#Twitter

TweetLog: Die #Bahn und die Frage des richtigen Zeitpunkts

von , 3.12.14

Donnerstag, 4.12.2014

ihr seid doch verrückt <3 [an einem Tag über 300 RTs und über 100 Favs für einen fast ein Jahr alten Tweet \o/],

schreibt @FrauFoo um 10 Uhr morgens. Da ist die Kaskade schon fröhlich am Laufen. Jemand hat ihren Tweet vom 25.12.2013 [!] ausgegraben, und die Retweets gingen von ca 600 auf 942 hoch:

Bahnkennzahlen von 1991 bis 2011: Bahnbeschäftigte -67% , öffentliche Mittel +60,7%, Bezüge Bahnchef +2067%

Der jemand scheint @ande871 gewesen zu sein, obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann, dass es sein Retweet an 32 Follower war, der den Stein ins Rollen brachte. Ich will in dem Fall nur darauf hinaus, das manchmal nicht der Inhalt eines Tweets allein zählt, sondern der Zeitpunkt. Dass also wenn der Zeitpunkt stimmt, etwas lang Bekanntes plötzlich einen Widerhall finden kann. Um das noch weiter zu denken: Das heißt, dass eine Aussage nicht im konventionellen Sinn eine Bedeutung hat, sondern eine Wirksamkeit, die ihr in manchen Situationen ein Momentum, einen Augenblicks-Impuls verschafft. Dann zählt nicht, was wir sagen, sondern wann wir es sagen.

Das Umfeld dafür hat die Bahn selbst mit ihrer #bahncard-Kommunikation hergestellt. Dazu kam übrigens der netteste Tweet von @sebibrux:

Gestern gab es keinen und heute schafft die @DB_Bahn die nicht ab. Mal schauen, was morgen schlimmes nicht passiert.

twittermonitor - 90 Tage #bahn, Stand 4.12.2014, 24 Uhr

twittermonitor – 90 Tage #bahn, Stand 4.12.2014, 24 Uhr

 

 

Mittwoch, 3.12.2014 #ukraine #atomunfall Info-Flash-Crash-Test

Etwa um 15 Uhr schrieb @spiegel_eil, 184mal weitergeleitet:

Wahrscheinlich kein im Südosten der . Es gab wohl eine technische Störung im Kraftwerk . Gleich mehr (pl)

Wenn man Twitters Zeitangaben trauen will, meinte @zdfheute kurz danach mit 134 Retweets:

in der : “Es scheint etwas sehr Ernstes zu sein”, berichtet @ZDFmoskau Korrespondent Bernhard Lichte.

Und wieder ein paar Minuten später legt @Spiegel_politik in der extended Version nach.

Weil viele Medien Panik verbreiten: Es gab laut Kiew KEINEN Atomunfall in der Ukraine, nur Probleme mit Generatoren & Stromausfall (syd)

Dabei waren die von Spiegel Online selbst unter den ersten Medien, die – nicht einmal besonders früh, aber um so vielsagender – etwas von “technischen Problemen in einem Atomkraftwerk” raunten.

Gegen 12 Uhr kamen die Hashtags #ukraine, #atomunfall, #saporischschja und #akw auf zusammen 1660 Tweets/h. Das ist gutes #tatort- oder #jauch-Niveau. Also für deutsche Medienaufmerksamkeit an einem Mittwoch-Mittag eine ganz beachtliche Zahl.

Atom-Angelegenheiten sind für einen Information-Flash-Crash ein hervorragends Testereignis. Wie wir kürzlich erst gelernt haben, ist bei diesem Thema offiziellen Bekanntmachungen so gut wie nicht zu trauen. Das betrifft Medien ebenfalls. Es gibt also in dem Fall nur einen Startschuss und keine wirksame Bremse. Dafür war die Reaktionszeit der Twitter-Nutzer dann doch recht schnell. Um 13 Uhr hatte sich die Aufregung so gut wie gelegt. Und als sich gegen 18 Uhr herausstellte, dass das ganze tatsächlich nur ein Informations-Flash war, der mit keinem Ereignis zusammenfiel, weil das schon tagelang zurücklag, interessierte das niemanden mehr.

Unglaublich: 5 Tage Nachrichtensperre über -Störfall ! Abschied von riskanter ist überfällig!

von @bund_net wurde gerade 16mal weitergeleitet.

twittermonitor - 24h, Stand 3.12.2014, 22:30 Uhr

twittermonitor – 24h, Stand 3.12.2014, 22:30 Uhr

 

 

Dienstag, 2.12.2014:  #pegida oder #nopegida, passive und aktive Schreiber

Manche sagen #pegida, manche #nopegida und andere beides, obwohl die 140 Zeichen dazu nicht viel Platz lassen. Wann immer zwei Begriffe sehr eng und lang parallel laufen, beginnen sie normalerweise, unterschiedliche Bedeutungen anzunehmen. In diesem Fall wird unter #pegida eher beobachtet, unter #nopegida schreiben Aktivsten. Das ist nicht weiter überraschend, aber die beiden Begriffe würden nicht so lange zu zweit umherschwirren, wenn der Gegensatz nicht noch etwas anderes benennen würde: nämlich zwei verschiedene Auffassungen von Journalismus.

