Robin Meyer-Lucht | 16 Kommentar(e)
Schlussprovokation im Bundestagswahlkampf: Frank Schirrmacher erklärt Nerds zur “größten Macht der modernen Gesellschaft”. Die Fragen dieser “digitalen Intelligenz” seien “legitim und überfällig”. Piratenpartei-Chef Jens Seipenbusch sei “ein Intellektueller von Format”.
20.09.2009 |
Augenscheinlich grandios gelangweilt vom Wahlkampf der sonst von der F.A.Z. protegierten Parteien, umarmt Frank Schirrmacher nun mit fast schon aufgesetzt wirkender Emphase die Piratenpartei und ihr Umfeld. Sein diskursiver Trick: Zum großen feuilletonistischen Ritterschlag der Bewegung konstruiert Schirrmacher hinter der Partei ein noch viel größeres und wichtigeres Phänomen: den Nerd, den Vertreter der digital-technischen Intelligenz. (Siehe hierzu auch den vor Wochen erschienen Text von Wolfgang Michal).
Der Nerd ist für Schirrmacher nicht nur der technische Intellektuelle, er stilisiert ihn gleich zu einem neuen Achetyp unseres Gesellschaftszusammenhangs:
“Wenn wir der modernen Welt ein Gesicht geben wollen, reden wir von Wall-Street-Haien und Managern, aber wir sollten anfangen, über Nerds zu reden.”
Nerds seien eigentlich “die größte Macht der modernen Gesellschaft”, überrumpelt Schirrmacher seinem Publikum. Die Anliegen der Nerds, ihr Streit für die Grundrechte im Internet, seien “wichtig und notwendig”:
“Die Fragen, die die digitale Intelligenz stellt, sind legitim und überfällig. Dazu zählt auch das Netzsperrengesetz.”
Man sieht einen fast schon tobenden Frank Schirrmacher vor sich, kurz davor die Geisteswissenschafts- und Gentechnik-Fraktionen aus seiner Redaktion zu werfen, damit endlich die neue digitale Intelligenz sein Feuilleton füllen kann:
“Sie, die die Systeme kennen, müssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache übersetzen, was technisch möglich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren können.”
Indem Schirrmacher den Nerd bejubelt, kann er die Bewegung hinter der Piratenpartei für hochrelevant erklären, die Partei selbst aber vorerst aussparen (“über die ‘Piraten’ lässt sich Endgültiges noch nicht sagen”). Auffällig deutlich lobt er den Piraten-Vorsitzenden: Jens Seipenbusch sei “ein Intellektueller von Format”, der sich gerade vom Nerd “in ein politisches Tier” verwandle. (Carta-Interview mit Jens Seipenbusch aus der vergangenen Woche hier).
Die Schirrmacher-Intervention kommt dabei ohne erkennbares Spiel mit Historienmenetekeln aus (anders als sein Text zum Ackermann-Essen “Ich war dabei“). Dabei hätte das Thema Piratenpartei Anlass genug geboten: Totenkopfsymbol? Schwarz? Liegt doch wirklich nahe.
Ganz ohne strategisch halbverständliche Sätze bleibt aber auch dieser Schirrmacher-Text nicht. So schreibt er etwa: “Moderne Informationstechnologien sind dezentral, aber ihrem Wesen nach bürokratisch.” Schirrmacher spielt hier die Unschärfe des Wortes ‘bürokatisch’ doch wohl mit einiger Lust aus.
In der Essenz seines Textes fordert Schirrmacher von seinem Feuilleton nichts weniger als einen “Digital Turn”: Mit der Struktur des digitalen Netzes würden die existenziellen Fragen nach der Beschaffenheit des “Großhirns moderner Gesellschaften” und nach den Möglichkeiten von Freiheit neu gestellt. Man müsse daher mit den Nerds dringend ins Gespräch kommen.
Die Erkenntnis von der gesellschaftlichen Schlüsselfunktion digitaler Netzstrukturen — und die Bereitschaft darüber auch eigene Standpunkte infrage zu stellen — ist bei Frank Schirrmacher jedoch sehr langsam gereift. Bekanntlich erweckte er noch vor zwei Jahren den Eindruck, das Internet sei “an allem schuld”. Und auch in die Debatte um Internetsperren mischt er sich erst jetzt ein, zwei Monate nach Verabschiedung des Gesetzes.



