#DigitalDetox

Wie digitale Begleiter und Alleinreisen zusammen gehören können

Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich auf meinen Solotouren größeren digitalen Zugriff auf mich zulasse. Ich gehöre zu den Menschen, die ihr privates Smartphone immer, wirklich immer auf stumm schalten. Selbst der Vibrationsalarm ist unzulässig. Reise ich allein, schalte ich den Ton an und fahre ihn auf eine wahrnehmbare Lautstärke hoch. Das Bedürfnis nach Nähe, zumindest digitaler Nähe, ist scheinbar größer als sonst.

von , 15.7.19

Schon mal alleine gereist? Nicht als Businesskasper, sondern einfach mal singulär in den Urlaub gefahren? Vieles erlebt sich auf einer Solotour anders. Ohne Begleitung essen gehen, ohne eine Plus Eins an der Theke in einer Bar sitzen. Kein zweites Strandhandtuch ausbreiten, den Rucksack immer selbst schultern, nur partiell den Rücken einzucremen, muss reichen. Beim Betreten des Restaurants wird nicht nur einmal gefragt »How many people are you«. »It’s just me.« Stirnrunzeln und es wird nachgefragt, ob es wirklich nur eines einzelnen Platzes bedarf. Nicht selten ist damit dann auch nicht unbedingt der reizvollste Tisch im Laden verbunden. Zudem scheint es einer unmissverständlichen Aufforderung zur Ansprache gleichzukommen, wenn eine Frau alleine ein Glas Rosé trinkt und dabei Scampi isst. Da kann sie noch so demonstrativ ein Buch oder eine Zeitung vor sich ausbreiten, irgendein Casanova wird sich ihrer erbarmen und den analogen Kontakt suchen. Nicht selten wird dies mit der Nachfrage nach digitalen Kontaktdetails, also Facebook- oder Instagram-Namen, verbunden. Telefonnummern waren gestern – immerhin. 

Wie allen Urlaubern begegnen auch uns Soloreisenden Erstaunliches, Bemerkenswertes, Lustiges, Neues, Unverständliches, kleine und größere Abenteuer. Doch niemand befindet sich in unserer greifbaren Nähe, dem gegenüber wir unser Erstaunen bemerken könnten. Die Erlebnisse und Eindrücke bleiben zunächst ganz bei uns. Durch das Nicht-Kommentieren, sondern das Stehenlassen des Erlebten müssen wir uns selbst eine Meinung bilden. War das Essen jetzt wirklich so herausragend und der Kellner tatsächlich typisch französisch unfreundlich? War dieses sich ankeifende Wanderpaar mit Funktionsjacken in doppelter Ausführung nicht as deutsch as it can get? Wäre es nicht irre, wenn man selbst diese innere Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlte, wie diese ältere Dame, die stolz ihre bezaubernde Töpferwerkstatt versteckt in den Gassen des Bergdorfs betreibt? Wie lebt sich so ein Leben wohl? Wie mutig ist diese Truppe junger Männer, die eine Organic Craftbeer Bude irgendwo im Nirgendwo aufgebaut haben und mittlerweile die ganze Insel beliefern und ausgerechnet für die Mischung Bier und Rotwein, was entsetzlich klingt und fantastisch schmeckt, eine Gourmet-Auszeichnung erhielten?

Die kleinen magischen Momente erleben wir als Soloreisende ungefiltert. Wir können sie nicht mit unserer Reisebegleitung reflektieren und unser Erleben abgleichen mit dem, wie es jemand anders empfunden hat. Wir haben keine menschliche Reflektion- oder Projektionsfläche zur oder gar an der Hand. 

Wenn wir unsere Eindrücke auch nicht abgleichen können, dokumentieren und teilen können wir sie gleichwohl schon. Wir schicken Fotos und Videos in den digitalen Orbit und zeigen den uns nahestehenden Menschen, wo wir sind, was und wer uns gerade begegnet. Diese Teilhabe ist uralt. Früher haben wir an Strandbuden Postkarten – zumeist mit schaurig-hässlichen Motiven – gekauft, unseren Reisebericht in Stenoform mit sonnigen Grüßen draufgekritzelt und auf die ausländische Post hoffend, in die analoge Zustellung gegeben. Heute können wir selbst entscheiden, welche Fotos wir verschicken, zumal sie unsere eigenen Eindrücke oder gar ein Selfie abbilden. Statt vorgefertigter Kitschmotive, individuelle Echtzeit-Teilhabe, aus der sich ein digitaler Dialog mit Nachfragen und Bitten um noch mehr Fotos ergeben kann. 

Soweit die digitale Teilhabe. Doch was machen wir Soloreisenden, wenn wir nicht erreichbar sind? Wenn wir keinen Empfang haben und tatsächlich abgeschottet auf neuen Reisepfaden wandeln. Klar, wir können auf Halde dokumentieren und unsere digitalen Reiseberichte später, wenn unser Display erlösend wieder »LTE« anzeigt, losschicken. Doch häufig kommen mit diesen unfreiwilligen Offlinemomenten auch die intensivsten Erlebnisse einher: Diese unglaublichen Wasserfälle mitten im Wald, der unwahrscheinliche Bergsee am Fuße des Gipfels auf 2300 Meter Höhe, der verlassen einsame Strand an der unzugänglichen Spitze der Insel. Schwierig sind die unschönen Momente: Ordentlich verlaufen und völlig vom Weg abgekommen im Wald, bei der schwarzen Wanderroute übernommen, mit wackligen Beinen und leeren Wasserflaschen den Geröllabhang runterstolpern. Das sind die Momente, in denen nicht nur die analoge Reisebegleitung zur Reflektion und Projektion fehlt, auch die digitalen Begleiter bleiben unerreichbar, bis uns das »ping«, welches die digitale Zivilisation, Netzabdeckung und damit Erreichbarkeit ankündigt, aus der Isolation herausholt.

Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich auf meinen Solotouren größeren digitalen Zugriff auf mich zulasse. Ich gehöre zu den Menschen, die ihr privates Smartphone immer, wirklich immer auf stumm schalten. Selbst der Vibrationsalarm ist unzulässig. Reise ich allein, schalte ich den Ton an und fahre ihn auf eine wahrnehmbare Lautstärke hoch. Das Bedürfnis nach Nähe, zumindest digitaler Nähe, ist scheinbar größer als sonst. Unser Smartphone als digitale Reiseleitung ermöglicht es uns, unzählige digitale Reisebegleiter mitzunehmen und daher niemals wirklich und für lange Zeit solo unterwegs zu sein. Als ordentliche Reiseleitung kann uns das Smartphone den Weg weisen und Nähe zu digitalen Reisefollowern aufbauen. Es ist in der unbekannten und uns isolierenden Ferne noch hilfreicher und praktischer als im bekannten heimatlichen Umfeld. Gut, manche analoge Herausforderung bleibt. Das Problem den Rücken nur partiell eincremen zu können zum Beispiel. Das kann unsere digitale Reiseleitung nicht lösen. Wobei, wer weiß? Vielleicht entwickele ich dafür mal eine App…

Zustimmung, Kritik oder Anmerkungen? Kommentare und Diskussionen zu den Beiträgen auf CARTA finden sich auf Twitter und auf Facebook.