Wolfgang Michal | 32 Kommentar(e)
Ist der Kampf der Journalisten gegen das Netz vielleicht Ausdruck einer viel tiefer gehenden Krise?
16.08.2009 |
Der österreichische Journalist – pardon – der gewesene österreichische Journalist Michel Reimon hat mit seinem Blog betathoughts einen interessanten Gedanken in die Debatte gebracht. (Okay, Norbert Bolz hat diesen Gedanken auch schon gehabt, aber das vergessen wir jetzt mal, denn der Bolz’sche Gedanke war nicht so fundiert.)
Vielleicht, sagt der gewesene Journalist Michel Reimon, sollten wir nicht nur von einer post-modernen Gesellschaft reden, sondern das unscheinbare Wörtchen „post“ auch auf alle sonstigen Errungenschaften anwenden, die wir in unseren Sonntagsreden so gerne hochleben lassen. Vielleicht, sagt Reimon, leben wir ja längst in nach-demokratischen Zeiten. Und wenn das so ist, dann leben unsere Medien natürlich in nach-journalistischen Zeiten. Dann ist das, was uns täglich als Journalismus serviert wird, nur noch ein Spielchen zum Zeitvertreib – ein lärmendes, aufgeregtes, bisweilen sehr vergnügliches Überdecken der wahren Zustände. Dann ist Journalismus nicht mehr das mächtige Mittel der Aufklärung, sondern das vernebelnde Instrument postdemokratischer Verklärung.
Den Hintergrund für Reimons provozierende These vom Postjournalismus bildet die von dem britischen Politikwissenschaftler Colin Crouch 2004 publizierte Behauptung, die Gesellschaften des Westens befänden sich seit 20, 30 Jahren – spätestens seit der „gefälschten“ US-Wahl zugunsten George W. Bushs – in einer post-demokratischen Phase. Die westlichen Demokratien funktionierten zwar formal noch wie Demokratien (es gibt weiterhin Wahlen, es gibt weiterhin Gewaltenteilung), aber die eigentlichen Entscheidungen fallen in außerparlamentarischen Zirkeln. Eine Armada aus wirtschaftsnahen PR-Profis, Beratern, Think Tanks, Stiftungen, Instituten, Spin-Doctors, Meinungsforschern und Post-Journalisten inszeniere den demokratischen Prozess fürs Volk: ein Bühnenstück, mehr nicht.
Die Wirtschaft habe sich den Staat nämlich untertan gemacht. Sie benutze ihn für ihre Sonderinteressen und sauge ihn immer stärker aus (was in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise – siehe die wachsende Staatsverschuldung – besonders gut zu sehen ist). Crouch: „Je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zulässt, dass diese Menschen in politische Apathie versinken, desto leichter können Wirtschaftsverbände den Staat – mehr oder minder unbemerkt – zu einem Selbstbedienungsladen machen.“ (Crouch spricht hier natürlich vor allem von den britischen Zuständen).
Die Medien, deren Aufgabe es wäre, diese Entwicklung aufzudecken und in Frage zu stellen, werben stattdessen für mehr Duldungsstarre. Sie sind Teil der Ent-Demokratisierung geworden. Medienunternehmen, so Crouch, sind “heute ein Teil des kommerziellen Sektors”, eine Sparte der Unterhaltungsindustrie. Sie befindet sich in den Händen von Oligarchen; Crouch nennt an vorderster Stelle die Herren Berlusconi und Murdoch.
In der Postdemokratie sei der demokratische Prozess zu einem manipulativen Spiel unter Eliten verkommen. Wahlkampf- und Medieninszenierungen seien die Sinnbilder dieses Spiels. Beide würden deshalb von einem wachsenden Teil der Bevölkerung abgelehnt: Wahlenthaltung und Medienenthaltung bedingen einander.
Das könnte der tiefere Grund sein, warum das Netz bei Politikern und Journalisten so oft ungebremste Wut auslöst.


Eine gute Analyse, vielen Dank für den Hinweis auf Crouch. Bedenklich finde ich allerdings, dass Crouch wohl der Ansicht ist, Obama würde nicht den Regeln der Post-Demokratie gehorchen (vgl. http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/ein-schizophrener-moment/ ). Wer das glaubt, der hat imho die Postdemokratie nicht verstanden. Obama wurde nicht von einer “Bewegung junger Leute ins Weiße Haus gebracht”. Wie alle postdemokratischen Präsidenten vor ihm hat er die Wahl gewonnen, weil er am meisten Wahlkampfspenden von den interessierten Kreisen einsammeln und in eine erfolgreiche PR umsetzen konnte. Für den Beobachter der Postdemokratie ist das sogar ein sehr schönes Anschauungsbeispiel: Die Polit-PR ist bei Obama so gut geworden, dass ihre Opfer tatsächlich glauben, sie hätten das gemacht und gewollt. Wenn man die Methoden der Bevölkerungsmobilisierung kennt, dann muss einem dagegen klar sein, welche Bedeutung und Wirkung die Presse-Inszenierung z.B. vor Obamas Auftritt in Berlin hatte. Das hatte mit einer Graswurzelbewegung nichts zu tun, das war nur sehr gute Massenmanipulation.
