Wolfgang Michal | 39 Kommentar(e)
Das nächste große Ding im Internet könnten regionale Online-Magazine sein, die von freien (und frei gesetzten) Lokal-Journalisten gemacht werden.
06.07.2009 |
Manche meiner Kollegen denken über die Gründung von Internet-„Lokalzeitungen“ nach. Der wachsende Erfolg der Webseiten, die oft schon im Namen ihre regionale Verwurzelung betonen, scheint ihnen den nötigen Ruck zu geben. Diese Seiten heißen – ich kann sie hier nicht alle aufzählen – : Ruhrbarone, Pottblog, Hauptstadtblog, Neustadt (Dresden), Erzgebirgsblogger, Gelsenkirchen Blog, Münchenblogger, Heldenstadt (Leipzig), Frontbumpersticker (Hannover), Stuttgart Blog, Sauerlandthemen, Branden Blog (Brandenburg), Thüringer Blogzentrale, usw.usf.
Hugo E. Martin hat kürzlich eine Liste dieser „placeblogs“ zusammengestellt. Das Blogradar Wikio führt seit März 2008 eine extra Rangliste der 100 wichtigsten „Deutschland-Blogs“. Und Robert Basic (dem man ein Gespür für Netz-Entwicklungen nachsagt) bastelt mit seinen „Buzzriders“ an einer interaktiven Lokalnachrichten-Seite.

Der Unmut über unzureichende lokale Informationsangebote hat einen Punkt erreicht, der die Freisetzung kreativer Kräfte geradezu herausfordert.
Einige wenige Portale haben bereits einen journalistischen Anspruch entwickelt, der über reine Serviceleistungen hinausgeht und mit den Lokalzeitungen konkurrieren will. Solche Blog-Redaktionen versuchen, durch eigene Recherchen die ursprüngliche Aufgabe einer Lokalzeitung wieder zu beleben, und das heißt, nicht bloß über Pressekonferenzen, sondern auch über Interessenkonflikte zu berichten. Vor allem wollen sie die Einengung der Lokalberichterstattung auf Schützenfeste, Hochsitz-Einweihungen und Ehrungen stellvertretender Ortsbrandmeister nicht länger hinnehmen.
In den unzufriedenen Lesern haben sie dabei die besten Verbündeten. Der Unmut eines größer werdenden Teils der Landbevölkerung (aber auch der Stadtviertel- und Kiezbewohner) über unzureichende lokale Informationsangebote hat einen Punkt erreicht, der die Freisetzung kreativer Kräfte geradezu herausfordert. Denn die Menschen in der Provinz sind klüger und differenzierter, offener und neugieriger als es die altbackenen Anzeigenblätter und lokalen Monopolzeitungen wahrhaben wollen.
Die Leser in der Provinz suchen nach einer ernst zu nehmenden Alternative. Sie haben die unerträgliche Mischung aus Agenturmeldungen, Hofberichterstattung, Honoratioren-PR und Allerweltsgewäsch aus Gesundheitsratgebern und Testberichten satt. Sie wollen nicht länger mit den 50er-Jahre-Phrasen „…wurde kräftig das Tanzbein geschwungen“ und „Der Wettergott hatte ein Einsehen“ veräppelt werden.
Professionell gemachte Regional-Blogs oder Webmagazine hätten es gegen die derzeitige Konkurrenz nicht schwer. Doch um dauerhaften Erfolg zu haben, müssten noch ein paar „technische“ Randbedingungen erfüllt sein:
1. müsste der Ausbau des DSL-Netzes in den ländlichen Gebieten beschleunigt werden.
2. müsste die Rubriken-Werbung (Kleinanzeigen, Tauschbörsen, Veranstaltungskalender etc.) so in das Angebot integriert sein, dass Handwerksbetriebe, Kneipen, Geschäfte und sonstige lokalen Anbieter gern zur Online-Konkurrenz wechseln.
