#Wahlkampf '09

„In Zeiten wie diesen“: Christdemokratisches campaigning im hessischen Herzland

von , 12.1.09


Am Tag, an dem SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel in Bezug auf das Superwahljahr 2009 via FAS verkündet, das Internet solle „das Herzstück der Wahlkampagne“ werden, lassen sich im ground game des hessischen Landtagswahlkampfs auch Beobachtungen abseits des Digitalen machen. Die CDU hat eine Woche vor dem Urnengang zu einer Großveranstaltung mit Roland Koch und Angela Merkel nach Wetzlar geladen. Bereits der Veranstaltungsort gibt ein Deutungsmotiv für diese politische Versammlung vor: Die RITTAL-Arena beherbergt den Handball-Bundesligisten „HSG Wetzlar/Dutenhofen“ und ist einem überregionalen Publikum zudem durch eine der zahlreichen Großveranstaltungen Stefan Raabs bekannt. An Orten wie diesem wird die Provinz mit einem Programm aus Konzerten, Musicals und anderen Events versorgt und das Regionale mit dem Globalen kurzgeschlossen. „In Zeiten wie diesen“ (so der claim der Hessen-CDU) gilt dies auch für die Politik.

Bereits das Vorprogramm ist in einer Art und Weise amerikanisiert, die bei der als ausgesprochen konservativ geltenden hessischen CDU überrascht. Das Christliche manifestiert sich hier in Form eines Gospelchors, obgleich das Publikum der Animation zum Mitsingen nicht recht folgen mag. Mehr Erfolg ist da dem als Einheizer fungierenden Dirk Metz beschieden, der schon als Hallensprecher beim Handball reüssierte. Er fordert dazu auf, die Hauptakteure im Stil der Ansage der Aufstellung von Mannschaften beim Erscheinen im Chor mit dem Nachnamen zu rufen. Dazu passt auch die Ausstaffierung vieler Anwesender mit Schals in der Farbe, die die corporate identity der CDU seit einiger Zeit prägt: Die Kulisse in Orange verleitet zur Vermutung, man befinde sich beim Heimspiel einer niederländischen Nationalmannschaft.

Insofern changiert die Veranstaltung, die gemäß Kriterien der sozialwissenschaftlichen Forschung getrost als Event charakterisiert werden kann, zwischen säkularisiertem Gottesdienst und neumodischem Sportereignis. Das Format ähnelt Parteitagen, die vor Wahlen gerne als „Krönungsmesse“ der Spitzenkandidaten inszeniert werden. Dazu gehört auch die Präsentation des restlichen politischen Personals auf dem Podium. In diesem Fall haben sich die Strategen dafür entschieden, Kabinett und Kandidaten als Kulisse für Kanzlerin und Ministerpräsident zu arrangieren. Auch dieses Format ist aus US-Wahlkämpfen bekannt. Doch wo dort häufig ein korrektes Abbild der Zusammensetzung der Wählerschaft intendiert wird, herrscht hier die Uniformität aus schwarzer Bekleidung und orangenem Schal vor. Darüber hinaus geht der Fraktionsvorsitzende Christean Wagner das Risiko ein, in der ersten Reihe ein Kind zu platzieren. Wo das hinführen kann, ist interessierten YouTube-Nutzern von einem Bush-Auftritt bekannt, denn Kinder kommunizieren ihre Langweile zuweilen recht deutlich in der Körpersprache.

Zumindest auf den Großbildschirmen ist davon nichts zu sehen, denn die Bildregie fokussiert vor allem die Redner. Bei der Produktion suggestiver Bilder beschränkt man sich auf Aufnahmen, die das Publikum beim Beifall und dem spärlichen Schwenken der inzwischen obligaten Winkelemente zeigt. Die Begeisterung hält sich insgesamt in Grenzen, was aber auch am Alter der Anwesenden liegen könnte: Einige Blöcke in der Arena sind fest in der Hand von Mitgliedern der Senioren-Union, was weniger über die CDU und mehr über die demografische Normalität solcher Veranstaltungen sagen dürfte.

Nach einem Jahr „hessischer Verhältnisse“ sind zudem alle Argumente hinlänglich ausgetauscht und vor allem die Angriffe auf den politischen Gegner (Stichwort: Wortbruch) dazu geeignet, deutlichere Reaktionen bei der eigenen Klientel zu stimulieren. Dies übernimmt pflichtgemäß primär Koch, während Merkel eher mit Modulen operiert, die sich im multiplen Jubiläumsjahr 2009 an der Konstruktion von Tradition orientieren. Diese Richtung hat bereits eine Video-Einspielung zu Beginn vorgegeben. Diese präsentiert eine animierte Ahnengalerie christdemokratischer Kanzler, die mit der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik konvergiert: von der Sozialen Marktwirtschaft zur Deutschen Einheit. Nach Merkels Auftritt geht es der Versammlung dann wie einem Sportspektakel und das Publikum beginnt noch vor dem Absingen der Nationalhymne mit dem Weg zum Ausgang. Dort erwartet die gewissermaßen als Fans figurierenden CDU-Anhänger das definitive Dokument für den Spagat christdemokratischen campaignings zwischen Amerikanisierung und Abendland: Auf den dort verteilten Donuts ist eine beschriftete Oblate appliziert: „In Zeiten wie diesen – CDU“.

 

Erik Meyer bloggt auf memorama.

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