[...] http://carta.info/15074/frank-schirrmacher-piratenpartei-jens-seipenbusch/ a few seconds ago from api [...]
Robin Meyer-Lucht: extrem schwache Replik. wirkt so als würde Sie irgendwelche Felle davonschwimmen sehen. Bin kein FAZ Freund, aber der Text ist besser als alles was hier auf Carta von Ihnen zu lesen war.
Ich bin sehr für Holzmedienbashing, aber so ganz kann das mit Schirrmachers digitalem Analphebtentum nicht stimmen. Charles Simonyi jedenfalls scheint seit 2000 mit ihm zu diskutieren:
http://www.edge.org/3rd_culture/schirrmacher/schirrmacher_index.html
@ strabo: schade, dass ihnen der Text der Text nicht gefaellt. Vielleicht ein missverstaendnis: dies ist keine Replik, sondern maximal eine analytische auseindersetzung. Ich argumentiere doch gar nicht mit schirrmacher, sondern Stelle nur seine kernargumente und den kontext dar.
“Man sieht einen fast schon tobenden Frank Schirrmacher vor sich, kurz davor die Geisteswissenschafts- und Gentechnik-Fraktionen aus seiner Redaktion zu werfen, damit endlich die neue digitale Intelligenz sein Feuilleton füllen kann”. Das ist absolut schwach. Und was den Bürokratismus der Protokolle angeht, so sind sie nicht auf dem Laufenden der Debatte, Schirrmacher offenbar doch. Der Begriff ist ja ein terminus technicus: pyramidale Struktur der Netzwerke die im Kontrast zu seiner angeblichen Freiheit stehen, wenige Nodes die über Transfers entscheiden, inkl. TCP Protokoll. Ich weiss nicht, ob er das meint, aber Ihre Einschätzung zeugt von grosser Unkenntnis.
Strabo: Wieso der Beißreflex? Text bringt die Redundanz des Schirrmachers schön aufen Punkt. Von digitalem Analphabetentum steht da nüscht. Siehe: langsame Reifung der Erkenntnis.
HAM: Ein bißchen über Modethemen sinnieren und dazu eine Haltung beziehen, das is wat anderes.
@nerdiger: Redundanz? Langsame Reifung der Erkenntnis? Da war RML wohl mal wieder schneller als alle andere. Mein Punkt: hier werden die Piraten endlich mal ernst genommen und noch dazu eine Woche vor den Wahlen und noch dazu in der FAZ und noch dazu von einem ihrer Herausgeber. Die Argumente zeugen von großer Kenntnis und die Distanz ist auch gewahrt. Ich habe heute dazu glaube ich 80 emails bekommen, und ich bin kein Pirat. Schon klar, dass jetzt der Neid kommt von denen, die das redundant finden und immer schon eher da waren als alle anderen. Ich finde daran erkennt man, dass es nicht um die Sache geht. Wie auch? Auf Carta gabs bisher auch einem einem trivialen technische Intelligenz Artikel gar nix gescheites.
Hui, hier ist ja einiges los.
Der Schirrmacher-Text ist sicher einer der intellektuell anregendsten Texte, die in diesem Jahr über die Piratenpartei geschrieben wurde. Während der Spiegel mit Steinmerkel-Porträts langweilt, greift sich Schirrmacher die Piraten und erklärt sie zur gesellschaftlich relevantesten Veränderung, die dieser Bundestagswahlkampf mit sich gebracht hat. Das ist richtig gut. Und zeigt seinen diskursiven Instinkt. Bislang hat kaum eine Publikation die Piratenpartei richtig in den Griff bekommen. Schirrmacher und die F.A.Z. machen hier einen fulminanten Vorschlag.
Ich halte Schirrmachers Text nicht so sehr für redundant, sondern vor allem auch erstaunlich emphatisch. Die Piraten bekommen erstaunlich schnell die Krone der sympatischen Nerd-Intellektuellen von paradigmatischer Bedeutung aufgesetzt. Jetzt erscheint das Internet als “Großhirm der Gesellschaft” – vor zwei Jahren noch ging von ihm vor allem ikonografische Gewalt aus. Jetzt ist Schirrmacher gegen Internetsperren – warum nicht schon vor drei Monaten?
Der Text trägt daher auch die Insignien eines etwas übereuphorischen Schirrmacher-Hypes. Ich denke, das wollte ich sagen.
