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“Jeder Schnitt ist ein Eingriff in die Realität”: Spiegel-TV und die Salafisten auf YouTube

von , 23.9.10

In der letzten Woche erhielt ich eine E-Mail von Spiegel-TV, genauer gesagt von Steffen Haug, Redaktionsleiter des Magazins. Er bat mich auf Grund meines Beitrags zum Thema “Spiegel-TV gegen die EZP” um einen Rückruf. Ihm hatte die Berichterstattung in der Bloglandschaft nicht gefallen, daraufhin schrieb er diverse Blogs an, um seine Sicht der Dinge darzustellen.

Nach dem Gespräch fragte ich ihn, ob er Interesse daran hätte mir ein Interview im Bezug auf die Vorkommnisse in Mönchengladbach zu geben. Nach langem hin und her schien ihm dies nicht im Bereich des Möglichen, dennoch gab er mir einige Zitate an die Hand, welche seiner Meinung nach das Geschehene gut beschreiben.

Nachdem das Video über Twitter verbreitet wurde haben diverse Blogger ihren Kommentar zu dem Film verfasst. Ein Schwall von Häme und Spott ergoss sich über das Format des Spiegel.

Dies hatte in meinen Augen diverse Gründe. Zum einen erweckt Spiegel-TV bei mir immer den Eindruck der Voreingenommenheit, die Berichterstattung ist zumeist einseitig und zeigt nur die Extreme. Selten werden kontrastreiche Beiträge gesendet die sich kritisch mit einem Thema auseinander setzen, der Sensationsjournalismus welcher auf der jeweils aktuellen Empörungswelle mitschwimmt überwiegt.

“Das Thema ‘Salafisten in Mönchengladbach’ ist aus unserer Sicht berichtenswert. Wir sind nicht die Einzigen die darüber berichten. Nachfragen zum Rechtsverständnis von Salafisten sind legitim.” (Alle Zitate von Steffen Haug)

In dieser Hinsicht kann ich Haug jedoch verstehen. Natürlich besitzt das Thema eine Brisanz, die nicht zu verachten ist. Dennoch waren alle Berichte zu dem Thema tendenziös. Sie vermitteln ein Bild von Mönchengladbach und der dort lebenden Muslime, welches höchstwahrscheinlich keine allgemeine Gültigkeit hat. Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen und nicht einseitig berichten. Man sollte Salafisten natürlich zu ihrem Rechtsverständnis befragen, warum schließt man die übrigen Muslime aber aus?

“Ich halte es nicht für suggestiv im Umfeld der EZP zu Fragen, welche Strafe die Scharia für Ehebruch vorsieht. Vor allem nicht, wenn die EZP die Anwendung der Scharia vorschlägt. Außerdem sprechen auch andere EZP-Sympathisanten über Steinigung. Steinigung wird in vielen Ländern praktiziert. “

In meinen Augen geht es nicht um Suggestivfragen, sondern vielmehr darum, dass der Reporter in dem Video schlecht ausgesehen hat. Er wirkte unbeholfen, störrisch und in die Enge getrieben. Nicht das ich seinen Job machen wollen würde, aber wenn ich zu einer derartigen Veranstaltung fahre, muss ich mir über das was mich erwarten kann im klaren sein. In dem Video wird ganz klar deutlich welche Aussage der Redakteur haben möchte. Sein Gegenüber spielt nicht mit und der dazukommende Herr mit der Bibel bringt ihn völlig aus der Fassung. Ihm fehlt jegliche Souveränität und mit verschränkten Armen wartet er auf das erlösende Ende der Situation.

“Unsere Reporter sind so wie sie sind. Physiognomische Interpretationen überlassen wir den EZP-Symphatisanten und Medienjournalisten. Unser Reporter bleibt in der ganzen Situation ruhig und gelassen. Ich finde er hat sich richtig verhalten. Auch angesichts der Bedrohungen die unsere Reporter vor Ort erfahren haben.”

EZP-Symphatisanten stehen also auf einer Stufe mit Medienjournalisten. Natürlich muss man wenn man Kritik austeilt auch genauso einstecken können, den Vergleich halte ich aber für vollkommen unangebracht. Man kann nicht jeden, der nicht einer Meinung mit Spiegel-TV ist, gleich zum Symphatisanten einer äußerst fragwürdigen Vereinigung erklären. Ich kann verstehen wenn Haug sauer ist, aber hier geht er einen Schritt zu weit. Außerdem sind physiognomische Interpretationen nicht mit der Analyse von Körpersprache gleichzusetzen, auch wenn sich das Wort toll anhören mag.

