David Pachali

Twitter-Prognosen: so what?

David Pachali | 17 Kommentar(e)


Ist die Demokratie wirklich in Gefahr, wenn bei Twitter vor 18 Uhr ein paar Zahlen die Runde machen?

01.09.2009 | 

Seitdem am Sonntag nachmittag bereits vorab Zahlen zu den Landtagswahlen per Twitter verbreitet wurden, herrscht Aufregung. Spiegel Online meldete sogar, die “Wahlergebnisse” seien “vorab durchgesickert”.  Das wäre tatsächlich ein großes Problem gewesen, denn Ergebnisse stehen bei demokratischen Wahlen bekanntlich nicht vorab fest. Tatsächlich ging es nicht um Ergebnisse, auch nicht um Hochrechnungen, sondern um Prognosen, die auf Befragungen nach der Wahl (Exit Polls) beruhen. Bundeswahlleiter Roderich Engler erinnerte daran, dass dies ein Verstoß gegen das Bundeswahlgesetz (§32) sei und hat jetzt einen restriktiven Umgang mit Nachwahlbefragungen angemahnt, Wolfgang Bosbach (CDU) sieht bereits die Demokratie in Gefahr.

Ob die Zahlen nun tatsächlich durchgesickert oder einfach ein Hoax sind (so die Vermutung bei F!XMBR) – Fakt ist: Solange es keine offizielle Prognose gibt, kann niemand wissen, ob via Twitter verbreitete Zahlen glaubwürdig sind. Jeder kann theoretisch beliebige “Prognosen” erfinden (oder alte variieren) und durch die Welt twittern, ganz wie es ihm gefällt. Ohne dass vor 18 Uhr über deren Glaubwürdigkeit geurteilt werden könnte.

Nehmen wir an, die vorläufige Prognose bei Twitter beruhte tatsächlich auf den Daten aus den Exit Polls.
In diesem Fall liegt der Kern des Problems nicht bei Twitter, sondern bei den Befragungen selbst. Die einfachste Möglichkeit, wäre also schlicht: keine Exit Polls mehr. Positiver Nebeneffekt: Der Wahlabend wäre unterhaltsamer, wenn tatsächlich einmal nicht nur das Publikum, sondern auch die Politik selbst von den Zahlen wirklich überrascht würde.

Ebensogut aber ließe sich fragen, ob bei unüberprüfbaren Twitter-Prognosen tatsächlich eine große Gefahr besteht, die Wahl zu beeinflussen. Wer aufgrund irgendwelcher Zahlen irgendwo im Internet seine Wahlentscheidung spontan ändert, ist im besten Fall naiv: Selbst für eine taktisch scheinbar kluge Last-Minute-Änderung der Wahlentscheidung gäbe es keine andere Grundlage als unüberprüfbare Zahlen. Das testweise Verbreiten von Hoaxen ist fast ein Sport, man denke etwa an den eingeschmuggelten “Wilhelm” im Wikipedia-Eintrag über Karl-Theodor zu Guttenberg. Bei Wahlen werden wir da sicherlich noch einiges erleben.

Tatsächlich wird die Diskussion aber gar nicht von naiven Wählern, sondern von Politikern, Wahlleitern und Journalisten geführt. Die halten sich für klug – aber die Anderen, da weiß man ja nicht. So erweist sich die Diskussion als Fortschreibung der Dummheitsvermutung – also der Annahme, der Adressat eines Kommunikationsaktes sei dumm, man selber aber nicht (siehe dazu den wunderbaren Leserartikel bei Zeit Online). Und das ist vielleicht die größere Gefahr.

