Leonard Novy

SZ-Magazin: Qualitätskreativität ohne Quellenangabe

Leonard Novy | 8 Kommentar(e)


Das SZ-Magazin bringt fiktive Facebook-Profile von Merkel, Obama und Co. An sich eine prima Idee, nur sonderlich originell ist sie nicht.

21.07.2009 | 

Das SZ-Magazin schreibt:

Wir haben uns einmal vorgestellt, wie die mächtigsten Politiker der Welt auf Facebook miteinander kommunizieren.

Das Ergebnis: die Facebook-Profile von Angela Merkel, Barack Obama, Silvio Berlusconi und Mahmud Ahmadinedschad. Das ist mal mehr (Status-Meldung Berlusconi: „looking forward to the weekend”, Kommentar Julio Iglesias „Let’s get wasted”), mal weniger (Barack Obama Status: „Ick bin ein Berliner”) lustig, aber an sich natürlich eine prima Idee.

Atlantic Monthly: Worl Leaders

Atlantic Monthly: World Leaders

Nur sonderlich originell ist sie nicht, denn sie stammt vom amerikanischen Atlantic Monthly. Dessen Karikaturistin Sage Stossel hatte den Lesern des Magazins bereits im Mai satirische Einblicke in die Aktivitäten der fiktiven Facebook Gruppe „World Leaders” gegeben. Nun soll hier natürlich nicht bezweifelt werden, dass die Kollegen beim SZ-Magazins, traditionell ein Hort experimenteller journalistischer Praktiken, wirklich ganz alleine auf die Idee gekommen sind sich „einmal vorzustellen”, was die „mächtigsten Politiker der Welt” (lies: „World Leaders”) auf Facebook so treiben. Aber auffällig sind die Ähnlichkeiten zwischen der Satire des prestigeträchtigen Ostküstenmagazins und der SZ schon.

SZ-Magazin: Die mächtigsten Politiker

SZ-Magazin: Die mächtigsten Politiker

Richtig kreativer Journalismus auf höchstem Niveau” (Eigenwerbung) schaut anders aus. Außer man versteht darunter, brillante Ideen anderer auch einer deutschen Leserschaft zugänglich zu machen. Ohne Verweis auf das Original, versteht sich.

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8 Kommentare

  1. Wittkewitz |  21.07.2009 | 15:46 | permalink  

    Sie glauben noch nicht im Ernst, dass irgendeiner der Vertreter des deutschen Qualitätsprädikatsjournalismusadels so etwas deliziöses wie theatlantic.com goutiert. Ich glaube hier geht man noch immer davon aus, dass FAZ Highend und state-of-the-art ist, was natürlich aus Sicht der ultraradikalen Marktliberalen auch stimmen mag.

    Allerdings ist diese Spezies 200 Jahre alt…

  2. Robin Meyer-Lucht |  21.07.2009 | 16:03 | permalink  

    @ Wittkewitz: Na klar doch, im Netz haben wir das doch alle lääängst gelesen. Und es wurde uns über twwwitter herumgereicht…..

  3. Florian |  21.07.2009 | 23:27 | permalink  

    Dasselbe in twitter gibt es für Wissenschaftsgrößen hier: http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2009/07/wenn-wissenschaftler-twittern.php

  4. 6 vor 9: Landlust, SZ-Magazin, G+J, Brüno » medienlese.com |  22.07.2009 | 08:55 | permalink  

    [...] 3. “SZ-Magazin: Qualitätskreativität ohne Quellenangabe” (carta.info, Leonard Novy) Gemäss Eigenwerbung ist das Magazin der Süddeutschen Zeitung “kreativer Journalismus auf höchstem Niveau”. Aber warum selbst denken, wenn man die Ideen auch aus dem Atlantic Monthly kopieren kann? [...]

  5. Marianne |  22.07.2009 | 12:57 | permalink  

    mir fällt als sz-abonnentin auf, dass die redaktion häufig mit ca. dreiwöchiger verzögerung themen ins blatt nimmt, die zuvor in der new york times-beilage der süddeutschen standen. ich kann den pragmatismus verstehen, aber peinlich ist es doch.