3. müssten die lokalen Online-Magazine verstärkt mit sozialen Netzwerken kooperieren, um interessante Diskussions-Foren und Bürger-Initiativen mit einzubinden.
4. müssten lokale Fonds aufgelegt oder Stiftungen errichtet werden, aus denen die Anschubfinanzierung für die lokalen Webmedien kommen könnte.
Sind diese Randbedingungen erfüllt, könnte es schnell zu einer lokalen Gründer-Welle kommen. Und die lustlosen Platzhirsche aus der Regionalzeitungsbranche müssten sich neue Reviere suchen.


“Sie haben die unerträgliche Mischung aus Agenturmeldungen, Hofberichterstattung, Honoratioren-PR und Allerweltsgewäsch aus Gesundheitsratgebern und Testberichten satt. Sie wollen nicht länger mit den 50er-Jahre-Phrasen „…wurde kräftig das Tanzbein geschwungen“ und „Der Wettergott hatte ein Einsehen“ veräppelt werden.”
Das spricht mir dermaßen aus dem Herzen. Die Lokalberichterstattung ist in den meisten Zeitungen wirklich eine Beleidigung der Leser.
@ Hendrik
Mir auch … und … Du sagst es!
Und vor allem hat das, was die lokalen Blätter schreiben (Stichwort: Hofberichterstattung), durch das Umschiffen kritischer Aspekte oft auch nur am Rande mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun.
Naja, uns (den Rixdorfer Stadtschreibern) soll’s recht sein ;)
Sicherlich ist eine solche Entwicklung wünschenswert, um den medial vereinsamten Standorten wieder ein lokales Angebot zu verschaffen. Es gibt allerdings strukturelle Probleme, die über die genannten Voraussetzungen hinausgehen:
1. Der DSL Ausbau ist nur in wirklich abgelegenen Gebieten ein Thema, es gibt genügend Regionen, die gut angebunden sind und trotzdem keine Repräsentanz haben.
2. und 3. sind durch offene Technologien und Angebote, die bereits einfach eingebunden werden können, sehr schnell erledigt. Der Rubrikenmarkt ist komplizierter, kann aber vielleicht genau aus dieser Richtung aufgerollt werden.
4. Ist unwahrscheinlich und leider Wunschdenken. Weder Kommunen noch Verlage noch der Staat haben die Mittel, eine signifikante Menge solcher Angebote zu unterstützen. Hier müssen die “Locals” in Vorleistung gehen, wie es die oben genannten Protagonisten ja bereits tun. Die Startkosten liegen zudem nahe Null, was eine Auswahl der unterstützungswerten Seiten sehr schwierig machen würde.
Ein großes Problem ist die Anerkennung der Angebote auf Seiten der Bürger. Wenn sich ein vernünftiges Medium zeigt, wird es meist auch als solches erkannt, die oben genanten Probleme lösen sich dann auf dem Weg. Durch Krise, die stärkere mediale Anerkennung von Blogs und der immer allgegenwärtigeren Internetnutzung wird die Zahl der Seiten sicherlich steigen. Die Zusammenlegung von Lokalredaktionen und dadurch resultierende Lücken im Angebot werden den Trend noch weiter verschärfen.
Hier gilt insgesamt die Devise: machen und nicht warten, bis der Weg geebnet ist.
Ich denke, diese Welle gab es bereits einmal Anfang des Jahrtausends. So ist das durch einen Provider grundfinanzierte “oberberg aktuell” ein Beispiel einer Lokalberichterstattung, die tatsächlich seit Jahren gegen den KStA-Anzeiger arbeitet und das mit regionaler Vermarktung auch relativ erfolgreich tut (in einer internettechnisch gesehen eher schwachen Region).
[...] 4. “Neues von der Heimatfront” (carta.info, Wolfgang Michal) “Die Leser in der Provinz suchen nach einer ernst zu nehmenden Alternative. Sie haben die unerträgliche Mischung aus Agenturmeldungen, Hofberichterstattung, Honoratioren-PR und Allerweltsgewäsch aus Gesundheitsratgebern und Testberichten satt. Sie wollen nicht länger mit den 50er-Jahre-Phrasen ‘…wurde kräftig das Tanzbein geschwungen’ und ‘Der Wettergott hatte ein Einsehen’ veräppelt werden.” [...]