Als Beobachter der Postdemokratie darf man heute nicht den Fehler machen, die Postdemokratie inhaltlich am Neoliberalismus zu identifizieren. Mit der Finanzkrise ist ein Paradigmenwechsel eingetreten. Es ist nicht mehr im Interesse der Eliten, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden. Die Eliten wissen, dass sie nunmehr die Hilfe des Staates brauchen um auch zukünftig das große Geld verdienen zu können. Logischerweise verändern sich damit auch die politischen Inhalte ihrer Kandidaten. Auch wenn sie aus der Perspektive der letzten Jahrzehnte (endlich) mehr für den Bürger gemacht zu sein scheinen, sie sind es nicht, sondern dienen nur der Perpetuierung der Macht- und Einkommensverhältnisse.
Ein Journalismus, der mehr als ein Instrument im PR-Orchester sein will, muss das hinterfragen und offenlegen.
Ein alter Hut. Seit es die Demokratie gibt, wird behauptet, sie werde von anderen Kräften regiert als den sichtbaren und gewählten. Diese seien nur die Fassade. Und die Medien seien nur die Verlautbarungsorgane okkulter Kräfte, die in Wirklichkeit die Welt regieren. Man spricht dann gern von “veröffentlichter Meinung”. Ähnliche Verschwörungstheorien findet man in diesem http://bit.ly/rVSea FAZ-Interview mit dem Blogger Albrecht Müller, der den Medien vorwirft, nicht die allein von der Linkspartei verkörperten Wahrheiten zu verbreiten.
@Thierry Chervel: Ist das jetzt Ihre Meinung über den – sagen wir mal – Sozialdemokraten Crouch oder über den Grünen Reimon?
Die These ist neben Verschwörungstheoretikern wohl vor allem interessant für all jene, die sich diesen auserwählten “außerparlamentarischen Zirkeln” zugehörig fühlen, in denen vorgeblich “die eigentlichen Entscheidungen fallen”, also jene, die sich als Lakaien im Dunstkreis dieser Zirkel wohl und wichtig fühlen, wobei sie, diese “Armada aus wirtschaftsnahen PR-Profis, Beratern, Think Tanks, Stiftungen, Instituten, Spin-Doctors, Meinungsforschern und Post-Journalisten”, natürlich nur die Helfershelferchen derer sind, die wirklich Macht haben. Oder eventuell ja eher auch dessen, was wirklich Macht hat, wie beispielsweise – klar – eine Idee, deren Zeit gekommen ist, oder auch eine kapitalisitischen Logik, deren Zeit nicht vorbei ist. “Medienunternehmen” sind “>heute ein Teil des kommerziellen Sektors<” (Crouch 2004). Wirklich? Seit wann ist das denn so? Herbst 2003?
@Hesekiel: Das Thema Postdemokratie gibt’s natürlich schon länger, ein früherer Versuch hieß z.B. “Die Transformation der Demokratie” (von Johannes Agnoli). Im Vergleich zu Agnoli ist Crouch ziemlich moderat. Was ist nun das Neue? Ich denke, neu ist die Überlegung, die Postmoderne deduktiv bis hinunter zum Postjournalismus zu erforschen. Und da ist Reimons “Forschungsprojekt” (wenn es denn tatsächlich eins wird) zu begrüßen.