In den alten Medien galt es als erstrebenswert, objektiv zu sein, aus der Distanz zu berichten, und nur in extra dafür reservierten Kommentar-Formaten die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen. Vertreter wie @jalenz oder @lepettre stehen für diese Haltung.

Auf der #nopegida-Seite liegen Aktivisten wie @dd_nazifrei oder @jgstadtmitte vorne. Bei ihnen wird der Text zum Teil des Geschehens.

Hinter den politischen Debatten zu Themen wie #pegida und #nopegida oder #hogesa und #nohogesa läuft also noch eine andere Auseinandersetzung mit, die sich um das Verhältnis des Schreibens zum Ereignis dreht.

Von dort aus gesehen werden zeitliche Abläufe unter einem anderen Blickwinkel interessant.

Solange die Demo lief, wurde #nopegida weit mehr gebraucht als #pegida. Ab ungefähr 20 Uhr am Abend des 1. Dezember kehrte sich das um. Dabei blieb es den ganzen folgenden Tag, und zwar so eindeutig, dass #nopegida nicht einmal mehr unter die 10 wichtigsten Themen kam.

TwitterMonitor - 48h zu Pegida, Stand: 2.12., 23:30h

TwitterMonitor – 48h zu Pegida, Stand: 2.12., 23:30h

 

Montag, 1.12. #tatort und #jauch

Was treibt die TV-Tweeter eigentlich um, die #tatort die Aufmerksamkeit von 809 T/h* und #jauch 719 T/h* verschaffen. Offenbar toben sich da zwei verschiedene Gruppen mit ganz unterschiedlichen Ambitionen aus.

#jauch bietet einer bestimmten Art von Polit-Trollen ein Forum, wie zB @daniel_510784:

Leute wie @HanneloreKraft benutzen Kinder, Flüchtlinge, etc. als Ausrede für die Verschwendungssucht des Staates. Nix anderes. .

Dafür gab’s 53 Retweets und Favs, was zur Spitze für das Thema schon ausreicht. Auf Platz zwei folgt ein weiterer weitgehend sinnfreier Appell an die Web-Nörgler:

Bald zahlen wir 100% Steuern und kriegen eine Art Bafög zurück – erst wenn alle arm sind ist Politik glücklich. ,

von @RolandTichy, der von seinen 23,5 T Followern insgesamt 30mal weitgereicht wurde. Beide versuchen, und zwar nur mässig erfolgreich, mit möglichst provokanten Sprüchen ihre Follower zu mobilisieren, das allerdings nur mit mässigem Erfolg.
Die Liste der Tweets zu #jauch geht im ungefähr selben Ton weiter, was zusammen mit dem spärlichen Rücklauf darauf  hindeutet, dass sich die #jauch-Kommentare eigentlich nicht in einem Netzwerk abspielen, sondern es sich um vereinzeltes, opportunistisches Überschwappen von Fernseh-Sozialverhalten handelt.

Im Umfeld von Tatort spielt sich etwas ganz anderes ab. Dort räumt ein einziger Tweet von @Gertz68 ab, ohne dass sich mir gleich erschließt, wofür es die 460 Retweetes und 712 Favs eigentlich gab:

Brasiliens Carlos Mozer, WM 86, hängt im an der Ermittlungstafel. Soviel zum Nutzwert von -Bildern.

In der Diskussion zu dem Tweet wächst sich das ganze zu einer regelrechten kollektiven Ermittlungsarbeit aus, bei der alle Beteiligten nachforschen, warum das Bild des brasilianischen Fussballstars da überhaupt hängt. Diese Form der Beteiligung ist das genaue Gegenteil zu den Polit-Trollen auf #jauch und aktiviert tatsächlich ein Netzwerk und nicht nur eine große Menge Einzelner.

twittermonitor - 48h, 1.12.2014, Stand 23:30h

twittermonitor – 48h, 1.12.2014, Stand 23:30h

* Die Zahlen sind nicht absolut für Gesamt-Twitter, sondern beziehen sich auf Nennungen innerhalb der vom Twitter Monitor einbezogenen 10.000 User, die sonst über politische Themen schreiben.

Zustimmung, Kritik oder Anmerkungen? Kommentare und Diskussionen zu den Beiträgen auf CARTA finden sich auf Twitter und auf Facebook.