergründe fehlen, stattdessen wird Altes recycelt.
@ebertus & matthias: Über Vorschläge für mehr Mitmachmöglichkeiten bei Carta sollen wir uns auf jeden Fall austauschen. Wir arbeiten gerade daran, dass die Kommentierenden, wenn sie mögen, eine eigene Profilseite haben können (u.a. mit allen Kommentaren von ihnen).
Carta ist auf jeden Fall offen für neue Autoren.
Eine Zweiklassengesellschaft aus “echten” Carta-Autoren und Carta-Boggern würde mir zunächst nicht ganz einleuchten.
Aber ich freue mich sehr über Vorschläge und Anregungen in dieser Sache – und sont natürlich auch.
@ Sebastian: Wie man sich am ersten Tag eine INSM-Anzeige auf die Hompepage klemmen kann, ist mir schleierhaft.
Ich glaube hier verkennen einige die hyperfortschrittlichkeit des ‘The European’ und konsequente Anwendung von Möglichkeiten des Social Webs. Wer braucht heutzutage noch Kommentarfunktionen auf der eigenen Seite.
Die Interaktionsmöglichkeiten sind konsequent und vorbildlich outgesourct an FriendFeed, Twitter und Facebook.
(hat jemand Google Sidewiki gesagt?)
Tja, ich wollte da eigentlich auch gerne schreiben. Klang sehr spannend. Aber aufm Platz ist aufm Platz.
Dann ist dieses Blatt das FCB mit Klinsmann unter den neuen Webprojekten: Große Namen und sehr große Namen.
Aber is scho recht. Mia san mia, gell.
Großer Namen macht keine große Stimme.
Meine Meinung:
Mit INSM banner und und INSM Advertorial deutet sich an, dass sie eine Art des Verteilens gefunden haben – von Pressinformationen als Beitrag getarnt, das können sie ja gut die Arbeitgeber Metall. Und: sie brauchen gar keinen von den großkopferten mehr bei den Redaktionen andienen. Die Artikel schreiben die feinen Textagenturen bzw. deren freie Mitarbeiter für 800 Tacken und der Großkopferte bekommt 5000 Tacken, das läuft dann wie beim seligen Cicero, denke ich.
@Texhnolyze: Der Hinweis auf Google Sidewiki ist gut. Immerhin zeigt sich jetzt nach ein paar Tagen, dass es doch so etwas wie eine Kommentarfunktion gibt: Sie nennt sich “Leserbriefe” und findet sich immer ganz unten und sehr schmal, direkt über dem (farblich abgesetzten) Footer.
Treffend, eine gute Darstellung zu diesem Schickimicki-Pseudo-Cicero-Web-Verschnitt ohne echtem Meinungsportal für Leser – dafür mit elitärem Touch. TheEuropean ist wie die Bunte, nur aufgepäppelt mit politischen Themen. Nichts für die Chantals dieser Welt. Schade.
Bye, Chantal
Jahaaa.
So geht heute öffentliche Meinungsbildung mittels Social Media aus der Perspektives des INSM-Heftchens…
http://www.theeuropean.de/debatte/social-media
…meint Herr Wittkewitz voller Staunen.
Wen das UNS interessiert, der sollte sich einfach mal http://www.philibuster.de anschauen :-)
Jura Abschlussparties sind toll!
also ich find das super, dass sich ein online-magazin traut, auf so nen übeflüssigen schnick-schnack wie kommentarfunktionen zu verzichten. ein blick in die empirie zeigt, das das inhaltlich in der regel verzichtbar ist. es hat im grunde lediglich symbolische funktion. wenn ein magazon eben nur was mitteilen weil, aber nicht diskutieren, dann ist das nicht etwa rückschrittlich, sondern einfach nur ne klare haltung
@Marianne: Wie gut man auf “so nen überflüssigen Schnick-Schnack wie Kommentarfunktionen” verzichten kann, zeigen die Kommentare zu meinem Artikel hier:
Kommentar Nr. 2 zeigt auf den Twitter-Account von The European und bemerkt, dass man dort den Followern nicht zurückfolgt.
Kommentar Nr. 3 weist auf die fehlenden RSS-Feeds hin.
Kommentar Nr. 9 geht auf den ersten Werbekunden näher ein.
Kommentar Nr. 11 verweist auf das Google Sidewiki, mit dem sich eine fehlende Kommentarfunktion umgehen lässt.