Diese “postdemokratische” These gilt übrigens auch für die Weimarer Republik, wenn man betrachtet, wer den Aufstieg der Nazis finanziert hatte. Nicht weit hergeholt ist daher der Hinweis von Hagen Rether auf die FDP, wo jeder gut zahlende Spender mal seine Hand in die Puppe des Parteivorsitzenden stecken darf, um aus dessen Mund die jeweilige Botschaft zu senden. Insofern wäre es nur dann innovativ, wenn wir den einen Schritt weiter gingen, und den größten Teil der Parteien als PR-Agenturen einiger Familien und Firmen betrachten. Aber auch das ist in der Bundesoligarchie Deutschland keine Neuigkeit. Ein Postjournalismus ist schon längst vorhanden. Da er subversiv arbeitet wird er natürlich kaum in den “anderen” Medien zitiert. Und wenn, dann dort nur als genuin öffentlich-rechtlicher investigativer Journalismus. Insofern, ist der aktuelle Journalismus in Zeitungen und Sendern eine
Simulation einer Vierten Macht innerhalb einer Simulation einer Demokratie. Herrschaft funktioniert daher nach dem umgekehrt-proportianlen Verhältnis aus Einnahmen und Steuerlast. Wer über die höchsten Einnahmen mit einer geringstmöglichen Steuerquote verfügt, ist Teil der herrschenden Gruppe. Es ist keine Klasse wie bei Marx. Es ist viel zu klein und viel zu heterogen, um unter einen Klassenbegriff zu fallen.
Das Netz löst keine Wut aus. Die mangelnde Kontrolle des Netzes durch diese Gruppe löst die Wut aus. Kontrolle ist übrigens synonym mit Ertrag.
Na, vielleicht ist an der These ja auch ohne dunkle Mächte etwas dran. Arbeitsvokabel: funktionale Entdifferenzierung.
@Wittkewitz: Wenn ich Reimon richtig verstanden habe, meint er mit Postjournalismus nicht den “subversiven” Journalismus (wo wäre der?), sondern die mediale Entsprechung zu Crouchs These von der Postdemokratie. Ob sich aus diesem “Post” ein anderer, besserer Journalismus entwickelt (auch das ist möglich) oder ob “alles den Bach runter geht” – ist derzeit offen.
@Wolfgang Michal: Steht die “Armada aus wirtschaftsnahen PR-Profis, Beratern, Think Tanks, Stiftungen, Instituten, Spin-Doctors, Meinungsforschern und Post-Journalisten” dabei als Synonym für den Journalimus vorgaukelenden Postjournalismus? Falls ja, dann ist es begrifflich irreführend Post-Journalisten zu einer Untergruppe des Postjournalismus zu machen und sie mit den restlichen Helfershelferchen in einen Topf zu schmeißen, denn diese Gruppe von “PR-Profis, Beratern, Think Tanks, Stiftungen, Instituten, Spin-Doctors, Meinungsforschern” gesteht ja sehr offenbar jene abhängige ‘He who pays the piper calls the tune’- Agenda- und Agentenfunktion ein, die mit Postjournalimus gemeint sein dürfte, während für “Post-Journalisten” noch zu fragen wäre, ob der Kollege sie mehrheitlich eher als Opfer der Verhältnisse oder als aktive Helfershelferchen sehen möchte. Und wenn man sich dann diesen medialen Raum ansieht, wo ordnen sich dann eigentlich die sog. Intellektuellen ein, beispielsweise stipendienalimentierte Schreiber und staatsangestellte Wissenschaftler? Gehören die auch mit zu einer postjournalistischen “Armada”, gar einer Einheitsmeinungsarmada?
[...] Ich persönlich bin stolz in einer Stadt zu leben, wo die Gattin des Oberbürgermeisters wegen dieser “Viererbande” aus der SPD austrat. Zugleich schäme ich mich dafür, dass die Lokalzeitung Oberhessische Presse trotz eines Berichts über Zastrows Buch weiterhin deutlich erkennbar die Lügenmär hochhält. Wir leben offenbar in einem überwiegend antiaufklärerisch aufgestellten 21. Jahrhundert. [...]
Im Text wird Crouch folgendermaßen referiert:
Die Wirtschaft habe sich den Staat nämlich untertan gemacht. Sie benutze ihn für ihre Sonderinteressen und sauge ihn immer stärker aus (was in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise – siehe die wachsende Staatsverschuldung – besonders gut zu sehen ist). Crouch: „Je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zulässt, dass diese Menschen in politische Apathie versinken, desto leichter können Wirtschaftsverbände den Staat – mehr oder minder unbemerkt – zu einem Selbstbedienungsladen machen.“
Das ergibt für mich so überhaupt keinen Sinn. Man muss ehrlicherweise doch sagen, dass Wirtschaftsverbände seit Jahrzehnten die steigende Staatsverschuldung kritisieren, während die Gewerkschaften lange eher ein bisschen zu ihrer Verharmlosung neigten.