[...] Hypothese ist knackig, die Headline nicht nur krawallig, sondern ein ziemlicher Griff ins Klo: “Neues von der Heimatfront” ist ein Artikel von Wolfgang Michal überschrieben, in dem er postuliert: “Das [...]
@Philipp: Stimme Ihrem letzten Satz zu, meinte aber unter Punkt 4 Bürger(-Initiativen), nicht den Staat.
@Fiete Stegers (Kommentar 6): Sie haben zu viel “Spiegel” (von dieser Woche) gelesen! Ich baue auf die Ironiefähigkeit der Leser.
Das Bedürfnis kann ich auch für die Schweiz nur bestätigen!
Und ein Hinweis auf einen der fleißigsten regionalen Blogs, http://www.suelz-koeln.de, fehlt leider, während die genannten z.T. schon seit längerem keine Einträge mehr vorweisen oder überhaupt relativ selten berichten. Sehr schön ist auch: http://www.mattwagner.de/blog.htm (Die Rückseite der Reeperbahn).
Was die Zugriffszahlen zu diesen regionalen Angeboten betrifft, so sind nach meinen Beobachtungen Themenblogs vor allem aus solchen Bereichen, die im Internet überregional interessieren noch immer die beträchtlich erfolgreicheren und eigentlich gehört dazu durchaus auch der Pottblog sowie der sich zwischenzeitlich ebenfalls stark mit Netzthemen auseinandersetzende Caschys Blog: http://stadt-bremerhaven.de/.
Wer hingegen ordentlich regional berichten will, der muß sich bei größeren Städten auf Stadtteile beschränken. Von Werbeeinnahmen von Handwerksbetrieben, Restaurants und Geschäften kann man hingegen nicht leben. Da kostet die Akquise ein Vielfaches an Einnahmeausfall, als sie an Einnahmen erbringt. Grund: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind die Inhaber solcher kleineren, inhabergeführten Existenzen allein aus Zeitgründen nicht sonderlich netzaffin und daher von der Onlinewerbewirksamkeit schwer zu überzeugen. Die stehen 6 Tage die Woche in ihren Läden rum und sind des abends vor allem groggy und stehen eher auf gedruckten Werbezetteln, die sie ihren Kunden in die Hand drücken können. Man hat zwar Webseiten, doch sind das eher größere, statische Visitenkarten.
Darüber hinaus gibt es “Konkurrenz” von nahezu reinen Werbeseiten, die z.T. gar gute Werbeeinnahmen auf Grund ihres Verkaufstalents zu erzielen in der Lage sind oder es aber einfach unglaublich billigst anbieten, wobei die Anzeigenschalter die Unterschiede zu Seiten, die auch redaktionell tätig sind, kaum zu bemerken in der Lage sind.
Auch die angedachten Kooperationen mit sozialen oder auch kulturellen “Netzwerken” fällt schwer, weil diese die Synergieeffekte wenig verstehen und lediglich die eigenen Ziele und Ideen im Blick haben, für die sie ständig ehrenamtlich tätiges Personal suchen und die alle Mühe haben, ihre (Raum)-kosten reinzubekommen. Kooperationswilligkeit wird zwar schnell bekundet, führt aber letztlich zumeist dazu, daß erwartet wird, daß man – wie bei der lokalen Presse ja auch – lediglich über sie berichtet, ihre Webseiten erwähnt, ihre sozialen und kulturellen Ideen fördert, während man die eigentlich ja vernetzende Gegenaktion teilweise gar als Konkurrenz empfindet, für die man unmöglich auch noch Zeit aufbringen kann bei all dem sozialen oder kulturellen Engagement, das man ja zumeist auch nebenberuflich auf die Beine stellt.