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17 Kommentare

  1. Christian Humborg |  31.08.2009 | 18:54 | permalink  

    Die für mich zentrale Frage wird nicht berührt: Auf welcher rechtlichen Basis werden Politiker und Journalisten eigentlich vorab über die Ergebnisse der Exit Polls informiert? Man stelle sich eine solche Vorabinfo an den Präsidenten in Moldawien oder in der Ukraine vor; die Wahlbeobachter würden aufschreien. Ohne Vorabinfo können Politiker und Journalisten sich ja aussuchen, ob sie (oh Schreck) völlig unvorbereitet den Wählern was sagen/schreiben müssen oder wahlweise am besten erstmal eine Nacht darüber schlafen…

  2. DP |  31.08.2009 | 19:27 | permalink  

    Auf keiner, oder? Bisher ist ja nur die Veröffentlichung unzulässig..

  3. BlackBloc |  31.08.2009 | 22:12 | permalink  

    [...] [...] Zumal die gestrigen Wahlen einen weiteren Aufreger parat hatten: Twitter. Dort wurden also tatsächlich Wahlprognosen vor Schließung der Wahllokale verbreitet. Wer hätte das gedacht. Der GAU des Bundeswahlleiters Roderich Egeler ist also bereits eingetreten. Nun warte ich nur drauf, bis der erste ankündigt die Wahlen anzufechten. Während dessen geht in den klassischen Medien das muntere Rätselraten ob der Herkunft der Zahlen los. Vielleicht war’s ja auch nur gut geraten… [Update: David Pachali kommentiert das ganze auf Carta mit "Twitter-Prognosen: So what?"] [...] [...]

  4. Helmholtzplatz Prenzlauer Berg |  31.08.2009 | 22:20 | permalink  

    der zusammenhang ist relativ simpel: gäbe es keine exit polls mehr, wäre klar, dass twitter oder über andere netzwerke verbreitete meldungen fakes sind; dass das nicht mehr als der letzte ruf nach dem wähler ist.

    als jemand der schon vor einigen wahlen mal in den “genuss” der vorzeitigen erkenntnis durch kenntnis einer wahltagsbefragung gekommen ist, kann ich auch sagen: nett, aber diese guten zwei stunden hätte ich auch warten können.

    ergo: exit polls abschaffen.

  5. Thomas Maier |  31.08.2009 | 23:00 | permalink  

    Meine Meinung.

  6. Johannes |  31.08.2009 | 23:50 | permalink  

    Sehr guter Artikel mit viel wahrem Inhalt.

    Auch das Fazit entspricht meinem Verständnis und meiner Überzeugung.

  7. Matthias Schwenk |  01.09.2009 | 00:24 | permalink  

    Reicht das Problem nicht viel tiefer? Noch wird in Deutschland verhältnismäßig wenig getwittert, es können also auch nur wenige (vertrauliche) Informationen durchsickern. Was aber, wenn bald in allen Versammlungen, Konferenzen und Meetings Leute sitzen, die sich nicht beherrschen können und per Twitter Scoops landen, bevor ein Pressesprecher eine offizielle Aussage machen kann?

    Ich sehe daher das Problem nicht auf der Ebene der Exit Polls, sondern im verantwortungsbewussten Umgang mit Social Media bzw. Kommunikationsgeräten wie Mobiltelefonen oder auch Netbooks und dergl.. Sensible Veranstaltungen brauchen intern so etwas wie “Sperrfristen” bzw. Agreements, keine Informationen nach außen weiterzugeben, sei es per E-Mail, Twitter oder andere Dienste.

    Den umgekehrten Fall, also öffentliche Veranstaltungen, erkennen wir ja daran, dass für sie auf Twitter ein sog. Hashtag geführt wird. Es ist also alles eine Frage der Konvention und ihrer Verbindlichkeit – Willkommen im 21. Jahrhundert! ;-)

  8. DP |  01.09.2009 | 11:18 | permalink  

    Klar, das Problem reicht tiefer. Da wird es sicherlich Agreements und ‘Codes of Conducts’ geben. Aber ob das z.B. Wahlen hilt, da wäre ich nicht so sicher. Wenn die Zahlen erstmal aus der Tube sind, kriegt man sie nicht zurück. Aber man kann dann ja immer noch fragen, was das eigentlich noch bedeutet.