@DanielDaffke: Sie müssen die beiden Zitatstellen nur in die richtige Reihenfolge auf einer Zeitachse bringen: Der Staat hat sich den Wirtschaftsverbänden folgend seit Jahren aus der Fürsorge zurückgezogen und dabei politisch apathische Bürger hinterlassen. Das führte dann in der Finanzkrise zur Situation, wo sich (vor allem die Banken) fleißig selbst beim Staat bedienen konnten ohne das sich der apathische Bürger noch groß hätte wehren können. Oder noch konkreter: Nachdem der Bürger seit Jahren erfolglos gegen den Sozialabbau war, glaubt er jetzt, er könne sowie nichts dagegen machen, wenn der Staat nun von anderen ausgeplündert wird.
Bezüglich Staatsschulden meinte Dick Cheney ja :”Deficits don’t matter, Reagan proved it.” Für deutsche Ohren klingt das sehr wüst. Aber mit jeder bewältigten Krise beweisen die USA (und auch Japan) das dieser Satz womöglich stimmt.
@Michal
Der subversive Journalismus wäre der, der das schädlich Element bloß stellt. Das schädliche Element ist dasjenige, dass die Fakten vor die Wahrheit rückt, um sie zu verhüllen. Der subversive Qualitätsjournalismus wäre dann der, der zusätzlich noch die Aufgaben, das Profil und den Umfang des schädlichen Elements aufzeigt. Das könnten antidemokratische Seilschaften sein, die mithilfe großer Medienimperien bestimmte Inhalte inflationieren und bestimmte Zustände verschleiern. Es könnten beispielsweise Kräfte sein, die 2003 eine bad bank namens HRE gründeten, mit dem Wissen, dass es einiges an toxischen Anlagen zu verklappen gibt. Das könnte die Enthüllung sein, in wessen Auftrag manche Minister bestimmte Vorzüge öffentlich machen, wie etwas Gesellschaften, die die Minister während des Studiums in gewisse Zirkel einführen etc. pp. All der Verschwörungstheoriekram zum Beispiel, der sich um einige besondere Ministerien rankt…Davon ist vieles ja nicht in den “Leitmedien” der Qualitätsjournalisten” zu lesen. Das ist ja nicht nur deswegen der Fall, weil diese um die nächste Rate ihres Porsche Cayenne bangen, sondern weil deren Verleger um die Zugehörigkeit in bestimmten Golf- und Poloclubs bangen. Es geht hier letztöich also um den Freizeitwert, den einige Angehöriger bestimmter Familien haben. Für Schneider und Raue wäre das wohl normaler Journalismus, angesichts des Schweigens des Blätterwaldes in den letzten Jahren gehe ich davon aus, dass man solche Inhalte nicht mehr in den “Leitmedien” lesen wird – es sei denn, man möchte jemanden ausschließen. Dann kommt wieder der große Enthüllungspapst und publiziert stolz die ihm oder ihr zugespielten Materialien.
@Daniel Daffke: Gut, dass sich auch jemand von Gruner & Jahr an der Debatte beteiligt. Die Frage ist: Staatsverschuldung für was? Früher verschuldete sich der Staat für Konjunkturprogramme (die u.a. von den Gewerkschaften – etwa nach der ersten Ölkrise – gefordert wurden), heute verschuldet sich der Staat für kriminelles Bankenmissmanagement (wogegen die Wirtschaftsverbände nicht protestierten). Ist das kein Unterschied?
P.S. Tarantoga hat – sehe ich gerade – Ihre Frage auch beantwortet.
@Hesekiel: Nach Croud/Reimon gehören die Post-Journalisten mit zur Armada. Ich gebe Ihre Frage aber gern nach Österreich weiter, damit die Exegese mal aus erster Hand erfolgt ;-)
@Wittkewitz: Einschränkend sollten wir vielleicht zugeben: Den “subversiven Qualitätsjournalismus” zur HRE, zu Siemens oder zur WestLB konnte man in der Süddeutschen gelesen.
Aber die Ursprungsfrage war, glaube ich: Wenn wir vor unsere Gesellschaftsform mit guten Gründen ein “Post” setzen (Postmoderne), warum glauben wir dann, dass dieses “Post” für Journalismus nicht gilt?
Über die spezielle Entstehung der HRE im Jahr 2003 habe ich noch nichts in den Leitmedien gelesen. Auch nicht über das Wissen über die Finanzmärkte aller Beteiligten in jenem Jahr. Dass Siemens Bakschisch-Politik plötzlich offenbar wurde, kann man ja nun auch in etwa einigen speziellen Konkurrenten zuordnen…naja und die Landesbanken allen voran die WestLB sind ja nun seit langem lustige Beschäftigungsprojekte um die enormen Gewinne der Sparkassen in hochriskantes Spielgeld diverser amerikanischer Investementbanken zu versenken. Das sind ja nur Bauherrenmodelle um Bundesländer und öffentliche Hände zu veräppeln. Ist eigentlich kein besondere Enthüllung…
Ich meine so etwas wie die Artikel über Soros, der seinerzeit die britischen, mexikanischen und südostasiatischen Währungen mit Devisenspekulationen kontrollierte.
