Robin Meyer-Lucht

Allensbach: Mehrheit hält Kinderpornosperren für wirkungslos (und viele verstehen nicht, worum es geht)

Robin Meyer-Lucht | 13 Kommentar(e)


Allensbach will herausgefunden haben: 91 Prozent der Bundesbürger begrüßen die Kinderporno-Sperren. Die Umfrage zeigt vor allem die Begrenztheit der Methode: Dem komplexen Thema “Zugangserschwerungsgesetz” können kurze Massenbefragungen nicht gerecht werden.

21.07.2009 | 

Das Institut für Demoskospie Allensbach hat sich des Themas “Kinderporno-Sperren” angenommen und über 1.800 Bundesbürger in kurzen mündlichen Interviews zu diesem Thema  befragt (PDF).

Das Ergebnis der Befragung legt nahe, dass ein hoher Anteil der Bevölkerung die Sperren einerseits begrüßt, andererseits aber an ihrer Wirksamkeit zweifelt. Die Umfrage zeigt vor allem aber erneut, dass kurze Massenbefragungen so komplexen Themen wie dem “ZugErschwG” nicht gerecht zu werden vermögen.

Dies wird bereits mit der Eröffnungsfrage deutlich (siehe unten): Dem Befragten wird von einem “großen Stoppschild” berichtet, bei dem “man nicht mehr weiterkommt“. Diese Beschreibung greift bekanntlich deutlich zu kurz. Auch der Gegensatz der Antwortoption – Maßnahme ist zu begrüßen vs.  ist nicht für Kinderporno-Bekämpfung geeignet – bildet die Komplexität der Fragestellung nicht ab — es gibt mehr und andere Gründe, dagegen zu sein.

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Man kann den Demoskopen aus Allensbach keinen großen Vorwurf machen. Das Problem ist: Die Problematik des Zugangserschwerungsgesetzes läßt sich nicht in wenigen Sekunden erklären und abfragen. Die meisten Befragten werden sich zuvor nicht intensiver mit der Thematik und seiner verfassungsrechtlichen Relevanz befasst haben. Die Antworten müssen aus dem Stand heraus erfolgen und sind entsprechen impulsgetrieben.

Was die Demoskopen nicht abgefragt haben: Ob sich der Befragte mit dem Thema zuvor schon beschäftigt hat? Ob er eine Meinung dazu hat? Ob er sich ausreichend informiert fühlt? Ob er die Argumente von Befürwortern und Gegnern kennt?

So zeigt das Ergebnis zunächst einmal: Rund 90 Prozent der Befragten sind für Kinderporno-Sperren und rund 10 Prozent dagegen, wenn sie mit wenigen Zeilen auf den Stand gebracht werden. Die politische Strategie, Internetsperren mit dem Anlass Kindesmißbrauch einzuführen, geht nahezu vollständig auf. Die Umfrage misst so gesehen ebenso sehr die Wirksamkeit einer politischen Strategie wie die eigentliche Meinung in der Bevölkerung.

Immerhin: 9 Prozent der starken Internetnutzer sind laut Umfrage gegen die Sperren. Dies würde, grob überschlagen, 2 Millionen Menschen entsprechen. Dass es nach den Debatten der letzten Monate 2 Millionen in Deutschland gibt, die trotz der Todschlag-Strategie Kinderporno gegen Internetsperren sind, ist eigentlich eine erstaunliche Zahl. Sie spricht für die erhebliche Breite einer politischen Öffentlichkeit, die sich mit diesem Thema intensiver befaßt.

Erstaunlich sind zudem die erheblichen Zweifel am Erfolg der Internetsperren:

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Eine Mehrheit der Bevölkerung ist der Meinung, dass die Sperren den Zugang zu entsprechendem Material nicht verhindern. Doch: Warum zeigt uns Allensbach hier nicht die Angaben für die starken Internet-Nutzer separat (wie im vorherigen Chart)? Das Fehlen der Angabe wirft ein merkwürdiges Licht auf die Auswertung der Umfrage.