Und damit ist man für einigermaßen regelmäßige Onlineaktivitäten bereits eigentlich schon zu beschäftigt so freizeitmäßig und die ach so interessanten Diskussionen kommen allenfalls offline zustande. Man ist es zum großen Teil auch nicht gewohnt, sich schriftlich zu äußern und schon gar nicht öffentlich und diese Hürde zu überspringen fällt schwer.
Eine Anschubfinanzierung für solche, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, reicht damit imho nicht aus. Es wäre ein dauerhaft von Sponsoren zu finanzierendes Projekt und ist derzeit imho nur von bürgerschaftlich engagierten Laien zu bewerkstelligen, denen das einfach Spaß macht und sich in ihrer Freizeit gern damit beschäftigen und alles selbst machen und die benötigte Ausrüstung wie z.B. Fotoapparat, Videokamera, entsprechende Software selbst finanzieren.
[...] Sie einfach unseren RSS-Feed!Krawallig, aber dennoch lesenwert – der Artikel “Neues von der Heimatfront“ von Wolfgang Michal auf carta.info. “Solche Blog-Redaktionen versuchen, durch eigene [...]
[...] Placeblogs sind im Kommen Wikipedia hat mal wieder den Eintrag “Placeblogs” gelöscht. Sie kommen trotzdem. Lesenswertes Posting von Wolfgang Michal (der leider das beste deutsche Placeblog vergaß) auf Carta. Auch Onlinejournalismus.de nimmt den Faden auf und zweifelt Michals These vom “nächsten großen Ding” an. Neues von der Heimatfront [...]
@kluelz: Ich konnte nicht jeden Blog erwähnen, da wissen die Leser insgesamt einfach mehr als ein Einzelner. Aber Hinweise auf gute Regional-Blogs sind erwünscht. Z.B. nannte Peter Löwenstein noch sein regioblog.de aus Südhessen. Und Karl-Heinz Wenzlaff nennt hier (Kommentar 11) das bar-blog für den Landkreis Barnim.
@3
Der DSL Ausbau ist nur in wirklich abgelegenen Gebieten ein Thema
Wo leben Sie denn? Im ländlichen Raum ist der DSL-Ausbau in der Fläche grottig, im Vergleich zu den Städten. Ich habe DSL 1000. Mehr ist nicht. Dagegen kann man in der Kreisstadt 20 km entfernt zum großen Teil mit VDSL und fast überall mit DSL 16MB haben. Gibt auch Dörfer, die gerne DSL hätten. Alles im Speckgürtel einer Grosstadt.
Ausssichten auf Besserung? Trübe. Die Schere geht auseinander. Der Breitbandausbau im Konjunkturprogramm der Bundesregierung hat als Ziel DSL 2000. Darüber können 70% der Bevölkerung nur lächeln, da sie mind. mit 16 MB ans Netz kommen. Das nächste Ziel soll 2015 75% mit 50 MB-Zugängen sein. Nicht sehr anspruchsvoll, da schon jetzt verdichtete Räume zügig VDSL bekommen. Das ändert aber an den langen Leitungen nichts und verbessert nicht die Situation der restlichen 25%.
Interessante und professionelle Lokalangebote müssen die Möglichkeiten des webs ausnutzen, inkl. Video und Live-Stream, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. Im ländlichen Raum werden die Voraussetzungen dafür noch lange auf sich warten lassen.
Lieber Wolfgang,
fulminanter Text.
Paradigmatisch scheint die Entwicklung in Richtung selbständiger und mit aller Leidenschaft publizierender Journalisten zu gehen, die auch Öffentlichkeit organisieren statt nur Inhalte zu produzieren.
Das ist verdammt klasse. Durch das Fehlen von Festanstellung und Mindeslohn aber leider auch latent prekär. Der Saldo bleibt aber auch meiner Sicht positiv.
Mit einem Placeblog muss man wirklich eine sehr hohe Durchdringung innerhalb der Zielgruppe erreichen, um finanziell auf einen grünen Zweig zu kommen. Der Durchbruch für eigenständige Publizierformen wird dann möglicherweise doch eher bei den überregionalen Inhalten kommen.