Ach ja, und zur Postmoderne, gilt immer noch der text von F. Lyotard
The Postmodern Condition, den offenbar nicht alle Diskutanten kennen, der aber sicher alle Luhmannjünger erhellen wird.
http://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/fr/lyotard.htm
Jean-François Lyotard ist schon sehr speziell. Ich versuch’s mal zu übersetzen: Postmoderne heißt, es gibt keine allgemeinverbindliche Leitidee mehr, sondern viele nebeneinander existierende Ideen. Die Moderne ist sozusagen in Vielfalt zerklüftet. Es gibt viele Wahrheiten, und keiner weiß mehr so recht, welche davon die wahre Wahrheit ist (weil „die große Erzählung“ – nach Lyotard – nicht mehr existiert).
Manche nennen das Dekadenz, andere vielleicht Spätphase (Toynbee), wieder andere sprechen vom „Verfallsphänomen einer Moderne, die durch mangelnden Neuerungswillen geprägt ist“ (Howe).
Übertragen wir die Beschreibung der Postmoderne auf das Phänomen Post-Journalismus, dann könnte das heißen: Es gibt nicht mehr „den“ definierten Journalismus, sondern viele unterschiedliche Möglichkeiten des öffentlichen Schreibens. Vor allem das Internet erweitert, zerklüftet und überholt den Journalismus. Er kann heute dies und morgen das sein: Ein Sammelsurium, eine Sammlung, eine Erzählung, eine Übersetzung oder ein Käpt’n, der die Lyotardschen “Sprachinseln” miteinander verbindet. Das Problem ist (und darum geht es in meinem Beitrag), dass der zeitgenössische Journalismus kaum über diese Veränderung nachdenkt, weil er glaubt, vom Wörtchen „Post“ (als einziger) verschont zu bleiben.
P.S. Es gibt natürlich auch die, die den Begriff der Postmoderne in Frage stellen, und z.B. sagen: Unsere Moderne ist noch so unvollendet (Habermas), dass wir vernünftigerweise erst mal an deren Vollendung arbeiten sollten, bevor wir uns mit ungelegten oder faulen Eiern (Postmoderne) beschäftigen.
Warum in die Ferne schweifen, das Rad neu entdecken?
“…Diese Theorie beschreibt, wie die Medien ein dezentralisiertes und nicht-verschwörerisches Propagandasystem bilden können, das fähig ist, einen Konsens der Oberschicht herzustellen und die Öffentlichkeit in diese Perspektiven der Oberschicht einzubinden – während gleichzeitig der Anschein des demokratischen Konsens gewahrt bleibt.”
http://de.wikipedia.org/wiki/Propagandamodell
Andererseits, vielleicht und gerade deshalb sind Zensursula et al. unterwegs. Die im Propagandamodell implizit enthaltene Aufgabe der Massenmedien ist nun erstmals und ganz real in Gefahr. Ein dezentrales Netz reguliert sich aktuell neu, die bestehende und gängige Top-Down Beeinflussung hat nicht nur das oft beklagte, eher monetäre Geschäftsmodell zu verlieren. Das steht weit mehr auf dem Spiel.
Man könnte ja mit Baudelaire einfach das Moderne als Antagonist zum Ewigen setzen:”Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist”. Die Postmoderne wäre dann die Transgression dieses Zeitmodells. Leider diskutiert hier keiner mehr solche historischen Dimensionen, da Heidegger damals das Beharren und das Veränderliche ins Zentrum rückte. Mal sehen, wann wir endlich die Habermasschen und Luhmannschen Dimensionen überwinden und wieder chronos UND kairos zusammendenken.
Dann wären aber die Medien in der Weimarer Republik (wie schon im Kaiserreich) auch bereits “post-demokratisch” gewesen. Schließlich bestand die Medienwelt zu jener Zeit nur zum kleinsten Teil aus Leuchttürmen der Aufklärung wie der ‘Weltbühne’, das meiste waren ‘Nebelkerzen’ anderer Interessen. Anders ausgedrückt: Wann wäre die ‘Aufklärungsfunktion’ der Presse historisch jemals dominant gewesen?