Problematik der Formulierungen an allen Orten – auch bei der unten stehenden Frage: Hier fragt Allensbach, ob die Stoppschilder im Internet “ihr Recht auf Informationsfreiheit zu sehr einschränken”. Wie wären die Antworten ausgefallen, wenn gefragt worden wäre, ob “das Recht auf Informationsfreiheit” durch die Sperren eingeschränkt wird? Es bedarf wenig Fantasie um zu prognostizieren, dass das Ergebnis dann zumindest geringfügig anders gewesen wäre.

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Mit dieser Befragung hat sich das Institut für Demoskopie Allensbach keinen Gefallen getan: Die Befragung wird dem Thema nicht gerecht. Die Inhalte werden zu oberflächlich und nicht neutral abgefragt.

Die Befragung zeigt vor allem eines: Die Begrenztheit der Methode für diesen Anlass – und die Effektivität der politischen Strategie, eine Sperrinfrastruktur am Beispiel Kindesmissbrauch einzuführen.

Manchmal wäre es der Sache angemessener: solche Umfragen einfach zu unterlassen. Oder aber sie methodisch anders abzusichern.

Für einen PR-Gag ist das Thema zu wichtig und zu schade.

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13 Kommentare

  1. Robin Meyer-Lucht |  21.07.2009 | 16:02 | permalink  

    Hier die dpa-Meldung zu dem Thema:

    http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/678591

    “Die große Mehrheit der Bevölkerung begrüßt einer Allensbach-Umfrage zufolge das Sperren von Kinderpornografie-Seiten im Internet. 91 Prozent befürworten das kürzlich vom Bundestag verabschiedete Gesetz, teilte das Institut für Demoskopie in Allensbach mit.”

    Nach dem Gesetz hat Allensbach interessanterweise gar nicht gefragt…

    Manchmal kann man bei diesen Praktiken die Wände hochgehen.

    Gut, dass es das Netz gibt.

    gruss,

    rml

  2. Robin Meyer-Lucht |  21.07.2009 | 16:17 | permalink  

    Und hier die AP-Meldung.

    http://www.net-tribune.de/nt/node/6701/news/Sperrung-von-Kinderporno-Seiten-stoesst-auf-grosse-Zustimmung

    Richtiges Agenturfutter eben, solche Umfragen.

  3. Martin Lindner |  21.07.2009 | 16:35 | permalink  

    danke, wichtiger blogpost. ich denke auch, dass durch diesen anlass sich gleich mehrere grundfragen der digitalen demokratie auf neue weise stellen (und eigentlich auch der demokratie überhaupt):

    (1) dieses semantische minenfeld *kann* von der demoskopie nicht abgefragt und von normalbürgern nicht durchschaut werden. hier kann es nur einschnappende reflexe geben. (das wäre bei mir genauso gewesen, wenn ich nicht, eher widerwillig, mich dann eben doch damit befasst hätte und dann als web-bewohner eben großartige informationsmöglichkeiten nutzen konnte.)

    welche demokratischen strukturen wären erforderlich, um das zu ändern? früher war das ja sache der “qualitätsmedien” (etwa bürgerrechtsdiskussionen im zusammenhang mit kriminalität und terror). aber zumindest die SZ, mein hausholzmedium, hat hier krass versagt.

    (2) das hat auch mit dem thema “kinderporno” zu tun, das ja eben interessanter weise von niemand ernsthaft behandelt zu werden scheint: nicht von den politikern, die teils bewusst, teils aber auch ganz naiv hier genauso in “gut gemeinte” populistische reflexe verfällt wie ein/e x-beliebige/r klischee-BILDleser/in. nicht vom BKA, das offenbar keine ahnung hat und wohl auch nicht haben will (warum?). nicht von den “qualitätsmedien” (ich kann mich an keinen hintergrundartikel zu der durchaus ungeklärten frage erinnern, was wir eigentlich unter “kinderporno” genau verstehen, was die kriminellen strukturen hier tatsächlich sind und welche maßnahmen erfolg versprechen.) und auch nicht die “internetgemeinde”, die wie ich auch erst einmal keine große lust hatte, sich mit diesem finsteren, keine schnellen erfolge versprechenden thema zu befassen. das wurde jetzt allerdings in kurzer zeit nachgeholt (von Alvar Freude und seinen mitstreitern), so dass die immer noch recht lückenhaften informationen, die dazu überhaupt vorliegen, tatsächlich aus der Weisheit der Vielen, also aus “dem Web” stammen.

