#DDR

Legendenbildung: Mauerfall dank Westfernsehen.

von , 16.11.09

Die Medien haben zumindest in Deutschland über den Fall der Mauer so umfangreich berichtet, als hätte sich das Jahrhundert-Ereignis gestern zugetragen.

Dabei neigen sie allerdings dazu, ihre eigene Rolle zu verklären und Geschichte zu klittern. Das Ende des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die monströse Grenzanlage euphemistisch in der DDR genannt wurde, sei – so der Mythos – vor allem dem West-Fernsehen zu danken, das mit seinen Nachrichten, aber auch mit seinen Reklame-Verlockungen wie ein trojanisches Pferd in den Osten eindrang und dort die repressiven Regime zu Fall brachte.

Wäre das so simpel, dann hätte die friedliche Revolution, die Ost- und Mitteleuropa die Freiheit beschert hat, wohl in der DDR beginnen müssen, denn mangels Sprachbarriere wurde sie viel direkter mit TV-Programmen aus der Bundesrepublik berieselt und infiltriert als die anderen Satelliten der damaligen Sowjetunion.

Tatsächlich herrschte in Russland, Polen und anderswo jedoch längst Glasnost, bevor die Ostdeutschen Honecker und Krenz davonjagten. Das soll nicht heißen, dass die Medien, zumal das Fernsehen, gar keine Rolle gespielt hätten. Medienwirkungen hat es fraglos gegeben – aber eben weniger direkt, als es viele Journalisten und auch so manche Medienforscher wahrhaben wollen.

Mich jedenfalls hat es schockiert, dass sogar im wohl größten Medienmuseum der Welt – dem Newseum in Washington, das im vorigen Jahr eröffnet wurde – munter an der Legende gestrickt wird. Damit lenken sich die Amerikaner übrigens auch von ihrer monströsen Befestigung der Grenze zu Mexiko ab. Warten wir also ab, wie lange das Fernsehen braucht, bis es auch diesen eisernen Vorhang schleift.

Stephan Ruß-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sie erscheint in einer speziellen Version mit freundlicher Genehmigung des Autors auch hier.

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