@Klaus:
Man hat Crouch ja vorgeworfen, dass er zu wenig die unterschiedliche Situation in den einzelnen Ländern berücksichtige. Die verspätete deutsche Nation mit ihrem schwierigen Weg zur Demokratie wäre doch anders zu beurteilen als Großbritannien. Aber in einer Streitschrift muss man sich wohl auf ein paar Punkte konzentrieren, sonst kann man eine historische Abhandlung schreiben.
Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung gibt es also immer.
Neu ist vielleicht, dass die rasante Ausbreitung des Internet plötzlich für alle entwickelten nationalen Öffentlichkeiten gleiche Ausgangsbedingungen schafft. Der Journalismus der alten Prägung verliert seine Alleinstellung und wird durch viele Möglichkeiten des aktuellen öffentlichen Schreibens ergänzt oder abgelöst. Das ist das Prinzip des “Post”. Die eine allgemein gültige Perspektive einer Epoche wird aufgefächert/zerklüftet sich in viele Perspektiven. Entropie, sagt Crouch. (Für den Briten Toynbee, der Crouch wahrscheinlich viel mehr beeinflusst hat als Lyotard, hing der Begriff der Postmoderne übrigens eng mit der Globalisierung zusammen).
Man könnte ja ketzerisch sagen, dass die Globalisierung eine postmoderne Form des Kolonialismus ist.
Uff, das Blog als Seminar und Assoziationskette ;-) Seid ihr sicher, dass das “da draußen” – pardon – hier drinnen im Netz jemanden interessiert? Aber ne kleine Teerunde (britisch) oder ‘n kleiner Stammtisch (deutsch) ist ja auch ganz schön.
Wie wär’s mit einer Debatte in diese Richtung:
http://bjoern-sievers.de/2009/08/17/feemium-postjournalismus-und-die-medienmenschen/
[...] PostjournalistenbluesIst der Kampf der Journalisten gegen das Netz vielleicht Ausdruck einer viel tiefer gehenden Krise? [...]
Hallo – zunächst mal vielen Dank für das Interesse an dieser Debatte. Hier ein paar Anmerkungen von mir
+) Wichtig und richtig scheint mir, dass Hesekiel (im 9. Posting) Präzision einmahnt. Ich habe in meinem Text “Postjournalismus” ganz bewusst immer auf das Mediensystem als Ganzes bezogen, also auf seine Mechanismen – und nicht auf die Tätigkeiten einzelner Menschen. Die Frage, was ein Postjournalist ist, wälze ich auch noch. Hesekiels Ansatz scheint mir sinnvoll: dass jeder der offenlegt, wessen Interessen er vertritt, eigentlich nicht dazu gehören sollte. Postjournalisten sind dann also Menschen, die Journalismus vorgeben, aber nicht Aufklärung als Ziel verfolgen (gemäß der Definition von Schneider/Raue). Ein postjournalistischer Artikel ist dann also einer, der ebenfalls nicht mehr aufklären will.
Das scheint auch die Art zu sein, wie der Begriff intuitiv aufgefasst wird. Dazu habe ich soeben einen Tweed an die @weltonline gefunden: http://twitter.com/Fischblog/status/3379050816 (Scheint, als wäre das Mem entfleucht!)
+) Das Propaganda-Modell ist tatsächlich eine gute Ausgangsbasis um ökonomische Zwänge auf die Medien zu untersuchen. Chomskys Arbeit ist auch zu einer Zeit erfolgt, in der mMn der Übergang zum postjournalistischen Mediensystem schon voll im Gang war. Seit dem haben sich aber einige große Entwicklungen ereignet, nicht zuletzt rund ums Internet. Das rechtfertigt eine neue Untersuchung allemal, aber es stimmt: Auf Chomsky muss man aufbauen, dieses Rad muss man nicht noch einmal erfinden.