  6. Robin Meyer-Lucht |  22.07.2009 | 16:32 | permalink  

    @ Marianne: Kopistentum ersetzt hierzulande häufiger Kreativität als man es glauben möchte.

    Auch diese Wahlwerbung ist ja eine Kopie:
    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/mister-tagesschau-geht-nicht-waehlen;2435278

    Im Gegensatz zu früher fällt dies Dank Netz nun stärker auf. Auch der normale Konsument kennt nun die Originale, die er sich zuvor gar nicht leisten konnte.

    So gesehen wird Journalismus durch das Internet unter einen neuen Originalitätszwang im internationalen Maßstab gesetzt – mal eben so kopieren fällt peinlich auf.

    Kopieren und adaptieren hat aber in der deutschen Medienlandschaft eine lange Tradition. Bild ist eine Kopie der Sun, Der Spiegel eine Kopie von Newsweek und Carta eine Kopie von US-Gruppenblogs….

  7. Tobias Moorstedt |  22.07.2009 | 19:04 | permalink  

    FYI:
    Die Idee der Facebook-Fiction stammt übrigens auch nicht von Atlantic Monthly. Ähnliche Spin-Offs und Spielerein gibt es seit Jahren. Zum Beispiel hier mit Rupert Murdoch (Vanity Fair, 2008).
    http://www.panopticist.com/2008/10/rupert_murdoch_on_richbook_the_facebook_spinoff.php
    Facebook-Fiction ist eine neue Form der Karrikatur, ich glaube da hat niemand ein Patent drauf. Auch wenn ich die Enthüllungseuphorie nicht stören will
    (Full Disclosure: ich schreibe für die SZ und auch das Magazin)

  8. Leonard Novy |  23.07.2009 | 11:51 | permalink  

    @Tobias Morstedt: klar, “facebook-fiction” gibt es schon länger und der Atlantic Monthly hat sie nicht erfunden. Das hat aber auch niemand behauptet. Es wäre ja merkwürdig, wenn soziale Netzwerke und die dort herrschenden Ausdrucksformen nicht längst Gegenstand satirischer Spielereien wären (die Murdoch-Geschichte ist eine der schönsten).

    Ebenso selbstverständlich ist, dass niemand ein „Patent“ auf dieses junge Genre anmelden kann. Es lebt ja gerade davon, dass es permanent “weitergesponnen” wird. Das Gegenteil hat allerdings auch niemand gefordert.

    Worum es ging, waren zwei konkrete Stücke „facebook-fiction“, die kurz hintereinander erschienen und auffällige Ähnlichkeiten („world leaders“) aufwiesen. Die Frage, ob die SZ-Geschichte auch so gebracht worden wäre, wenn der Atlantic Monthly ein deutsches Magazin wäre bzw. wenn die US-Karikaturistin in hier arbeiten würde, ist letztlich müßig. Die kreative Eigenleistung hält sich einfach in Grenzen.

    Das war zunächst mal eine Beobachtung, nicht mehr. „Enthüllungseuphorie“ schaut anders aus und wäre im Übrigen auch übertrieben. Dafür ist die Übernahme von US-Geschichten durch dt. Medien eine zu gängige Praxis und das Phänomen – siehe der Kommentar von Marianne oben – ein zu alter Hut.

    Grundsätzlich interessant finde ich daran, dass manche Redaktionen/Korrespondenten die Tatsache, dass sich Öffentlichkeitsstrukturen und Informationsflüsse in den letzten Jahren rasant transnational verschränkt haben, anscheinend noch unterschätzen bzw. in ihrer Arbeit nur bedingt nachvollzogen haben; die Tatsache also, dass Geschichten (oder ganze Formate) bspw. aus US-Medien, von denen man hierzulande früher wochenlang nichts erfahren hat (und wenn dann häufig als Eigenleistung des dt. Mediums verpackt), heute praktisch in Jetztzeit auch hier wahrgenommen und weiterverbreitet werden. Dies ermöglicht es eben auch, Stories miteinander abzugleichen.

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