Man wird das ganz vorsichtig aufbauen müssen – aber die Ansätze sind da, ganz klar.
gruss,
rml
[...] Könnten lokale Newsseiten und “Placeblogs” das nächste große Ding sein, fragt sich Wolfgang Michal auf Carta. Aber natürlich, kann ich da nur sagen, selbstverständlich! Es ist eher verwunderlich, warum sie nicht schon längst abgehoben haben. [...]
[...] dem Titel Neues von der Heimatfront berichtet carta.info, das unlängst mit dem Grimme Online-Preis ausgezeichnet wurde, über [...]
[...] http://carta.info/11329/neues-von-der-heimatfront/ [...]
Es gibt sogar noch mehr. Echo Münster: http://www.echo-muenster.de/ zum Beispiel, das aus dem unerträglichen Vorgehen des Verlags Lensing-Wolf bei der “Münsterschen Zeitung” hervorging.
Nur: Dass es all diese Seiten gibt ist schön und begrüßenswert. Allein: Sind sie mehr als ein Hobby? Um auf Dauer zu überleben müsste lokale Werbung, die klassische Schweinbauch-Reklame gen Web abwandern. Davon ist bisher nichts zu sehen. Und ich fürchte, die Macher der Seiten haben nicht genügend Ressourcen um diese lokalen Werbekunden zum Mitmachen zu überreden. Mit der Werbung über die üblichen Web-Dienstleister aber wird nicht genügend Geld zu machen sein.
Placeblogs haben noch weitere Konkurrenten: Im offline-Bereich wären da die in vielen Städten kostenlos verteilten Amtsblätter. Diese bieten natürlich keine journalistischen Höhepunkte, dafür aber eine relativ gute Zusammenschau von Veranstaltungsterminen. Und hier werben auch die Metzger, Maler und manchmal sogar die Fahrschulen.
Online konkurrieren Placeblogs stellenweise auch mit gut gemachten Stadt-Wikis, etwa in Karlsruhe. Diese Wikis sind nicht zu unterschätzen und repräsentieren einen weiteren Ansatz, den des Croud-Sourcing: Wenn nur genügend Leute jeweils ein bisschen mitmachen, entstehen schon gute und praktikable Lösungen. Noch ist allerdings offen, ob das was bei der Wikipedia sehr gut funktioniert, langfristig auch bei den Stadt-Wikis läuft.
[...] dem Jahr 2006 – er müffelt also doch schon etwas nach alten Socken in dieser schnelllebigen Zeit. Da aber gerade eine Diskussion entbrannt ist um die Möglichkeit, den Lokaljournalismus von jener Holzbahre zu holen, auf der er dem Grab [...]
“Das nächste große Ding im Internet könnten regionale Online-Magazine sein, die von freien (und frei gesetzten) Lokal-Journalisten gemacht werden.”
Das Placeblogs im Kommen sind, unterschreibe ich ja aus eigener Erfahrung unseres Regionalblogs http://www.die-ostwestfalen.de, das wir seit September 2007 führen. Aber warum das das nächste große Ding für Lokal-Journalisten sein soll, leuchtet mir nicht ein. Sind nicht all die aufgezählten Stadt- und Regionalblogs vielfach von Menschen aus der Region entstanden, die einfach gerne dort leben wo sie leben, darüber berichten wollen und mit Herzblut dabei sind? Da muß man doch nicht unbedingt Journalist sein – kann man natürlich.
Und ob man einen Placeblog wirklich wirtschaftlich betreiben kann, das bezweifle ich auch. Das kann für große Städte funktionieren, aber auch der lokale Händler braucht eine gewisse Reichweite, damit sich eine Werbung in dem Medium lohnt. Natürlich kann es für einen Regionalblog sinnvoll sein mit sozialen Netzwerken zu kooperieren, doch hilft mir das für einen Blog in Harsewinkel, Herzebrock-Clarholz oder sonstigen “Großstädten” nicht viel weiter. Dort fehlt einfach die Masse.
