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Fischstäbchen im Netz: Das iPad

von , 9.2.10

Über das iPad – könnte man meinen – sei inzwischen alles geschrieben und zwar von fast jedem. Stimmt! Fast! Nur die Sache mit den Fischstäbchen hat noch niemand erwähnt.

Um das iPad ist eine merkwürdige Diskussion in Gang gekommen. Warum das iPad keinen USB-Port hat, warum es Flash nicht kann, wieso kein Multitasking usw. Das alles habe ich als eher technische oder wirtschaftliche Frage betrachtet. Weit gefehlt. Es ist eine web-philosophische Frage! Musste ich lernen. Frank Schirrmacher, der sich auf die Web-Komplexität eingeschrieben hat, betrachtet das iPad als den Beginn der Verwaltungsreform der digitalen Welt. Endlich weniger Schnittstellen, endlich Singletasking, endlich Reduktion der Komplexität! Es kommt noch dicker: „Kommunikation ist minimalistisch, beschränkt sich auf Tweets und E-Mails, aber zielt nicht mehr auf Blogs. Warum? Weil das Netz der Zukunft womöglich viel weniger partizipativ ist, als man heute glaubt (…)“

Mirko Lange springt auf diesen Zug auf. Er hofft, dass da noch eine Weiche kommt und diesem Zug eine andere Richtung gibt: „Ich hoffe, dass Schirrmacher Unrecht hat. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.“ Auch er sieht den Trend zur Vereinfachung. Apps, so Mirko Lange, sind wie Fernsehen. Sie vereinfachen das Handling. Sie vereinfachen die Welt. „Interessant auch, dass man bei Apple Apps nichtgleichzeitig öffnen kann. Wie im Fernsehen…“

Jetzt kommt die Weiche und Mirko Lange kriegt die Kurve: „Und vielleicht tritt ja genau das Gegenteil ein: Dass das iPad nur die technische Komplexität reduziert und wir dadurch in die Lage versetzt werden, die Komplexität der Welt besser zu verstehen.“ Aus diesem Zug ist Schirrmacher inzwischen ausgestiegen.

Soweit die beiden. Sie sind sich einig in dem Bedauern über die Komplexität der Welt. Was hat es damit eigentlich auf sich? Dass die Welt immer komplexer wird, ist unvermeidlich. Warum müssen wir keine Büffel jagen, sondern kaufen das Steak im Supermarkt? Weil wir von der geronnenen Arbeit vieler Generationen vor uns profitieren. Aber einen Büffel zum Steak zu machen und ihn im Supermarkt anzubieten, ist notwendigerweise komplexer, als mit dem Speer hinterher zu laufen. Zum Glück auch weniger gefährlich, weniger anstrengend und einfacher. So wie es einfacher ist, dass sich ein RFID-getagter Bestand selbst inventarisiert, als dass ich mit einem Block durchs Lager laufe. Der Prozess RFID-gestützter Selbstinventarisierung ist natürlich komplexer. Das Ergebnis einfacher.

Als das Automobil aufkam, war klar, dass es nie ein Massenphänomen werden könne, denn um ein Auto zu fahren, musste man ja Ingenieur sein. Inzwischen gibt es deutlich mehr Autofahrer als Ingenieure. Aber auch deutlich mehr Ingenieure als bei der Erfindung des Autos. Autofahren ist so einfach geworden (wenn nur der Verkehr nicht wäre). Die Autos allerdings waren noch nie so kompliziert.

Aber mal ganz anders. Worauf beruht der Erfolg von Fischstäbchen? Keine Gräten, leichte Zubereitung, kein Fischgeruch und in der Regel auch kein Fischgeschmack. Die Fischstäbchen, so wurde bei ihrer Markteinführung argumentiert, bringen Leute (vor allem Kinder), die keinen Fisch mögen, dazu, trotzdem Fisch zu essen. Der ist nämlich gesund. Fischstäbchen haben das Fischessen populär gemacht. Sogar mit echtem Fisch.

Zurück zum iPad: Es ist das Verdienst von Apple, das Prinzip des Fischstäbchens auf den Computer zu adaptieren. Weniger Gräten, einfache Zubereitung, kein Beigeschmack. (Beim Preis fängt der Vergleich an zu hinken, Apple hätte vermutlich runde Designer-Fischstäbchen entwickelt). So dass Leute surfen, die sonst vielleicht nicht gesurft hätten, Leute twittern, die sonst vielleicht nicht getwittert hätten. Die Welt, in der gesurft wird, die Welt über die getwittert wird, ist mit der Markteinführung des iPad nicht weniger komplex. Es ist nur etwas einfacher, sich in ihr zu bewegen.

Dieser Text erschien zuerst im Cirquent-Blog. Crossposting mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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