Insgesamt aber ein sehr spannender Schirrmacher-Text.
Ich bin hier nicht der Schirrmacher-Verteidiger, aber ich sehe da keinen Widerspruch. Ich habe die Schirrmacher-Rede damals gelesen und nicht die Spiegel-Online Interpretation. Die These daß das Internet an allem schuld ist, läßt sich nicht halten, wenn man das gelesen hat. Er redet von Koexistenz. Und von Brutalo-Video, vor den man Kinder schützen soll. Was ich ihm vorwerfe geht eher ich Richtung Urheberrecht.
@ Dommelhommel: Ja, beim Urheberrecht zeigt sich Schirrmacher nerdskeptisch:
“Ihr heutiges Programm, umgesetzt, bedeutete das Ende von Verlagen und Künstlern.”
Ich finde das aber aus seiner Position nachvollziehbar. Ich schätze aber, dass seine Gesprächsbereitschaft auch dieses Thema umfasst. Aber was meinst Du?
[...] http://carta.info/15074/frank-schirrmacher-piratenpartei-jens-seipenbusch/ a few seconds ago from Gwibber [...]
Roman Herzog hat einst gefordert, es müsse ein Ruck durch Deutschland gehen. Jetzt passiert so etwas, zumindest partiell im Mediensektor. Das ist schon mal sehr gut!
Anstatt den Text von Frank Schirrmacher Wort für Wort auseinander zu nehmen, sollte man eher die Geste würdigen: Kurz vor der Bundestagswahl thematisiert einer der Herausgeber der FAZ nicht etwa die CDU oder die SPD, sondern ausgerechnet die Piraten und die hinter ihnen stehende Bewegung. Das ist ein Schlag ins Gesicht der etablierten Parteien (auch der FDP und der Grünen), denen hiermit bescheinigt wird, dass sie nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind.
Dass Herr Schirrmacher vor Jahren noch ganz anders über das Internet gesprochen hat, verstärkt den Effekt: Da schickt sich nämlich jemand an, das sinkende Schiff einer “Offline-Elite” zu verlassen, die sich bislang einig darin war, dass das Internet nur ein Begleitmedium ohne größere gesellschaftliche Bedeutung sei.
Das Wesentliche an Schirrmachers Text finde ich die Botschaft, dass man (also alle anderen/Etablierten) mit den Piraten reden sollte.
Der Text selbst ist sehr angenehm zu lesen, allerdings gibt es keinen einzigen Beweis für Schirrmachers Behauptung, die Piraten stellen eine Art neue, intellektuelle Elite dar. Schirrmacher schreibt zwar ausführlich und richtig über Nerds (meint aber eher Geeks), die intellektuellen Fähigkeiten der Mitglieder der Piraten oder ihrer Anhänger damit zu beweisen wollen, dass es vermeintlich ähnlich gepolte Leute in die Spitze der moderenen Ökonomie geschafft haben, ist irgendwie nicht besonders überzeugend. Gleichwohl vermute ich auch, was Schirrmacher meint: die Piraten und ihre Mitglieder sind nicht unbedingt die dümmsten. Doch gibt es dafür derzeit keinerlei Beweise. Und was bedeutet schon Intellektualität ohne klare Haltung und Werte. Horst Mahler ist auch ein Intellektueller.
Auch Schirrmachers Aussage darüber, dass es an den neuen Netzpolitikern (das sag ich jetzt so) sei, das technische ins politische zu übersetzen ist eine ganz kluge und wichtige Anmerkung.
Insgesamt also in erster Linie ein symbolisch sehr wichtiger Text, finde ich.
@ Thomas: Auf jeden Fall. Drücken wir die Daumen, dass Schirrmacher sich dem Thema auch in Zukunft in dieser Intenstität widmet. Über den wichtigen Impuls hat ja auch Knüwer gerade geschrieben:
http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=2213
The transformation from nerd to political animal…
If you have any point of contact with German cultural-political debates, you’re going to hear more about Frank Schirrmacher’s text in today’s Frankfurter Allgemeine. I’m not going to explain anything about his peculiar position in the German media …
[...] den Piraten ab. Den Newcomern werden nicht mehr – wie vor kurzem noch – Aufbruch und Intellektualität bescheinigt, sondern geistige Unzurechnungsfähigkeit („Pille-Palle“) und kommunistische [...]