Julius Endert | 6 Kommentar(e)
In seinem neuen Buch warnt Jonathan Zittrain, Harvard-Professor für Internetrecht, davor, die offene Architektur des Netzes zu zerstören. Julius Endert hat es gelesen.
29.07.2009 |
Wie wird es weitergehen mit dem Internet? Sind die wilden Zeiten, nur 20 Jahre nach seinem Durchbruch in einem größeren Nutzerkreis, schon vorbei?
Lassen wir es jetzt zu einer von Regierungen und Unternehmen regulierten Datenautobahn verkommen, auf der Stopp-Schilder, Ge- und Verbote den Verkehr regeln und wo es immer mehr mautpflichtige Abschnitte gibt? Oder erhalten wir uns ein großartiges Werkzeug für den freien Austausch von Wissen, für Vernetzung und Kommunikation über alle physischen Grenzen hinaus?
Manche Autoren und Politiker begrüßen es bereits, dass die anarchische Phase des Webs endlich vorbei ist, etwa Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer (im Interview mit medium) oder Familienministerin Ursula von der Leyen. Andere dagegen warnen vor einer zunehmenden Regulierung und Entmündigung, wie Jonathan Zittrain in seinem neuen Buch The Future of the Internet – And How to Stop It.
Zittrains Buch ist Pflichtlektüre für alle, die begreifen wollen, was aktuell da draußen vor sich geht. Es liefert den Schlüssel für die Hamburger Erklärung der Verleger, für die Löschaktion von Amazon auf dem Kindle, für die Geschäftspolitik von Apple und für viele andere Vorgänge im Web, die alle dem Ziel dienen, den Nutzer zu kontrollieren und zu bevormunden.
Vor allem warnt Zittrain davor, dass die schöpferische Kraft, die aus dem Internet entsteht und die in seiner offenen Architektur begründet liegt, von geschlossenen Systemen zerstört wird. Systemen also, die dem Nutzer genau vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat und sogar in der Lage sind, per Fernsteuerung das Handeln des Nutzers zu manipulieren. Nicht immer geschieht das so offensichtlich wie bei der Löschung von E-Books durch Amazon auf dem Lesegerät Kindle. Vielmehr entstehen an vielen Stellen im Internet immer neue Restriktionen. Auch hervorgerufen durch Nutzer, denen die Bequemlichkeit – noch – wichtiger ist als ihre Freiheit.
Es könnte ein böses Erwachen geben, meint Zittrain. Und deshalb beschwört er seine Leser geradezu, mitzuhelfen, diese Zukunft des Webs zu verhindern. In der es nicht mehr den frei programmierbaren PC gibt, sondern nur noch Einzweckmaschinen wie einst die alten Hollerith-Lochkartencomputer und geschlossene Systeme wie Compuserve oder AOL. Zittrain warnt vor einer Zukunft, die sehr stark nach Vergangenheit aussieht und es ist wirklich ein Wert, sich dafür einzusetzen, dass sie nicht eintritt – daher auch diese Leseempfehlung.
Jonathan Zittrain: The Future of the Internet – And How to Stop It, Paperback, Penguin Books 2009. 352 S., ISBN 978-0141031590





Ich weiß, wer keine Ahnung hat, aber …
wäre es nicht denkbar (im Falle des worst case – also wenn das Netz wie wir es heute kennen durch Zensur und Kontrolle verkrüppelt wird), ein neues, paralleles Netz zu etablieren, welches sich den Kontrollen entzieht?
Das (mit dem “Parallelnetz”) ist auch ein Gedanke, der mir schon gekommen ist.
Entscheidend dabei wäre, daß so ein/ solche Alternativnetze von “unten” angeschoben werden und so weit wie möglich unabhängig vom bestehenden Netz sind.
Es gab und gibt ja Versuche – die Macht der ICANN zb. sollte durch Projekte wie OpenNIC unterlaufen werden, was aber kaum Anklang fand bisher und auch nach wie vor den Dienst “www” nutzt. Vom www unabhängig wären dann Dienste wie freenet oder i2p, die p2p-Technologien nutzen und ebenfalls noch sehr in den Kinderschuhen stecken, was sich aber im worst case ändern könnte, denn die Anfänge sind gemacht und eine engagierte und loyale, wenn auch kleine Nutzerbasis existiert mW.
Wenn die Situation alarmierend genug wird, dürften sehr schnell noch weitere Ideen aufkommen. Rein technisch dürfte ein “Compuserve2.0″ sicher machbar sein, aber der menschliche Faktor sieht mal so aus: Deprivation auf hohem Niveau geht nicht, schon gar nicht nicht hauruck (aber anders gehts im Wahlkampf ja nicht) und gegenüber Leuten, die entsprechende Versuche bemerken und dagegenhalten. Hat uns Ursel ja zu spüren gekriegt. Und die Musikindustrie merkts auch: da können sie Filesharing noch so verdammen und verfolgen – wenn eine kritische Masse erreicht ist, kommste nicht mehr gegenan, auch wenns kriminell gemacht wird.