Super, wenn die Placeblogs immer mehr an Beachtung gewinnen, aber das Tolle daran ist doch vor allem, das jeder, der halbwegs weiss wie er einen Computer bedient in der Lage ist seine Meinung über Blogs oder Wikis kundzutun und seine Stadt, sein Dorf, seine Gemeinde mit Text, Bildern oder selbstgedrehten Videos im Netz Öffentlichkeit verschafft, z.B. dann wenn die regionale Presse manches heisse Eisen aus Angst Werbekunden zu verprellen nicht anfasst.
[...] Abgelegt 21:04 unter Beachten, Erzgebirgsblogger, Weiterdenken Das nächste große Ding im Internet könnten regionale Online-Magazine sein, die von freien (und frei gesetzten) Lokal-Journalisten gemacht werden, so steht es im CARTA-Blog. [...]
@Nicola
1. Es wäre eine große Bereicherung, Lokaljournalisten bei solchen Projekten dabei zu haben. Vor allem sollte man ihr handwerkliches Können nicht unterschätzen. Es gibt zwar gute Bürger-Journalisten, doch ich nehme an, wenn Sie ernsthaft krank sind, gehen Sie auch nicht zu einem Bürger-Arzt.
Da momentan überall Lokalredaktionen ausgedünnt bzw. dicht gemacht werden, sollte man die Kenntnisse dieser erfahrenen Leute nutzen. Ich rede hier allerdings von Online-Magazinen, die deshalb gemacht werden, weil die bestehenden Lokalmedien unzureichend sind. Die wollen dann sicher mehr als nur die Förderung lokaler – pardon! – Wohlfühlgemeinschaften.
2. Gedruckte Zeitungen brauchen eine bestimmte Größe, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Im Netz geht das auch kleiner, auf Stadtviertel- oder Landkreis-Ebene. Das ist ein enormer Vorteil.
@Thomas Knüwer
Viele Blogs werden sicher Hobby bleiben (und auch bleiben wollen, siehe Kommentar 21), aber jetzt wäre zumindest die Chance, mehr daraus zu machen. Vielleicht sollten sich die placeblog-Macher mal treffen, um ihre Ideen und Erfahrungen auszutauschen. Ist die Frage: Wer organisiert das?
@Wolfgang: Ich sagte ja, da muß nicht unbedingt ein Lokaljournalist dabei sein – kann aber. Natürlich kann es eine Bereicherung sein, wenn gelernte Journalisten redaktionelle Beiträge in Placeblogs schreiben, aber es hindert sie doch schon jetzt niemand daran einen Blog aufzusetzen und zu starten. Da auf die Anschubfinanzierung von lokalen Fonds oder Stiftungen zu warten halte ich für übertrieben. Auch glaube ich nicht, dass Placeblogger die mit Herz bei der Sache sind, nicht den Wunsch hätten auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sondern sich in einer “Wohlfühlgemeinschaft” bewegen wollen. Aber, dass man von einem Placeblog wirtschaftlich gut leben kann, ist doch eher unwahrscheinlich. Natürlich sind die Kosten deutlich geringer als bei den Printmedien, aber einige Gesetzmäßigkeiten des Marktes gelten auch hier. Und ein Werbetreibender zahlt etwas weil er darüber Kunden akquirieren möchte. Und dazu braucht es Reichweite.
Zu Ihrem Kommentar an Herrn Knüwer. Es gibt bei Xing schon seit langem eine Gruppe von Placebloggern. Hierüber könnte man sicherlich ein Meeting organisieren. Was versprechen Sie sich denn davon?
Natürlich sind die Kosten einer Webseite beträchtlich geringer als bei einem gedruckten Magazin, die realisierbaren Anzeigenpreise allerdings auch. Wir haben hier in Sülz-Klettenberg ja seit gut zwei Jahren auch ein Stadtteilmagazin, welches sich vor allem als Marketingunterstützung des örtlichen Einzelhandels versteht. Auflage 10.000 Exemplare, kostenlos, Erscheinung 4 mal im Jahr, um die 52-60 Seiten jeweils. 1 ganzseitige Buntdruckanzeige kommt da auf 1.800 Euro. ca. 1/3 ist Werbung.