    (3) welche funktion in der psychosozialen struktur unserer sozialpädagogisierten gesellschaft das hysterische hochspielen von “kinderpornographie” hat, müsste auch erst noch im zusammenhang rekonstruiert werden. es gibt ja seit langem kaum mehr einen krimi ohne mißbrauchte kinder, ob tatort oder mankell..

    diese hysterische reaktion ist ja sehr selektiv: es geht immer um das nichtsehen von bildern, nicht um die kinder selbst, und eben auch nicht um konkrete verfolgung und blockierung die deutschen, die u.a. in thailand und kambodscha eben ganz praktisch kindervergewaltigung und noch schlimmeres praktizieren. (das ist nicht “schändung”, ein absurder uralter begriff, und auch die “pornographie” ist hier ja nur ein randproblem.) da sehen die urlauber weg.

    (4) und dann ist es eben so, das in den 1990er jahren die neuentdeckte “kinderpornographie” bzw. der sexuelle kindsmißbrauch zusammenfielen mit demebenso neuen Internet, das den normalmenschen zwingt, das in sein bewusstsein zu lassen, weil in der theorie das material nur einen klick entfernt ist. (in der praxis ist es schwierig – es findet überhaupt niemand einschlägiges material, der nicht gezielt und geduldig danach recherchiert.)

    (5) so überlagern sich hier eben gleich mehrere motive und reflexe. (und das interesse bestimmter kreise, dieses thema für die durchsetzung von zensurmaßnahmen zu funktionalisieren, habe ich noch gar nicht genannt, weil ich denke, dass es nicht die hauptrolle spielt.)

    woraus folgt: “kinderpornographie” ist, ob man das begrüßt oder nicht, ein gesellschaftliches schlüsselthema geworden. die netzpolitisch interessierte gemeinde muss es ihren gegnern wegnehmen, aktiv ins zentrum rücken und eigenständig analysieren und politisch bearbeiten. ansonsten ist klar, dass dieser reflex auf absehbare zeit immer wieder neue immer wieder genauso funktionieren wird.

  4. Matthias Schwenk |  21.07.2009 | 16:42 | permalink  

    Das Beispiel zeigt eigentlich die Grenzen der Demoskopie. In der modernen und komplexen Gesellschaft kann man damit fast nur noch Propaganda machen, finde ich.

    Im konkreten Fall ist die entscheidende Frage zudem widersprüchlich: Einerseits wird von Maßnahmen im Plural gesprochen, andererseits aber nur das Stoppschild als Beispiel (oder Teilmenge dieser Maßnahmen) erwähnt. Die sich anschließende Frage bezieht sich aber wieder explizit auf das gesamte Maßnahmenpaket (im Plural).

    Mir zeigt das die Hilflosigkeit der Allensbacher, einen komplizierten Sachverhalt verständlich aber kurz darzulegen und dazu dann die alles entscheidende Frage möglichst neutral stellen zu können.

  5. BTW09blog |  21.07.2009 | 17:31 | permalink  

    Die Agenturmeldungen sind eigentlich komplett kalter Kaffee. Das Familienministerium hat die Ergebnisse dieser Allensbach Umfrage bereits einmal veröffentlicht – vor mehr als einem Monat:

    PM des Familienministeriums vom 17.06.09

    Der PR-Coup ist damals nicht geglückt, weil die Diskussion darüber hinweggegangen ist. Die Frage ist nur, warum die “Qualitätsjournalisten” der Agenturen diese Leiche jetzt wieder ausgegraben haben (zeitgleich)?