Heute kann, oh Frevel, jeder bloggen und seine unegale Meinung veröffentlichen. Wenns hart auf hart käme, kann vielleicht schon jeder sein eigenes Internet auf die Beine stellen. Die Technik (also das Vorhandensein der zumindest prinzipiellen Möglichkeit, unabhängige Alternativnetze zu bauen ohne allzu großen Aufwand) ist immer noch schneller als die Nordkoreaphilie des durchschnittlichen Lobbyistenarschkriechers und profilierungsgeilen Hinterbänklers, und die Netzgemeinde ist aufmerksam.
Das alles wird aber vielleicht gar nicht nötig sein, weil die Politkasper sich womöglich mit ihrer – ihnen selbst wohl nicht mal wirklich klaren, sondern eher systembedingten – Salamitaktik selber ins Knie schießen. Wie gesagt, Deprivation ist, wenn sich das zu entziehende Gut bereits etabliert hat, kaum machbar, die Reaktion wird hoffentlich ziviler Ungehorsam erster Güte sein. Wenn die Bedrohung durch Einschränkung allgegenwärtig wird, steigt auch die Bereitschaft, dagegen auf “kriminelle” (also auf willkürliche Zensurgesetze mißachtende) Weise vorzugehen, und wer keine Millionen “Raubkopierer” runterkriegt, schafft das auch nicht bei Millionen Leuten, die ihre gewohnten Freiheiten – die 2009 zwar schon attackiert wurden, aber noch selbstverständlich waren – nicht aufgeben wollen.
Kann sein, daß gute Zeiten für Guerillas kommen, on- wie offline ;-). Wenn wir mal davon ausgehen, daß ab Herbst wieder Schwarzgelb die BRD-Politik versaut, kann man kaum mit irgendwas Gutem rechnen.
Man müßte dazu natürlich bereit sein, den Rasen zu betreten.
“Kann sein, daß gute Zeiten für Guerillas kommen (…)”
Ich denke mal das die ISPs/Telcoms das schwache Glied in der Kette sind. Man kann alles dezentralisieren und so der Kontrolle entziehen, aber irgendwer legt einem ja schliesslich die Leitung ins Haus und ist somit nicht gefeit vor staatlicher Kontrolle. Die Bundesregierung weiß schon was sie tut wenn sie den ISPs auf die Zehen tritt bzgl. Vorratsdatenspeicherung und Zensur etc.
Schade, dass die Infrastruktur nicht per Grundgesetz vom Inhalt getrennt ist.
In der Geschichte aller Medien, beispielsweise in der mehr als 400-jährigen Zeitungsgeschichte wiederholt sich der teilweise erfolgreiche Versuch der jeweils Regierenden, den freien Meinungsaustausch zu unterbinden oder zu verfälschen.
Das gelingt aber nur, weil alle alten Medienstrukturen zentral aufgebaut sind. Verlage, Rundfunkanstalten und Telefongesellschaften sind politisch und technisch angreifbar.
Das Internet wurde konzipiert, um diese Angreifbarkeit auszuschließen.
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte gilt dies auch für die Meinungsfreiheit.
Das, was allen Regierenden die Furcht einflösst, zerstören sie im Bewusstsein, dass mit der Zerstörung auch ihre eigenen Kommunikationsflüsse wieder angreifbar werden.
Es gibt keinen passenderen Ausdruck für das höchste Glück aller Regierenden, inklusive ihrer gesamten Befehlskette: Herrschaftswissen!
Deswegen wird, trotz aller Widerstände das Internet in seiner jetzigen Form zerstört werden. In der Legende des ‘Turmbaus zu Babel’ sehe ich gewisse Parallelen: Ein Turm, eine Sprache und nach der Zerstörung, viele inkompatible ‘geschlossenen Systeme’ und eine, als moralisch angesehene Institution, die das gemeinsame Projekt verteufelt.
Es wiederholt sich eben alles, nur der jeweiligen Zeit angepasst – oder: Die Tröge bleiben, nur die Schweine wechseln…
Ein wichtiges dringend zu lesendes Werk. Für die ganz eiligen, die am morgigen Sonntag noch eine Lesestunde einbauen können, gibt es das Buch über Zittrains Site auch zum free pdf download http://futureoftheinternet.org/
[...] Zittrain, Harvad-Professor für Internetrecht und Autor des Buches “Future of the Internet“. Es sind die klassischen Argumente, die Zittrain auf der Supernova Anfang Dezember 2009 [...]