Monatlich dürften die beiden Herausgeberinnen die Werbeeinnahmen sicher nicht erzielen können. Die Hälfte der Einnahmen dürften zudem für Druckkosten, Verteilung, Grafikerin, Fotografenhonorare etc. draufgehen. Kann man sich leicht ausrechnen, daß die Zwei davon nicht leben können. Da gibts noch weitere berufliche Ambitionen u n d Hauptverdiener in Form von Ehemännern. Zubrot das.
http://www.insuelz.com
Ein interessanter Beitrag, der die Thematik m.e. allerdings nur anreißt. Placeblogs oder Location-Based-Blogs die in soziale Netzwerke integriert werden und somit Bürger-Reportern (also jedem, auch Lokalredakteuren) die Möglichkeit geben über die relevanten Themen ihrer Umgebung zu bloggen/twittern/fotografieren und diese mit Kontakten + Mitbewohnern des Ortes zu teilen, sind mit http://www.stadtzettel.de oder http://www.brightkite.com (um nur einige zu nennen) zahlreich gegeben. Bedenkt man, dass http://www.myheimat.de seinen Bürger-Reportern jeden Monat sozusagen ein “Best of” ihrer Artikel und Fotos als Stadtmagazin druckt, dann bieten sich engagierten Bürger-Reportern, als auch freien Lokalredakteuren, alle Möglichkeiten ihre “Geschichten” (jeglicher Qualität) zu verbreiten.
Die Finanzierung kompletter lokaler Nachrichtenangebote durch Stiftungen/Fonds sehe ich auch nicht in der beschrieben Form, denkbar ist eher ein storybezogenes Modell, wie dieses http://www.spot.us
[...] in Deutschland sehr gut aufgestellt. Ein Grund sei die enge Bindung zu ihrem Publikum, die im Lokalen besonders ausgeprägt sei. Dazu gehöre außerdem ein Vertriebssystem, das mit der [...]
@Martin Schulze
Das story-bezogene Modell spot.us ist gut für größere investigative Geschichten, für das lokale Tagesgeschäft in Deutschland wäre es absurd. Auch die Macher von lokalen Online-Magazinen brauchen eine gewisse Planungssicherheit und würden wahnsinnig, wenn sie sich von Geschichte zu Geschichte finanzieren müssten.
Hier noch das interessante Online-Regionalblog “16vor” aus Trier (mit – nach eigenen Angaben – monatlich 100.000 Zugriffen):
http://www.freischreiber.de/sites/default/files/MM_Freie%20Köpfe_1.pdf
@Wolfgang Michael
Ja, durchaus vorstellbar, dass sich ein spot.us-Modell auf lokaler Ebene schwieriger realisieren ließe, als auf nationaler – ausprobieren sollte man es dennoch. Nur mal fiktiv gedacht: was spräche dagegen, wenn engagierte Bürger einer Kommune per kollektiver Eigenspende jedes Einzelnen mehrheitlich evaluierte Themen zur Recherche ausschreiben? Die Community bezahlt, die Community sucht den Reporter oder die Reporter aus, die Community bekommt die gewonnenen Informationen – und zwar alles transparent, in jedem einzelnem Schritt.
@Mertin Schulze:
Zum Problem würde Ihr fiktives Modell, wenn die eine Community einen Reporter beauftragt, der über eine andere Community recherchieren soll. Usw.usf. Wir kommen dann – auf lokaler Ebene – schnell in heikle Abhängigkeits- und Interessenkonflikte.