  6. Robin Meyer-Lucht |  21.07.2009 | 18:07 | permalink  

    @BTW09blog: Vielen Dank für den Hinweis. Allensbach hat die Daten heute auf seiner Seite veröffentlicht. Deshalb haben ja auch wir drüber geschrieben. Von der Vorabveröffentlichung durch das Familienministerium wusste ich gar nichts – danke für den Hinweis.

    Die Diskussion und die volle Veröffentlichtung der Frageformulierungen ist, denke ich trotzdem wichtig und hilfreich.

  7. BTW09blog |  21.07.2009 | 18:18 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht

    Der Hinweis auf die PM vom Familienministerium sollte keine Kritik an Euch sein (ganz im Gegenteil – guter Beitrag). Ich wunderte mich halt nur über die Agenturmeldungen. Das Familienministerium hatte seinerzeit (zumindest teilweise) die Allensbach-Umfrage auch veröffentlicht.

    PDF-Anlage zur PM von der Leyen

    Ich habe jetzt nicht überprüft, ob es da Differenzen oder weitere Erkenntnisse durch die (neuerliche) Veröffntlichung bei Allensbach gibt.

  8. Tim |  21.07.2009 | 22:25 | permalink  

    Ich finde es ernüchternd, daß sich viele Bürger in diesem Thema nicht auskennen, aber dennoch eine klare Meinung dazu haben. Korrekterweise hätten die meisten doch mit “Unentschieden / keine Angabe” antworten müssen.

  9. Interessante Postings aus meinem Feedreader - 22. July 2009 | (( echoraum )) |  22.07.2009 | 06:09 | permalink  

    [...] Allensbach: Mehrheit hält Kinderpornosperren für wirkungslos (und viele verstehen nicht, worum es … [...]

  10. Allensbach-Studie: Kinderporno-Sperren sind wirkungslos, sagt die Mehrheit | TechFieber | Hot Gadget Blog. Smart Tech News. |  22.07.2009 | 08:45 | permalink  

    [...] [Link] Diesen Artikel Twittern, Social Bookmarken, Drucken oder per E-Mail versenden: [...]

  11. Juri Maier |  22.07.2009 | 11:52 | permalink  

    So sehr ich persönlich das Gesetz für so überflüssig wie den Bundestrojaner halte, so muss man doch anerkennen, dass es daneben auch plausible Gründe dafür geben kann, warum die in der Regel gar nicht so dumme oder uninformierte Bevölkerung die Verabschiedung eines vermutlich unwirksamen Gesetzes begrüßt. Verbote haben neben ihrer prohibitiven Wikung ja auch eine normierende, sonst wären viele Dinge nicht verboten, nur weil man sie nicht wirksam bekämpfen kann. Die Debatte erinnert (nur) in dieser Hinsicht an die zur Legaisierung von Drogen.
    Die Zahlen der Allensbach-Studie überraschen mich daher nicht. Sie ist meiner Meinung nach auch nicht suggestiver oder oberflächlicher als die meisten Befragungen – man man mag es bedauern, aber das ist demoskopischer Standard. Wer die Mehrheit der Bevölkerung in dieser Frage überzeugen will, darf sie nicht als zu dumm verkaufen und die Studien als manipuliert abtun. Er muss sich darauf einlassen, dass es nicht um richtig und falsch, sondern um eine Güterabwägung geht.

  12. Robin Meyer-Lucht |  22.07.2009 | 12:23 | permalink  

    @ Juri Maier: Der Hinweis auf die “normierende” Wirkung von Gesetzes ist sehr gut. Ganz wichtiger Aspekt in der Diskussion. Danke.

  13. Neue Westfälische - Blogspot |  22.07.2009 | 19:53 | permalink  

    [...] darauf hingewiesen, dass 62% aller Befragten nicht an eine Wirksamkeit der Sperren glauben. Bei Carta.info gibt es noch mehr Hintergründe zur besagten [...]

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