+) Interessant ist die Frage von Klaus Jarchow: “Wann wäre die ‘Aufklärungsfunktion’ der Presse historisch jemals dominant gewesen?” Das habe ich mich ehrlich gesagt beim Verfassen des Textes selbst gefragt. Vielleicht war eine aufklärerische Presse immer nur ein journalistisches Ideal – und Postjournalismus heißt einfach, dass dieses Ideal nicht einmal mehr angestrebt wird. Mir fallen da ein paar (Ex-) Kollegen ein…
+) zu Lyotard: wenn man wollte, könnte man ihn auch zum Ausgangspunkt der Überlegungen machen. Ohne Großer Geschichte kein Aufklärungsanspruch…? als Konstruktivist bin ich dafür ja empfänglich. Nur: was bringts? Ich möchte Crouch als einen Ausgangspunkt nehmen, weil mir das sinnvoll erscheint. Aber von dort möchte ich mich dann in Richtung konkret anwendbarer Schlußfolgerungen weiterarbeiten – und nicht einen möglichst komplexen Theoriekörper entwickeln. Weshalb ich hier auf Luhmann schon gar nicht eingehe :-) Aber natürlich fände ich es spannend, wenn jemand konsequent in die Gegenrichtung weiterdenkt…
Vielleicht muss man dann einfach auch direkt am Text unterscheiden. Ich meine nicht in hermeneutischer Unzucht sondern eben mit dem was Weinberger als Objektivität durch Transparenz dargestellt hat. Mir erscheint dieser Ansatz trägt deutlich am weitesten (ich habe irgendwo auf meinem Blog einen Aufsatz von ihm dazu übersetzt). Denn seit dem radikalen Konstruktivismus ist das aufklärerische des Objektiven quasi obsolet, obwohl der ideologische Ansatz dahinter aus meiner Sicht immer noch trägt. Insofern sind dann alle die Texte postjournalistisch, die ihre Entstehung und Beeinflussung aus anderen Texten und lebensweltlichen Erlebnissen reflektieren. Und nicht wie die Qualitätsjournalisten out of the blue schreiben, als gäb es keine Gestern und kein Morgen und nur die Eingeweihten lesen prätextuell mit.
Ich hoffe, dass alle ernannten und selbst ernannten Medienmitmischer focas09 mitverfolgt haben und morgen mitverfolgen werden – vor allem die Diskussionen rund um paid content und den Kontext mit redaktioneller Abhängigkeit und Werbung…
@Wittkewitz: Wer u.A. hier liest, gar schreibt, der verfolgt…
# Werbung ist kritisch, wird a) weniger geschalten, ist b) wohl kaum noch jemand ohne entsprechenden Ad-Blocker im Netz unterwegs und wird c) zunehmend resistent; partiell zumindest.
# Paid content ist noch kritischer, hier kann zur flächendeckenden Akzeptanz nur noch der Staat helfen; ala Zwangsbeglückung, zumindest kostenseitig und flankiert von entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen; pro Anbieter, versteht sich, für den Nutzer bleibt eher der Part des sich kriminalisieren lassen – oder die gekauften E-Books werden ihm einfach mal wieder gelöscht…
# Bleibt die redaktionelle Abhängigkeit, sprich, das schnöde Brot zu essen. Welche Sklavenhalter-Knebelverträge da bereits gängig sind, dass konnte man nicht erst in den letzten Wochen immer mal wieder lesen; weniger in den Mainstreammedien, eher in unabhängigen Blogs.
Aber vorsicht, keiner weiss wirklich was hinter dem Horizont liegt; u.U. nicht nur Positives. Davor will und muss man die armen Menschenkinder sicher schützen.
@ 21: Wolfgang Michal: Mich erinnert das Ganze eher an die Auflösung der ständischen Ordnung, weniger an Post-Journalismus im Sinne einer abnehmenden oder manipulierten Öffentlichkeit. Der Befund träfe – streng genommen – auch nur auf die Zeitungen zu, die aber nun mal nicht mit der Öffentlichkeit gleichzusetzen sind. Je länger, je weniger. Die Journalisten hatten ein berufliches Monopol auf das “Gatekeepertum”, sie bewachten den publizistisch-produktionstechnischen Zaun um diese ominöse Öffentlichkeit also. Jetzt kommen unzünftige Bönhasen daher, sie quasseln überall mit und zerstören das lukrative Geschäftsmodell durch einen freien Zugang zur Öffentlichkeit wie einst die Karnickel die australischen Weiden. Das ist allerdings mehr, als vielen ein Gott gab zu sagen. Prompt verlieren sie die Contenance …
Faktisch aber bedeutet das Netz eine Abnahme manipulativer Möglichkeiten. Die Öffentlichkeit wird gestärkt. Auf Kosten des Journalismus. Übrigens sind ja nicht nur Journalisten in der Krise, sondern auch die assoziierten Berufe: Werbung, PR, Marketing usw.
@Klaus: Mit der Auflösung einer ständischen Ordnung hat das Phänomen Postjournalismus, glaube ich, weniger zu tun. Journalist ist ja kein Mittelalter-Beruf.
Das Berufsbild des modernen Journalisten/Redakteurs hat sich nach der Frz. Revolution im Industriezeitalter herausgebildet und konnte sich mit dem Aufkommen der Massenmedien (und dank der Arbeiterbildungsbewegung) enorm ausbreiten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war m.E. in den 1970er, 1980er Jahren. Die seither stattfindende Zerklüftung des Journalismus in die unterschiedlichsten Formen des öffentlichen Schreibens hat zum einen damit zu tun, dass „die Aufklärung“ heute nicht mehr allein von Profi-Journalisten geleistet wird, sondern dass sich durch das Internet jeder einzelne und jedes Unternehmen und jede Institution und jeder Verein als Publizist begreift. Alle veröffentlichen irgendwie (Betonung auf irgendwie!).