Das mal nur als Auswahl. Ich sehe darin keinen überflüssigen Schnick-Schnack, sondern sehr gute Ergänzungen, die das Informationsangebot von Carta zu The European für die Leser verbessern.
Danke allen, die hier mitdiskutieren, auch Dir! :-)
Ein Beispiel für Meinungsmanipulation ist diese Seite von The European:
http://www.theeuropean.de/advertorials/insm
Es heißt zwar im kleinen grauen Kasten: „Der Inhalt dieser Seite wird durch unseren Werbepartner bereitgestellt“. Aber bitteschön, zunächst wird der Inhalt gelesen, ggf. das Video angeklickt. Bei dem Video handelt es sich um ein Obama-Video. Damit soll vermutlich die emotionale Seite des Lesers angesprochen werden und die Stärke des Werbepartners symbolisiert wird.
Macht ja nichts, wenn der Text selbst nicht ganz richtig ist. Wenn Symbole, Personenkult und euphemistische Texte die Presse dominieren werden, weil sich diese sonst nicht anders finanzieren kann, dann „Gute Nacht, Abendland“ (http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/the-european-magazine).
Hey, mit Kommentare ist eindeutig besser – diese hier haben den Text noch einmal gut ergänzt. Ich zumindest lerne sehr gerne von den Kommentaren und diskutiere mit den Lesern. Ist tatsächlich das “Salz”.
Etwas OT, vielleicht nur ein weiteres Beispiel zu dem Zusammenspiel von Medien und Politik in der SZ von heute, „Kaum Raum für Steuersenkungen“:
http://www.sueddeutsche.de/politik/433/489816/text/
Mit solchen Artikeln werden die Bürger, die sich für Schwarz-Gelb entschieden haben, darauf eingestimmt, dass es keine oder kaum Steuersenkungen geben wird. Als Leserin hätte ich mir gewünscht, dass die Journalisten (Print und TV) VOR dem Bundestagswahlkampf verstärkt Experten befragt hätten. Stattdessen wurden überwiegend ungeprüft und unreflektiert die Wahlversprechen der Parteien wiedergegeben. Die Medien sind – bis auf wenige Ausnahmen – grottenschlecht und werden ihrer Verantwortung laut Pressekodex ganz überwiegend nicht gerecht. http://www.presserat.info/pressekodex.0.html
Auch die Macher von The European scheinen sich ihrer Verantwortung nicht bewusst zu sein. Hauptsache die Kohle fließt und Hauptsache, die Geldgeber bekommen eine feine Rendite.
@matthias + robin: ja, hier vielleicht, aber da ging es ja um technisch-faktische details. unter meinungsbeiträgen hat man aber tendenziell rüpelige gegenmeinungsfragemente, die zum schein als fakten daher kommen – da sehe ich oft keinen erkenntnisgewinn
@Marianne: Gegenmeinungsfragmente – ein schönes Wort. Und es ist was dran! Oft liegt das aber auch daran, dass der Autor eines Textes die dazu geschriebenen Kommentare nicht liest bzw. sich nicht in die Diskussion einschaltet.
[...] Multiplikatoren im Netz“. Allerdings kommt der Themenmix nicht überall gut an – und über eine fehlende Kommentarfunktion haben sich bereits einige „Entscheider und Multiplikatoren“ [...]
Wenn man mich fragt wird da nur Geld verbrannt. Werbung alleine finanziert leider keine Autoren und die Sache mit dem Subscriber Modell kommt mir noch sehr schwammig vor.
[...] of talk. The first German blogger reactions criticized The European for an elitist style and even a neo conservative spin in their articles. But as Görlach sees it, this is the “envy” of those who [...]
Ich bin erst jetzt auf “The European” und damit auf diesen Artikel hier gestoßen (Jeff Jarvis erwähnte das Magazin als mögliches positives Beispiel für die Zukunft des Print… pfff).
Aber er sagte auch, dass er sich das noch nicht genau angesehen hat.
Jedenfalls werde ich aus der Seite nicht schlau. Die “Köpfe” scheinen ein buntes Sammelsurium aus offenbar beliebigen Prominenten – und nicht aus Mitgliedern oder gar Autoren zu sein. Da stehen die meist unbekannten Redakteure gleichbedeutend neben Leuten wie Brat Pitt und Ernest Hemingway. Ich glaube kaum, das Ernest Hemingway noch ein paar Beiträge abliefern wird…
Ach ja: Und man darf sich registrieren, um dann einen “Leserbrief” zu schreiben. Toll!