  9. Noriba |  01.09.2009 | 11:51 | permalink  

    Frage: Welche Demokratie?
    Danksagung: Dummeitsvermutung, köstlich, das Wort habe ich schon immer gesucht.

  10. drikkes |  01.09.2009 | 12:23 | permalink  

    Herr Humborg, Sie wollen doch den armen Journalisten nicht wirklich zumuten, erst um 18h mit dem Schreiben ihrer Artikel zu beginnen? Die Montagszeitung muß doch am Abend noch gedruckt werden. Wie unmenschlich!

    Die Leute müssen heutzutage einfach damit leben, daß Infos immer durchsickern können. Am besten, sie verlassen sich gar nicht mehr auf ihre alberne Geheimniskrämerei. Wozu soll die eigentlich gut sein?

  11. Twitter-Prognosen: so what? « Angelegenheiten anderer |  01.09.2009 | 12:25 | permalink  

    [...] (kommentiert bei carta.info/) [...]

  12. Macm |  01.09.2009 | 13:48 | permalink  

  13. Twitter, der Prognosegau und seine Konsequenzen « Marcel-André Casasola Merkle |  01.09.2009 | 13:53 | permalink  

  14. Philipp |  01.09.2009 | 18:40 | permalink  

    Nunja, klaro kann man solche Zahlen fälschen. Es gibt vielleicht sogar viele Gründe, das zu tun wenn man glaubt, damit das (wahl-)Verhalten der Menschen wirklich beeinflussen zu können.

    ABER: Es muss schon eine gewisse Klarheit geben, dass von keiner “offiziellen” Seite bei öffentlichen Wahlen erste Prognosen durchsickern bevor die Wahllokale schließen. Denn einfach die Exit Polls abzuschaffen, greift zu kurz. Das würde das Ergebnis hinauszögern, die Attraktivität der Wahlen senken und damit Legitimitätsprobleme schaffen wenn sich Wähler von Wahlen abwenden weil es ihnen zu öde ist, bis Montag auf Ergebnisse zu warten.

    Ich teile daher die Auffassung von Matthias Schwenk: Jeder, der solche Zahlen und Daten besitzt, muss das Verantwortungsbewusstsein haben, diese nicht “falsch” einzusetzen bzw. zu früh zu veröffentlichen. Das mag naiv und romantisch klingen, ist aber die einzige echte Lösung.

    Denn Insider gibt’s irgendwie doch immer.

  15. swordfish23 (swordfish23) 's status on Tuesday, 01-Sep-09 18:20:14 UTC - Identi.ca |  01.09.2009 | 20:20 | permalink  

    [...] angeblich vor 18 Uhr im Internet veröffentlicht, „So what?“ meint carta: http://carta.info/13994/twitter-prognosen/ [...]

  16. Helmholtzplatz Prenzlauer Berg |  01.09.2009 | 21:57 | permalink  

    @philipp niemand muss deswegen bis montag warten, denn die hochrechnungen gegen 18:30 uhr kann es trotzdem geben. hochrechnung basieren auf befragungen vorher ausgewählter wahllokale, vermischt mit anderen faktoren (ergebisse letzter wahlen etc)
    exit polls basieren dagegen auf zufallsbefragungen (je mehr desto wahrscheinlich richtig) und werden nicht weiter mit anderen werten nachberechnet, deswegen liegen sie auch so schnell.

  17. Jott |  02.09.2009 | 14:22 | permalink  

    Ich schließe mich dem Wunsch nach Abschaffen der Prognose an. Damit wäre das Problem aus der Welt, und ich verspreche mir davon tatsächlich unterhaltsamere Wahlabende. Endlich mal wieder ECHTE Überraschung aus den Gesichtern der Leute lesen, Menschen, die nach Formulierungen ringen…

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