#Tilo Sarrazin

Sarrazin und die Medien: Pure Heuchelei

von , 30.8.10

Die Pressekonferenz von Thilo Sarrazin heute hatte etwas Bedrückendes: Journalisten standen um den halben Block an, um ihn zu sehen. Über 30 Kamerateams und rudelweise Fotoreporter waren gekommen. Als Sarrazin den Raum betrat, wurde er fast fünf Minuten lang zunächst einmal nur fotografiert. Es wirkte wie eine Huldigung in Blitzlichtgewittern.

Keine Frage: Hier saß ein Auflagen- und Aufmerksamkeitsgoldstück. Sarrazin ist aus dem Stoff gemacht, der Auflage bringt: “Bundesbank-Vorstand mit SPD-Vergangenheit schreibt islamfeindliches Buch über das Ende der deutschen Nation.” Außer Sex fehlt dieser Konstellation aus Sicht des Politik-Boulevard-Journalismus: nichts.

Der Journalismus ist so konstituiert, dass er derartigen Aufmerksamkeitsmagneten nahezu nicht aus dem Weg gehen kann. Er rennt sklavisch der Gier des Publikums nach. Journalisten werden in solchen Momenten erkennbar als Getriebene einer Verwertungslogik, der sie häufig kaum etwas entgegenzusetzen haben.

Sarrazin bietet eine Schablone für Vereinfachung, Personalisierung und Thematisierung. Sein Thesen lassen sich leicht ins Zentrum der schrillen Polit-Soap rücken, während beispielsweise die Krise der Gesundheitsversicherung schon lange keinen mehr interessiert. Schon heute ist klar: In zwei Wochen ist Sarrazin durch, als Thema durchgenudelt wie lange schon Westerwelles “spätrömische Dekadenz”.

Sarrazin passt ins Beuteschema des Journalismus. Es ist aber nicht er die Beute, sondern der Journalismus ist seine Beute. Diese mangelnde Souveränität des Journalismus mitzuerleben, die nicht das Versagen Einzelner darstellt, sondern letzlich wohl systemisch ist, verstört.

Den fasziniert heuchelnden Umgang der Leitmedien mit Sarrazin (erst Auszüge drucken, dann echauffieren) hat auch Christian Jakubetz sehr treffend beobachtet:

So geht das also inzwischen: Man schaukelt ein Buch zum Skandälchen hoch, hofft auf einen Eklat, Inhalte machen leicht gemacht. Bei Bild” wundert man sich darüber ja noch nicht mal, das hat dort Methode — und dass man bei “Bild” Sympathien für Sarrazin hegt, ist ebenso wenig verwunderlich wie neu. Insofern ist das, was “Bild” macht, fast noch so was wie ehrlich. Was der “Spiegel” dagegen betreibt, ist die pure Heuchelei, ein Abgrund an Journalismusverrat.

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