“Reporter müssen nicht über die zehn Gebote diskutieren. Die Konfession unserer Reporter ist irrelevant. Weder sind wir eine christliche Sendung,  noch Anti-Islamisch.”

Hier stimme ich Haug vollkommen zu. Ein Reporter muss sich nicht auf eine derartige Diskussion einlassen. Er muss aber auch nicht fünf Minuten in einer unangenehmen Situation verweilen und dem medialen “Gegner” Futter für ein Video geben. Der Reporter wusste, dass er gefilmt wird und er hätte sich ausmalen können was mit dem Material passiert.

“Der Fragesteller ist kein Unbeteiligter. Er kommt aus dem EZP-Umfeld. Mit  ein wenig Recherche hätte dies auch jeder seriöse Kollege nachprüfen können.”

Die Blogger haben also zu wenig recherchiert. Warum Haug sich dann aber bei mir meldet und eine Stellungnahme von mir erwartet – ich war einer der wenigen, der über beide Seiten berichtet hatte – kann ich nicht verstehen. Es ist auch überhaupt nicht die Aufgabe eines Bloggers derartiges zu recherchieren, sie dürfen – anders als Journalisten – machen, was sie wollen.

Natürlich gibt es genug Menschen, die den Dingen auf den Grund gehen, die meisten machen dies aber weil sie Spaß an der Sache haben und nicht weil sie der nächste große Enthüllungsjournalist werden wollen. Recherche erwarte ich von Qualitätsmedien, von Formaten wie Spiegel-TV, also von denen, die in der medialen Bundesliga mitspielen wollen. Indem man den schwarzen Peter an die Konsumenten eines Youtube-Videos schiebt, macht man es sich zu einfach.

“Es hat uns schon verwundert, daß Blogger und Mediendienste das Video aus  der EZP-Symphatisantenszene einfach ungeprüft übernommen haben. Auch inklusive der Bearbeitung “Hetzer” usw.. Selbst “evangelisch.de” hat das  Video aus der islamistenszene verbreitet.

“Ich finde es bemerkenswert, daß Häme offenbar wichtiger ist als die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Überprüfung der Quelle.”

Das Video wurde nach dem Inhalt bewertet, nicht mehr und nicht weniger. Millionen Menschen verfahren genau so, wenn sie Reportagen wie von Spiegel-TV konsumieren. Die wenigsten werden danach die Quellen des Verlags prüfen oder investigativ tätig werden. Es ging den meisten Blogs in meinen Augen auch nie darum die vermeintlichen Salafisten zu verteidigen, sondern vielmehr darum, festzustellen wie unprofessionell der Redakteur wirkt.

Innerhalb von einer Minute schaltet er von einer Angriffs- in eine Abwehrhaltung, er wird kurz mit seinem eigenen Vorgehen konfrontiert und weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Warum man evangelisch.de nun eine genauere Prüfung des Materials zugetraut hat verstehe ich auch nicht. Es handelt sich schließlich nicht um eine Vereinigung von Journalisten, sondern um gläubige Christen die eine Internetplattform betreiben.

“Jeder Schnitt ist ein Eingriff in die Realität. Genauso wie jedes Wort, das schreibende Journalisten aneinanderfügen.” (Alle Zitate von Steffen Haug)

An diesem Punkt schließt sich der Kreis und Haug erklärt sich die Entstehung des Videos selbst. Jeder, egal ob Journalist, Blogger oder Hobbyfilmer verändert die Realität. Jeder rückt die Dinge in den Mittelpunkt, die ihm am wichtigsten sind und genau das ist es, was unsere Gesellschaft braucht. Ein breites Spektrum der Berichterstattung damit sich die Öffentlichkeit ihre Meinung bilden kann. Und genau aus diesem Grund halte ich es für richtig, dass bei derlei Reportagen zurückgefilmt wird. Jeder hat das Recht seine Sicht der Dinge darzustellen, wie das Ganze dann kommentiert wird ist  jedem freigestellt.

Zum Abschluss möchte ich noch auf den aktuellen Beitrag von Spiegel-TV “Köpfen, Steinigen, Handabschlagen” hinweisen, welcher nach Haugs Aussage als Antwort auf meine an ihn gestellten Fragen verstanden werden kann.

Crosspost.

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