Ein spannendes und scheinbar auch kommerziel erfolgreiches Modell verfolgt die Jungfrau Zeitung (für alle nicht-Schweizer: Jungfrau ist eine Region in der Schweiz, kein elitärer Leserkreis ;-)
Schade ist aus meiner Sicht nur, dass es ihnen scheinbar nicht so sehr daran gelegen ist, auch den Bürgerjournalismus einzubinden…
http://www.jungfrauzeitung.ch/verlag/konzept/
Beschreibung von deren Webseite:
Im Zentrum der Jungfrau Zeitung steht das Internet. Via E-Mail fliessen Informationen in die Redaktion. Hinzu kommen Telefonate, Faxe und die Recherche vor Ort durch Journalistinnen und Journalisten. Mittels browsergestütztem Redaktions- und Produktionssystem (System G-OS) werden sämtliche Medienbausteine wie Texte, Fotos, Grafiken, Töne und Bewegtbilder erfasst, verarbeitet und verteilt. Am schnellsten und umfassendsten auf die Plattform jungfrauzeitung.ch, zu der auch WebTV und von dort regelmässige Outputs auf Broadcast gehören (dies im Rahmen einer Kooperation mit ProSieben).
Dieser Newsfluss findet 365 Tage im Jahr von Morgen früh bis Abend spät statt. Zwei Mal in der Woche wird dieser multimediale Newsfluss angehalten und via Druckmaschine auf Papier gebracht. Dieser Printout erscheint jeden Dienstag als Vier-Bund- und am Freitag als Fünf-Bund-Zeitung plus Tabloid. Die Plattform Papier bietet Übersicht, bequemes Lesen von längeren Interviews, Berichten und Reportagen, hat die Funktion eines Archivs aller Meldungen der vergangenen Tage und enthält Hinweise auf WebTV, die wiederum ins Netz führen.
@Amei Poensgen:
Ich finde Bürger, die sich öffentlich einmischen, großartig. Es müssten noch viel mehr werden!
Ein kleines Problem habe ich nur mit dem Begriff “Bürgerjournalist”. Wir Journalisten haben lange dafür kämpfen müssen, dass Journalist kein “Begabungsberuf” mehr ist, sondern ein Ausbildungsberuf. Es kann natürlich sein, dass sich jetzt ein abermaliger Wandel abzeichnet, und wir wieder zum Amateur-Status der öffentlichen Schreiber zurückkehren. Amateur heißt ja Liebhaber, und das ist nicht die schlechteste Voraussetzung für Leidenschaft (es könnte aber auch zu einer Welle von Dilettantismus kommen).
So lange die Menschen nicht bereit sind, sich von Bürger-Architekten ihre Häuser bauen zu lassen, bei Bürger-Ärzten in Behandlung zu gehen und bei Bürger-Juristen Rechtsberatung zu suchen, so lange bleiben die beliebten Wort-Verknüpfungen von Berufen + Bürgern naive Wunschvorstellungen.
[...] zum Zustand und Zukunft des Lokaljournalismus, die plötzlich zum Thema geworden sind (siehe Carta, Forbes, die Zusammenstellung lokaler Blogs von Hugo E. Martin oder der buzzridernde Robert Basic, [...]
Manueller Trackback:
Liste österreichischer Regional-Blogs
http://www.wvblog.at/regionalblogs/
[...] Ebende aktiver werden (und damit stehe ich nicht alleine da; Wolfgang Michal von carta.de hat sich hier dazu geäußert) und über Interessantes aus der Region berichten, sich Kritisch zu regionaler [...]
[...] Michal hat auf Carta einen lesenswerten Artikel über regionale Online-Magazine veröffentlicht. Nun will ich nicht so vermessen sein, den Singold Boten oder das Regionalwiki [...]
Danke, für die indirekte Erwähnung.
Ich stimme vollkommen dem Beitrag zu. Vielen Dank für den Bolgbeitrag.
[...] von denen zumindest einige „einen journalistischen Anspruch entwickelt“ haben, der „mit den Lokalzeitungen konkurrieren will“. Welche publizistischen Motive und Geschäftsmodelle stehen hinter den neuen Lokalmedien? Sind [...]