Parallel zu dieser äußeren Entwicklung sind die Medien selbst von ihrem einstigen Alleinstellungsmerkmal „professionelle Aufklärung“ abgerückt und machen nun (aus Kostengründen) ebenfalls alles Mögliche: PR, Unterhaltung, Service, Dienstleistung etc. Das einstige klare Profil des Journalisten (auch wenn es nicht überall in Reinform verwirklicht war) löst sich auf.
Wir können den aufkommenden Postjournalismus – je nach Lust und Laune – Entropie nennen oder Demokratisierung oder Vielfalt oder Beliebigkeit oder Alle reden über alles. Einige denken angesichts dieser Entwicklung auch darüber nach, ob bzw. wie aus dem „Post“ ein „Prä“ werden könnte. Und (sogar noch wichtiger!) ob dieses „Prä“ ein gutes oder eher ein schlechtes Hauptwort einleiten wird.
„Postjournalistenblues“ – Gute Gedanken! Zu dem Verhältnis Bürger, Politiker, Wirtschaft und Medien haben sich offenbar viele Menschen in Deutschland ziemlich zeitgleich Gedanken gemacht. Crouch erklärt und hinterfragt in seinem kurzen Buch. Die wenigsten Journalisten (hier auch Ex-Journalisten) scheinen sich den Luxus erlauben zu können, Medien und ihr tun zu hinterfragen. Je mehr es werden, desto besser, desto besser für unsere Demokratie.
Als Konsumentin, Beobachterin, eben nur Bürgerin hat mich das Zusammenwirken der obigen Gruppen schon seit längerem beschäftigt.
Die Medien dürfen nicht nur Abbilden, sondern müssen verstärkt hinterfragen, gerade in einer Finanz- und Wirtschaftskrise. Je früher für Transparenz gesorgt wird, Gesetzesentwürfe, Wahlversprechen etc. hinterfragt werden, desto stärker wirken Medien auf den Prozess der Meinungsbildung ein. „Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein.“ heißt es in der Präambel des Pressekodex.
Von Meinungsäußerung und Kritik habe ich seit dem Lehmann-Crash wenig mitbekommen. Qualifizierte Mindermeinungen haben kaum Gehör in den Medien gefunden. Laut aktuellem Cicero-Ranking (10/2009) ist nicht die Qualität, sondern die Medienpräsenz der Experten maßgeblich. Damit schließt sich der Kreis. Die Experten, die die Meinungen der maßgeblichen Politiker, die wiederrum teilwiese von Interessenvertretern aus der Wirtschaft beeinflusst wurden, vorwiegend bestätigen, werden abschließend honoriert. Manchmal finden sich Experten und Interessenvertreter aus der Wirtschaft in einer Person (Beispiel: Die 20 wichtigsten Ökonomen lt. Cicero: 1 Hans-Werner Sinn, 2 Roland Berger, 3 Bert Rürup).
Arbeitet doch bitte auch mehr mit Juristen zusammen! Auch diese Zunft kritisiert unsere jetzige Demokratie (Lesetipp: Anwaltsblatt unter http://www.anwaltverein.de). Und wie! Wenn es um Gesetzesentwürfe und deren Beurteilung geht, können diese Fachleute schon mal etwas qualifizierter mitreden als ein Journalist, der meist ein guter Allrounder ist.
Problematisch bei der Diskussion „Postjournalismus“ erscheint mir die Finanzierbarkeit des guten Journalismus. Wenn sich dieser über Lobby-Gruppen mittelbar finanziert, kommen wir aus dieser von Crouch beschriebenen Parabel der Postdemokratie nicht heraus. Sollte sich Qualitätsjournalismus nicht durch Zuwendungen aus dem Bundeshaushalt, Stiftungen oder Spenden irgendwie finanzieren können, dann wird der Beruf des gewissenhaften, leidenschaftlichen Journalisten vielleicht nur im Nebenberuf ausgeübt werden können. Die lukrativen Erwerbsquellen scheinen sich im Web 2.0 und in der PR inkl. Beratung zu finden. Dieser Bereich der journalistischen Tätigkeit ist für die Demokratie selbst allerdings nicht förderlich, manchmal ist dieser Bereich Teil des Postjournalismus.